Nicht haftbar

  1. Mose 21, 1 – 9

1 Wenn man einen Erschlagenen findet in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, es einzunehmen, und er liegt auf freiem Felde und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat, 2 so sollen deine Ältesten und Richter hinausgehen und den Weg abmessen von dem Erschlagenen bis zu den umliegenden Städten.

             Da wird eine Leiche auf dem Land gefunden. So fangen Krimis an und die Suche nach dem Täter, den Tätern nimmt ihren Lauf. Davon kann hier keine Rede sein. Nur das zählt: „Ein Mord bringt Blutschuld über die Gemeinschaft.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 97) Wenn man den Mörder kennt, dann ist das Problem lösbar – durch seinen Tod, den die Gemeinschaft verhängt. Was aber, wenn kein Täter zu finden ist?  Was, wenn Gott zur ganzen Gemeinschaft sagt, was er zu Kain gesagt hat: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“(1. Mose 4, 10) Weil es um die Gemeinschaft geht, sind die Ältesten und Richter gefordert, nicht als Detektive, sondern als die, die eine Entsühnung des befleckten Landes einleiten.

 3 Welche Stadt am nächsten liegt, deren Älteste sollen eine junge Kuh nehmen, mit der man noch nicht gearbeitet und die noch nicht am Joch gezogen hat, 4 und sollen sie hinabführen in einen Talgrund, der weder bearbeitet noch besät ist, und dort im Talgrund ihr das Genick brechen.

             Nachdem der nächstliegende Ort festgestellt ist, beginnt das „Zeremoniell“: eine junge Kuh, ein Rind würden wir sagen, muss ihr Leben lassen. So wie die Kuh nicht schon dem Broterwerb gedient haben darf, so auch der Ort nicht, an dem ihr das Genick gebrochen wird. Beides deutet darauf hin: hier geht es nicht um ein Opfer im üblichen Sinn. Da ist weit und breit kein Heiligtum. Und auch für das Töten des Tieres ist kein Priester zuständig. Keine Opferhandlung. „Der wüste Ort, an dem die Tötung zu geschehen hat, aber auch die Bestimmung, dass das betreffende Tier durch keinerlei Nutzung profanisiert werden darf, spricht dafür, dass es sich hier ursprünglich eben nicht um ein Opfer, sondern um eine magische Prozedur zur Beseitigung einer Schuld handelte.“ (G. v. Rad, ebda.) Immer noch sind nur die Ältesten gefragt und aktiv.

5 Und die Priester, die Söhne Levi, sollen herzutreten, denn der HERR, dein Gott, hat sie erwählt, dass sie ihm dienen und in seinem Namen segnen, und nach ihrem Urteil sollen alle Sachen und alle Schäden gerichtet werden.

             Wofür es jetzt die Priester braucht, ist nicht so richtig einsichtig. Sie tun nichts. Sie sagen nichts. Sie stehen nur dabei. Wenn man wohlwollend denkt, kommt man zu dem Schluss: „Sie stehen ihnen bei: die ganze Gottesgemeinde wirkt durch ihre Repräsentanten mit.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 202) Gleichwohl wirkt dieser Satz wie eine (spätere) Zufügung, veranlasst durch die stetigen Erfahrungen im Land: Priester sind in fast allen Lebensbezügen beteiligt. In diesem besonderen Fall aber „bleiben sie mehr als Statisten auf der Szene stehen.“ (G. v. Rad, ebda.) Ironisch könnte man sagen: so ist es bis heute oft.

 6 Und alle Ältesten der Stadt, die dem Erschlagenen am nächsten liegt, sollen ihre Hände waschen über der jungen Kuh, der im Talgrund das Genick gebrochen ist. 7 Und sie sollen anheben und sagen: Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben’s nicht gesehen.

             Das Heft des Handelns bleibt bei den Ältesten. Sie waschen ihre Hände in Unschuld. Sie sprechen die Formel, die jede Beteiligung am Blut des Ermordeten abstreitet. Es ist hier in der Tötung der Kuh kein Blut geflossen – so sind sie auch frei von dem Blut des Erschlagenen. Das ist ein uraltes Ritual, dessen Herkunft wir nicht kennen und dass uns sonst auch nicht begegnet.

 8 Entsühne dein Volk Israel, das du, der HERR, erlöst hast; lege nicht das unschuldig vergossene Blut auf dein Volk Israel! So wird für sie die Blutschuld gesühnt sein. 9 So sollst du das unschuldig vergossene Blut aus deiner Mitte wegtun, dass du tust, was recht ist vor den Augen des HERRN.

Neben den Vollzug des Rituales tritt der Gebetsruf. Vielleicht gehört er nicht von Anfang an zu dem Ritual, sondern ist ein Zuwachs aus späterer Zeit. Das muss offen bleiben.  Aber dass das Gebet hinzukommt, ist wichtig, weil es einem Missverständnis in Bezug auf das Ritual vorbeugt: „Nun ist es nicht mehr ein selbstwirksamer magischer Prozess, der das Unheil in Richtung auf ein steriles Gebiet ableitet, sondern Gott, der kraft seines Erbarmens die Entsündigung schafft.“ (G. v. Rad, aaO. S. 98) Es ist Gott, der den Weg in die Freiheit eröffnet, der aus den Tatfolgen erlöst, nicht irgendein  magisches Ritual. Da das ganze Geschehen kein Opfer ist, geht es hier auch nicht darum, Gott zu versöhnen. Es geht allein darum, Menschen aus ihrer Angst zu lösen, dass von dem vergossenen Blut, der Untat des Mordes weiter Unheil ausgehen wird.

Ich versuche noch eine andere Annäherung. Ein ungeklärter Mord liegt wie ein schwerer Grauschleier über einen Dorf. Jeder und jede ist potentiell verdächtig. Es wird nicht lange dauern, bis sich Misstrauen einnistet, fest frisst, das Miteinander durchdringt und die Beziehungen vergiftet. Das alles geht nicht weg durch den Appell, doch wieder Vertrauen zu fassen, an das Gute im Nachbarn zu glauben. Es geht weg, wenn sich, manchmal nach Jahren erst, die Tat aufklären lässt. Dann klart auch der Himmel über diesem Ort wieder auf.

So zu lesen, lässt mich verstehen: Hier geht es nicht darum, irgendwie Gott zu versöhnen, irgendwie den Boden zu entsühnen. Sondern hier geht es darum, dass dem Misstrauen eine andere Tat entgegen gesetzt wird, eine vertrauensbildende Maßnahme. Dass der Himmel wieder aufklart – ersatzweise durch einen Ritus, der uns noch so archaisch vorkommen mag. Wenn er auch  nicht von jetzt auf gleich wirken wird, setzt er doch einen Hoffnungsakzent mi Langzeitwirkung.

 

Du Gott des Lebens, Du willst, dass wir leben, dass wir nicht in die Gefangenschaft der Angst geraten, dass wir nicht gelähmt werden von Furcht, von den Vorstellungen des fortzeugenden und anwachsenden Bösen. Das Böse ist immer und überall. So manche Untat bleibt ungesühnt, die Täter kommen davon.

Das legt sich wie eine Lähmung auf die, die betroffen sind, unschuldig in solches Geschehen mit hinein gezogen. Du willst uns frei machen. Darum dürfen wir zu Dir rufen. Darum dürfen wir auch unsere Unschuld beteuern. Darum dürfen wir darauf vertrauen, dass Du uns aus der Angst herausführst, uns schützt vor den Vorstellungen, dass wir haftbar gemacht werden für Unheil, an dem uns keine Schuld trifft. Amen