Wie weiter?

Johannes 11, 17 – 31

17 Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen.18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. 19 Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

            Jetzt wird es ganz sachlich. Vier Tage liegt Lazarus schon im Grab. „So ist jede Hoffnung auf eine Wiederbelebung nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen.“(J. Schneider, aaO. S. 213) Auch darüber werden die Leser des Evangeliums informiert: Da ist, in der unmittelbaren Nähe Jerusalems, eine große Trauergemeinde zusammen. Viele Juden. Was sie wollen, ist trösten. so entspricht es dem Brauch, damals wie heute. „Das ist eine Nächstenpflicht, die zu den „Liebeswerken“ zählt, die unbedingt zu befolgen sind.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 178)  Menschliche Nähe im Leid zeigen. Helfen, sich abzufinden mit dem Unabänderlichen. Es ist schon viel, wenn man in der Trauer nicht gemieden wird, sondern Zuwendung erfährt.

20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.

Die Ankunft Jesu hat sich herumgesprochen. Es wird sorgfältig vermerkt: Marta  geht ihm entgegen. Maria bleibt zuhause. Warum die Schwestern sich so unterschiedlich verhalten, ist offen. Wenn man heranziehen darf, was Lukas über sie weiß (Lukas 10, 38-42), so ist Marta von Hause aus die Aktivere.

21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

Es kommt zum Gespräch. Es klingt in meinen Ohren eher traurig als vorwurfsvoll, was Marta zu Jesus sagt. „In dem Ausruf der Martha redet der Glaube an Jesu wunderbare Kraft.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 306) Sie „weiß“ um die Wundermacht Jesu. Aber jetzt ist es zu spät. Eine Hoffnung, die sich nicht mehr bestätigen wird. Und dennoch meldet sich da ein anderes vages Hoffen. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Das ist in der „Anfechtungssituation“ ein Festhalten an einem Glauben, „der Gott alles überlässt und auch da vertraut, wo kein Weg und Steg mehr zu sehen ist und man nicht einmal mehr weiß, was man bitten soll.“ (G. Voigt, aaO.; S. 180) Keine Bitte, mehr ein Bekenntnis, in den freien Raum gesprochen. Kühn, wie Bekenntnisse manchmal sein können: „Auch jetzt noch könnte seine Fürbitte für den Toten von Gott – auf welche wunderbare Weise auch immer – Erhörung finden.“ (U. Wilkens, ebda.) Es ist Gottvertrauen, das sich hier im Wort an Jesus ausspricht. Man wird gut daran tun, es nicht zu überfrachten als eine vage Hoffnung auf eine Totenerweckung. Martha „rechnet“ nicht auf ein Wunder.

23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.

Auf diesen Glauben geht Jesus ein in seiner Antwort. Dein Bruder wird auferstehen. Marta hört, wie sollte sie auch anders hören, was sie gelernt hat und was ihr auch Halt gibt: den Trost der Auferstehung am Jüngsten Tag. Sie hört, dass Jesus ihr den Blick weiten will auf die Zukunft Gottes, in der alles gut werden wird. Und sie will sich davon trösten lassen. Sie kennt die Worte und findet in ihnen Hoffnung, im „Zuspruch der Auferweckung in der Zukunft des letzten Tages, die sie aus der Tradition jüdisch-christlicher Endzeit-Erwartung kennt.“ (U. Wilkens, ebda.) Es wird heute leicht unterschätzt, dass von der geteilten Hoffnung, wie sie sich auch im Glaubensbekenntnis gewohnt und ein wenig routiniert ausspricht, gleichwohl eine starke Trostkraft ausgehen kann: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben.“ Was wir da mit anderen zusammen sagen, kann doch die Einzelnen trösten und stärken, wenn die Macht des Todes so überstark erscheint.

25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; 26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?

Jesus aber will sie nicht an die Zukunft verweisen. Er will ihren Blick auf die Gegenwart richten. Auf sich. ἐγώ εἰμι  Ich bin – so sagt er und es ist gut, mit zuhören, dass hier das „Ich bin“ Gottes mitschwingt, vom brennenden Dornbusch des Mose an (2. Mose 3,14). Mit ihm, Jesus, stehen die Auferstehung und das Leben vor Marta. Wo er ist, ist sie nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Gegenwart, machtvoll, todesüberwindend.  Das mag eine „primitive Auferstehungs-Vorstellung“ (R. Bultmann, aaO. S. 307) sein. Aber genau darum geht es: In Jesus ist gegenwärtig, was wir immer nur als ferne Zukunft glauben. Und im Anschluss an ihn, im Glauben an ihn, wird diese Gegenwart an den Glaubendenπιστεων  – übereignet, wird er mit Leben und Auferstehung infiziert.

Im Glauben an Jesus hat der Glaubende, die Glaubende, an dieser Überwindungskraft Jesu und seinem Leben Anteil. Darum richtet Jesus die Frage an Marta: Glaubst du das? Das ist nicht Abfragen eines Dogmas, wie wir das leicht hören. Das ist vielmehr ein Fragen nach dem Vertrauen jetzt und hier. „Ist es Jesu ICH BIN, an den sie glaubt, so verwandelt sich damit der Inhalt ihres Wissens um die Auferweckung am Jüngsten Tage: An die Stelle dieses Wissens ist der Glaube an ihn getreten. Die Auferstehung ist Er, das Leben der Endzeit sein Leben.“ (U. Wilkens, aaO. S. 179) Wenn sie sich ihm jetzt, der sich vor ihr so offenbart, sich als der Offenbarer – ich sage lieber: als der Sohn Gottes – zu erkennen gibt, anvertraut, ihm vertraut, so gewinnt sie darin das Leben. Und mit diesem Leben die Auferstehung. Ganz steil kann es der Exeget sagen:  „Wer noch im irdischen Leben weilt und ein Glaubender ist, für den gibt es keinen Tod im endgültigen Sinne; das Sterben ist für ihn wesenlos geworden.“  (R. Bultmann, aaO. S. 308)

Damit sind die Tränen des Todes nicht überflüssig geworden, die Trauer wird nicht Ausdruck von Unglauben. Aber der letzte Schrecken des Todes ist gefallen. Es gibt Hoffnung über den Tod hinaus.

27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

Marta antwortet mit einem Ja, Herr ich glaube. Danach formt der Evangelist ihre Antwort weiter in der Sprache der ersten Gemeinde. Gott ist der Gemeinde Jesu Christi keine überweltliche Wirklichkeit, nicht nur Transzendenz. Wir glauben nicht mehr an den Gott jenseits der Welt. Er ist in Jesus in die Welt gekommen. Er teilt Raum und Zeit mit uns, den Schmerz des Lebens und die Hoffnung.

Es ist das Bekenntnis, das die Christenheit spricht. Dieses Bekenntnis „wird später weder von Thomas (20, 28) noch vom Evangelisten selbst (20,31) überboten werden.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 98) Es ist zugleich ihr persönliches Bekenntnis. Das ist ja der Weg, den wir als Christen gehen sollen, dass wir aus dem Bekennen der Brüder und Schwestern unser eigenes Bekennen und unseren eigenen Glauben gewinnen. Dazu will uns das Wort der Schrift, auch dieser Evangelist Johannes anleiten. Und indem wir uns diese Worte leihen, sie uns vorsagen lassen und sie nachsprechen, wächst in uns unser eigener, ganz persönlicher   Glauben. Schön, dass uns dieses Bekenntnis eine Frau vorspricht, vorsagt.

Man wird es sich nicht zu leicht machen können. Es ist ein langer Weg von dem Bekenntnis der Gemeinde zu diesem eigen, persönlichen Bekenntnis, Vom Hören der Sätze des Glaubens und vom Mitsprechen zu einem eigenen Sprechen in der Situation, in der das eigene Vertrauen auf dem Spiel steht. Ein Weg, der Jahre dauern kann, der Geduld braucht, mit sich selbst und auch die Geduld der anderen, die schon glauben. Ein Weg, auf dem es manchmal hilfreich sein kann, wenn einer fragt, nachfragt: Glaubst du das?

 

Es ist ein Weg, den uns keiner abnehmen kann, nicht einmal Jesus. Aber als er vor Marta steht, da hilft er ihr, auf diesem Weg Schritte zu tun. Jesus lockt sie über das Erlernte hinaus zu eigenem Sagen. Dieses eigene Sagen hat immer noch seine Stütze in dem, was die Gemeinde bekennt. Aber es ist auch schon zum eigenen Sagen geworden. Das alles ist auch ein Weg vom Kopf zum Herz, vom Erlernten zum Erfahrenen. Beides aber ist notwendig, nichts ist überflüssig. auch der Umweg über das Erlernte nicht.

28 Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich.

Es ist genug gesagt. Für Marta. Jetzt geht sie ins Haus zurück. Sie ruft ihre Schwester. Warum heimlich? Vor wem braucht es die Heimlichkeit? Vor Jesus jedenfalls nicht. „Damit sie, ohne von der Menge ihrer Trauergäste umgeben zu sein, dem Lehrer begegnen kann.“ (U. Wilkens, aaO. S. 179)  So könnte es sein. Marta wird zur Botin Jesu. Der Meister ist da und ruft dich. Von einem Auftrag Jesu an Marta ist nicht die Rede. Es ist der Satz der Marta an ihre Schwester.

Es ist in keiner Weise klar, wie tief die eigenen Glaubensätze in Marta schon verankert sind. Aber sie, die gerade anfängt zu ahnen, sich zu bergen, sie sagt ihrer Schwester: er ruft dich. Es ein Satz, den jede und jeder sagen kann, der dem Christus begegnet ist. Dafür muss man nicht alles verstanden haben, auch nichts bis ins Letzte durchdacht haben. Es reicht, angerührt zu sein und dann anderen zu sagen, wer einen angerührt hat. Und es ein Satz, den jede und jeder sagen kann, der dem Christus begegnet ist. Soll uns Marta mit ihrem so weit offenen Satz an ihre Schwester zum Vorbild werden?

29 Als Maria das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta begegnet war. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen.

            Es ist nicht weit her mit dem „heimlich“. Sie wird auf ihrem Weg zu Jesus „verfolgt“. Sie wird nicht allein gelassen auf diesem Weg. Aber die ihr folgen, erwarten, dass sie zum Grab geht, nicht zu Jesus. Wieder erzählt Johannes doppelbödig.  Dass hinter dem Grab noch ein anderes Ziel sein könnte, ein Anderer das Ziel dieses Weges, das liegt nicht gleich auf der Hand. Dass der Weg über das Grab hinaus ein Ziel haben könnte, das ist bis heute vielen „nur eine Sicht des Glaubens“.

 

Heiliger Gott, mein Glauben lebt vom Nachsprechen, Zuhören, hinterher laufen, gehalten werden. Mein Glaube braucht die Worte derer, die vor mir geglaubt haben, die ihre Fragen heraus gelassen haben, die nicht im Schweigen verstummt sind.

Meine Glaube braucht Dich, Deinen Geist, dass Du mich anrührst, mein Fragen zulässt, mein Hoffen schon siehst, wo ich selbst es noch nicht wahrnehme, dass Du in meinem Tasten schon Glauben siehst.

Ich danke Dir für den Glauben, den Du in mir weckst. Amen