Nichts ist gleichgültig

  1. Mose 27 – 11 – 26

11 Und Mose gebot dem Volk an diesem Tage und sprach: 12 Diese sollen stehen auf dem Berge Garizim, um das Volk zu segnen, wenn ihr über den Jordan gegangen seid: Simeon, Levi, Juda, Issachar, Josef und Benjamin. 13 Und diese sollen stehen auf dem Berge Ebal, um zu verfluchen: Ruben, Gad, Asser, Sebulon, Dan und Naftali.

             Das ist die Anordnung für einen Gottesdienst. Keine Sitzordnung wie in unseren Kirchen, hier die Männer, da die Frauen – in manchen Kirchen sitzen sie bis auf den heutigen Tag so. Sondern es ist eine Steh-Anordnung nach den Stämmen. Die einen auf dem Berge Garizim, die anderen auf dem Berge Ebal.

             Es läuft auf einen Wechsel zwischen Segen und Fluch hinaus. Der Segen geht vom Garizim aus, der Fluch vom Ebal. „Die beiden Halbchöre hatten Rücken an Rücken Segen und Fluch auf die Berge hin zu rufen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 119) Segen ist der Ruf in die Gemeinschaft, Fluch der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Es ist  – mir – nicht vorstellbar, dass sie sich im Gottesdienst so gegenseitig mit Segen und Fluch belegen! Auch nicht als ein Geschehen, in dem die einzelnen Stämme „sich selbst mit den Konsequenzen von Ungehorsam und Gehorsam konfrontieren.“ (D. Schneider, aaO. S. 250) Weil Segen und Fluch ja nicht einfach nur liturgische Formeln sind, sondern wirksame Worte: Wer den Fluch auf die anderen Stämme legte, der schließt sie wirklich und wirksam von der Stammesgemeinschaft aus.

Warum welcher Stamm auf dem einen oder auf dem anderen Berg zu stehen kommen soll, erschließt sich nicht. Eine Einteilung nach den – zukünftigen – Siedlungsgebieten ist hier nicht zu erkennen.

 14 Und die Leviten sollen anheben und zu allen Männern Israels mit lauter Stimme sagen:

             Es folgt hier nicht der Inhalt des Wechselgesangs der Stämme. Den erfahren wir nicht. Sondern es folgt ein liturgisches Stück, das einen anderen Wechselgesang zwischen den Leviten und dem Volk wiedergibt. „Es ist durchaus damit zu rechnen, dass hinter den Anordnungen Erinnerungen an verschiedene kultische Begehungen stehen, die in alter Zeit in Sichem zelebriert wurden.“ (G. v. Rad, ebda.) Sichem, weil es mit der erste Kult-Ort Israels mit einem Tempel ist, weil es das Heiligtum in Jerusalem ja erst spät gab und diese Wort hier doch alten Ursprungs sind.

 15 Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht, einen Gräuel für den HERRN, ein Werk von den Händen der Werkmeister, und es heimlich aufstellt! Und alles Volk soll antworten und sagen: Amen. 16 Verflucht sei, wer seinen Vater oder seine Mutter verunehrt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 17 Verflucht sei, wer seines Nächsten Grenze verrückt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 18 Verflucht sei, wer einen Blinden irreführt auf dem Wege! Und alles Volk soll sagen: Amen. 19 Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Waise und der Witwe beugt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 20 Verflucht sei, wer bei der Frau seines Vaters liegt, denn er hat die Decke seines Vaters aufgedeckt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 21 Verflucht sei, wer bei irgendeinem Tier liegt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 22 Verflucht sei, wer bei seiner Schwester liegt, die seines Vaters oder seiner Mutter Tochter ist! Und alles Volk soll sagen: Amen. 23 Verflucht sei, wer bei seiner Schwiegermutter liegt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 24 Verflucht sei, wer seinen Nächsten heimlich erschlägt! Und alles Volk soll sagen: Amen. 25 Verflucht sei, wer Geschenke nimmt, dass er unschuldiges Blut vergieße! Und alles Volk soll sagen: Amen. 26 Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue! Und alles Volk soll sagen: Amen.

             Es ist eine „Zwölferreihe“ von Fluch-Worten. Keine Konkurrenz zu den Zehn Worte, dem Dekalog, sondern eben Zwölf Worte, „der sichemitsche Dodekalog.“ (D. Schneider, aaO. s. 250) Zwölf Worte, entsprechend den zwölf Stämmen. Aber nicht an die Stämme gerichtet, sondern an die einzelnen Israeliten.

Gerahmt ist die Reihe von zwei Sätzen, die eher allgemeinen Charakter haben. Dem Fluchwort über Götzenbilder und dem Satz, der wie eine Zusammenfassung wirkt:  Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue! Das ist eine Art Schluss-Wort über die ganze Reihe.

Die Sätze fangen gleichförmig an – kein Wunder, wenn es doch um gesprochene Liturgie geht. Das ist äußerst einprägsam: Verflucht sei „Das Wort für „verflucht (ʼarur) bezeichnet den von Gott kommenden Fluch, den die Alten für eine real zerstörende Macht hielten, die sich zum Unheil an den Betreffenden heftete, so real, dass er sich sogar in seinem Haus und Gebälk festsetzen konnte.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, aaO. S. 120)

Folgt man den Sätzen im Einzelnen, so liegt die Beobachtung auf der Hand: das alles sind Verhaltensweisen, die durchgängig durch die Rechtsüberlieferungen geächtet werden. Versucht man zusammenzufassen, kommt man auf zwei Bereiche – den des Unrechtes gegen die Geringen im Land und den Bereich der sexuellen Übergriffe. Es gibt ein Motiv, das beide Bereiche und so alles im Einzelnen genannte Verhalten miteinander verbindet. Sie geschehen heimlich (V. 15; V. 24). „Ein heimlich aufgestelltes Kultbild, ein heimlicher Mord, eine Grenzverrückung, die Täuschung eines Blinden, oder das weite Gebiet des Geschlechtlichen – das alles führt in Bereiche, in die hinein in der Regel weder ein  Richter noch ein Kläger sieht.“(G. v. Rad, aaO. S. 121) Vielleicht darf man so sagen: wo die menschliche Rechtsprechung mit ihrem System von Schuldaufklärung und Schuldspruch an ihre Grenzen kommt, weil alles im Schutz der Dunkelheit, außerhalb des Blickfeldes der Öffentlichkeit, im Graubereich, eben heimlich geschieht, da erbittet diese Liturgie den langen Atem Gottes, der auch die heimliche Schuld aufspürt und ihr das unverschämte Setzen auf die Unerkennbarkeit widerlegt.

Man kommt mit seiner heimlichen Untat nicht durch – darauf setzen dieses Worte. Ganz so, wie es dann die Erzählung von Nabots Weinberg und dem Justizmord der Isebel auch erzählt (1. Könige 21). Wenn einer glaubt: „Nur die Sonne war Zeuge“ (1960) – und sie schweigt, da setzen diese Worte darauf, dass Gott auch das heimliche Unrecht sieht und nicht durchgehen lässt.

Das Verflucht sei ruft nicht nach irgendeiner Aktion Gottes. Es deckt, so lese ich, en wenig anders als die Alten ( s. o.) auf, was dem eigenen Handeln als „Fluch“ innewohnt: Darauf liegt kein Segen. Wer so handelt, schneidet sich vom guten Weg des Lebens selbst ab. Es wird sich nicht auszahlen, das zu tun. Wer so handelt, der verbaut sich um des Augenblicks willen, des Lustgewinns, des moralisch anrüchigen Vorteils willen den unbelasteten Weg in eine gute Zukunft. Das Unrecht legt sich wie ein lastender Grauschleier über alle folgenden Lebensschritte. Der Fluch ist also nichts, was noch „dazukommt“, von Gott hinzugefügt wird, er ist die unheimliche Langzeitfolge des eigenen Tuns. So also deckt der ausgesprochene Fluch eine Art Lebensgesetz auf: Unrecht Gut gedeiht nicht. So sagt das deutsche Sprichwort und interpretiert damit das Wort Fluch.

Zwölfmal antwortet das Volk Amen. So soll es sein. So soll es gelten in Israel. Das also unterstreicht das zwölfmalige Amen, mit dem das Volk antwortet, dass Gott nichts gleichgültig hinnimmt, was der Zugehörigkeit zu ihm und seinem Volk widerspricht. Und es ist zugleich eine Selbstverpflichtung auch des Volkes! Wir wollen so leben, dass wir uns solchen Heimlichkeiten verweigern.

 

Heiliger Gott, vor Dir ist nicht alles Verhalten gleich, nicht gleichgültig, was wir tun und lassen. Vor Dir ist auch nicht verborgen, was wir heimlich wähnen, unerkannt und unbemerkt. Du siehst, wo wir Deine Wege gehen. Du siehst auch, wo wir Deine Wege verlassen.

Du willst nicht, dass wir uns auf unseren selbstgewählten Wegen verirren, den Rückweg zu Dir verfehlen, uns die Umkehr verbauen. Du suchst uns. Du warnst uns. Du mahnst uns, damit wir umkehren zu Dir, uns neu Deinem Segen öffnen.

Dazu hilf Du uns, jeden Tag neu. Amen