Der geöffnete Weg

  1. Mose 34, 1 – 12

1 Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land: Gilead bis nach Dan 2 und das ganze Naftali und das Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen 3 und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar.

             Der Weg neigt sich dem Ende zu. Mose steigt aus der Ebene auf den Berg – Nebo  gegenüber Jericho. Er kann die ganze Jordanaue überblicken. Das ganze Land. Ein wenig ist Übertreiben mit im Spiel: Keiner kann von jenseits des Jordan über die Berge hinweg das Meer im Westen – das Mittelmeer – sehen. Aber es geht auch nicht um ein geographisch korrektes Sehen. Es geht um sein Sehen, in dem Mose sieht, dass Gott treu ist. Gott, der ihm den Weg ins Gelobte Land verweigert hat.

 4 Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.

             Das ist das letzte Wort Gottes an Mose – indem Gott seinen Knecht Mose dieses Land sehen lässt, übereignet er es ihm und seinem Volk. „Die Bergschau mit der Aufforderung das Land zu besehen, galt ursprünglich als ein Rechtsakt, durch den die Übereignung des betreffenden Landes vollzogen wurde.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 150)  So hat es sich ja auch abgespielt, als Lot und Abraham sich das Land teilten – 1. Mose 13 – Lot konnte einnehmen, was er gesehen hatte. Mose aber ist kein zweiter Lot. Er sieht das Land, aber er wird es nicht einnehmen. Aber du sollst nicht hinübergehen. Gott bleibt bei seinem einmal ausgesprochenen Nein.  

Immerhin – die Worte an Mose werden hier zusammen gebracht mit den Verheißungen an die Erz-Väter, Abraham, Isaak und Jakob. So erfüllt sich in der späteren Landnahme nicht nur das Wort an diese, sondern auch die Bergschau, die Gott dem Mose gewährt. Fast könnte man sagen: er wird zu ihnen eingereiht als Empfänger der Verheißung.

 5 So starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des HERRN. 6 Und er begrub ihn im Tal, im Lande Moab gegenüber Bet-Peor. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag.

             Nüchtern, sachlich, emotionslos wird das Ende festgestellt. Festgehalten wird: auch im Tod des Mose erfüllt sich das Wort Gottes. Es ist nicht hingefallen und Mose ist nicht durch seinen Tod aus dem Willen Gottes herausgefallen.

             Ausgesprochen auffällig ist der Satz: Und er begrub ihn. Nicht wegen der zugefügten Ortsangabe – die erweist sich ja als irrelevant, weil es bis heute keine Grabstätte des Mose gibt. Aber wer ist  er, der das Begräbnis vornimmt? Sollte der hebräische Text wirklich auf Gott als den Bestatter hinweisen wollen? Daran nimmt schon die alte Übersetzung der Septuaginta Anstoß. Sie „erklärt“ sich den Satz, in dem sie so übersetzt: „Sie begruben ihn“ Geklärt ist damit nichts.Auch nicht mit der Übersetzung „man begrub ihn(G. v. Rad, ebda.) Es gilt sich abzufinden: die Frage nach dem Bestatter des Mose bleibt unbeantwortet.

Genauso wird die Suche nach einem Mose-Grab ergebnislos bleiben. Vielleicht ist es gut, sich klar zu machen: Unser Grab lässt sich auch einmal nur so lange auffinden, wie auf dem Grabstein nicht der amtliche Hinweis prangt: „Ruhefrist abgelaufen“. Nah 20, 25 Jahren. bei manchen Familiengruften auch noch ein wenig länger. Aber irgendwann sind sie alle gegangen, die wussten: da liegt… dann sind auch unsere Gräber dem Vergessen anheim gegeben. Dann kennt keiner mehr den Ort, an dem wir liegen. Nur Er, in dessen Gegenwart unser Leben ist und in dessen Gegenwart hinein wir einmal unseren Tod sterben werden.

  7 Und Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen. 8 Und die Israeliten beweinten Mose in den Steppen Moabs dreißig Tage, bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet war.

             Das ist nach der Unklarheit betreffs des Grabes jetzt wieder klar: biographische Angaben zum Alter und Gesundheitszustand des Mose. Nichts davon ist geeignet, seinen Tod zu erklären. Der kommt nach dem Wort des HERRN.  weil seine Zeit erfüllt ist. Diese Mose-Zeit findet ihren Abschluss in einer dreißig Tage währenden Trauer des Volkes. Solange hatten sie auch seinen Bruder Aaron beweint.

 9 Josua aber, der Sohn Nuns, wurde erfüllt mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt. Und die Israeliten gehorchten ihm und taten, wie der HERR es Mose geboten hatte.

             „Die neue Zeit schließt sich übergangslos an die die Mose-Zeit an.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 303) Josua ist ja schon früher für seine Aufgabe als Führer des Volkes „ausgerüstet“ worden, besser wohl „ordiniert“  worden. In der Handauflegung hat er empfangen, was er für diese Aufgabe, das Volk zu führen, braucht, den Geist der Weisheit. Es scheint mir schon bemerkenswert: Josua erhält nicht den Kampfgeist, den Siegeswillen eines Heerführers, sondern den Geist, der zur Führung des Volkes befähigt. „Weisheit ist die Vollmacht und Kraft zum gottgemäßen Handeln, denn die Einzelheiten der Landnahme sind noch nicht bekannt, darum schenkt der Geist der Weisheit die Gewissheit der Führung durch Gott. (D. Schneider, aaO. S. 303)

Mir scheint es nahe zu liegen, diesen Geist der Weisheit zu verbinden mit der so häufig wiederholten Zusage an Josua: Sei getrost und unverzagt. (31,7; Josua 1,7; 1,9) Das wäre also Weisheit:  sich von der Gegenwart Gottes aus der Furcht führen zu lassen.

 10 Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der HERR erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht, 11 mit all den Zeichen und Wundern, mit denen der HERR ihn gesandt hatte, dass er sie täte in Ägyptenland am Pharao und an allen seinen Großen und an seinem ganzen Lande, 12 und mit all der mächtigen Kraft und den großen Schreckenstaten, die Mose vollbrachte vor den Augen von ganz Israel.

  Das ist nun, das Buch abschließend, eine „Würdigung“ des Mose. Er ist herausgehoben aus allen Propheten, die nach ihm in Israel aufgestanden, aufgetreten sind. So ist erkennbar ein Rückblick aus späterer Zeit formuliert, nicht aus der Zeit zwischen Wüstenwanderung und Landnahme. Es ist die ganze Zeit der Propheten in den Blick genommen.

Was Mose so unvergleichlich, einzigartig macht, ist als erstes seine Gottesbeziehung. Der HERR erkannte ihn von Angesicht zu Angesicht. Der Satz geht nicht umgekehrt: Mose erkannte den Herrn von Angesicht zu Angesicht. Es geht von Gott aus,  es ist Gott, der sich ihm anders zeigt als allen anderen: „Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.“(2. Mose 33,11) Daneben, aber eben erst danach tritt, was Mose in der Vollmacht Gottes getan hat. Zeichen und Wunder. Vor den Augen von ganz Israel. Er hat den Weg für Israel geöffnet zu der Ruhe, die sich mit dem verheißenen Land verbindet.

      In alledem ist Mose einzigartig und unwiederholbar. Und doch gilt die Ankündigung im gleichen Buch, früher: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.“ (18,15)Keine Wiederholung, keine Kopie, auch kein Wiedergänger. Wohl aber einer, „der in gleicher Autorität wie Mose reden und handeln wird, und dass er als Gottgesandter zugleich ganz mit dem Menschsein vertraut sein wird.“( D. Schneider, ebda.)

Oder anders gesagt: Mose hat das Volk auf dem Weg in das Gelobte Land geführt und ihm den Weg dorthin geöffnet. Der „andere Mose“ öffnet einen anderen, für uns alle sonst verschlossenen Weg: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.“(Römer 5,1-2) 

 

Danke, Gott, für die Menschen, die uns Wege öffnen, Wege zum Frieden, Wege in die Geborgenheit, Wege zum Glauben, Wege zur Versöhnung, den Weg zu Dir.

Danke für die Menschen, aus deren Wegen wir lernen dürfen, dass Du uns freundlich bist, dass auf Dein Wort Verlass ist, dass Deine Treue trägt, auch in schweren Zeiten.

Danke für den Ruf in die Treue, für die Mahnung zum Gehorsam, für die Aufforderung, Deinem Gebot zu trauen, Deinem Willen zu folgen, Dich lieben zu lernen im Tun dessen, was Du willst. Amen

 

Ein Gedanke zu „Der geöffnete Weg“

  1. Es war ein großes Unterfangen diese Excurse in das 5. Buch Mose, wirklich so angefüllt und reich daß man nur staunen kann. Auch dieser letzte Abschnitt mit dem Hinweis, daß Gott seinen Sohn Jesus schicken würde. Für uns!! Danke Danke!!

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