Segen des Mose

  1. Mose 33, 1 – 5. 26 – 29

 Dies ist der Segen, mit dem Mose, der Mann Gottes, die Israeliten vor seinem Tode segnete.

             Es gibt den aaronitischen Segen, den wir Sonntag für Sonntag in unseren Kirchen sprechen. Segen zum Ausgang. Zum Eingang in die kommende Woche. Daneben tritt hier der Segen in der Stunde des Abschiedes. Kein Segen am Ausgang, ein Segen am Ende eines Weges. Segen, der über Israel aufleuchtet. Der Segen, mit dem Mose, der Mann Gottes, die Israeliten vor seinem Tode segnete. „Der Segen eines so gewaltigen Mannes ist viel mehr als nur ein leerer Wunsch; er enthält schöpferische Worte, die die Zukunft zu gestalten vermögen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 146) Segen ist wirksames Wort, auch wenn er nicht durch einen so gewaltigen Gottesmann erteilt wird. Seine Wirksamkeit hängt an Gott, nicht an dem Menschen, der zum Mund Gottes wird.

 2 Er sprach: Der HERR ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Er ist erschienen vom Berge Paran her und ist gezogen nach Meribat-Kadesch; in seiner Rechten ist ein feuriges Gesetz für sie. 3 Ja, er liebt die Völker! Alle Heiligen sind in deiner Hand. Sie werden sich setzen zu deinen Füßen und werden lernen von deinen Worten. 4 Mose hat uns das Gesetz geboten, das Erbe der Gemeinde Jakobs. 5 Und der Herr ward König über Jeschurun, als sich versammelten die Häupter des Volks samt den Stämmen Israels.

Der Segen fängt als Erinnerung an. Der HERR ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Kein Wort von Ägypten. Die ursprüngliche und erste Erfahrung ist die Begegnung am Sinai und daran schließt sich der Weg durch die Wüste an.

Es folgt ein Satz, der wie aus einer viel späteren Zeit wirkt, aus der Zeit der Weisheit in Israel. Der Zeit, in der die Erwartung wächst, dass vom Zion Weisung ausgehen wird und die Völker sich deshalb zur Wallfahrt zum Zion aufmachen werden. „Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Micha 4,1b.2) Im Segenswort an Israel vor der Landnahme, im letzten Wort des Mose wird schon der Blick geweitet hin zu den Völkern. Das ist die Bestreitung eines exklusiven Besitzrechtes an Gott – nur für Israel. Von Anfang an hat die Liebe Gottes zu Israel die Völker mit im Sinn. Er sucht die Völker durch das Beispiel, das Exempel Israels.      

Das macht schon den ersten Übersetzern zu schaffen. Die Septuaginta, Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische, in der Zeit ab etwa 250 v. Chr. im hellenistischen Judentum, vorwiegend in Alexandria, verwandelt den Plural in einen Singular. Um so, was verständlich ist aus der Diaspora-Situation heraus, den Vorrang Israels festzuschreiben.   

Wie weit dagegen der Text: Alle Heiligen sind in deiner Hand. Es wirkt, als hätten diese Worte Pate gestanden für das Spiritual, Jahrtausende später: He´s got the whole world in His hands –  und dann werden sie alle aufgezählt, das Baby, der Bruder, die Schwester. Alle Heiligen eben.

Dann erinnert der Segen an die zentrale Aufgabe des Mose: Mose hat uns das Gesetz geboten, das Erbe der Gemeinde Jakobs. Er ist in seinem Hören und Weitersagen der geworden, der das Gebot Gottes vermittelt hat. Wenn in der Hebräischen Bibel einer Mittler ist, dann Mose. Das Gesetz ist das Erbe der Gemeinde Jakobs, das Erbe Israels.

Wenn ich einen Augenblick unterstelle, dass dieses 5. Buch Mose seine Endgestalt erst im Umfeld der Exilserfahrungen gewinnt, dann wird hier festgehalten: nicht der Tempel, nicht Jerusalem, nicht das Königshaus sind unverlierbar Erbe Israels. Das ist allein das Gesetz.

die Alten git Schließlich: Und der Herr ward König über Jeschurun. Es sind die Königspsalmen, die hier mitschwingen könnten. „Die Jahwe-Königsvorstellung ist als ein Königtum über die Götter und über die Völker bezogen.“ (G. v. Rad, aaO. S. 147) Aber doch nicht nur. Wer singt:

Der HERR ist König,                                                                     darum zittern die Völker;                                                                 er sitzt über den Cherubim, darum bebt die Welt.                 Der HERR ist groß in Zion                                                              und erhaben über alle Völker.          Psalm 99, 1 – 2

sieht den König auf dem Thron, wie er im Tempel von Jerusalem steht. Ich vermag nicht zu sehen, weshalb das ausschließen sollte, dass er auch der König Israels ist. Sind die Könige Israels so gesehen doch nichts anderes als Platzhalter Gottes.

 26 Es ist kein Gott wie der Gott Jeschuruns, der am Himmel daherfährt dir zur Hilfe und in seiner Hoheit auf den Wolken. 27 Zuflucht ist bei dem Gott, der von alters her ist, und unter seinen ewigen Armen. Er hat vor dir her deinen Feind vertrieben und geboten: Vertilge!

     Die Worte an die einzelnen Stämme – übersprungen. Es sind Segensworte, die den Worten des sterbenden Jakob gleichen – 1. Mose 49. Daran schließen sich die Sätze an, die Gott als unvergleichlich beschreiben. Einen Gott wie ihn gibt es nicht noch einmal. Er ist einmalig in der Welt der Götter. Indirekt ist hier die Vorstellung vieler Götter mit im Spiel – für die Alten existert er nicht, der götterlose Himmel. Das mag zu der Einschätzung beitragen: „Dass der Psalm hinsichtlich seiner Sprache und seiner Vorstellungen sehr altertümlich wirkt, ist richtig.“ (G. v. Rad, aaO. S. 149)  Wichtiger erscheint aber sein Inhalt: Er beschreibt und preist Gott als Zuflucht – Das ist von alters her, vom Anfang Israels an sein Wesen. Israel hat Gott nicht anders kennen gelernt als so, dass es sich in ihn bergen kann. Daran hält der Psalm fest, auch in diesem Buch, das auf Erfahrungen der Ungeborgenheit nicht nur einmal zurück verweist.

Mir fällt der Wechsel in den Übersetzungen auf, der nicht nur sprachliche Anpassung ist, sondern auch inhaltliche Differenz.  Heute, Luther 2017: Zuflucht ist bei dem Gott, der von alters her ist und unter seinen ewigen Armen. Früher, Luther 1956/64: „Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter den ewigen Armen.“ Die neue Übersetzung sagt: Gott ist immer der Gleiche. Unwandelbar. Unberührt vom Wechsel der Zeiten. Die ältere Übersetzung suggeriert  ein anderes Gottesbild: Mit dem alten Gott verbindet sich Leid- und Lebenserfahrung. Seine und die des Volkes. Er kennt sich aus, weil er kein neuer, kein junger Gott ist. Er ist auf einem langen Weg mitgegangen, er hat schon viel mitgemacht, mit der Welt, mit seinem Volk.

Man muss keine Angst haben – er ist kein veralteter Gott, in die Jahre gekommen und nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Er ist nicht, wie so mancher, manche Alte heutzutage, nur ein Relikt aus vergangenen Tagen. Vielmehr gilt umgekehrt: Ihn berührt die Zeit, die Last der Jahre. Ich glaube nicht an einen unberührten Gott, der dann auch leicht zum  unberührbaren Gott wird, Den unsere Not nicht erreicht, der unser Schreien nicht hört. Der sich nicht wandeln kann, weil er erstarrt ist. Das Konzept des unwandelbaren Gottes ist ein Konzept philosophischen Gedankenspiele und für mich nicht zusammen zu bringen mit dem Erzählen der Bibel von einem Gott, der sich der Not aussetzt, sich von ihr anrühren lässt, verletzen lässt. Der die Zeit auf sich nimmt nicht nur äußerlich, distanziert, ohne Empathie – sondern der die Zeit in den Leiden der Zeit auf sich nimmt. Das meint schlussendlich ja unser theologisches Hauptwort Inkarnation.

 28 Israel wohnt sicher, der Brunnquell Jakobs unbehelligt in dem Lande, da Korn und Wein ist, dessen Himmel von Tau trieft. 29 Wohl dir, Israel! Wer ist dir gleich? Du Volk, das sein Heil empfängt durch den HERRN, der deiner Hilfe Schild und das Schwert deines Sieges ist! Deine Feinde werden dir schmeicheln, und du wirst auf ihren Höhen einherschreiten.

             Unterwegs in einer Welt der Ungeborgenheit. Umso wichtiger: Israel wohnt sicher. Es scheint, als korrespondiere das mit der Sehnsucht, die sich bei Josua so anhört: „Der HERR, euer Gott, bringt euch zur Ruhe und gibt euch dieses Land (Josua 1,13) und die auch im Richterbuch immer wieder erhofft wird und nur vorübergehend erfahren:Und das Land hatte Ruhe“ (Richter 3,11;3,30; 5,31;8,28) Erst wenn man sich klar macht, dass Israel immer ein gefährdetes Land, ein von Feinden eingeschlossenes Land ist, wird man verstehen, wie viel solche Sätze tragen – an Hoffnung und an Sehnsucht.

Es ist eine martialische Sprache, die uns heutigen Leser*innen fremd ist, die aber noch vor nicht allzu langer Zeit – was sind schon 200 Jahre – auch bei uns noch gängig war, bis in christliche Lieddichtung hinein.

 „Der Gott, der Eisen wachsen ließ,                                            der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß                                    dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut,                                           den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,                                                     bis in den Tod die Fehde.“             E. M. Arndt 1812

Wenn man sich von der Sprache nicht beeindrucken und irritieren lässt, kann man sehen, worauf es ankommt: Israels Stärke ist Gott. Nicht Israel aus sich selbst ist stark. Sondern es ist nur so und nur solange stark, wie es sein Heil empfängt durch den HERRN. Israel ohne seinen Gott ist nur ein armer, verlorener Haufen.

Darf man übertragen? Was für Israel gilt, das gilt auch für uns. Das gilt auch für die Kirchen. Ohne Gott sind wir als Kirchen nur ein armer, verlorener Haufen, nur die Fußkranken der Moderne, die nicht richtig nachkommen, so sehr sie sich auch mühen. Ohne Gott haben wir der Welt nichts zu bieten. Alles, was ohne ihn unser Angebot an die Welt wäre, hat sie schon in sich selbst, attraktiver, besser.

Aber mit ihm und in ihm haben wir, was die Welt nicht kennt: Gnade für Schwache, Vergebung für Schuldige, Erbarmen mit Verlierern, Erbarmen für Gescheiterte, Versöhnung für Verfeindete, Friede für  Friedlose und Ruhe und Zuflucht für Gejagte. Das alles ist Gottes Heil. šhalom.

 

Groß bist Du, unser Gott, Du neigst Dich tief herab auf die Erde. Du rufst Dir ein Volk, das klein ist unter den Völkern. Du rufst Dir Menschen, die wenig bedeuten in der großen Zahl. Du schenkst Zuflucht und Ruhe, Geborgenheit im Lauf der Zeiten.

Du bleibst kein Gott jenseits der Welt, im fernen Himmel. Du stellst Dich zu denen, die Dich brauchen, auch wenn sie Dich oft genug vergessen, die nach Dir schreien, auch wenn sie Dich oft genug verlassen, die auf Dich hoffen, auch wenn sie oft genug verzagen.

Klein wirst Du, unser Gott, so klein, dass Du in unseren Herzen Raum findest, dass Du in unseren Worten wohnst, dass Du unsere Tränen siehst und sammelst. So klein, dass wir Dich übersehen können.

Danke, dass Du uns nicht übersiehst, dass Du uns nicht aus den Augen verlierst, dass Du uns, Deiner Welt zugewandt bleibst. Amen