Zufluchtsorte – vom Asylrecht

  1. Mose 19, 1 – 13

 1 Wenn der HERR, dein Gott, die Völker ausgerottet hat, deren Land dir der HERR, dein Gott, geben wird, dass du es einnimmst und in ihren Städten und Häusern wohnst, 2 sollst du dir drei Städte aussondern im Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, es einzunehmen. 3 Und du sollst den Weg dahin herrichten und das Gebiet deines Landes, das dir der HERR, dein Gott, zu eigen geben wird, in drei Bezirke teilen, damit dahin fliehen kann, wer einen Totschlag getan hat.

             Auf den ersten Blick ist das eine Wiederholung von bereits früher getroffenen Entscheidungen. In 4,43 sind sogar die Namen der Freistädte genannt. „Bezer im Wüstengebiet, Ramot in Gilead, Golan in Baschan.“ Warum also braucht es diese Wiederholung?

Zunächst einmal unterstreicht die Wiederholung die Bedeutung dieser Ordnung. Sie ist dauerhaft wichtig, nicht nur ein Notbehelf für die mutmaßlich turbulente Anfangszeit. Damit hängt das Zweite zusammen: Es geht um eine „Regelung für die Zeit der Sesshaftigkeit, denn der Totschlag wird auch weiterhin in der Gottesgemeinde traurige Wirklichkeit bleiben.(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 187)Die Anordnung Gottes zeigt, wie illusionslos Gott seine Leute, sein Volk sieht.

Schließlich: damit diese Freistädte auch erreichbar sein können, muss es Wege geben, muss es Zugänge geben. Es nützt nichts, eine große humane Idee zu haben, die nicht in lebensdienlichen Strukturen ihren Widerhall findet. Zugänglich gemacht wird. Das alles aber wird nicht als Heiliges Recht geordnet und der Zufluchtsort ist auch kein Heiligtum, sondern eine „normale“ Stadt. Es ist die Gemeinschaft des Volkes, die diesen Schutzraum für Verfolgte einrichtet und zugänglich macht. 

 4 Und in diesem Fall soll ein Totschläger, der dahin flieht, am Leben bleiben: Wenn jemand seinen Nächsten erschlägt, nicht vorsätzlich, und hat vorher keinen Hass gegen ihn gehabt, 5 etwa wenn jemand mit seinem Nächsten in den Wald ginge, Holz zu hauen, und seine Hand holte mit der Axt aus, das Holz abzuhauen, und das Eisen löse sich vom Stiel und träfe seinen Nächsten, sodass er stirbt: der soll in eine dieser Städte fliehen, damit er am Leben bleibt; 6 auf dass nicht der Bluträcher dem Totschläger nachjage in der Hitze seines Zornes und ihn einhole, weil der Weg so weit ist, und ihn totschlage, wo er doch nicht des Todes schuldig ist, weil er vorher keinen Hass gegen ihn gehabt hat.

             „Die Möglichkeit, ein Asyl in Anspruch zu nehmen, steht grundsätzlich nur dem offen, der unvorsätzlich und fahrlässig am Tode eines Menschen schuldig geworden ist.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 91)Der Fluchtweg steht nicht jedermann offen, nicht dem, der gemeinschaftswidrig oder gar gemeinschaftszerstörend zum Mörder geworden ist. Dafür steht das hebräische Wort raa. Es berührt seltsam und macht für die eigene Zeit nachdenklich: um das Asylrecht für die wirklich Betroffenen zu schützen, muss es klare Regelungen geben, auch Ausschluss-Regelungen. Darum wird hier der Präzedenzfall so sorgfältig geschildert. Totschlag, der fahrlässig zustande kommt, Unfall mit schlecht gepflegtem Handwerkszeug. Nicht vorsätzlich, kein Hass.

            Geschützt wird durch diese Bestimmung nicht nur der Totschläger. Geschützt wird so auch der, der sich zur Blutrache verpflichtet glaubt. Diese Pflicht zur Blutrache kommt uns fremd vor – sie ist im Lebensbereich Israels nicht Ausnahme, sondern Normalität, Mittel der Rechtspflege, so abstrus uns das auch vorkommen mag. Darum ist die Einrichtung der Freistädte ein unerhörter Fortschritt in der allgemeinen Rechtspflege,  „durchschneidet <sie doch> die unendlich lange Kette der Bluträcher. In der Asylstadt erlischt das Recht des Bluträchers.“ (D. Schneider, aaO. S. 189) Vor ihren Mauern endet auch seine Pflicht zur Blutrache.

 7 Darum gebiete ich dir, dass du drei Städte aussonderst. 8 Und wenn der HERR, dein Gott, dein Gebiet erweitern wird, wie er deinen Vätern geschworen hat, und dir alles Land gibt, das er zugesagt hat, deinen Vätern zu geben 9 wenn du dieses ganze Gebot halten wirst, dass du danach tust, das ich dir heute gebiete, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und in seinen Wegen wandelst dein Leben lang –, so sollst du noch drei Städte zu diesen dreien hinzutun, 10 auf dass nicht unschuldiges Blut in deinem Lande vergossen werde, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt, und so Blutschuld auf dich komme.

 Wieder geht es völlig nüchtern und sachlich zu: Wenn das Gebiet Israels wachsen wird, wird es nicht mit drei Asylstädten getan sein. Dann soll die Volksgemeinschaft drei weitere Städte hinzufügen. Eine Verwaltungsanregung, die doch ganz hoch angehängt wird: wenn du dieses ganze Gebot halten wirst, dass du danach tust, das ich dir heute gebiete, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und in seinen Wegen wandelst dein Leben lang. Auch in solchem Vorgehen muss die Grundentscheidung Israels zum Tragen kommen: das es Gott liebt und dass diese Liebe im Leben nach seinen Wegweisungen ihren Ausdruck findet. Liebe – so kann man hier lernen – ist ein Tu-Wort, nicht bloß ein Gefühl, ist ein Zustimmen zu den Wegen, die Gott weist.

Auch das spielt mit: der versehentliche Totschläger gilt als unschuldig. So jedenfalls lese ich diese Worte. Er hat ja nicht aus Vorsatz gehandelt, während ein Bluträcher aus Vorsatz handeln würde und damit in Ausübung eines uralten Rechts doch schuldig würde. Das alles aber würde zur Belastung des Landes, der ganzen Gemeinschaft. „Vergossenes Blut, in dem ja das Leben ist, verunreinigt das Land.“ (D. Schneider, ebda.) Darum dieser weitreichende Eingriff der Asylstädte in das Rechtsinstrument der Blutrache.

11 Wenn aber jemand Hass trägt gegen seinen Nächsten und lauert auf ihn und macht sich über ihn her und schlägt ihn tot und flieht in eine dieser Städte, 12 so sollen die Ältesten seiner Stadt hinschicken und ihn von da holen lassen und ihn in die Hände des Bluträchers geben, dass er sterbe. 13 Deine Augen sollen ihn nicht schonen, und du sollst das unschuldig vergossene Blut aus Israel wegtun, dass dir’s wohlgehe.

Es folgt die Regelung für den Fall des Asylmissbrauchs, „der unrechtmäßigen Inanspruchnahme des Asyls.“(G. v. Rad, ebda.) Sie liegt da vor, wo einer nicht versehentlich getötet, sondern bewusst und vorsätzlich gemordet hat. Diese Möglichkeit des Asylmissbrauchs ist so alt wie das Asylrecht selbst und durchaus keine neue Erscheinung. Davor muss das Asylrecht geschützt werden, gerade von denen, die es für heiliges Recht halten. Wenn man so will: In diesen Sätzen wird der  Vorgang der Abschiebung geregelt. Es sind nicht die Asylstädte, die aktiv abschieben müssen. Es sind die Ältesten seiner Stadt, die zum Handeln verpflichtet sind. Sie müssen die Rückführung veranlassen, damit dem Recht zuhause zur Geltung verholfen werden kann.

 

Wie gut dass es Zuflucht gibt,mein Gott, bei Dir, Zuflucht auch in Deinem Volk, Zuflucht auch für Menschen, die schuldig geworden sind.

Wo sollten wir denn hin fliehen, wenn Du uns die Zuflucht bei Dir verweigerst, wenn wir keine Freistatt in Dir finden dürften?

Ein Leben lang bleiben wir zufluchtslos unserer Schuld ausgeliefert, werden sie nicht los, bleiben in ihrer Gefangenschaft.

Du aber bist uns Zuflucht geworden. Am Kreuz ist aller Schuldspruch angeheftet, abgetan. Was immer gegen uns spricht, Du hast für uns gesprochen. Amen