Gegen allen Machtmissbrauch

  1. Mose 17, 14 – 20

14 Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, und es einnimmst und darin wohnst und dann sagst: Ich will einen König über mich setzen, wie ihn alle Völker um mich her haben, 15 so sollst du den zum König über dich setzen, den der HERR, dein Gott, erwählen wird. Du sollst aber einen aus deinen Brüdern zum König über dich setzen.

           Das ist völlig überraschend für den unbefangenen Leser der biblischen Schriften. Nach der Erzählung der Landnahme wird von der Richterzeit zu erzählen sein. Erst im Samuelbuch wird im 8. Kapitel erzählt, dass Israel einen König begehrt. EIN Begehren; das im Buch der Richter noch in der Fabel Jotams (Richter 9)scharf kritisiert wird.

Und hier nun: Kein Wort der Kritik. „Nichts verlautet über einen Widerstand von Seiten Gottes…Die Einleitung zum Königsgesetz ist betont nüchtern.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 174)Es ist fast, als würde Gott sehen: Ohne König wird es nicht gehen. Ganz leise mag Kritik anklingen, wenn es heißt:  Ich will einen König über mich setzen, wie ihn alle Völker um mich her haben. Mit dem Wunsch nach einem König, einer Dynastie macht sich Israel gemein mit allen anderen Völkern. Sie trauen nicht darauf, dass Gott in Notzeiten „Richter erwecken“ kann, charismatische Führer, die ihre Aufgabe erfüllen und wieder zurücktreten in das Volk. Das Vertrauen zu diesen Führungen Gottes fehlt. Sie wollen die vermeintliche Sicherheit der Institution König.

Immerhin: nicht irgendeiner soll König werden können, nicht jeder. Du sollst den zum König über dich setzen, den der HERR, dein Gott, erwählen wird. Das ist mehr als nur ein Vorschlagsrecht Gottes. Das ist auch eine Korrektur gegenüber dem Volk: Nicht das Volk, sondern Gott wird die Könige setzen. Er erwählt, das Volk bestätigt nur. Es ist Wissen und Hoffnung zugleich, „dass Jahwe auch Könige zu Werkzeugen seiner Geschichtslenkung erwählen kann.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 86) Wie solches Erwählen aussehen kann, wird dann in den Samuelbüchern erzählt werden. hier ist nur dies wichtig: „Menschliches und göttliches Handeln konkurrieren hier nicht, sondern gehen zusammen.“(D. Schneider, ebda.) Das kann man bei Königswahlen nicht immer gleich sehen.   

Du darfst nicht irgendeinen Ausländer, der nicht dein Bruder ist, über dich setzen.

Schon gar nicht ist vorgesehen und zulässig, dass ein Ausländer König in Israel wird. Warum das so strikt untersagt wird, ist unklar. Es könnte sein: „Der König muss Repräsentant des Volkes sein, des Gottesvolkes, das eine große Bruderschaft ist. Darum kann kein Ausländer König in Israel sein.“ (D. Schneider,  aaO. S. 175)Aber die Aussagen darüber, dass der König Israel vor Gott repräsentiert, sind doch eher spärlich. Und Israel als große Bruderschaft ist auch ein zweifelhaftes Bild. Immerhin gibt es eine Langzeitwirkung dieser Worte hier. Es ist in der späteren Geschichte Israels folgerichtig auch durchaus ein Makel, dass ein König wie Herodes ein Idumäer ist

 16 Nur dass er nicht viele Rosse halte und führe das Volk nicht wieder nach Ägypten, um die Zahl seiner Rosse zu mehren, weil der HERR euch gesagt hat, dass ihr hinfort nicht wieder diesen Weg gehen sollt. 17 Er soll auch nicht viele Frauen nehmen, dass sein Herz nicht abgewandt werde, und soll auch nicht viel Silber und Gold sammeln.

 Das sind deutliche Begrenzungen. Die Machtentfaltung eines Königs in Israel soll nicht die gleichen Folgen erzeugen wie die bei den Großkönigen rundum. Es ist ein Schreckensbild – Könige, die in militärische Stärke schwelgen, die sich einen Harem zulegen, die sich bereichern an dem, was doch dem Volk gehört.Ein König nach dem Herzen Gottes ist ein Diener. Ein König nach dem Herzen Gottes nimmt sich Gottes gute Weisung zu Herzen. Ein König nach der Vorstellung dieser Worte folgt nicht den Einflüsterungen der Macht und der Mächtigen.

Luther sagt einmal, dass solche Könige die Seltenheit eines weißen Raben besitzen. Es wird zutreffen, dass dieses 5. Buch  Mose  „im Königtum kein Amt zu sehen scheint, dessen sich Jahwe zum Heil seines Volkes bedienen könnte, sondern nur eine Einrichtung, deren Träger in einer Zone größter Gefährdung leben muss. weil er durch seinen Harem oder seinen Reichtum in Versuchung gebracht wird, entweder von Jahwe abzufallen oder sich über seine Brüder zu erheben.”  (G. v. Rad, ebda.)

         Genau diese Gefährdung wird in der Beurteilung Salomos(!) zum Ausdruck gebracht werden: „Aber der König Salomo liebte viele ausländische Frauen: die Tochter des Pharao und moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hetitische – aus solchen Völkern, von denen der HERR den Israeliten gesagt hatte: Geht nicht zu ihnen und lasst sie nicht zu euch kommen; sie werden gewiss eure Herzen ihren Göttern zuneigen. An diesen hing Salomo mit Liebe. Und er hatte siebenhundert Hauptfrauen und dreihundert Nebenfrauen; und seine Frauen verleiteten sein Herz. Und als er nun alt war, neigten seine Frauen sein Herz fremden Göttern zu, sodass sein Herz nicht ungeteilt bei dem HERRN, seinem Gott, war wie das Herz seines Vaters David.“(1. Könige 11, 1 – 4) Es hat also manches für sich, in diesen Bestimmungen die Vorwegnahmen  oder eine Spiegelung späterer Erfahrungen Israels aufgeführt zu sehen. Ein Argument mehr dafür, dass das 5. Buch Mose eher ein Werk aus der späten Königszeit des 7. Jahrhunderts vor Christus ist.

18 Und wenn er nun sitzen wird auf dem Thron seines Königreichs, soll er eine Abschrift dieses Gesetzes, wie es den levitischen Priestern vorliegt, in ein Buch schreiben lassen. 19 Das soll bei ihm sein, und er soll darin lesen sein Leben lang, damit er den HERRN, seinen Gott, fürchten lernt, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes und diese Rechte und danach tue. 20 Sein Herz soll sich nicht erheben über seine Brüder und soll nicht weichen von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass er verlängere die Tage seiner Herrschaft, er und seine Söhne, in Israel.

             Das ist das Bild des Königs, wie er dem Schreiber oder dem Prediger dieser Worte vorschwebt: Ein König, der sich lehren lässt durch diese Worte. durch die Wiederholung des Gebotes, wie sie hier vorliegt und wie sie die levitischen Priester bewahrt haben. Wenn man so will ist das ein regelrechter Schreibauftrag an den König. Er soll die Niederschrift veranlassen. Und er soll es lernen, sein Leben lang.

Man kann darüber nachdenken, ob hinter diesen Worten die Geschichte steht, die in den Königsbüchern erzählt wird:  „Und der Hohepriester Hilkija sprach zu dem Schreiber Schafan: Ich habe das Buch des Gesetzes gefunden im Hause des HERRN. Und Hilkija gab das Buch Schafan, und der las es. Und der Schreiber Schafan kam zum König und gab ihm Bericht und sprach: Deine Knechte haben das Silber bereit gemacht, das sich im Hause fand, und haben’s den Werkmeistern gegeben, die bestellt sind am Hause des HERRN. Dazu sagte der Schreiber Schafan dem König und sprach: Der Priester Hilkija gab mir ein Buch. Und Schafan las es vor dem König. Da aber der König die Worte des Gesetzbuches hörte, zerriss er seine Kleider.“ (2. Könige 22, 8-11) Josia, der König, der dieses Buch hört und so erschüttert ist, ist der König, der dem positiven Königsbild des Deuteronomiums entspricht. Einer, der den HERRN, seinen Gott, fürchten lernt, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes und diese Rechte und danach tue.

            So viel Hochachtung vor dem Gebot ist in unseren Zeiten eher selten. Wir rühmen uns lieber unserer Freiheit. Jede und jeder darf sich den Weg seines Herzens selbst suchen- da stehen Gebote und Weisungen von außen rasch im Verdacht, vom eigentlichen Leben abzuschneiden, es zu verunmöglichen. ein Leben in der Spur der Gebote, wie es dieses 5. Buch Mose nahe legt, für gesetzlich zu halten. Umso wichtiger die Mahnung: „Wer Mischna und Talmud als Ausgeburten gesetzlichen Denkens abweist, der sehe zu, dass ihm darüber nicht die Konkretion des Gebotes als Anweisung zum rechten Leben entgleite.“ (K.H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1963, S. 239)

Es bleibt die Frage: Sind diese Worte nur Worte für die Mächtigen, die Regierenden unserer Zeit? Einer wie ich aus dem Fußvolk ist dann nicht gemeint. Es ist selten, dass biblische Texte zulassen, dass wir sie nur für andere lesen. Die Versuchung der Macht ist nicht auf die oberen Zehntausend beschränkt. Sie betrifft jeden und jede, weil wir alle in unserem Lebensumfeld auch Macht ausüben. Das Mittel gegen den Machtmissbrauch: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“(Micha 6,8)

 

Heilig Gott, bewahre Du die Mächtigen vor der Versuchung der Macht. Bewahre Du sie vor der Gefahr, sich zu überheben, die Bodenhaftung zu verlieren, das gemeine Volk nicht mehr wie Schwestern und Brüder zu sehen.

Bewahre Du uns, kleine Leute, in den Kreisen unserer Macht, dass wir nicht andere knechten, dass wir nicht unsere Größe darauf gründen, dass wir andere klein halten.

Bewahre Du uns vor allem Machtgehabe, das uns vergessen lässt, dass alle Macht nur Macht zum Dienen ist, von Dir geliehen, damit wir anderen helfen.

Lehre es uns, nicht nur für die Feiertage. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Amen