Wenn Du nur bei uns bist

  1. Mose 31, 1 – 8

1 Und Mose ging hin und redete diese Worte mit ganz Israel 2 und sprach zu ihnen: Ich bin heute hundertzwanzig Jahre alt, ich kann nicht mehr aus und ein gehen. Dazu hat der HERR zu mir gesagt: Den Jordan hier sollst du nicht überschreiten!

Abschiedsworte. An ganz Israel gerichtet. Worte eines alten Mannes, „der wegen seines hohen Alters nicht mehr sehr beweglich ist.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 277) Ein Stück Schmerz und Einsicht schwingt hier mit. Aber das andere kommt dazu und wird eben nicht verschwiegen. Es ist nicht nur das Alter der hundertzwanzig Jahre, das ihn „das bevorstehende Ende seines bisherigen Führerdienstes“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 134) ansagen lässt.  Gott hat ihm diesen Weg versperrt. Er hat ihm den Jordan zur Grenze gesetzt. Weshalb es zu dieser Sperre gekommen ist, wird hier nicht mehr erzählt. Das ist ja früher hinreichend geschehen. (3, 23 – 29)

Es ist, auch für Mose, den Mann, mit dem Gott wie mit einem Freund redet, eine schmerzhafte Erfahrung: Ich bin nicht unbegrenzt. Mehr noch: Der Gott, der Mose in die Weite geführt hat, der ihn zum Führer des Volkes aus der Knechtschaft gerufen hat, er setzt seinem Knecht Mose diese Grenze. Nicht über den Jordan. Nicht ins gelobte Land. Mose darf das Projekt „Land der Verheißung“ nicht zu Ende führen.

 

Daraus gilt es zu lernen: Begrenzungen gehören zu unserem Leben, auch von Gott her gesehen. Dass unser Leben nie ganz fertig ist, dass es immer Fragment ist und im irdischen Rahmen Fragment bleibt, ist von Gott gesetzt. Es ist hilfreich, sich von der Frage nach dem Warum solcher Grenzen frei zu machen – Mose stellt sie hier ja auch nicht mehr, weil die Begründung Gottes durch frühere Texte hinlänglich bekannt ist und die Frage auch nur in die Vergangenheit. Stattdessen gilt es zu schauen, wie mit solcher Begrenzung umzugehen ist. Macht sie bitter? Verschließt sie den Mund? Lässt sie an der Güte und Treue Gottes zweifeln? Führt sie zur Kündigung des Vertrauens auf ihn?

 

Es ist ein Versprechen Gottes, das im Psalm begegnet: „Er schafft deinen Grenzen Frieden.“(Psalm 147, 14) Gott will uns dazu helfen, dass wir zum Frieden finden mit unseren Begrenzungen, unserer Begrenztheit. Dass wir uns nicht wundscheuern, sondern sie annehmen lernen und so über sie hinauswachsen. Die Art, wie Mose in den nachfolgenden Worten mit seiner Grenze umgeht, ist ein überaus eindrückliches Beispiel, wie das möglich werden kann.

  3 Der HERR, dein Gott, wird selber vor dir hergehen. Er selber wird diese Völker vor dir her vertilgen, dass du ihr Land einnehmen kannst. Josua, der soll vor dir hinübergehen, wie es der HERR zugesagt hat. 4 Und der HERR wird mit ihnen tun, wie er getan hat mit Sihon und Og, den Königen der Amoriter, und ihrem Lande, die er vertilgt hat. 5 Wenn sie nun der HERR vor euren Augen dahingeben wird, so sollt ihr mit ihnen tun ganz nach dem Gebot, das ich euch gegeben habe.

             Damit ist genug von Mose geredet. Es folgt die große Zusage an Israel.  Der HERR, dein Gott, wird selber vor dir hergehen. Mose kann als Führer abtreten, weil Gott selbst es übernimmt, das Volk zu führen. Wie möchte man fragen? So wie früher durch „Feuerschein und Wolke“? (2. Mose 14, 21-22) So wie das frühere Führen Gottes nicht außer Kraft gesetzt hat, dass Mose das Volk führte, so wird es auch jetzt wieder sein: Josua, der soll vor dir hinübergehen. „Es ist nicht gemeint, dass Gott und Mensch sich ihr Werk teilen, sondern: Gott bleibt auch in der Besitznahme des Landes ganz der, der die Initiative behält (nicht nur bei der Erlösung aus der Ägypten und der Führung in der Wüste) andererseits vertritt ihn sein Beauftragter so vollständig, dass Josua die Führung übernehmen kann, ohne dass Gott in irgendeiner Gestalt dem Heer voranziehen muss.“ (D. Schneider, aaO. S. 277) Es ist die Eigenart dieser alten biblischen Texte, dass sie dieses Ineinander von göttlichem und menschlichem Handeln nie auf einen theoretischen Begriff bringen, sondern es immer nur erzählen.

 Neben oder in dieser so klaren Führungszusage schwingt Gewalt mit. Der Weg ins gelobte Land wird so friedlich nicht sein. Er wird nur frei, indem andere Völker vertilgt werden. Folgt man dem Hinweis auf Sihon und Og, der angibt, wie zu verfahren ist, so landet man bei den Siegesberichten über die beiden Könige: „So gab der HERR, unser Gott, auch Og, den König von Baschan, in unsere Hände mit seinem ganzen Kriegsvolk, dass wir ihn schlugen, bis ihm keiner übrig blieb. Da nahmen wir zu der Zeit alle seine Städte ein, und es gab keine Stadt, die wir ihnen nicht nahmen: sechzig Städte, die ganze Gegend von Argob, das Königreich Ogs in Baschan, lauter Städte, die befestigt waren mit hohen Mauern, Toren und Riegeln, außerdem sehr viele offene Städte. Und wir vollstreckten den Bann an ihnen, gleichwie wir an Sihon, dem König von Heschbon, taten. An allen Städten vollstreckten wir den Bann, an Männern, Frauen und Kindern. (3,3 – 6)

        Mir fällt auf, dass das alles ohne jede Spur von Kritik erzählt wird. Es scheint, diese Gewalt ist – damals – völlig unproblematisch gesehen. Auch in den Kommentaren, die sich dazu ausschweigen. Das alles wirkt wie eine erschreckende Illustration des Satzes: „Leben wird immer auf Kosten anderen Lebens gelebt.“ (A Schweitzer) Daran geändert hat sich bis heute nichts, wie ein Blick in die abendliche Tagesschau zeigt. Nur, dass wir das nicht mehr mit Gott in Verbindung bringen.

 6 Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der HERR, dein Gott, wird selber mit dir ziehen und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen.

             Eine Aufforderung, ein Zuspruch. An das Volk. Das ist ein Widerspruch gegen alles, was Angst und Furcht machen will. Es gibt gute Gründe – und sie sehen sie, wenn sie über den Jordan schauen. Aber allen diesen guten Gründen setzt das Wort den einen Grund entgegen: die Gegenwart Gottes. Weil der HERR, dein Gott, selber mit dir ziehen wird.  Auch wenn Mose nicht mehr sein wird, wird das Volk nicht dem Schutz Gottes entzogen sein.

 7 Und Mose rief Josua und sprach zu ihm vor den Augen von ganz Israel: Sei getrost und unverzagt; denn du wirst mit diesem Volk in das Land gehen, das der HERR ihren Vätern geschworen hat, ihnen zu geben, und du wirst es unter sie austeilen. 8 Der HERR aber, der selber vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. Fürchte dich nicht und erschrick nicht!

        Jetzt wendet sich der Blick aus der großen Perspektive hin auf die kleine Szene, auf Mose und Josua vor den Augen von ganz Israel. Es folgt die Einsetzung Josuas. Öffentlich. Es ist, als würde jetzt endlich nachgeholt, was schon seit dem Anfang des Buches (3, 23 – 29) zu erwarten war, seit der Ansage an Mose: Du wirst das Volk nicht ins Land führen. Jetzt endlich, „nachdem er alle diese Worte, die Abschiedsrede des 5. Buches Mose beendet hatte“ (G. v. Rad, ebda.)setzt er den Nachfolger ein.

Die Worte an Josua sind nur Zuspruch. Weil Josua es nötig hat? Auffällig: dieser Zuspruch ist ganz nahe an den Worten, die zuvor an das Volk gerichtet worden sind. Es ist, als brauchte es für den neuen Führer des Volkes und für das Volk selbst nur die gleichen Worte. Da ist kein Unterschied in der Beistandszusage. Kein Unterschied in der Aufforderung, sich nicht von der Furcht und dem Grauen besetzen zu lassen. So ermutigend kann einer reden, der sich mit seiner eigenen Begrenzung ausgesöhnt hat.

Noch einmal auffällig: Sei getrost und unverzagt wird im Buch Josua noch einmal gleich vierfach (Josua 1,6;1,7; 1,9;1,18) an Josua gerichtet eindringlich wiederholt. Ein Zeichen dafür, wie nötig der Zuspruch ist. Wir können es gar nicht oft genug hören!

Mir scheint, man darf daraus auf unsere Zeit heute schließen: was wir brauchen, sind keine Beschreibungen dessen, was uns ängstigt, was uns das Fürchten lehrt. Das wissen wir von selbst und haben es oft genug auch vor Augen. Was wir dagegen bitter nötig haben, ist der Zuspruch, ist die Zusage: Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der HERR, dein Gott, wird selber mit dir ziehen und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. Weil es so leicht geschieht, dass wir wegen all der Schreckgespenster und Schreckensmeldungen um uns herum aus den Augen verlieren: Gott ist da. Gott ist nah. Gott ist für uns. Gott ist mit uns. Solange wir uns nur an ihn halten.Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“(Matthäus 28,20)    

 

Wenn Du nur bei uns bist, mein Gott, dann will ich meinen Ängsten Einhalt gebieten. Dann will ich es aushalten in unserer Welt, die so oft zum Fürchten ist, deren Zukunft so am seidenen Faden zu hängen scheint.

Wenn Du nur bei uns bist, dann will ich mich auf den Weg machen, den ich noch nicht überschauen kann, nach Schritten in die Zukunft suchen, die noch hinter dem Horizont ist.

Wenn Du nur bei uns bist, dann will ich glauben, dass Erbarmen zerbrochenes Leben heilen kann, dass neuer Anfang möglich wird auf Wegen, die von Trümmern verstellt scheinen, dass Versöhnung alten Hass besiegen kann, dass Vertrauen neue Schritte ins Leben öffnet, dass Deine Treue trägt.

Wenn Du nur bei uns bist, dann will ich glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort behält, dass wir mehr Zukunft haben, als es uns unser kurzer Horizont glauben machen will.

Wenn Du nur bei uns bist. Amen