Auf dem Weg zu Lazarus

Johannes 11, 1 – 10

1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. 2 Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank.

            Schauplatz der folgenden Geschichte wird Betanien sein, ein Ort am Ostabhang des Ölbergs, etwa 3 km von Jerusalem entfernt. Dort leben die Geschwister Maria, Marta, Lazarus. Maria wird hier identifiziert als die, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte, eine Geschichte, die Johannes freilich erst später erzählen wird. (12, 1-7) Allein das zeigt schon, wie frei der Evangelist mit seinen Stoffen umgeht. Und einmal mehr „wird sichtbar, wie selbstverständlich Johannes bei seinen Lesern die Kenntnis der synoptischen Überlieferung voraussetzt.“ (W. De Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil,  Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 23) Lazarus, „der, dem Gott hilft“ – so kann sein Name übersetzt werden – aber ist krank. Woran er krank ist, wird nicht gesagt, auch nichts über die Schwere der Krankheit.

3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

Die Schwestern aber schicken zu Jesus. Der ist jenseits des Jordans, (10,40) dort wo der Täufer getauft hatte. Sie lassen ihn informieren. In der Botschaft wird etwas über die Beziehung Jesu zu diesem Haus sichtbar. Lazarus ist der, den du lieb hast. Dieser Wanderer durch die Zeit lebt nicht beziehungslos, frei und unberührt von menschlichen Zuneigungen. „Was die Schwestern begehren und erhoffen, sprechen sie nicht aus; der zarte Hinweis auf Jesu Verbundenheit mit Lazarus suggeriert die Bitte.“ (G. Voigt, aaO.; S .178) Zumindest so viel sagen sie : das wird dir nicht gleichgültig sein.

4 Als Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde. 5 Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.

 

Jesus hört die Boten, ihre Botschaft und reagiert, mit einer Ferndiagnose. So wirkt es auf den ersten Blick. „Halb so schlimm.“ könnte man hören. Aber er sagt ja anderes. Er sieht diese Krankheit begrenzt. Oder muss man nicht sogar sagen: Er setzt dieser Krankheit mit seinem Wort eine Grenze? 

Es findet sich schon früher ein ähnlicher Satz Jesu im Johannes-Evangelium. „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ (9,3) sagt Jesus, als alle über das Schicksal des Blindgeborenen rätseln. Hier: Um der Herrlichkeit Gottes willen. Wo die Werke Gottes getan werden, leuchtet seine Herrlichkeit auf. „Als richtungsweisendes Deutewort wird der Erzählung vorangestellt, dass Jesus durch sein Handeln an Lazarus verherrlicht wird, d.h. dass er von den Glaubenden als der erkannt wird, der im Auftrag des Vaters durch seinen Tod das Neue Leben spendet.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 97)Fast möchte man sagen: die Pointe der Erzählung wird vorweg genommen. Es ist, als wüsste Jesus schon nach dieser ersten Krankmeldung, was geschehen wird, was er drei Tage später tun wird.

Und dann schlägt der Evangelist eine Brücke. Von der Verherrlichung Gottes zur Beziehung Jesu zu den drei Geschwistern. Die Notiz, dass Jesus sie lieb hat, ist nicht bedeutungslos, auch nicht unbedachte Wiederholung der Worte der Maria. Hier ist es Auskunft des Evangelisten über die menschliche Zuneigung des Gottes-Gesandten. Sie gibt der δόξα του̃ θεου̃ menschliche Wärme. Das ist nicht das kalte Licht einer gleichgültigen Transzendenz, sondern das warme Licht der Zuwendung der irdischen und der ewigen Liebe.

6 Als er nun hörte, dass er krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er war; 7 danach spricht er zu seinen Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa ziehen!

Dabei bleibt es. Es liest sich fast wie eine Antwort auf die Information, als würde Jesus bewusst Zeit verstreichen lassen. Leser*innen des Johannes-Evangeliums wissen: Er wartet immer, bis seine Stunde da ist. „Wir meinen Jesus müsste kommen und eingreifen, aber er bleibt – noch heute – wo er ist.“ (G. Voigt, aaO.; S. 179) Er verfügt nicht über seine Zeit und seine Taten.  Er braucht grünes Licht. Von oben. Auch da, wo davon keine Rede ist. Dann aber ist plötzlich Zeit zum Aufbruch. „Jesu Wirken hat seine eigene Stunde.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 303) Darum: auf. Nach Judäa.

8 Seine Jünger aber sprachen zu ihm: Meister, eben noch wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dorthin ziehen?

Seine Jünger verstehen nicht. Haben sie sein Verweilen nach der Botschaft der beiden Schwestern nicht verstanden, so verstehen sie jetzt auch den Aufbruch nicht. Sie heben warnend ihre Stimmen. Dort gibt es Feinde. Hat Jesus ganz vergessen, dass sie ihn dort gerade erst wegen Gotteslästerung steinigen wollten? Oder ist es ihm gleichgültig?

9 Jesus antwortete: Hat nicht der Tag zwölf Stunden? Wer bei Tag umhergeht, der stößt sich nicht; denn er sieht das Licht dieser Welt. 10 Wer aber bei Nacht umhergeht, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.

Was für ein Rätselwort. „Als Antwort auf den Einwand der Jünger würde es deren Sorgen bestätigen: In Judäa ist es zur Zeit dunkle Nacht für ihn, man sollte sich dorthin nicht auf den Weg machen.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 176) Aber so ist es – das macht der Fortgang der Erzählung deutlich – offensichtlich nicht gemeint. Die Warnung seiner Jünger verfängt bei Jesus nicht.

 Wieder ist da die Nähe zu Worten Jesu bei der Heilung des Blindgeborenen. Jesus sieht sich noch am Tag unterwegs, noch in der Zeit des Handels. Da ist Licht und nicht schon Finsternis. Die Zeit des Tages ist nicht unterschiedslos. Johannes hält nicht so viel von der einfach vergehenden Zeit, die sich in Sekunden, Minuten, Stunden misst. Er hat es mehr mit der gefüllten, der durch ihren Inhalt bestimmten Zeit. In ihr kann man „umhergehen, wirken.“(9,4) So steht die Tageszeit als Heilszeit der Nachtzeit gegenüber. Und er, Jesus, ist ja der, in dem das Licht der Welt (9,5) da ist.  Sein ist der Tag.

 Diese Worte haben  über die Zeiten hinweg inspiriert. Zu singen.

 Auf, denn die Nacht wird kommen,                                          auf mit dem jungen Tag!
Wirket am frühen Morgen, eh’s zu spät sein mag!
Wirket im Licht der Sonnen, fanget beizeiten an!
Auf, denn die Nacht wird kommen, da man nicht mehr kann.                                                                                           
               A.L. Coghill, 1854/ T. Kübler 1875, Mundorgel 1965

             Es ist wie oft bei den Worten Jesu. Sie haben eine Außenseite, die einleuchtet: Wer am Tag geht, geht im Licht. Sie haben jedoch gleichzeitig eine verborgene Innenseite, die nach Glauben sucht: Wer mit mir unterwegs ist, der geht im Licht. Ich in das Licht der Welt. Diese Innenseite aber ist den Jüngern oft genug genauso „verschlossen, verhüllt wie uns Leser*innen heute. Ein Satz des Glaubens, der unseren Glauben sucht und uns oft genug herausfordert. Weil wir blind sind für diese Wirklichkeit, befangen durch unsere Wirklichkeit vor Augen.

11 Das sagte er und danach spricht er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken.

Genug über Gefahren. Es geht um Lazarus. „Jesus weiß: Lazarus ist inzwischen „eingeschlafen“, und er will zu ihm gehen, um ihn „aufzuwecken.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 177)  Woher weiß er das? So fragen wir. Johannes aber erzählt, was die Christen damals von dem Christus glauben. Dass er die Herzen kennt. Dass er die Zeiten kennt. Dass er die Stunde weiß. Dass er, über alle Entfernung hinweg weiß und sieht, wie es um seine Leute steht. So „sieht“ er den Schlaf des Lazarus und macht sich auf den Weg, ihn aufzuwecken.

12 Da sprachen seine Jünger: Herr, wenn er schläft, wird’s besser mit ihm. 13 Jesus aber sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen Schlaf. 14 Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; 15 und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht da gewesen bin, auf dass ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm gehen!

Wie oft reden sie aneinander vorbei in diesem Evangelium. So auch hier. Die Jünger hoffen auf Heilschlaf. Sich gesund schlafen. Vielleicht hoffen sie gar: „Dann ist es überhaupt nicht mehr nötig, diese bedenkliche Wanderung anzutreten.“ (W. De Boor, aaO. S. 26) Jesus aber redet von dem anderen Schlaf, von Schlafes Bruder, dem Tod. Damit es nicht bei den Missverständnissen bleibt, redet Jesus „freimütig“. Er mutet ihnen die Ernüchterung zu: Lazarus ist gestorben.

            Dann wird es seltsam. Ich bin froh um euretwillen. Was ist in dieser Situation zum Freuen, zum Frohsein? Da liegt ein toter Freund. Da machen sie sich auf den Weg in eine gefährliche Situation. Und er, Jesus, findet das alles gut! „Hätte er Lazarus noch lebend angetroffen, so hätten die Jünger wohl ein Heilungswunder erlebt, aber nicht das, was ihnen jetzt bevorsteht: das Wunder der Totenauferweckung.“ (J. Schneider, aaO. S. 212) So der Kommentar, vom Ende der Geschichte her denkend. Als der Satz gesagt wird, muss er schräg klingen. Es geht, so hart wird man das sagen müssen, am Hörvermögen der Jünger vorbei. Was ist da zu glauben!

Auf dass ihr glaubt. „Glauben heißt den Blick von uns und all unseren Möglichkeiten und Hoffnungen weg auf den lebendigen Gott, und das heißt auf Jesus, richten.“ (W. De Boor, ebda.) So lesen wir es, im Abstand von 2000 Jahren und überspringen damit die Herausforderung, die damals in diesen Worten liegt. Es liegt nicht im Erwartungs-Horizont derer, die mit Jesus unterwegs sind, dass auf sie mehr warten könnte als ein Heilungswunder. „Sie sollen das Wunder der Totenerweckung erleben und Glauben fassen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 305) Darauf aber kann doch ernsthaft niemand kommen. auch in wunderoffeneren Zeiten als der unseren: „Die Auferweckung des toten Lazarus, das steht für sie außerhalb alles Erwartbaren.“ (U. Wilkens, aaO. S. 177)

16 Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!

Thomas spricht für sie alle, die Jesu Wort gehört haben. Nach Judäa. Der Zwilling wird hier zum ersten Mal mit seinem Namen genannt. Er wendet sich an die anderen Jünger, nicht an Jesus. Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben! Das kann eine Erklärung darin finden, dass er die versuchte Steinigung im Gedächtnis hat. Es mag sich ein Wissen ankündigen: Dieser Weg nach Judäa wird zum Todesweg Jesu werden. „Dass der Tod ihm bevorsteht, wenn er nach Judäa geht, wo seine Mörder auf ihn warten, ist ihnen bewusst; ebenso, dass ihm nachzufolgen, von jetzt an für sie bedeuten wird, das Martyrium mit ihm zu teilen.“ (U. Wilkens, ebda.)

Es kann aber darüber hinaus auch eine weit über die aktuelle Situation hinaus weisende Aussage sein: Jünger-sein, Christsein ist Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, die auch den Weg des Todes nicht scheut.

Es ist ein wenig schwierig, den Klang dieser Worte des Thomas in sich aufzunehmen. Thomas „ist freudig bereit, mit Jesus zu gehen, und fordert sogar seine Mitjünger auf, mit Jesus zu sterben.“ (J. Schneider, aaO. S. 212) Mir fällt das ein wenig schwer hier die freudige Bereitschaft zum Martyrium zu hören, zumal es in der jungen Christenheit deutlich eine Distanz dazu gibt, diesen Weg zu suchen. Ganz im Gegensatz zu späteren Zeiten, die im Blut der Märtyrer den Samen des Glaubens sehen und ganz im Gegensatz zu anderen Religionen, die im Märtyrertod die Abkürzung in das Paradies sehen wollen.

 Ganz anders diese Stimme: „Thomas, der Schwerblütige … meint, das bringe für Jesus, aber auch für seine Anhänger, das Ende… .Er ist bereit den schweren Weg mitzugehen.“(G. Voigt, aaO. S. 179) Das ist nicht resignative Ergebung auch nicht blinde Ergebenheit, sondern wohl eher klare Entschlossenheit. Weil es für Thomas keine Alternative gibt zum Bleiben bei Jesus. Wie auch immer – auf diesem Weg werden die Jünger Glauben lernen. Das ist die Freude Jesu an diesem Weg. Er geht ihn, damit ihr glaubt.

Mein Gott, was bleibt zu hoffen angesichts des Todes. Trösten, Nähe schenken, miteinander klagen, mehr vermögen wir doch nicht .

Und der Weg zu einem Grab wird uns immer auch eine Mahnung. Das ist einmal auch unser Weg. „Lasst uns gehen, damit wir mit ihm sterben“, es zu Lebzeiten schon einmal einüben, das große Loslassen. Mit Dir, Jesus. Amen