Freiheit für die Gebundenen

  1. Mose 15, 12 – 18

12 Wenn sich dein Bruder, ein Hebräer – oder eine Hebräerin –, dir verkauft, so soll er dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr sollst du ihn als frei entlassen.

             Es ist ein heikles Thema. Geht es doch „um die Selbstversklavung eines Israeliten, der einmal frei war.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 76) Um Leibeigenschaft, in die jemand gerät und als letzten Ausweg auf sich nimmt. Man wird es deutlich sagen müssen: Freiwillig, aus freiem Willen macht das niemand, auch in früheren Zeiten nicht. Erst recht nicht als Glied des Volkes, das sich selbst aus der Knechtschaft geführt glaubt. Es ist eine Notlage, die einen Israeliten zu diesem Schritt zwingt,  durch die ihm nur noch dieser Weg bleibt. Ob diese Notlage schicksalhaft entstanden ist oder durch wirtschaftlichen Druck mächtiger Einzelner und mächtiger Gruppen herbeigeführt worden ist, ist für den Text zweitrangig.

Jeder Hebräer – oder Hebräerin – hat das von Gott verbriefte Recht auf Freiheit. Das ist in sich ein Widerspruch zum ursprünglichen Gebrauch des Wortes Hebräer, bezeichnete es doch eine Gruppe von Leuten niederer Herkunft und „eine niedrige soziale Stellung“ ( K. Haacker in: U. Laepple, Biblisches Wörterbuch, Witten 2010, S.301) In Ägypten waren die Hebräer rechtlos. Hier also ein neuer Rechtsstatus für Hebräer – von Gott selbst gesetzt. Ein Schutzstatus im Blick auf das Recht zur Freilassung. Dem hat der Besitzer im 7. Jahr nachzukommen. Sechs Jahre dienen. Das siebte Jahr ist das Jahr der neuen Freiheit. Sklavenhaltung ist so unter Brüdern also nicht von vornherein unmöglich. „Dass sie begrenzt wird, ist hier das Revolutionäre“. (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 156)

              Wir heute tun gut daran, hier nicht hochmütig auf diese Zustände zu blicken. Werden doch bei uns zwar keine Sklaven mehr gehalten, aber es gibt das Heer der Langzeitarbeitslosen, der prekär Beschäftigten, der Menschen in  Zeitarbeit, der gesellschaftlich über Generationen hinweg an den unteren Rand der Gesellschaft gedrängten Bildungsfernen. Und immer droht das lieblose Urteil: Selbst schuld. „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ – „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ So entledigt sich eine Gesellschaft der Fragen danach, wo ihre Strukturen dazu beitragen, die Kluft zwischen arm und reich, unten und oben, bildungsorientiert und bildungsfern zu zementieren. Ein Erlass-Jahr alle sieben Jahre – das würde heute massiv Widerspruch herausfordern. Eine wirtschaftliche Katastrophe. Ein Angriff auf den Leistungswillen. So oder ähnlich würde es von allen Seiten tönen. Besonders aus den Reihen derer, die es „geschafft“ haben. Aber wir haben ja keine Leibeigenen mehr und brauchen deshalb auch kein Erlass-Jahr.

 13 Und wenn du ihn freigibst, sollst du ihn nicht mit leeren Händen von dir gehen lassen, 14 sondern du sollst ihm aufladen von deinen Schafen, von deiner Tenne, von deiner Kelter, sodass du ihm gibst von dem, womit dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat, 15 und sollst daran denken, dass du auch Knecht warst in Ägyptenland und der HERR, dein Gott, dich erlöst hat; darum gebiete ich dir solches heute.

             Jetzt wird es vollends wirtschaftlich unsinnig. Die Freizulassenden sollen auch noch reichlich entschädigt werden. Es hört sich an wie eine spät nachgeholte Lohnauszahlung. Sie sollen Anteil erhalten am Vermögenszuwachs der Herren, womit dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat. Es geht um ein „ausreichendes Startkapital“ (D. Schneider, ebda.)für den neuen, harten Weg der Freiheit.

Für dies alles ist die Erinnerung an den Weg aus der Knechtschaft in Ägyptenland maßgeblich. Darauf kommt es an: Der Freilassende nimmt in seinem Tun Maß an dem befreienden Gott selbst. Und seine Großzügigkeit in dieser Freilassung hat gleichfalls ihr Vorbild in diesem Weg aus der Knechtschaft. Weil ja auch Israel nicht mit leeren Händen gehen musste, sondern von den Herren in Ägypten reich beschenkt, aufbrechen durfte. „Die Israeliten hatten sich von den Ägyptern silberne und goldene Gefäße und Kleider geben lassen. Dazu hatte der HERR dem Volk Gunst verschafft bei den Ägyptern, dass sie ihnen willfährig waren, und so nahmen sie es den Ägyptern weg.“(„. Mose 12, 35-36)  Darauf läuft es hinaus – im Fall Israel und in der Befreiung im Erlass-Jahr: „Erlösung und Freilassung geschehen nicht ohne gleichzeitige Versorgung.“ (D. Schneider, ebda.) Es sprengt meine Vorstellungskraft,  mir entsprechende gesellschaftliche und rechtliche Lösungen für unsere Zeit auszudenken.

16 Wird er aber zu dir sprechen: Ich will nicht fortgehen von dir, denn ich habe dich und dein Haus lieb – weil ihm wohl bei dir ist –, 17 so nimm einen Pfriemen und durchbohre ihm sein Ohr an dem Pfosten der Tür und lass ihn für immer deinen Knecht sein. Mit deiner Magd sollst du ebenso tun.

             Was aber, wenn einer auf das Angebot der Freiheit verzichtet? Weil er sich mit seinem Status arrangiert hat, mehr noch, weil das Haus seines Herren ihm lieb geworden ist? Weil er sich reichlich versorgt weiß. Weil er in diesem Haus seinen Lebensort gefunden hat. Der ältere Text des Bundesbuches aus 2. Mose spielt noch andere Gründe für das Bleiben eines Leieigenen mit ein:  „Ist er ohne Frau gekommen, so soll er auch ohne Frau gehen; ist er aber mit seiner Frau gekommen, so soll sie mit ihm gehen.  Hat ihm aber sein Herr eine Frau gegeben und hat sie ihm Söhne oder Töchter geboren, so sollen Frau und Kinder seinem Herrn gehören, er aber soll ohne Frau gehen. Spricht aber der Sklave: Ich habe meinen Herrn lieb und meine Frau und Kind, ich will nicht frei werden, so bringe ihn sein Herr vor Gott und stelle ihn an die Tür oder den Pfosten und durchbohre mit einem Pfriemen sein Ohr, und er sei sein Sklave für immer.“(2. Mose 21, 3-6)

Das Geschenk der Freiheit – so steht es, wenn auch unausgesprochen, hinter den Worten – erfordert ja auch eigenes Handeln und eigene Anstrengung. Rätselhaft kommt einem diese Lösung vor: er darf nicht als Freigelassener bleiben. Das würde ihm keinen rechtlichen Status sichern. Sondern er wird – durch die Symbolhandlung des durchbohrten Ohres – lebenslang als Leibeigener in das Haus des Herrn eingefügt. Der hat von nun an die Verantwortung für ihn.

18 Und lass dir’s nicht schwerfallen, dass du ihn freilässt, denn er hat dir sechs Jahre wie zwei Tagelöhner gedient; so wird der HERR, dein Gott, dich segnen in allem, was du tust.

             Noch einmal die Mahnung: In diesem Handeln nicht unwillig zu sein. Es ist das Wissen, dass solch ein Erlassjahr das Denken in wirtschaftlichen Erfolgen herausfordert. Die Freiheit der Leibeigenen geht zu Lasten der Besitzer, so wie der gerechte Lohn die Bilanzen des Unternehmens belastet. In einer kurzsichtigen Sichtweise wird man das so sehen (müssen). Dem stellt das Wort hier eine langfristige Sichtweise entgegen: so wird der HERR, dein Gott, dich segnen in allem, was du tust. Der faire Umgang mit den Abhängigen birgt Segenskräfte in sich. Oder, wie es heute wohl heißen dürfte: Die Zufriedenheit der Arbeitnehmer mit ihren Arbeitsbedingungen wird zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens beitragen.

Es ist wohl einer der schlimmen Denkfehler unserer Zeit, dass wir den einzelnen Menschen nur noch als Einzelnen betrachten, dass wir nicht mehr zu sehen vermögen, wie grundsätzlich wir von anderen abhängig sind und wie grundsätzlich wir darum auch für andere verantwortlich sind. „Jeder ist nur, was er aus sich selbst macht“ ist eine primitive Lüge. Auch dann, wenn sie voller Inbrunst gesellschaftlich verbreitet und geglaubt wird.

Wahr ist: „Der Mensch ist mehr als ein isoliertes Individuum. Zu seiner Menschwerdung braucht er die Begegnung mit anderen. Und auch wenn der dann „halbwegs“ Mensch geworden ist, kann er gar nicht wirklich Person sein ohne die vielfältigsten Beziehungen zu anderen Menschen.“ (G. Lohfink, Am Ende das Nichts, Freiburg 2017, S. 202) Weil es die Abhängigkeit voneinander gibt, gibt es auch die Verantwortung füreinander. Diese Verantwortung füreinander buchstabiert der Prediger hier durch am Umgang mit dem verachteten Hebräer, und, eine Stufe tiefer noch, mit dem versklavten Hebräer. In alledem geht es um das Wohl des Volkes Gottes, um sein Bleiben in der Segensspur.

Keiner kann allein Segen sich bewahren.                                   Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.             Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen,                           schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.                                             D. Trautwein 1978, EG 170

Eine Entsprechung dazu wäre heute: Die humane Qualität der Gesellschaft zeigt sich in ihrer Umgang mit Hartz-IV-Beziehern, Bewohnern von Pflegeheimen, Obdachlosen, Flüchtlingen. Ihnen nicht widerwillig nach quälend langem Gefeilsche zu einer selbstbestimmten Existenz  zu helfen – das wäre ein Umgang, wie er dem Standard des Volkes Gottes entspricht.

 

Du Gott, keiner ist zu klein, zu niedrig, zu unbedeutend für Dich. Du sorgst auch für die, die in der Rangskala unseres Messens ganz unten sind. Du willst Freiheit für die Gefangenen, Freiheit für die Abhängigen, Freiheit für Versklavte.

Du mahnst Deine Leute, uns, freizulassen, die gebunden sind, ob durch eigene oder fremde Schuld, für sie einzustehen, ihnen den Weg in die Freiheit zu ermöglichen.

Gib Du uns, dass wir keinem die Freiheit verweigern, sondern allen dazu helfen, so gut wir es vermögen, durch Worte und Taten. Amen