Es gibt immer Regelungsbedarf

  1. Mose 25, 1 – 16

1 Wenn eine Streitsache zwischen Männern ist und sie vor Gericht kommen und man sie richtet, so soll man den, der im Recht ist, gerecht sprechen und den Schuldigen schuldig sprechen. 2 Und wenn der Schuldige Schläge verdient hat, soll ihn der Richter hinlegen lassen, und man soll ihm vor dem Richter eine Anzahl Schläge geben nach dem Maß seiner Schuld. 3 Wenn man ihm vierzig Schläge gegeben hat, soll man nicht weiterschlagen, damit, wenn man mehr Schläge gibt, er nicht zu viel geschlagen werde und dein Bruder entehrt werde in deinen Augen.

             Das ist uns fremd und kommt uns womöglich auch barbarisch vor: Prügelstrafe. Vorausgesetzt ist: es gibt Verhalten, für das diese Strafe angebracht ist. Aber der Text schweigt sich darüber aus, in welchen Fällen diese Strafe angebracht ist. Es wird kaum um schwerste Vergehen gehen können. Die werden ja mit dem Tod geahndet. Ob es um Beleidigungen geht, um verbale, ehrabschneidende  Entgleisungen? Um Übergriffe unterhalb der schweren körperlichen Attacken? Wir wissen es nicht.

Man muss ehrlich sein: Prügelstrafe geht heute bei uns gar nicht mehr, auch wenn sie in islamischen Länder noch „gepflegt“ wird. Manchmal aber möchte man sich wünschen, dass einer am eigenen Leib einmal den Schmerz erfährt, den er anderen mit seinen verbalen Entgleisungen  an der Seele und in der Selbstachtung zufügt. Und dafür auch noch johlenden Beifall erntet. Das anzumerken ist ausdrücklich kein Plädoyer für die Einführung der Prügelstrafe in das deutsche Recht.

Was wir wissen, ist das vorgesehene Strafmaß: Bis zu vierzig Schläge. Vor lauter Entrüstung kann man es übersehen: die Prügelstrafe wird hier eingegrenzt. Sie darf nicht dazu führen, dass dein Bruder entehrt werde in deinen Augen. Auch und „gerade der zu Recht Verurteilte bleibt Bruder.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 235) Es fällt auf, dass hier völlig auf eine theologische Begründung verzichtet wird. Kein Wort davon, dass der Missetäter doch auch Glied des auserwählten Volkes Gottes ist, gar „Bild Gottes“(1. Mose 1, 26). Die Beschränkung des Strafmaßes wird bestimmt  „von dem Begriff der Menschenwürde, die nicht verletzt werden darf“.(G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 110) Ein wenig zögere ich, in diesem dürren Rechtssatz schon einen Begriff der Menschenwürde zu finden, wie wir sie heute verstehen.  Aber es ist sicherlich ein Schritt in diese Richtung.

Der Blick ins Neue Testament erinnert: Paulus hat mehrfach die Prügelstrafe erlitten, Von Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden.“(2. Korinther 11, 24-25) Auch in der römischen Variante in Philippi: „Und das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen.“(Apostelgeschichte 16,22) Da aber gelingt es ihm, sich gegen die damit verbundene Entwürdigung – nachträglich – erfolgreich zur Wehr zu setzen und eine Entschuldigung durch die Stadtoberen zu erreichen.

  4 Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.

   Folgt auf die “menschenfreundliche” Regelung jetzt eine tierfreundliche? Ausgelöst durch eine Gedankenkette? Haben wir ein frühes Beispiel für Tierliebe vor Augen?  Gar für die heutzutage gern beschworene „Würde der Kreatur“ (D. Schneider, aaO. S. 235) die parallel zur Menschenwürde gesehen wird. Wieder bin ich zögerlich. Als Landwirtenkel weiß ich: Wer seine Tiere nicht ordentlich fressen lässt, schadet sich selbst. Der Ochse, der nichts zu fressen bekommt, wird irgendwann die Dresch-Mühle nicht mehr ziehen können. Dieses Motiv des Eigennutzes für den ordentlichen Umgang mit seinen Ochsen ist weit entfernt von allen romantischen Vorstellungen von Tierliebe. Aber vielleicht nahe an der Realität einer kleinbäuerlich geformten Gesellschaft. Ob ich dafür „altes Sippenethos“ (G. v. Rad, aaO. S. 110)  bemühen muss, weiß ich auch nicht.

Immerhin: Im vermutlich viel später gesammelten Spruchgut findet sich ein Satz, der sich mit diesen Überlegungen leicht verbinden lässt: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs; aber das Herz der Frevler ist unbarmherzig.“(Sprüche 12,10) Man sieht auch am Umgang mit dem Vieh, den Tieren, wes Geistes Kind einer ist.

 5 Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines Mannes aus einer andern Sippe werden, sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen. 6 Und der erste Sohn, den sie gebiert, soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders, dass dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel. 7 Gefällt es aber dem Mann nicht, seine Schwägerin zu nehmen, so soll sie, seine Schwägerin, hingehen ins Tor vor die Ältesten und sagen: Mein Schwager weigert sich, seinem Bruder seinen Namen zu erhalten in Israel, und will mich nicht ehelichen. 8 Dann sollen ihn die Ältesten der Stadt zu sich rufen und mit ihm reden. Wenn er aber darauf besteht und spricht: Es gefällt mir nicht, sie zu nehmen –, 9 so soll seine Schwägerin zu ihm treten vor den Ältesten und ihm den Schuh vom Fuß ziehen und ihm ins Gesicht speien und soll antworten und sprechen: So soll man tun einem jeden Mann, der seines Bruders Haus nicht erbauen will! 10 Und sein Name soll in Israel heißen »des Barfüßers Haus«.

             Levirats-Ehe nennt man den Vorgang, der hier angesprochen ist und geregelt werden soll. Kinderlosigkeit ist ein schweres Schicksal. Nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Es ist schlimm, wenn ein Mann ohne Nachfahren stirbt. Über das individuelle Schicksal hinaus: „Zum Wesen des Volkes Gottes im Alten Testament – darin macht das Deuteronomium keine Ausnahme – gehört sein Fortleben von Geschlecht zu Geschlecht. Der Segen Gottes will ohne Begrenzung durch den Tod sein.“(D. Schneider, aaO.S. 236) Es geht also um mehr als um den Erhalt des Namens. Es geht darum, dass die Geschichte von Gottes von Geschlecht zu Geschlecht weiter geht. Deshalb ist der Generativität in Israel ein so hoher Wert beigemessen.

Darum gibt es diese Pflicht, die Frau eines verstorbenen Bruders aus der Familie nun seinerseits zur Frau nehmen und mit ihr Kinder zu zeugen. So geht der Name des Bruders nicht verloren und die Geschlechterfolge reißt nicht ab. So weit so gut. Die Regelung hier macht aber sichtbar, dass diese Ordnung der Schwagerehe nicht immer gewollt und akzeptiert ist. Es gibt Verweigerer. Das könnte Hinweis dafür sein, dass irgendwann „ als Zeichen des Verfalls der alten Sitte eine gewisse Freiwilligkeit“ (G. v. Rad, aaO. S. 111) vorausgesetzt werden muss. Die aber eben  nicht immer gegeben ist.  Weil es auch um die Wertachtung der Frau geht, erhält sie durch die Ordnung eine starke Waffe in die Hand. Sie kann zwar nichts erzwingen. Aber sie kann sehr wohl den Verweigerer in einem ordentlichen Verfahren im Tor vor den Ältesten bloß stellen. So sehr, dass ihm ein regelrechter Spottname angehängt werden kann, abgeleitet aus dem handfesten Vorgang vor Gericht. Und sein Name soll in Israel heißen »des Barfüßers Haus«. Mit diesem Spottnamen werden auch seine „regulären“ Nachkommen getroffen. Vielleicht ist das ja die stärkste Waffe in den Händen einer verzweifelten Frau.

  11 Wenn zwei Männer gegeneinander handgreiflich werden und des einen Frau läuft hinzu, um ihren Mann zu erretten von der Hand dessen, der ihn schlägt, und sie streckt ihre Hand aus und ergreift ihn bei seiner Scham, 12 so sollst du ihr die Hand abhauen, und dein Auge soll sie nicht schonen.

            Es folgt eine Anordnung, die in die Gegenrichtung zeigt: Frauen dürfen auf keinen Fall übergriffig werden. Wahrscheinlich muss man so lesen: Wer die Frauen in ihren Rechten stärkt, muss auch dafür sorgen, dass sie nicht zu stark werden. Hier: sich in Männersachen einmischen. Selbst wenn es darum geht, den eigene Mann zu erretten. Für mein Lesen gilt: Mir bleibt unklar, wem die Frau in die Genitalien greift, ob dem eigenen Mann – wer würde seinen Mann so aus einen Streit abziehen wollen? – oder ob dem anderen? Der könnte ja in der Tat, an der empfindlichen Stelle angefasst, die Handgreiflichkeiten einstellen.

Wie auch immer – irgendwie wirkt die ganze vorgestellte Szene abstrus und auch konstruiert. Umso bedenklicher ist die rigorose Strafandrohung: Verstümmelung. Das kennen wir Europäer nur noch aus Fernsehmeldungen über Strafen in ultra-orthodoxen muslimischen Ländern. Und „Die Strafe der Körperverstümmelung, im Codex Hammurapi häufig angedroht ist sonst nirgends in Israels Gesetzgebung vorgesehen.“ (G. v. Rad, ebda.)Wenn man so will: ein skurriler Einzelfall und ein Ausreißer im Gesetz.

Wieder gilt es, sich zu erinnern: in der Gegenwart ist diese Form der Zwangsamputation in manchen islamischen Ländern noch Usus. Hand ab für den Dieb. Bevor wir uns moralisch überheben: das „gesunde Volksempfinden” fordert auch in Deutschland oft genug die Zwangssterilisation von Triebtäter – …. ab! Manchmal wird die biologisch-chemische Sterilisation wohl auch gerichtlich angeordnet.

 13 Du sollst nicht zweierlei Gewicht, groß und klein, in deinem Beutel haben, 14 und in deinem Hause soll nicht zweierlei Maß, groß und klein, sein. 15 Du sollst ein volles und rechtes Gewicht und ein volles und rechtes Maß haben, auf dass dein Leben lange währe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. 16 Denn wer das tut, der ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel, ein jeder, der übel tut.

             Schließlich und endlich: Fairer Handel. Nicht messen mit zweierlei Maß. Nicht wiegen mit zweierlei Gewicht. In einer Gesellschaft ohne behördliche Eichstellen ist das ein kaum zu überschätzender Beitrag zu fairem Geschäftsgebaren. Wunderbar auf den Punkt gebracht in einer kleinen Erzählung:

Ein Bäcker bezog vom Bauern Butter und der Bauer vom Bäcker Brot. Nun schien es dem Bäcker, als ob die Butterstücke, die vom Bauern kamen, immer kleiner würden. Die Waage gab ihm  recht und er verklagte den Bauern. „Ihre Butterstücke sollen nicht das erforderliche Gewicht haben“, sagte der Richter zum Bauern, „sie sollen je drei Pfund wiegen, aber sie wiegen weniger.“ „Ausgeschlossen“, sagte der Bauer. „Ich wiege sie doch jedes Mal nach.“ „Stimmen die Gewichte Ihrer Waage vielleicht nicht?“, fragte der Richter. „Der Bauer war erstaunt: „Gewichte? Das habe ich nicht.“ „Aber wie wiegen Sie denn dann Ihre Butter?“ „Sehen Sie, Herr Richter, ich krieg mein Brot vom Bäcker und so ein Laib wiegt drei Pfund. Also lege ich auf die eine Seite der Waage einen Laib Brot und auf die andere Seite meine Butter und balanciere die Waage aus.“ Sprach´s und zog einen Laib Brot des Bäckers hervor. Der Richter wog nach – die Butter war auf´s Haar genau so schwer wie das Brot. Der Richter lachte, der Bauer lächelte, der Bäcker tobte. (Alles in Butter, Andere Zeiten, 1/2016)

Es ist die Einforderung des redlichen Umgangs miteinander. So wie sie frühere Generationen noch singenderweise gelernt haben:

Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab.        
Dann wirst du wie auf grünen Au´n                                      durch´s Pilgerleben geh´n
Dann kannst du sonder Furcht und Grau´n                            dem Tod ins Auge seh´n.
                L. Chr. Hölty 1775

Es ist bemerkenswert, wie das Volkslied die Verheißung des biblischen Wortes aufnimmt und interpretiert.   Aus der eher irdischen Wohlverheißung, auf dass dein Leben lange währe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird,  wird bei Hölty angstfreies Sterben. Der Tod verliert seinen Schrecken. Im biblischen Wort: Das Leben gewinnt an Fülle.

Überblickt man den ganzen Abschnitt, drängt sich der Gedanke auf: es ist eine eher zufällig und nicht in sich schlüssige Sammlung von Rechtsfällen. Einen roten Faden durch diese Sammlung wird man vergeblich suchen. Wohl aber kann man sagen: es geht um den Alltag. Die Welt der kleinen Leute und manchmal der bizarren Schicksalsfälle wird hier geordnet. Der Abschnitt ist gewiss der große Wurf der Rechtsphilosophie.  in der heute gern gepflegten Sprache: die große Vision fehlt. Aber: es werden Regelungen für das alltägliche Miteinander gesetzt, die im Umgang der Menschen ein wenig mehr Rechtssicherheit erzeugen können. Wenn es doch einen roten Faden gibt, so ist es das Schutzbedürfnis der Schwächeren, der Schwächsten. Das ist nicht nichts.

 

Heiliger Gott, Du bist im Himmel, wir sind auf der Erde. Aber Du bist kein weltfremder Gott, der alles dem freien Spiel der Kräfte überlässt.

Du willst, dass wir Regeln finden, die die Schwachen schützen, die der Diskriminierung jeder Art wehren, die den Raum zu eigenem Handeln eröffnen, die die Starken dazu nötigen, sich zugunsten der Schwächeren zu engagieren.

Lehre Du mich, auch durch mein Handeln die Würde derer zu wahren, die in meinem Umfeld leben, für sie das Wort zu ergreifen, ihnen zu ihrem Recht zu helfen. Amen