Zukunftseröffnung

  1. Mose 18, 9 – 22

9 Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, so sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker zu tun, 10 dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibt 11 oder Bannungen oder Geisterbeschwörungen oder Zeichendeuterei vornimmt oder die Toten befragt. 12 Denn wer das tut, der ist dem HERRN ein Gräuel, und um solcher Gräuel willen vertreibt der HERR, dein Gott, die Völker vor dir.

             Es ist eine uralte Frage, die sich den Einzelnen stellt, aber genauso auch Völk: Wie kann ich meinen Weg in eine ungewisse Zukunft sicher gehen? Wie kommen wir zu sicheren Schritten? Dass Israel vor dem Übergang so fragt, ist nicht verwunderlich. Dass es im Land, in dem es noch nicht heimisch ist, von Orientierungsfragen bedrängt sein wird, steht auch zu erwarten. Aber der damals „übliche Weg“ zu solchen Erkenntnissen über die gute Zukunft zu kommen, wird hier ausdrücklich versperrt.

Das ganze Angebot der damals zeitgemäßen Zukunftserforschung ist aufgezählt und gleichzeitig verboten! „Wir wissen nicht mehr, welche Techniken und Praktiken hinter den in V. 10-11 aufgezählten Praktiken im Einzelnen standen. In der Aufzählung scheint Vollständigkeit angestrebt zu sein, wobei wohl nicht anzunehmen ist, dass sich alle diese Praktiken scharf voneinander trennen ließen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 88) Heutzutage fasst man das alles gerne unter dem Sammelbegriff des Okkulten. das weist in allen seinen Spielarten „auf die Ursehnsucht des Menschenhin, über seine Zukunft etwas Gewisses zu erfahren.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 183)Bevor wir den Kopf über so viele Aberglauben schütteln. Es gibt die Auskunft, dass in Deutschland mehr Wahrsager, Hellseher, Magier unterwegs sind und ihre Geschäfte treiben als es evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen gibt.

Hier also: das alles soll es in Israel nicht geben. Nicht, weil es okkult ist. Einfach deshalb, weil es sich nicht mit dem Bund mit Jahwe verträgt. Das steht dahinter, „dass jeder, der sich auf derlei einlässt, damit Jahwe, dem Gott Israels die Treue bricht.“ (G. v. Rad, ebda.) Dramatisch geschildert wird das im späteren Samuelbuch in der Erzählung des Besuchs Sauls bei der Totenbeschwörerin in Endor, ein Besuch, der wie der letzte Meilenstein des Weges zum Untergang Sauls wirkt. (1. Samuel 28, 4-25) Es ist der endgültige  Bruch des verworfenen König Saul mit Jahwe.

13 Du aber sollst untadelig sein vor dem HERRN, deinem Gott. 14 Denn diese Völker, deren Land du einnehmen wirst, hören auf Zeichendeuter und Wahrsager; dir aber hat der HERR, dein Gott, so etwas verwehrt.

Israel wird einen anderen Weg gewiesen. Untadelig soll es vor Gott sein. Gerade auch, was die Suche nach Zukunftsklärung betrifft. Es braucht doch diese Praktiken nicht, auch deshalb nicht, weil es an dem Gott hängt, mit ihm durch den Bund verbunden ist, der mitgeht, der Zukunft öffnet. Weil alle Tag aus seiner Hand kommen. Weil er „die Zeit in Händen hat.“( J. Klepper 1938, EG 64) Oder anders gesagt: hinter diesem Verbot steht das Wissen: Zukunft gibt es für Israel einzig und allein aus der Hand Gottes. Darum ist der Weg zu anderen Zukunftseröffnungen verwehrt.

        Sehr schön spiegelt ein Gebet chinesischer Christen, worum es hier geht, welche Haltung Israel hier anbefohlen wird. „Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neues Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgehen kann. Aber er antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und leg deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg.“.

Was heißt das alles für unser Denken und Planen? Wir sind im öffentlichen Raum ständig mit Zukunft beschäftigt. Es gibt den wissenschaftlichen Versuch der Futurologie, der Zukunft aus der Kenntnis der Vergangenheit hochrechnen will. Entwicklung von Demoskopie, Fachkräftemangel etc. Es gibt Trendforschung. Im Privaten: der eigene Terminkalender hat Termine weit in das Jahr hinein, oft schon in das nächste Jahr. Ist das alles unzulässig, weil es so tut, als wäre Zukunft für uns verfügbar, durchschaubar?

Es ist eine Spannung, die sich nicht aufheben lässt. Die schon in diesen Worten des Mose liegt. Denn sie reden ja von Zukunft. Sie unterbinden zukünftiges Verhalten. Sie bleiben nicht einfach nur beim hier und jetzt. Von daher scheint es richtig: Termine machen, Zukunft planen, aber immer in der Demut: es ist Gott, der die Tage geben wird, die Jahre, für die wir heute planen. „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“(Jakobus 4,15) Es gibt Zukunft nur und nie anders als aus seinen Händen. Das befreit von der Angst und macht die Versuche überflüssig, gute Zukunft durch Karten, Wahrsagen etc zu beschwören.

 15 Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.

             Es folgt ein Abschnitt, der “Prophetengesetz” (G. v. Rad, ebda.) genannt wird. Statt all dieser Praktiken wird Israel an den Propheten – oder müsste man sagen: an die Prophetie verwiesen. Darauf kommt es an, dass Gott einem Menschen das Ohr öffnet, seine Worte zu hören, die Augen öffnet, seine Zukunft zu sehen, den Mund öffnet, sein Wort zu sagen. Erwecken sagt der Sprechende, Mose. So, dass er ganz an das gebunden ist, was Gott ihn sehen und sagen lässt: „Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet.“(Jesaja 50, 4 – 5a)

        Einen Propheten wie mich – demnach ist Mose ein Prophet? Nicht nur Führer des Volkes, sondern auch Wegweiser in die Zukunft, die Gott eröffnet? Es ist wohl das Selbstverständnis, das hinter diesem ganzen 5. Buch steht: Es ist Prophetie, Wegweisung in die Zukunft in das Land, das Gott geben wird.. An der Schwelle des Landes sagt der „Prophet“ Mose, was dort gelten wird.

Prophetie ist also nicht nur Zukunftsansage in dem Sinn, dass sie aufdeckt, was geschehen wird. Sie ist auch Zukunftsansage in dem Sinn, dass sie zeigt, was tragfähig ist, dass sie die Regeln benennt, die dem Leben dienen werden. Das mag auch erklären, weshalb es in den prophetischen Schriften Israels wieder und wieder so ein Insistieren auf die Gebote und Weisungen Gottes gibt – sie sind Wegzeichen einer guten Zukunft.

Noch einmal: Ein Prophet wie Mose – was steckt dahinter? „In der neueren Auslegung ist diese Verheißung in dem Sinne verstanden, dass Israel je und je durch einen Propheten der engsten Verbindung mit seinem Gott versichert sein darf.“ (G. v. Rad, ebda.) So also etwa: Es wird nie an einem Propheten fehlen, wenn es nötig ist. Vielleicht aber muss man doch den einen Schritt weiter gehen: „Es handelt sich bei dem Propheten wie Mose für das Deuteronomium um das Amt aller Ämter, durch das Israel ganz unmittelbar wird zu seinem Gott.“ (G. v. Rad, ebda.) Das wäre noch einmal mehr als einfach nur der Beginn einer prophetischen Sukzession.

Schließlich: Ist das die alle Zeiten übergreifende Ankündigung eines zweiten Mose? Die aber auch eine Erfüllung findet in den folgenden Worten: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist. – Ich aber sage euch. (Matthäus 6, 22; 6, 6,33;6,38; 6,43) Es ist  in meinen Augen und nach meinen Verständnis der Schrift – nicht abwegig zu sagen: Hier tritt Jesus als der zweite Mose auf, als der Prophet, in dem Gott ganz unmittelbar sich mit seinem Volk verbindet. Darauf fußt ja die in der reformierten Theologie stärker entwickelte Lehre von den Ämtern Christi, er ist König, Priester und Prophet.

 16 Ganz so wie du es von dem HERRN, deinem Gott, erbeten hast am Horeb am Tage der Versammlung und sprachst: Ich will hinfort nicht mehr hören die Stimme des HERRN, meines Gottes, und dies große Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe. 17 Und der HERR sprach zu mir: Sie haben recht geredet. 18 Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde. 19 Doch wer meine Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen redet, von dem will ich’s fordern.

Es wirkt wie eine Wiederholung. Das ist ja schon früher erzählt worden, dass Israel aus dem Spüren heraus: wir halten die Stimme Gottes nicht aus, gesagt hatte: Wir wollen einen Mittler, damit wir nicht so unmittelbar vor Gott stehen. Das steht als Einsicht dahinter: „Ein Mittler ist notwendig, nicht weil Gott nicht da wäre, sondern gerade weil er da ist, aber so, dass seine Gegenwart vernichtend ist. Er ist der Repräsentant des gegenwärtigen Gottes. Er macht die Stimme des lebendigen Gottes für sterbliche Menschen hörbar.“( D. Schneider, aaO.S.183) Darauf lässt Gott sich ein! Darum ein Prophet wie Mose, einer, der Gottes Mund sein wird.

Damit ist jedoch nichts an der anderen Frage verändert: findet der Prophet auch Gehör? Wird das Volk ihn tatsächlich hören als die den, der sagt: „So spricht Gott der HERR.“ – „Es geschah das Wort des HERRN zu mir.“ Wo der Gehorsam gegen die Prophetenworte fehlt, fehlt der Gehorsam gegen das Wort Gottes!

 20 Doch wenn ein Prophet so vermessen ist, dass er redet in meinem Namen, was ich ihm nicht geboten habe, und wenn einer redet in dem Namen anderer Götter, dieser Prophet soll sterben. 21 Wenn du aber in deinem Herzen sagen würdest: Wie kann ich merken, welches Wort der HERR nicht geredet hat? – 22 wenn der Prophet redet in dem Namen des HERRN und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der HERR nicht geredet hat. Der Prophet hat’s aus Vermessenheit geredet; darum scheue dich nicht vor ihm.

             Es sind letzte Regelungen des Prophetengesetzes. Es gibt eine Anmaßung auch in der Prophetie – ungefragt und ohne gehört zu haben zu reden, zu sagen: So spricht der HERR. Falsche Prophetie besteht zuerst und nicht nur im falschen Verkündigen, sondern „im Nicht-Gesandtsein.“( D. Schneider, aaO. s. 184) Damit aber stellt sich für die Hörer die Aufgabe: wie unterscheiden wir, zwischen falschen und wahren Propheten, zwischen falscher und wahrer Prophetie? Da stehen zwei und beiden haben den Anspruch: Ich spreche im Namen Gottes – und sie sagen das genaue Gegenteil. Wer „lügt“? Wer ist der falsche Prophet?

Es ist einigermaßen kühn: „Den Hörern glaubt das Deuteronomium ein untrügliches Kriterium zur Unterscheidung von wahrer und falscher Prophetie an die Hand geben zu können: Die nur angemaßte Weisung trifft nicht ein.“ (G. v. Rad, aaO. S. 89) Das aber erlegt den Hörern eine schwere Aufgabe auf: sie müssen warten lernen. Es gibt keinen Wahrheitsbewies jetzt und hier. Die Zeit wird es erweisen müssen. Für ungeduldige Zeiten wie die unsere, die alles immer und sofort will, ist das eine große Herausforderung. Für das Israel damals auch.

 

Mein Gott, wie oft wünsche ich mir klare Wegweisung, Licht auf dem dunklen Weg vor mir, ein Wort, das die Zukunft klärt, die vielen offenen Fragen beantwortet.

Du versperrst uns die Wege, die so viel versprechen, zu den Zukunfts-Sehern, den Hellsichtigen, zu denen, die aus geheimen Quellen schöpfen, zu denen, die sich auf die Stimmen aus den Toten berufen.

Du willst unser schlichtes Vertrauen auf Dein Wort, Deine Nähe, auf Menschen, die das Ohr nur auf Dich ausgerichtet haben, die nur zu sagen wissen, was Du ihnen gesagt hast.

Du willst, dass wir uns Dir anvertrauen, aus dessen Händen alle Zukunft kommt. Schenke Du mir dieses Vertrauen jeden Tag neu, auch in das weglose Dunkel hinein. Amen