Verantwortung aus Segen

  1. Mose 26, 1 – 15

1 Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, und es einnimmst und darin wohnst, 2 so sollst du nehmen die Erstlinge aller Feldfrüchte, die du von deinem Lande einbringst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und sollst sie in einen Korb legen und hingehen an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne, 3 und sollst zu dem Priester kommen, der zu der Zeit sein wird, und zu ihm sagen:

             Die vorausgesetzte Situation: Israel ist in das Land gekommen. Es macht die Erfahrung, dass die Felder Frucht tragen. Es gibt schon den einen Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne. Ein Zentralheiligtum, so wie es der Tempel in Jerusalem über lange Zeiten ist. Es gibt eine Praxis, die ersten Früchte zum Opfer dorthin zu bringen. Alle diese Voraussetzungen legen es nahe: Hier wird in den Anfang zurückdatiert, was später über Jahrhunderte hin Praxis geworden ist. Dahinter steht die Überzeugung: wir erfüllen mit unserem liturgischen Tun, was Gott von Anfang an gewollt hat.

 Ich bekenne heute dem HERRN, deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der HERR, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte.

             Das ist vorgegebener Text vor dem Priester: zu ihm sollst du sagen. Was folgt, ist ein Bekenntnis, kein Gebet. Eine Feststellung. Eine Erklärung: Das bin ich – einer, der ins Land der Väter gekommen ist. Warum: Weil Gott es so geschworen hat und seinen Schwur gehalten hat.

Lobe den Herrn meine Seele,                                                    und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Psalm 103, 2

 Es gehört in jeden Gottesdienst, dass daran erinnert wird: allem Tun auf der Seite des Menschen geht das Tun Gottes voraus. Dass einer da stehen kann mit den Früchten seines Feldes hat die Voraussetzung, dass Gott gegeben hat- das Land, das Feld, die Kraft zur Arbeit, die Früchte.

 4 Und der Priester soll den Korb aus deiner Hand nehmen und ihn vor dem Altar des HERRN, deines Gottes, niedersetzen.

             Indem der Priester den Korb nimmt und vor dem Altar niedersetzt, zeigt er: akzeptiert. Die Gabe ist angekommen und angenommen.

 5 Dann sollst du anheben und sagen vor dem HERRN, deinem Gott: Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk. 6 Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns einen harten Dienst auf. 7 Da schrien wir zu dem HERRN, dem Gott unserer Väter. Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not 8 und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, 9 und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt.

      Der ersten Erklärung folgt die zweite, umfangreicher und detailtreuer. „Der Sprechende rekapituliert die die Kette der Heilstaten von Jakob – er ist doch mit dem Aramäer gemeint – bis zu der Einwanderung in Kanaan.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 113) Aus dem Umherirren und den Umherirrenden ist durch das Handeln Gottes ein zielgerichteter Weg geworden: er hat geführt, er hat ins Land gebracht, dies Land, darin Milch und Honig fließt.  Der HERR hat aus der Not, der Angst, dem Elend geholt und in die Freiheit gestellt.    

 10 Nun bringe ich die Erstlinge der Früchte des Landes, das du, HERR, mir gegeben hast. – Und du sollst sie niederlegen vor dem HERRN, deinem Gott, und anbeten vor dem HERRN, deinem Gott, 11 und sollst fröhlich sein über alles Gut, das der HERR, dein Gott, dir und deinem Hause gegeben hat, du und der Levit und der Fremdling, der bei dir lebt.

Auf Grund dieser Erfahrungen steht der Sprechende vor Gott. Er hat „sich selbst in die Heilsgeschichte eingeordnet und hat in der großartigen Verkürzung der Zeiten sich persönlich als den unmittelbaren Empfänger des Heilsgeschehens der Landverleihung bekannt.“ (G. v. Rad, aaO. S. 114) Er steht gewissermaßen in der Kette derer, die die Heilstaten Gottes erfahren haben. Neben die geschichtlichen Erfahrungen von Rettung treten so – gleichberechtigt – die Erfahrungen einer sesshaften Existenz als der Wohltaten Gottes. Die Gaben vor dem Altar sind Gaben der Dankbarkeit, Erinnerung an die Freundlichkeit Gottes. Diese Freude soll geteilt werden. sie ist nicht auf den einen beschränkt, der die Gaben bringt. Der Levit und der Fremdling, der bei dir lebt – sie sind zur Mitfreude gerufen.

  12 Wenn du den Zehnten deines ganzen Ertrages zusammengebracht hast im dritten Jahr, das ist das Zehnten-Jahr, so sollst du ihn dem Leviten, dem Fremdling, der Waise und der Witwe geben, dass sie in deiner Stadt essen und satt werden.

             Einmal mehr: Die Ordnungen des 5. Buches Mose haben ein besonderes Augenmerk auf die, denen es leicht am Lebensnotwendigen fehlen kann. Die nicht durch Besitz und Herkunft abgesichert sind.  Der Kult vor Gott wird konterkariert, wenn er zu Lasten der Armen geht, wenn er die Bedürftigen übersieht. „Man kann nichts vor Gott darbringen ohne zugleich etwas für den Menschen zu tun, und zwar für den benachteiligten Menschen.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 245)So gesehen führt jeder Gottesdienst zwangsläufig zum Dienst am Menschen und findet in diesem Dienst seine Fortsetzung.

 13 Und du sollst sprechen vor dem HERRN, deinem Gott: Ich hab aus meinem Hause gebracht, was geheiligt ist, und hab’s gegeben den Leviten, den Fremdlingen, den Waisen und den Witwen ganz nach deinem Gebot, das du mir geboten hast. Ich habe deine Gebote nicht übertreten noch vergessen. 14 Ich habe nichts davon gegessen, als ich in Trauer war; ich habe nichts davon weggebracht, als ich unrein war; ich habe nichts davon gegeben als Gabe für die Toten.

            Wir sind als Leser*innen immer noch Beobachter, Zuhörer eines liturgischen Geschehens. Vielleicht sogar innerlich Beteiligte. Es hat den Anklang von Unschuldbeteuerungen, womöglich auch von Unterstellung. Aber in Wahrheit ist es eine Zusicherung: Nichts von dem, was ich hierher gebracht habe, ist vorher anders „verzweckt” worden. Nichts ist nur „Abfall nach vorherigem Gebrauch“. Alle Worte sind streng bezogen auf die Gaben an Fremdling, Waise und Witwe. Das ist nicht die „Tafel“, die unverkäufliche Reste verwertet. Offensichtlich liegt viel daran: Was so geteilt wird, ist von Anfang an dafür ausgesondert und bestimmt, also eben keine Zweitverwertung. Sondern es ist geheiligt – dem unterworfen, dass es Eigentum Gottes ist, zugedacht den Fremdlungen, Witwen und Waisen.

In diesem Handeln erfüllt der Gebenden den Willen und das Gebot Gottes. Ganz so, wie wir es manchmal singen:

 Wenn wir wie Brüder bei einander wohnten,
Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten,
dann würden wir den letzten heilgen Willen                         des Herrn erfüllen.                J. A
. Cramer, 1780, EG 221

Ich bin der Stimme des HERRN, meines Gottes, gehorsam gewesen und habe alles getan, wie du es mir geboten hast. 15 Sieh nun herab von deiner heiligen Wohnung, vom Himmel, und segne dein Volk Israel und das Land, das du uns gegeben hast, wie du unsern Vätern geschworen hast, ein Land, darin Milch und Honig fließt.

             In alledem ist der Sprechende der Stimme Gottes gehorsam gewesen. Das macht deutlich: es geht hier nicht nur um ein vergangenes, traditionsgeleitetes Befolgen eines fremden Willens. Dieses Tun erwächst aus einem aktuellen  und persönlichen Hören, auch dann, wenn es über weite Strecken in ein liturgisches Sprachgewand gekleidet erscheint. „Spontaneität und Verwendung einer agendarischen Form beim dankbaren Bekennen schließen sich nicht aus.“ (D. Schneider, aaO. S. 243) Es kommt mitten im Gottesdienst oft genug dazu, dass einer, eine spürt: Jetzt bin ich gemeint und dann die eigene, persönliche Antwort finden muss.

              Aus diesem neuen Hören heraus entsteht auch – folgerichtig – die Bitte um Segen. Wer Gott gehorcht, auf Gott hört, der wird sich und allen um sich herum immer neu den Segen Gottes erbitten. Weil er weiß, dass der Segen Gottes Leben mit sich bringt, in sich birgt.

 

Heiliger Gott, Du hast uns reich gesegnet, unserem Land Frieden geschenkt, unsere Arbeit nicht vergeblich sein lassen. Du hast uns herausgeführt aus Feindseligkeiten, die über Jahrhunderte hinweg Angst und Schrecken gebracht haben. Du hat es gelingen lassen, die Versöhnung zu Nachbarn zu suchen und zu finden.

Gib Du uns doch auch, dass wir den geschenkten Segen weitergeben an die, die oft mit leeren Händen da stehen, die nicht wissen, wo sie bleiben können, die Angst haben vor dem Tag morgen, weil schon der Tag heute über die Kräfte geht.

Lehre Du uns, die Verantwortung wahrzunehmen, die Dein Segen mit sich bringt. Amen