Gottes Rechtsschutz

  1. Mose 24, 6 – 22

 6 Du sollst nicht zum Pfande nehmen den unteren und oberen Mühlstein; denn damit hättest du das Leben zum Pfand genommen.

             Manchmal arbeitet sich der Text des 5. Mose von Fall zu Fall. Es muss nicht immer eine Verbindung zwischen den einzelnen Regelungen zu erkennen sein. Jetzt also wird der Fall einer Pfandbitte verhandelt. Jemand ist so in Nöten, dass er einen anderen um Hilfe bittet und dafür ein Pfand stellen muss. Das erscheint als ganz normaler Vorgang. nicht anstößig.

Aber das Pfandnehmen hat seine Grenzen. Da, wo es um unabweisbare Lebensgüter geht. Was zum Lebensunterhalt gebraucht wird, darf nicht als Pfand genommen werden. Wer einem Armen seine Mühle nehmen würde, die er fürs tägliche Brotbacken braucht, würde „dem Armen ans Leben greifen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 108) Es ist eine Schutzbestimmung, die der Gesetzgeber – hier doch Gott – zugunsten dessen festlegt, der in materieller Not ist: „Der Gläubiger darf bestimmte Gegenstände des täglichen Bedarfs erst gar nicht als Pfand für sein Darlehen fordern.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 230)

 Diese Schutzbestimmungen aus dem 5. Buch Mose haben ihren Eingang in das heutige Recht der Bundesrepublik gefunden. Die Gegenstände des täglichen Bedarfs dürfen nicht gepfändet werden, dürfen auch vom Gerichtsvollzieher nicht zum Ausgleich von Schulden eingezogen werden. Man mag staunen, was in diesem Zusammenhang vom heutigen Gesetzgeber alles als zum täglichen Bedarf gehörig bestimmt ist.

7 Wenn jemand ergriffen wird, der von seinen Brüdern, den Israeliten, einen Menschen raubt und ihn gewalttätig behandelt oder ihn verkauft: Solch ein Dieb soll sterben, dass du das Böse aus deiner Mitte wegtust.

             Das Thema wechselt. Ein anderer Rechtsfall ist zu klären. Es geht wohl um Erläuterung zu dem Gebot: Du sollst nicht stehlen. „Dass sich das Diebstahlsverbot ursprünglich auf den Raub eines freien Menschen bezog, wird heute als sicher angenommen.“ (G. v. Rad, aaO. S. 43)  Kein Menschenhandel mit Leuten aus dem eigenen Volk. Geschützt vor dem Menschenraub sind die Brüder, die Israeliten. Wohl auch die Frauen aus Israel. Liest man das, so wird erst die Ungeheuerlichkeit begreiflich, die im Tun der Brüder Josephs liegt, die ihren Bruder nach Ägypten verkaufen (1. Mose 37, 27-28). Wer mit Menschen handelt ist wie ein Totschläger, schlimmer: wie ein Mörder. So sind, im Nachhinein betrachtet, die Brüder Josephs. Sie haben im Grunde nach dem Gesetz ihr Leben verwirkt.

Umso heller leuchtet dann das, was im 1. Buch Mose als Versöhnung und als Vergebung erzählt wird. Die „Mörder“ kommen frei, weil der Bruder ihnen vergibt. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“(1. Mose 50, 20-21)

         Darf man das womöglich so lesen: diese Vergebung ist die andere Weise, das Böse aus deiner Mitte wegzutun. Es gibt nicht nur die Bestrafung durch den Tod. Es gibt auch den Neuanfang durch Vergebung. Schon in der Hebräischen Bibel. Entgegen allen Leseweisen, die diese  Schriften des “Alten Testamentes” nur unter den Stichworten zorniger und strafender Gott, Gewalt und Rache ablegen zu können glauben.

8 Hüte dich beim Auftreten von Aussatz, dass du alles genau hältst und tust, was euch die levitischen Priester lehren; wie ich ihnen geboten habe, so sollt ihr’s halten und danach tun. 9 Bedenke, was der HERR, dein Gott, mit Mirjam tat auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt.

    Aussatz ist mehr als eine Krankheit. Er ist in damaliger Zeit ein Todesurteil. Er stößt einen Menschen aus der sozialen Gemeinschaft in die Vereinsamung.  Er gilt als Gottesschlag, als Plage (nægaʽ) – so genauer statt „Auftreten“ Es geht nicht nur um den immer möglichen Fall einer Krankheit, sondern um das, was dahinter steht. Umso wichtiger ist es, die Weisungen der Priester zu befolgen. „Für die Diagnose und die Therapie schwerer Krankheiten waren in Israel die Priester zuständig, denn eine so schwere Bedrohung betraf unmittelbar das Verhältnis des Menschen zu Gott.“(G. v. Rad, aaO. S. 108) Dass auch Jesus in diesem Denken immer noch zu Hause ist, zeigt sich in seiner wiederholten Anweisung an geheilte(!) Aussätzige: „Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.“(Markus 1,44) Ähnlich: „Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.“ (Lukas 17, 14)

             Mirjam wird hier als historisches Beispiel angeführt. Auch als Beispiel, dass Gott beides kann, durch Aussatz strafen und vom Aussatz befreien.

10 Wenn du deinem Nächsten irgendetwas borgst, so sollst du nicht in sein Haus gehen und ihm ein Pfand nehmen, 11 sondern du sollst draußen stehen und er, dem du borgst, soll sein Pfand zu dir herausbringen. 12 Ist er aber bedürftig, so sollst du dich nicht schlafen legen mit seinem Pfand, 13 sondern sollst ihm sein Pfand wiedergeben, wenn die Sonne untergeht, dass er in seinem Mantel schlafe und dich segne. So wird das deine Gerechtigkeit sein vor dem HERRN, deinem Gott.

             Noch einmal das leidige Thema: Leihen, Borgen, Pfand geben und nehmen. Die Worte hier laufen auf eine klarte Weisung hinaus: Die Schamgrenze wahren! Den, der sich ohnehin schon in seiner Haut nicht wohlfühlt, weil er um Geldleihe bitten muss, nicht noch zusätzlich erniedrigen, indem man forschen geht, ob er auch das bestmögliche Pfand gibt.

Eine weitere Schutzbestimmung wird wiederholt: Das Pfand darf nicht die unmittelbaren Lebensumstände berühren. „Zum unmittelbaren Lebensbedarf gehört der Mantel, der zum Zudecken in kalten Nächten benötigt wurde.“ (D. Schneider, ebda.) So darf solch ein Pfand wirklich nur kurzfristig, für den Tag genommen werden.

 14 Dem Tagelöhner, der bedürftig und arm ist, sollst du seinen Lohn nicht vorenthalten, er sei von deinen Brüdern oder den Fremdlingen, die in deinem Land und in deinen Städten sind, 15 sondern du sollst ihm seinen Lohn am selben Tage geben, dass die Sonne nicht darüber untergehe – denn er ist bedürftig und verlangt danach –, damit er nicht wider dich den HERRN anrufe und es dir zur Sünde werde.

             Noch einmal zum Schutz für den materiell und rechtliche Benachteiligten, diesmal den Tagelöhner. Keine Lohnpfändung, kein Lohn-Zurückhalten. Der Lohn soll so sein, dass er reicht. Für den Tag. Und er soll ohne Verzögerung ausgezahlt werden. Das lese ich und weiß, dass es bis heute Unternehmen gibt, die die Lohnauszahlung gerade im Niedrig-Lohn-Bereich hinauszögern, oft bis an den Rand des Erträglichen. Was wäre bei uns in unserem reichen Land schon allein dadurch gewonnen, dass Menschen nicht über Gebühr auf ihren Lohn warten müssen.

Sie könnten, wie der Tagelöhner in Israel, aufhören vor Gott zu klagen. Sie könnten Segensworte über denen sprechen, die ihnen gerechte Löhne rechtzeitig zugestehen und auszahlen. Wie nebenbei: Solcher unfaire Umgang mit dem Lohn der Armen wird allzu leicht zur Sünde, zu einem Verhalten, das von Gott entfremdet.

 16 Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben.

             Keine Sippenhaftung. Kein Bann gegen ganze Familien. „In älteren Zeiten wird von Exekutionen berichtet, die nach dem Gesetz der Solidarhaftung vollzogen wurden, demzufolge die ganze Familie in das Unheil des Betroffenen hineingerissen wurde.“ (G. v. Rad, aaO. S. 109) So erzählt das Josua-Buch: „Da nahmen Josua und ganz Israel mit ihm Achan, den Sohn Serachs, samt dem Silber, dem Mantel und der Stange von Gold, seine Söhne und Töchter, seine Rinder und Esel und Schafe, sein Zelt und alles, was er hatte, und führten sie hinauf ins Tal Achor. Und Josua sprach: Weil du uns betrübt hast, so betrübe dich der HERR an diesem Tage. Und ganz Israel steinigte ihn und verbrannte sie mit Feuer.“(Josua 7, 24-25)

             Dieser Satz aus der Rechtssetzung wird im prophetischen Wort aufgenommen und erneut eingeschärft als Wort Gottes. „Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugutekommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen.“(Hesekiel 18,20) Es könnte durchaus sein, dass der Prophet in seinem Wort an dieses Wort des Gesetzes anknüpft. Es ist eine wichtige Botschaft im Verlauf der Geschichte Israels: Es gibt keine Kollektiv-Schuld. Es gibt kein Urteil, dass ein anderer über seine ganze Sippe brächte.

17 Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen und sollst der Witwe nicht das Kleid zum Pfand nehmen. 18 Denn du sollst daran denken, dass du Knecht in Ägypten gewesen bist und der HERR, dein Gott, dich von dort erlöst hat. Darum gebiete ich dir, dass du solches tust.

             Und noch einmal: Fürsorge für die, die darauf angewiesen sind – Fremdlinge, Waise und Witwe. In Zeiten, die keine Rechtsschutzversicherung kennen, ist das Recht Gottes der Schutz der Schutzlosen, die Zuflucht für die Hilfsbedürftigen. Im Umgang mit denen, die so angewiesen sind soll sich spiegeln, wie Gott mit Israel umgegangen ist, als es Knecht in Ägypten war, angewiesen auf göttlichen Beistand. Fast könnte man sagen: in der Fürsorge spielen die, die sie üben, Gott. Sie werden zu Handlanger Gottes, indem sie sein Handeln nachspielen.

  19 Wenn du auf deinem Acker geerntet und eine Garbe vergessen hast auf dem Acker, so sollst du nicht umkehren, sie zu holen, sondern sie soll dem Fremdling, der Waise und der Witwe zufallen, auf dass dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hände. 20 Wenn du deine Ölbäume geschüttelt hast, so sollst du nicht die Zweige absuchen; es soll dem Fremdling, der Waise und der Witwe zufallen. 21 Wenn du deinen Weinberg abgelesen hast, so sollst du nicht nachlesen; es soll dem Fremdling, der Waise und der Witwe zufallen. 22 Denn du sollst daran denken, dass du Knecht in Ägyptenland gewesen bist. Darum gebiete ich dir, dass du solches tust.

            Schließlich eine Anweisung, die auf die bäuerliche Gesellschaft zielt. Nicht alles bis zum letzten abernten. Es mag ja sein, dass hinter diesen Regeln, wenn sie so uralt sind, einmal eine andere Vorstellung stand: Dass es Feldgeister gibt, Gottheiten, die so gnädig gestimmt werden. Das aber ist als Begründung völlig hinfällig geworden. Das Recht der Nachlese ist kein sakrales Recht mehr. „Die Bestimmungen appellieren jetzt ausschließlich an die sozial-humanitäre Besinnung des Besitzers gegenüber den wirtschaftlich Schwachen.“ (G. v. Rad, ebda.) Die Begründung erwächst aus der Erinnerung: du warst auch einmal angewiesen.

Stärker aber ist noch die andere Begründung: Darum gebiete ich dir, dass du solches tust. Es ist der Wille Gottes, der sich mit Israel verbunden hat, der das so von seinem Volk will.  Ich lese in einem Buch, das sich als intellektuell gebärdet und den Brückenschlag zum modernen Menschen versucht: „Die Vorstellung Gottes als des Schöpfers des Universums erweist sich zwar als die konsequenteste Form der Welterklärung im subjektivischen Paradigma, sie ist aber nur zirkulär zu begründen und enthält keine notwendigen Konsequenzen für das menschliche Leben und Verhalten.“ (H. Fischer, Haben wir alle denselben Gott, Norderstedt 2015, S. 63) Völlig abgesehen, ob jemand das versteht, was der Autor meint und diese Meinung teilt: der Glaube an einen Schöpfer ändert nichts am konkret gelebten Leben –  das gesamte Zeugnis der Hebräischen Bibel hat eine andere, genau entgegen gesetzte Tendenz: Der Glauben an den Schöpfer nimmt das Leben für ihn in Anspruch. Verpflichtet zu einem spiegelbildlichen Leben und damit zu Humanität.

Oder, anders gesagt, mit den Worten eines Alttestamentlers: „Das Land und die Erde sind sein – das heißt nicht in erster Linie, dass er als Allein-Besitzer anerkannt werden, sondern vielmehr, dass er als Freund und Rächer der Bedrückten, der schlecht Weggekommenen, mit der Tat erkannt werden soll.“(K.H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1963, S. 239) Hier: mit der Tat dessen, der auf die Nachlese verzichtet.

Dieser Verzicht wird in der so schönen Erzählung von Ruth zu einem tragenden Motiv. Geboten von einem angesehenen und redlichen Mann aus der Sippe Elimelechs, und sein Name war Boas.(Ruth 2, 1) Einem guten Mann nach dem Herzen Gottes.

Das regelrecht Moderne an diesen Sätzen: sie fordern nicht gelegentliche Mildtätigkeit ein, gelegentliche Almosen, sondern sie formulieren Rechtsansprüche. Barmherzigkeit darf nicht nur ein Gefühl bleiben, nicht nur ein Mitleidsreflex. Es geht um ein immer geltendes Armen-Recht. Es geht um berechtigte Ansprüche, die aus einer entwürdigenden Bittsteller-Rolle heraushelfen. Anders gesagt: was hier steht, sind Sozial-Klauseln. Die eingefordert werden dürfen. Dahinter steht die Überzeugung, erfahrungsgestützt, dass Tagelöhner, Witwen, Waisen, Fremdlinge schutzbedürftig sind, auch gegenüber einer Willkür der Mächtigeren, der Reicheren, derer, die Bedingungen diktieren können. Nein, sagt das Mose-Buch: Eigentum verpflichtet. Zugunsten derer, die es nötig haben. Damit ihre Würde gewahrt bleibt.

 

Heiliger, barmherziger Gott, Du willst, dass wir Dir entsprechen, dass wir Maß nehmen an Deinem Erbarmen, dass wir Zuflucht werden für die, die Zuflucht nötig haben, dass wir denen den Raum zum Leben öffnen, die sich eingeengt und abgehängt erfahren.

Dir liegen die am Herzen, die zu kurz kommen, unter die Räder geraten in einer Welt, in der die Starken gewinnen, in der die Schnellen vorneweg sind, in der die Lauten das Ohr der meisten finden.

Du willst, dass wir Hoffnungsträger werden für die, deren Hoffnungen am Boden sind, dass wir Hilfe werden für die, die sich selbst nicht mehr helfen können.

Gib Du mir, dass ich darin den Weg meines Lebens finde, und helfe, wo ich es kann mit meiner kleinen Kraft. Und schenke mir auch, dass ich Hilfe finde und Zuflucht, wenn ich sie nötig habe in meiner Schwachheit, bei Menschen und bei Dir. Amen

Ein Gedanke zu „Gottes Rechtsschutz“

  1. Lieber Uli, wie Deine Betrachtung zeigt, lohnt es sich auch heute noch, die Kommentare von Gerhard von Rad und Dieter Schneider zu lesen. Du hast Dich von ihnen anregen lassen – und dann Deine Gedanken entfaltet.
    Was war das für ein Volk, das sich so intensiv und nachhaltig mit den Tagelöhnern, Witwen und Waisen beschäftigt hat und auf diese Weise für Gerechtigkeit sorgte! Und wie müht man sich heute ab, gerecht mit Hartz-IV-Empfängern, Alleinerziehenden und Kindern an der Armutsgrenze umzugehen, sodass sie das zum Leben Nötige haben. Fortschritte sollen im gerade ausgehandelten Koalitionsvertrag erzielt worden sein. Und so bittet man jetzt um Zustimmung für das, wofür sich eine neue Regierung einsetzen soll. Diese Texte des Alten Testamentes nehmen dabei den Einzelnen in Pflicht, rufen ihn auf, an der Barmherzigkeit Gottes Maß zu nehmen und das Seine zu tun.
    Das ist bis heute vorbildlich.

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