Nahe ist das Wort

  1. Mose 30, 11 – 20

11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?

             Fluch und Segen hat Gott durch Mose dem Volk vorgelegt. Den eindringlichen Ruf zur Umkehr, wie er diesen Worten hier unmittelbar voraus geht. Auch „dieser Ruf zur Umkehr gilt als Gebot (mizwá). (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 111)

Es geht um Worte die nicht weit weg sondern , sondern lebensnah. „Der Begriff von Nähe oder Ferne des göttlichen Gebotes scheint sprichwörtlich oder sonst eine geprägte Formel gewesen zu sein.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 132) Worte, die die Wirklichkeit des gelebten Lebens berühren. die geeignet sind, die Lebenswirklichkeit zu verändern wie der Ruf in die Umkehr. Keine Worte für den Himmel, sondern für die Erde. Kurz: Es ist nichts Übersinnliches. Man könnte auf die Idee kommen: Die Gebote sind so klar, dass es keine komplizierte Erklärung braucht, keine weiten Gedankenwege, keine entrückten Erfahrungen.

Da bleibt ein Einwand: Wenn dieses Gebot aber nicht nur der eine konkrete Ruf ist, sondern damit das ganze Gesetz gemeint ist, die ganze Mose-Rede aus dem 5. Buch Mose?  „Die ganze Bandbreite der biblischen Gesetze – kann man ihr auch nur einigermaßen gerecht werden? Und selbst wenn der Wunsch mächtig ist, die Gottesgebote einzuhalten, wer kennt überhaupt ihre Tragweite, ihre Anwendungsbereiche? Gerät der einzelne, – vor allem der Laie, der sich nicht so sehr in den religiösen Schriften auskennt – nicht in große Schwierigkeiten?“ (R. Gradwohl, aaO, S. 113)Dann wäre das so verständliche Wort auf einmal doch fern, ungreifbar und die Frage nach einem, der es herbeiholt, erklärt, es nahe bringt, liegt auf der Hand. Die Frage nach einem Mittler, einem Erklärer oder nach einem ganzen Stamm von Erklärern. Sie wird hier nicht aufgenommen.

 14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

             Die Antwort: Es braucht keine Himmelsreisen. Es braucht keine Welterklärung. „Hier liegt eine klare Absage an jegliche Tendenz vor, die die Weisung Gottes  zur Geheimlehre einer esoterischen Gruppe zu machen trachtet.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 114)Das Wort ist nah, verständlich, eindeutig. Man kann es nachsprechen und sich im Nachsprechen aneignen – es ist in deinem Munde. Psalm 1 ist ein Zeugnis für genau diesen Gebrauch des Wortes:

Wohl dem, der Lust hat am Gesetz des HERRN                  und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!  Psalm 1, 2

Sinnen – es murmelnd nachsprechen, in den Mund nehmen. Nicht nur nachdenken, sondern auch memorieren, sich erinnernd einprägen. Oder, anders gesagt: „Die Schrift wird, als Wort in actu, einfach, durchsichtig, vertraut, herzlich, väterlich, gewaltig; es ist nicht fern, jenseits des Meeres unserer Erfahrungen, es ist nicht hoch über der Stratosphäre unserer Begrifflichkeit, es ist hier, diesseits, bei uns.“ (K.H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1963, S. 342f. )

Und: es ist das Wort in deinem Herzen. Wie von selbst stellt sich die Erinnerung an das Prophetenworte ein: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“(Jeremia 31, 33-34) Ganz nahe ist die gleiche Hoffnung und Erwartung bei Hesekiel. Gott redet zu Herzen und er hat zu Herzen geredet – in seinem Gebot.

Was bleibt, ist nicht weiterer Erklärungsbedarf. Was bleibt ist Tun. Manchmal heißt es bei uns für unsere Zeit: wir haben kein Erkenntnisproblem – wir wissen alles um die Probleme dieser Welt – Hunger, Klima, soziale Gerechtigkeit, Fluchtursachen. Wir haben ein Handlungsdefizit, dass wir tun, was wir als nötig und notwendig erkannt haben

Dass du es tust. Aus dem Hören und Kennen, aus dem Wissen im Herzen soll tun werden. „Im Judentum soll die Religion nicht nur erlebt, sondern gelebt werden. … Auch das Judentum hat sein Wort, aber es ist ein Wort `zu tun´.“(L. Baeck, zit. nach R. Gradwohl, aaO. S. 117) Von dieser Denkweise ist es nicht allzu weit bis zu dem Satz des Briefes im Neuen Testament: „Seid Täter des Wortes.“(Jakobus 1,22) Wer dieses Tun vergisst, straft seinen eigenen Glauben als Lüge. Oder, um mit Erich Kästner zu sprechen: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“

 15 Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse. 16 Dies ist’s, was ich dir heute gebiete: dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen.

           Noch einmal: es gibt eine Zeit der Entscheidungen – heute. Und das Wort, das Gott spricht, öffnet den Raum zu solcher Entscheidung – heute. morgen ist keine Kategorie, wenn es um Entscheidungszeit geht. die Wahl ist klar: Leben und das Guter, Tod und das Böse.

Bei dieser Wahl ist es nicht mit einem Kreuzchen auf einem Stimmzettel getan. Sondern diese Wahl entscheidet sich durch das gelebte Leben: Durch die Liebe zu Gott, die sich im Wandeln in seinen Wegen und seinen Gebote, Gesetzen und Rechten zeigt und bewährt. Wer Gott liebt, hält sich an seine Gebote. Ganz in dieser Spur muss man/frau wohl auch das Wort Jesu hören: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt.“(Johannes 14,21)  Auch das Johannes-Evangelium denkt stärker in der Spur jüdischen Denkens als es ihm christliche Theologen meistens unterstellen.

Mit dem Gehorsam gegen die Gebote, gegen die Worte Gottes verbindet sich die Verheißung. Der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. „Leben im gesegneten Land und zwar in langer zeitlicher Dehnung.“(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 273) wenn man sich in Erinnerung ruft, dass unmittelbar vor diesem Abschnitt die Zeit des Exils in den Blick genommen worden ist, kann erst ermessen, was wirklich in diesen Worten liegt: Die Erneuerung der Landgabe über alle Schuld hinweg. Gott hält daran fest, dass der erneuerte Gehorsam auch erneuerten Segen in sich trägt.

 17 Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, 18 so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen.

             Die Kehrseite wird nicht verschwiegen: wenn Israel sich verlocken lassen wird, verführen, dann wird das den Verlust des Segens, den Verlust des Landes mit sich bringen.  Es ist das Verweigern, die Gabe anzunehmen, die Gott schenkt, weil man sich anderswo mehr verspricht, mehr Leben, mehr Segen, mehr Glück. Es ist eine Verweigerung, in der man sich um alles betrügt.

 19 Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, 20 dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhangest. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der HERR deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben.

             Es ist ein Gedanke, wie er auch in den Propheten zu finden ist: eine Art Gerichtsszene, in der hier  Himmel und Erde zu Zeugen berufen werden. „Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der HERR redet: Ich habe Kinder großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen!“(Jesaja 1,2) Gott lässt vor diesem Forum seine Worte überprüfen: Hat er zu viel versprochen? Hat er sein Versprechen nicht eingehalten? Hat er nicht deutlich genug gesagt, was gelten soll?

Auch daran hängt viel: es ist keine wertneutrale Entscheidungssituation. Und Gott ist nicht gleich gültig, wie die Entscheidung ausfällt. Er sagt es deutlich, er will, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhangest. Gott zeigt sich hier als einer, der leidenschaftlich hofft, dass Israel die richtige Entscheidung trifft, das Leben wählt. „Wie das Wort „Erwählung“ in der Bibel nicht unser kaltes Prädestinieren im Sinne von gleichwertiger positiver und negativer Auswahl meint, sondern Gottes unverdiente, verbindliche Zuwendung zu denen, die er aus unbegreiflichen Gründen liebt, so hat auch das menschliche Erwählen Gottes, das identisch mit der Liebe zu Gott ist,  nichts zu tun mit dem Abwägen von Vor- und Nachteilen von zwei gleichwertigen Angeboten.“ (D. Schneider, aaO. S. 273)

Der Glaube rechnet nicht. Er wägt nicht Vor- und Nachteile ab. Er lässt sich die Liebe Gottes gefallen und findet in dieser Liebe den weiten Raum zum Leben. Er hört in der Stimme des fordernden Gottes auch die Stimme des liebenden Gottes. „Gottes Gebote gehen den innersten Kern des Menschen an…. Gott „wünscht das Herz“. Er will, dass es fühlt und sich regt, Ihm und den Mitmenschen begegnet. Deshalb hat er Israel Seine Torá geschenkt, und deshalb hat er sie jedem Juden, jedem Menschen ins Herz gesenkt, falls er die Worte einzulassen bereit ist.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 120)

 

Mein Gott,Du hast mir zu Herzen geredet. Du hast mich gesucht, mein Vertrauen, meine Liebe, meine Hingabe. Du bist nicht müde geworden, mich mit Deinem Wort zu suchen.

Du hast mir Menschen geschickt, die Deine Zeugen gewesen sind, mich getröstet haben, ermutigt, bestärkt, die mir den Weg zum Vertrauen geöffnet haben, weil sie mir ihr Vertrauen geschenkt haben.

Du lässt mich Dein Herz sehen, Deine Leidenschaft, uns zu gewinnen, uns zu Dir rufen, damit wir mit Dir leben. Dein Herz – da ist nur Raum für Erbarmen, Treue und Gnade.

Dir sei Dank. Nimm Du den Dank an, den ich in den Schritten meines Lebens versuche in Liebe und Treue, in Geduld und Beständigkeit, die andere – hoffentlich – bei mir erfahren. Amen