Sicherheit im Recht

  1. Mose 16, 18 – 20(21-22) 17,1

18 Richter und Amtleute sollst du dir einsetzen in allen deinen Stadttoren, die dir der HERR, dein Gott, geben wird, in jedem deiner Stämme, dass sie das Volk richten mit gerechtem Gericht.

             Was ist gemeint? Haben wir hier ein frühes Zeugnis dafür, dass es in Israel einen regelrechten Richterstand gegeben hat? Das erscheint doch eher unwahrscheinlich. In den Anfängen liegt die Aufgabe, Recht zu sprechen, Streit zu schlichten, in den Händen der Ältesten.  So ergibt es sich unmittelbar nach dem Auszug aus dem Rat des Jitro, dem Mose folgt: „Mose gehorchte dem Wort seines Schwiegervaters und tat alles, was er sagte, und erwählte redliche Leute aus ganz Israel und machte sie zu Häuptern über das Volk, zu Obersten über Tausend, über Hundert, über Fünfzig und über Zehn, dass sie das Volk allezeit richteten, die schwereren Sachen vor Mose brächten und die kleineren Sachen selber richteten.“ „. Mose 18, 24 – 26) Das sind in unserer Sprache heute Schöffen, Ortsrichter, Menschen, denen die Gemeinschaft vertraut aufgrund ihrer persönlichen Integrität.

Sie sind aber sicher nicht identisch mit den Amtsleuten, von denen hier die Rede ist. Das hebräische Wort šoerim deutet darauf, dass hier königliche Beamte gemeint sind, unbeschadet dessen, dass unsere erzählte Zeit vor der Landnahme liegt. „Eine Volksgemeinschaft kann nicht ohne festumrissene und institutionalisierte Ämter bestehen. Allerdings sieht diese Vorschrift Maßnahmen vor, die erst in der späteren Geschichte, in der Königszeit Israels verwirklicht wurden.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, s. 305) Der Bedarf aber nach klaren Strukturen, Spielregeln, nach Menschen, die die Aufgabe der Leitung und der Rechtssicherung übernehmen ist älter. Er ist von Anfang an da. so ist es nicht falsch, dass schon hier, angesichts des Landes, das noch nicht eingenommen ist, auf das zukünftige Rechtswesen geschaut wird.

Das Recht wird im Tor gefunden und im Tor gesprochen. Nicht in irgendwelchen Amtsstuben, sondern in der Öffentlichkeit, die jedem Glied des Volkes zugänglich ist.

19 Du sollst das Recht nicht beugen und sollst auch die Person nicht ansehen und keine Geschenke nehmen. Denn Geschenke machen die Weisen blind und verdrehen die Sache der Gerechten. 20 Was recht ist, dem sollst du nachjagen, damit du leben und das Land einnehmen kannst, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

             Wichtiger als die Frage: hauptamtliche oder ehrenamtliche Richter ist die andere Klärung, die der ethischen Standards, denen das Suchen des Rechts und die Urteilsfindung unterworfen sind. Keine Rechtsbeugung. Keine Urteile auf Grund von Beziehungen. Keine Bestechung. „Offensichtlich handelt es sich um eine Art „Richterspiegel“, um eine Gebotstreihe, die sich an die im Tor richtenden Ältesten wendet.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 82) In der Begründung, die mitgeliefert wird, spricht sich das nüchterne Rechnen mit der menschlichen Schwäche aus: Geschenke machen die Weisen blind und verdrehen die Sache der Gerechten. Auch im Volk Gottes sind menschliche Schwächen nicht wie von Zauberhand verschwunden. Geld macht blind. Ämtermissbrauch, Bestechung, das Nützen von Seilschaften und Verbindungen – das alles gibt es auch unter frommen Leuten.

Darum die Aufforderung:  Was recht ist, dem sollst du nachjagen. Es ist ein hohes Gut und es erfordert den ganzen Einsatz, dass es in  der Gemeinde, im Volk Gottes recht zugeht, dass nicht das Recht des Stärkeren oder die Macht der Reichen das Sagen hat.

Darum die Aufforderung:  Was recht ist, dem sollst du nachjagen. Es ist ein hohes Gut und es erfordert den ganzen Einsatz, dass es in  der Gemeinde, im Volk Gottes recht zugeht, dass nicht das Recht des Stärkeren oder die Macht der Reichen das Sagen hat.  Dass es im Land vor Gerichten gerecht zugeht, versteht sich nicht von selbst. Viel zu oft nehmen wir es wie selbstverständlich, dass wir keine Furcht haben müssen vor Anklagen ohne jede Sachgrund, vor Willkür-Urteilen, vor der Beugung des Rechts zugunsten der Reichen und Mächtigen. Uns stehen keine Prozesse ins Haus, weil wir uns öffentlich äußern, kritisch Stellung beziehen.

Was Mose hier fordert, ist Konsens in den Schriften Israels: die menschliche Gerechtigkeit soll ihr Maß nehmen an der Gerechtigkeit Gottes. „Bei dem HERRN, unserm Gott, ist kein Unrecht noch Ansehen der Person noch Annehmen von Geschenken.“(2. Chronik 19,7) Vor ihm sind arm und reich, Jung und Alt, leistungsschwach und leistungsstark alle gleich angewiesen auf die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt. Seine Gerechtigkeit findet ihr letztes Maß im Erbarmen, das allen gleich gilt und alle gleich sucht.

 21 Du sollst dir kein Ascherabild aus Holz errichten bei dem Altar des HERRN, deines Gottes, den du dir machst. 22 Und du sollst dir kein Steinmal aufrichten; denn das hasst der HERR, dein Gott.

             Auf den ersten Blick wirkt das wie eine willkürliche Aneinanderreihung. Der Mahnung zur Einhaltung des Rechts folgt die Mahnung: kein Ascherabild, schon gar nicht neben dem  Altar des HERRN. So wenig es eine friedliche Ko-Existenz mit der Beugung des Rechte geben kann, so wenig eine Ko-Existenz mit den Gottheiten, wie sie in Kanaan heimisch sind. Was für die Holzpfähle gilt, gilt in gleicher Weise für „Mazzeben, steinere Säulen, nicht selten in Phallusgestalt“. (G. v. Rad, ebda.)Neben dem Altar, das heißt aber im Grunde: neben Gott ist kein Raum für die Verehrung anderer Götter.

Beide Verbote werden vor allem darin ihren Sinn finden, dass sie den Gefahren früherer Zeiten, unmittelbar nach der Landnahme, als es noch viele Kultstätten gab, entgegentreten. An dem einen Heiligtum wird die Priesterschaft hoffentlich doch auf die Reinheit des Kultes achten. Aber im Land, da, wo es viele Einflüsse gibt, wo es auch noch viel Ungeordnetes Nebeneinander geben wird von den einheimischen Kultpraktiken und der Verehrung des einen Gottes, da haben dieses Warnungen eine wichtige Funktion.

1 Du sollst dem HERRN, deinem Gott, kein Rind oder Schaf opfern, das einen Fehler oder irgendetwas Schlimmes an sich hat; denn das ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel.

Die Kapitel-Einteilung unserer Bibelausgaben trennt, was ursprünglich sicherlich als Aufzählung zusammen gehört. Genauso wenig wie Aschera-Kult und Mazzeben-Verehrung verträgt sich mit Gott, ihn mit minderwertigen Opfertieren abzuspeisen. Das war schon früher, im Zusammenhang der Weisungen zur Erstgeburt (15, 20-22) angesprochen worden und wird hier noch einmal benannt. der gemeinsame Nenner mit den vorangehenden Weisungen ist, dass es um die Ehre Gottes geht. Sie duldet keine Konkurrenz und keine minderwertigen Opfer. Es geht um die ungeteilte Zuwendung, die Gott gibt, was ihm zusteht.

 

Heiliger Gott, Du willst kein halbherziges Leben. Du allein willst unser Gott sein. Neben Dir ist kein Platz für andere Götter. Du suchst uns ganz, alle unsere Lebensumstände, alle unsere Wegentscheidungen.

Es gibt keinen Raum in unserem Leben, der nicht von Dir umfasst wäre. Was Recht ist muss vor Dir Bestand haben können. Wie wir anderen begegnen, unser Recht suchen, das müssen wir vor Dir verantworten.

Gib Du, dass wir in Deiner Gemeinde lernen und einüben, jedem und jeder Raum zum Leben zu geben, die zu schützen, die besonders auf Deinen und unseren Schutz angewiesen sind. Amen