Vom dauerhaften Wort

  1. Mose 27, 1 – 10

1 Und Mose samt den Ältesten Israels gebot dem Volk und sprach: Haltet alle Gebote, die ich euch heute gebiete. 2 Und zu der Zeit, wenn ihr über den Jordan geht in das Land, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, sollst du große Steine aufrichten und sie mit Kalk tünchen 3 und darauf schreiben alle Worte dieses Gesetzes, wenn du hinübergehst, auf dass du kommest in das Land, das der HERR, dein Gott, dir geben wird, ein Land, darin Milch und Honig fließt, wie der HERR, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat.

          Es wirkt wie eine Rückkehr in die erzählte Situation. Nach den vielen Gesetzestexten kann man es ja auch völlig aus den Augen verlieren: die ganze lange Unterweisung hat ihren Ort im Gegenüber zu dem Land. Es ist eine Unterweisung für zukünftiges Leben in diesem Land. Noch einmal wird ein wenig umständlich der Zweck des Übergangs über den Jordan genannt: auf dass du kommest in das Land, das der HERR, dein Gott, dir geben wird. Das erinnert daran: Das Land wird immer gegebenes Land bleiben. Und auch zum wiederholten Mal wird das Land in seiner Eigenschaft gelobt, es ist ein Land, darin Milch und Honig fließt. Das ist der Wechsel, der vor Israel liegt: aus der Wüste in ein Land des Überflusses.

Es sind Mose und die Ältesten, die so sprechen, dem Volk gebieten. Diese lange Rede des 5. Buches Mose ist nicht exklusiv Mose-Rede. „Zwar wird Mose im verheißenen Land nicht mit dabei sein, aber was dort geschieht, wird in seiner, des Mittlers Autorität vollzogen. Der Bundesmittler ist in den Ältesten und Leviten gegenwärtig.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 248) Es ist von Anfang an eine gemeinschaftliche Unterweisung, die ihre Fortsetzung finden wird im Land, In den Worten der Ältesten und den Weisungen der Priester.

Der Unterschied fällt nicht gleich und auch nicht leicht auf: Ab Kapitel 6 des 5. Buches Mose haben wir eine Mose-Rede vor Augen. Gegenwärtig erteilt. Wir stehen als Leser*innen sozusagen Seite an Seite mit dem hörenden Volk. Hier aber ist aus der gegenwärtigen Rede ein Geschehen der Vergangenheit geworden: Mose gebot und sprach. Das könnte daran liegen, dass es in den nachfolgenden Weisungen nicht mehr um Anweisung in eine tägliche Lebenspraxis geht, sondern „um eine kultische Anweisung, mit deren Ausführung die Sache dann erledigt ist.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 118)  

4 Wenn ihr nun über den Jordan geht, so sollt ihr, wie ich euch heute gebiete, diese Steine auf dem Berge Ebal aufrichten, und du sollst sie mit Kalk tünchen. 5 Und dort sollst du dem HERRN, deinem Gott, einen Altar bauen, einen Altar aus Steinen. Du sollst sie nicht mit Eisen bearbeiten. 6 Von unbehauenen Steinen sollst du diesen Altar dem HERRN, deinem Gott, bauen und Brandopfer darauf opfern dem HERRN, deinem Gott, 7 und Dankopfer darbringen und dort essen und fröhlich sein vor dem HERRN, deinem Gott.

             Jetzt also doch: wie ich euch heute gebiete. Das Steinmal, das errichtet werden wird, geht auf eine ausdrückliche Anordnung des Mose zurück. Das ist wichtig in einem Land, in dem es unzählige Steinmale auf den Höhen gegeben haben dürfte, die von anderer Herkunft sind, aus dem Glauben der Kanaanäer erwachsen oder womöglich noch viel älterer Herkunft. Es gibt bei den Propheten eine breite Polemik gegen die Höhen und die Male.

Das Mal auf dem Berge Ebal dagegen geht auf Mose selbst zurück. Zu den Steinen kommt ein Altar. Opferaltar für Brandopfer und Dankopfer. Für den HERRN. Wir sind es gewöhnt, Opferstätten ein wenig in düsteres Licht und beklemmende Stimmung getaucht zu sehen. Das entspricht nicht der Zweckbestimmung des Altars auf dem Ebal. Die dort opfern, haben allen Grund zu einer anderen Haltung, sie sollen dort essen und fröhlich sein vor dem HERRN.  Ich lese das so: Es gibt keinen Grund aus der Schrift, weshalb Gottesdienst mehr das Lebensgefühl einer akademischen Feierstunde vermitteln – ehrwürdig, ernsthaft, gedankenschwer – und weniger der Freude Raum geben und der Lust am Leben dienen. Das Ziel aller Gottesdienste, dem auch die Art und Weise der Gottesdienste zu entsprechen hätte,  ist die Freude an Gott und vor Gott.

 8 Und du sollst auf die Steine alle Worte dieses Gesetzes schreiben, klar und deutlich.

          „Was Gott festlegt, muss „schwarz auf weiß“ aufgeschrieben werden. Denn Gottes Bund entspringt nicht einer Laune, die bald wieder vorbei sein wird, sondern Gottes Bund hat Ewigkeitswert. Darum muss der Bund Schrift werden.“ (D. Schneider, aaO. S. 249) Das ist steil argumentiert, vom Wesen des Bundes her. Weniger steil, von der Gedächtnisschwäche der Menschen her: Es braucht das Erinnerungszeichen vor den Augen, das Nachlesen können, damit sich die Worte einprägen. Damit die Worte des Gesetzes sich einprägen können, müssen sie sichtbar sein, klar und deutlich, nachlesbar.

 9 Und Mose und die levitischen Priester redeten mit ganz Israel und sprachen: Merke auf und höre, Israel! Am heutigen Tage bist du ein Volk des HERRN, deines Gottes, geworden, 10 dass du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorsam seist und tust nach seinen Geboten und Rechten, die ich dir heute gebiete.

             Überraschend: Am heutigen Tage bist du ein Volk des HERRN, deines Gottes, geworden, Um welchen heutigen Tag geht es? Zum Volk Gottes wird Israel doch, so erzählt es des 2. Buch Mose, durch den Bundesschluss am Berg Sinai. Der Sinaibund ist der Existenzgrund Israels. Wird Israel also gewissermaßen an diesen Ort zurück versetzt? Oder ist dieser heutige Tag der Tag der Mose-Rede angesichts des bevorstehenden Übergangs? Dann hätten wir es hier mit einer Art „Bundeserneuerung“ zu tun. Oder geht es, noch einmal anders, darum, dass im Rahmen eines Gottesdienstes auf dem Ebal vor allem Volk genau diese Worte gesagt werden: Merke auf und höre, Israel! Am heutigen Tage bist du ein Volk des HERRN, deines Gottes, geworden.

Dann hätten wir es hier mit einer liturgischen Aktualisierung zu tun. „Das Stück hat deutlich liturgisches Gepräge und scheint einen bestimmten Punkt im Ablauf eines Rituals zu bezeichnen.“ (G. v. Rad, aaO. S. 119) Das kennen wir ja auch von unseren Gottesdiensten. Wir hören: „Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet: »Verstocket euer Herz nicht.“(Psalm 95,7-8) Uralte Worte, vor langer Zeit andere gerichtet und doch gelten sie uns heute. Hören wir sie als Worte an uns heute.

Aus dem Hören wird Gehorchen. Aus dem Zuspruch folgt Gehorsam. „Für dieses Verhältnis von Anspruch und Gehorsam, Huld und Freiheit ist das Deuteronomium geradezu eine Fundgrube – 6,20ff.; 10,12ff., 26,17ff.“(K.H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1963, S. 237) Das ist bis heute die Erwartung in die Wirksamkeit der Worte, die wir sagen. In das Lesen der Schrift. In unser Predigen. Es ist Vorsagen, damit andere es nachsagen, es aufnehmen und den Worten folgen. Im Leben. Erst wenn die Worte wirken, haben sie ihr Ziel erreicht.

 

Heiliger barmherziger Gott, ich brauche Dein Wort vor meinen Augen, damit es sich mir einprägt, damit es mich prägt.

Ich brauche es andauernd, nicht nur einmal, nicht nur bei Gelegenheit. Wieder und wieder, damit ich darüber nachsinne, es nachbuchstabiere, es wiederkäue, so dass es mir zur Speise wird, die meine Seele nährt, aus dem mir Kraft zuwächst und Zuversicht.

Heiliger Gott, ich danke Dir für das Wort, mit dem ich umgehen darf, für den Trost und die Mahnung, für die Wegweisung und die Hoffnungsbilder.

Du selbst bist das Wort, von dem ich lebe. Amen