Gott lädt uns ein zu seinem Fest

  1. Mose 16, 1 – 17

 1 Achte auf den Monat Abib, dass du Passa hältst dem HERRN, deinem Gott; denn im Monat Abib hat dich der HERR, dein Gott, bei Nacht aus Ägypten geführt. 2 Und du sollst dem HERRN, deinem Gott, das Passa schlachten, Schafe und Rinder, an der Stätte, die der HERR erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne. 3 Du sollst kein Gesäuertes dazu essen. Sieben Tage sollst du Ungesäuertes essen, Brot des Elends – denn in Hast bist du aus Ägyptenland geflohen –, auf dass du des Tages deines Auszugs aus Ägyptenland gedenkst dein Leben lang. 4 Es soll sieben Tage lang kein Sauerteig gesehen werden in deinem ganzen Lande, und es soll auch nichts vom Fleisch, das du am Abend des ersten Tages geschlachtet hast, über Nacht bleiben bis zum Morgen. 5 Du darfst nicht Passa schlachten in irgendeiner deiner Städte, die dir der HERR, dein Gott, gibt, 6 sondern an der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne. Da sollst du das Passa schlachten am Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, zu der Zeit, als du aus Ägypten zogst, 7 und sollst es kochen und essen an der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, und sollst am Morgen umkehren und heimgehen zu deinen Zelten. 8 Sechs Tage sollst du Ungesäuertes essen, und am siebenten Tag ist Festversammlung für den HERRN, deinen Gott; da sollst du keine Arbeit tun.

 Wie weit greifen diese Worte in der Zeit voraus. Den Übergang über den Jordan vor Augen, das noch nicht eingenommene Land der Verheißung und jetzt Anordnungen für die großen Feste und Wallfahrten in Israel? Das legt nahe, hier nicht nur Regelung für spätere Zeiten zu sehen, sondern eben auch Regelungen, denen spätere Zeiten schon deutlich ihren Stempel aufgedrückt haben.

Am Anfang steht, verbunden mit der Erinnerung an den Auszug, die Festlegung des Termins. Das Passa fällt in den Monat „ʼabib, Ährenmonat (ungefähr April)“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 79) Es wird hier fest verbunden mit dem Mazzenfest, dem Fest der Ungesäuerten Brote. Diese Verbindung geht gleichfalls zurück auf die Aufbruchserzählung, so schon in 2. Mose 12. Da gab es auch nur ungesäuertes Brot –  Brot des Elends – weil der Aufbruch  keine Zeit für Sauerteige ließ.  Darauf kommt es an: „Das Ganze hat nicht den Charakter einer gemütlichen Familienfeier, sondern soll im Zeichen des kurz bevorstehenden Aufbruchs stehen.“(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 161)

 Deutlich zielen die Bestimmungen auf die zentrale Passafeier am Heiligtum – man wird konkretisieren müssen: in Jerusalem. nicht irgendwo, nicht überall im Land. Nicht in irgendeiner deiner Städte, die dir der HERR, dein Gott, gibt. Es ist keine Abwertung der anderen Stätte, die das Passa zentralisieren. Sie sind alle von Gott gegeben. Aber es ist eine Auszeichnung des einen Ortes vor allen anderen Orten – der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne.

 Damit ist eine Korrektur einer älteren Passa-Praxis gegeben. „Das Passa wurde vordem nicht am Heiligtum gefeiert, sondern von dem Familien- und Sippenverband.“ (G. v. Rad, ebda.) Dort, wo man lebte. Es sind also erst die späteren Bestimmungen wie in unserem Text, die auch aus dem Passa ein Wallfahrtsfest machen. Es wirkt wie ein Zugeständnis an die ältere Praxis, wenn die sofortige Heimkehr nach der abendlichen Feier angeordnet ist. „Die Festversammlung am siebten Tag soll am Heimatort sein. Geistliches Leben am zentralen Heiligtum und am jeweiligen Wohnort wird vom Deuteronomium hier – wie an anderen Stellen – ausgewogen festgelegt.“ (D. Schneider, aaO. S. 162)

 Wichtig erscheint bis auf den heutigen Tag: Das Passa ist ein  Haus- und Familienfeier geblieben. Im Gegensatz zu den Bestimmungen des vorliegenden Textes. Sonst hätte es ja auch die Zeiten des zerstörten Tempels nicht höchst lebendig überstanden, auch die Tempellose Zeit bis heute.

9 Sieben Wochen sollst du zählen und damit anfangen, wenn man zuerst die Sichel an die Halme legt, 10 und sollst das Wochenfest halten dem HERRN, deinem Gott, und eine freiwillige Gabe deiner Hand geben je nachdem, wie dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat. 11 Und sollst fröhlich sein vor dem HERRN, deinem Gott, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd und der Levit, der in deiner Stadt lebt, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte sind, an der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name da wohne. 12 Denke daran, dass du Knecht in Ägypten gewesen bist, und beachte und halte diese Gebote.

             Das zweite Fest, auf das der Blick gerichtet wird, ist das Wochenfest. Es markiert den Abschluss der Getreideernte. Sieben Wochen nach ihrem Anfang. Ist das Passa durch die Erinnerung an den Auszug bestimmt, so fehlt beim Wochenfest jede Zuordnung zu einer Heilstat Gottes. Es ergibt sich gewissermaßen natürlich aus dem Ernteverlauf. Es ist ein Erntefest und hat als solches die Logik von Saat und Ernte. Es fällt auch, je nachdem, wie dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat, in seiner Üppigkeit aus.

Auch das Wochenfest hat als Fest-Ort den zentralen Ort, an der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name da wohne. Ob das immer so war, oder ob auch hier ein ursprünglich lokales Fest, das überall gefeiert werden konnte, an die zentrale Kultstätte „gezogen“ worden ist, muss wohl offen bleiben. Wichtiger: es ist ein Fest, an dem alle teilhaben sollen – du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd und der Levit, der in deiner Stadt lebt, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte. Ein Volksfest also. Ein Fest für den HERRN, vor dem HERRN.

Schon in den ersten Worten wird eine freiwillige Gabe deiner Hand eingefordert. Freiwillig, was die bloße Tatsache der Gabe und auch ihre Höhe angeht. Jeder nach seinem Vermögen. Jeder danach, wie der Ernte-Ertrag ausgefallen ist. Ein Fest, von dem nicht nur die etwas haben sollen, die es feiern. Dabei gilt es schon darauf zu achten, dass die Gaben „nicht kärglich bemessen sein dürfen, weil sie sich nach dem von Jahwe gewährten Segen zu richten haben.“(D. Schneider, aaO. S. 163) Paulus wird viel später an diese Gedanken anknüpfen, wenn er schreibt: Ich meine aber dies: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“(2. Korinther 9, 6-7)Es scheint, der Völker-Apostel hat das 5. Buch Mose sorgfältig gelesen.

Auffällig ausdrücklich wird betont: Und sollst fröhlich sein vor dem HERRN. ein Fest, von dem Freude ausgeht. Ein Fest, von dem Lust am Leben ausgeht. Lachen., Glück. Kein Fest der letzten Eisheiligen, kein Fest von Leuten, die die Freude für eine leichtfertige Lebenshaltung halten. Wo man sich nicht freuen kann, ist auch kein Raum für Dankbarkeit, für Zufriedenheit, für Gelassenheit, die auch anderen Gutes gönnen kann.

Ein knapper Exkurs: Aus dem Wochenfest ist Pfingsten erwachsen. Das Fest, an dem nach rabbinischen Traditionen Israel die Tora empfangen hat, das Gesetz als die gute Wegweisung Gottes. Das Gesetz, so die alte Tradition, sei zwar allen Völkern angeboten worden, aber nur Israel habe es  auch angenommen. Wenn dann an Pfingsten Gott seinen Geist ausgießt, so wird ein neuer Ton angeschlagen. Jetzt wird die Weisung Gottes in alle Herzen gegeben und im Zentrum dieser Weisung steht der Ruf zum Glauben an den, der das Gesetz erfüllt hat, an Jesus Christus.

13 Das Laubhüttenfest sollst du halten sieben Tage, wenn du eingesammelt hast von deiner Tenne und von deiner Kelter, 14 und du sollst fröhlich sein an deinem Fest, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Stadt sind. 15 Sieben Tage sollst du dem HERRN, deinem Gott, das Fest halten an der Stätte, die der HERR erwählen wird. Denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen in deiner ganzen Ernte und in allen Werken deiner Hände; darum sollst du fröhlich sein.

Schließlich, das dritte Fest, Laubhüttenfest, das Wallfahrtsfest schlechthin. Das Fest zum Abschluss der Ernte insgesamt. Sieben Tage lang. So lang, wie auch eine ordentliche Hochzeit in Israel gefeiert wird. Wieder sollen alle beteiligt sein, die ganz Sippe, alle, die miteinander leben. Genannt werden vor allem die, die leicht zu übersehen sind, weil sie in ihrem sozialen Status irgendwie „zweitklassig“ sind –  der Fremdling, die Waise und die Witwe. Genannt ist  auch besonders der Levit, der zwar nicht zweitklassig vom Status her ist, aber einer ohne Landesitz und deshalb bei einem Erntefest im Grund ohne eigenen Ertrag.

Es könnte stimmen: Weil mit dem Laubhüttenfest „die Ernte abgeschlossen war, richteten sich die Augen der Feiernden schon auf das kommende Jahr mit der bangen Frage: Wird es auch im nächsten Jahr reichen Segen von Gott geben?“ (D. Schneider, aaO. S. 164)Wäre das so, so läge über diesen Fest nicht nur der Lärm der Freude, sondern auch ein Hauch von Zweifel und Skepsis. Dem begegnet der Sprecher mit dem ausdrücklichen Hinweis: Denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen in deiner ganzen Ernte und in allen Werken deiner Hände. Daraus folgt auch schlüssig die Aufforderung: darum sollst du fröhlich sein.

             Wenn man ein bisschen assoziativ denkt – Jesus scheint genau an solche Gedanken anzuknüpfen, wenn er sagt:  „Ihr sollt nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Matthäus 6, 31-34)

  Auch bei den Worten zum Laubhüttenfest fällt auf, dass es keinen Versuch gibt, es irgendwie in der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten zu verorten.  Andernorts in den Mosebüchern geschieht das ja durchaus. „Sieben Tage sollt ihr in Laubhütten wohnen. Wer einheimisch ist in Israel, soll in Laubhütten wohnen, dass eure Nachkommen wissen, wie ich die Israeliten habe in Hütten wohnen lassen, als ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der HERR, euer Gott. Und Mose tat den Israeliten die Festzeiten des HERRN kund. (3. Mose 23, 42-44) Hier nichts davon. Der Fokus liegt ganz auf dem Segen der Gegenwart.

16 Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist bei dir, vor dem HERRN, deinem Gott, erscheinen an der Stätte, die der HERR erwählen wird: zum Fest der Ungesäuerten Brote, zum Wochenfest und zum Laubhüttenfest. Man soll aber nicht mit leeren Händen vor dem HERRN erscheinen, 17 sondern ein jeder mit dem, was er zu geben vermag, nach dem Segen, den dir der HERR, dein Gott, gegeben hat.

             Es folgt eine Abschlussbemerkung, sozusagen die Zusammenfassung zum Thema Fest. Alle Männer in Israel sind dazu verpflichtet, die dreimalige Wallfahrt im Jahr auf sich zu nehmen. Dreimal hin zum Heiligtum, der Stätte, die der HERR erwählen wird. Es liegt in der Logik der „erzählten Zeit“, dass hier Jerusalem nicht beim Namen genannt wird, sondern immer nur mit der so dicht gefüllten theologischen Umschreibung benannt wird. Die Aufzählung gibt auch keine Wertigkeit der Feste wieder, zumal das Passa gar nicht erwähnt wird sondern nur das mit dem Passa verbundene Fest der Ungesäuerten Brote, das Mazzenfest.

Noch einmal: Es sind Feste, die von Spenden leben. Davon, dass sie, die kommen, nicht mit leeren Händen vor dem Herrn erscheinen.  Auf der anderen Seite aber: alles Geben muss freiwillig sein, nach dem eigenen Vermögen. Dankbarkeit verträgt keinen Zwang. Im Gotteskasten zählt nicht die Höhe der Zuwendung, sondern die Gesinnung hinter der Zuwendung.  So sieht es jedenfalls der Herr Jesus: „Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“ (Markus 12, 42-44)  Mehr geht nicht. Und das geht auch nur aus freien Stücken.

Warum steht diese Festordnung vor dem Einzug ins Gelobte Land? Ist sie wirklich nur zurückdatiert aus späteren Zeiten? Es könnte ja auch sein: sie ist eine Aufforderung, sich einigermaßen zuversichtlich auf den Weg zu machen. Warten doch nicht nur Gefahren auf die, die das Land einnehmen sollen. sondern vor allem wartet dort, was Gott ihnen segnend zugedacht hat. Feste feiern ist so immer auch: das Vertrauen auf den segnenden Gott stärken- Bei sich selbst und mit anderen.

 

Heiliger Gott, Du willst unsere Freude. Du willst unser Zusammenkommen vor Dir, das Fest, das sich an Dir freut, an Deinen Gaben, an denen, die mit uns vor Dir stehen.

Du willst, dass wir uns erinnern: Wir sind gesegnete Leute. Gesegnet in den materiellen Gaben unseres Lebens, gesegnet in den Bewahrungen auf dem Weg, gesegnet in der Freiheit, zu der Du uns befreit hast, gesegnet in der Verschonung, die uns vor Unheil und Gefahr, vor bösen schnellem Tod bewahrt hat.

Weil das alles so ist, dürfen wir Dich feiern in der Freude derer, die auf Deinen Segen trauen, auch für den Weg, den sie noch nicht sehen können. Amen