In Gott eintauchen – bei den Armen auftauchen

  1. Mose 15, 1 -11

1 Alle sieben Jahre sollst du ein Erlassjahr halten. 2 So aber soll’s zugehen mit dem Erlassjahr: Wenn einer seinem Nächsten etwas geborgt hat, der soll’s ihm erlassen und soll’s nicht eintreiben von seinem Nächsten oder von seinem Bruder; denn man hat ein Erlassjahr ausgerufen dem HERRN.

             Was hier Erlassjahr – hebräisch šemiṭṭa -, wörtlich „Loslassung“ heißt, meint im Grunde Brache. „Dieser Brauch war nicht von sozialen oder gar ökonomischen Gesichtspunkten bestimmt, sondern eine ausgesprochen sakrale Begehung.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 75) Aus der Erinnerung, dass das Land das Land des HERRN ist und nicht, entgegen allen Grundbucheinträgen Land von XY. Das Land, so der Gedanke dahinter, soll Anteil an der Sabbat-Ruhe Gottes finden.

Die praktische Durchführung: mit dem 7. Jahr erlöschen Leihverträge. Oft genug sind,  auch schon damals in Palästina, Kleinbauern gezwungen, Geld aufzuheben, Schulden zu machen, um über die Runden zu kommen: „Durch eine Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Struktur innerhalb Israels in der Königszeit, durch das aufkommende Latifundienwesen, aber auch durch die Last staatlicher Abgaben, wurde die wirtschaftliche Freiheit der Bauern draußen in der Landschaft immer mehr bedroht.“((G. v. Rad, ebda.) Das alles legt nahe, in diesen Worten Regelungen für spätere Zeiten zu sehen, die dem Erzählduktus nach aber von Anfang an von Gott geordnet sind.

Auf das Eintreiben – nagas – solcher Schulden soll im Erlass-Jahr verzichtet werden. Kein Vorgehen gegen den, der Schulden hat. „Selbstverständlich stand dem Schuldner frei, die Schuld dennoch zu bezahlen, dann aber freiwillig.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 154) Ich halte mir die Situation verarmter Leute vor Augen und wundere mich: Woher soll der Schuldner denn nehmen, wenn ihn seine Situation zum Schuldenmachen gezwungen hat. Man muss schon sehr aufpassen, dass man solche Regelungen nicht zu sehr aus unserer Situation heraus liest, wo Schulden ein eher „normaler Vorgang“ sind, erst recht, wenn sie langfristig abzutragen sind.

3 Von einem Ausländer darfst du es eintreiben; aber was du deinem Bruder geborgt hast, sollst du ihm erlassen.

             Ausgenommen von der Reglung sind Ausländer. Sie stehen an dieser Stelle nicht unter dem besonderen Schutz wie die Volksgenossen. Unfair? Ungerecht? So weitgehend die Fürsorge für die Fremden auch nach vielen Texten des AT ist, sie bleiben als Mitbewohner im Land Fremde. So etwas wie Integration im heutigen Sinn ist nicht vorgesehen. Darum entfällt auch die Befreiung von der Zwangseintreibung der Schulden vor dem Erlass-Jahr.

 4 Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein; denn der HERR wird dich segnen in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, 5 wenn du nur der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchst und alle diese Gebote hältst, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust! 6 Denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen, wie er dir zugesagt hat.

         Jetzt wird es vollends zur Utopie: Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein.   Weil der Segen Gottes keinen Raum lässt für Armut. Weil der Gehorsam gegen sein Gebot auch das bewirken würde, dass der Segen gleichmäßig verteilt wird, nicht die einen viel und die anderen nichts haben. „Dem Prediger liegt daran, dass der von dem Gesetz Betroffene es auch innerlich auf sein Gewissen nimmt, und daran, dass ihn nicht gerade das Gesetz in eine asoziale Einstellung dem Armen gegenüber treibt.“ (G. v. Rad, aaO. S. 76) Ob einer das Gebot verstanden hat wird sich darin zeigen müssen, dass er den Segen Gottes nicht als sein privates Glück betrachtet, sondern ihn teilt.

 Dann wirst du vielen Völkern leihen, doch du wirst von niemand borgen; du wirst über viele Völker herrschen, doch über dich wird niemand herrschen.

Diese Worte über die Völker „lassen die Frage aufkommen, ob es damals im wirtschaftlichen Verkehr der Völker schon Darlehensgeschäfte gab.“ (ebda.) Aber unabhängig von dieser historisch gewiss interessanten Frage: Was für eine Zusage an ein Volk, das noch kein eigenes Land hat, das noch jenseits des Jordan auf freien Durchgang hofft. Was für eine Zusage auch an ein Volk, das als die Landbrücke zwischen Mesopotamien und Ägypten immer, selbst zu den Zeiten des Großreiches unter Salomo, höchst abhängig ist von den jeweiligen Machtkonstellationen. Eine Zeit, in der Israel seine Nachbarn dominieren konnte, sogar über viele Völker herrschen, ist mehr Wunschtraum als politische Realität.

 7 Wenn einer deiner Brüder arm ist in irgendeiner Stadt in deinem Lande, das der HERR, dein Gott, dir geben wird, so sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten gegenüber deinem armen Bruder, 8 sondern sollst sie ihm auftun und ihm leihen, soviel er Mangel hat. 9 Hüte dich, dass nicht in deinem Herzen ein arglistiger Gedanke aufsteige, dass du sprichst: Es naht das siebente Jahr, das Erlassjahr –, und dass du deinen armen Bruder nicht unfreundlich ansiehst und ihm nichts gibst; sonst wird er wider dich zu dem HERRN rufen und bei dir wird Sünde sein. 10 Sondern du sollst ihm geben, und dein Herz soll sich’s nicht verdrießen lassen, dass du ihm gibst; denn dafür wird dich der HERR, dein Gott, segnen in allen deinen Werken und in allem, was du unternimmst.

             Es ist, als würde der große politische Traum von der Hegemonialmacht schleunigst verlassen, um geerdet zur Realität zurück zu kehren. Die Realität aber ist: Solidarität ist auch im Volk Gottes eine labile Angelegenheit. Und es gibt immer Anreize, diese Solidarität zu verweigern. Weil sie sich nicht rechnet, weil sie dem, der kurz vor dem Erlassjahr etwas leiht, finanziellen Nachteil einbringt. Jeder Gedanke, sich so dem Armen zu verweigern, ist ausgeschlossen. Du sollst ihm geben, und dein Herz soll sich’s nicht verdrießen lassen, dass du ihm gibst.

 Das ist nahe an der prophetischen Botschaft über das richtige Fasten: „Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag..“(Jesaja 58, 7-10)  Immer steckt der gleiche Gedanke dahinter: in der Solidarität mit dem Armen entspricht die Existenz Israels dem Wesen Gottes. Solche Solidarität lässt den Glanz der Herrlichkeit Gottes aufleuchten an denen, die sie leben.

 11 Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande.

             Es ist eine große Nüchternheit in diesen Worten. Sie werden viel später von Jesus in einer sehr kritischen Debatte aufgenommen, als die Frau getadelt wird, die an ihn ein Vermögen an Salbe verschwendet hat: „Ihr habt allezeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.“(Matthäus 26, 11) Aber es „gibt keine Rechtfertigung für die, welche die Armen arm machen oder arm lassen.“(K. H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1966, S. 253) Darum ist die Aufgabe in Israel als dem Volk, das die Güte Gottes repräsentiert, sich der Armen anzunehmen.

Es ist wirklich so: „Die  Armen erfahren eine Nähe Gottes, die anderen so nicht zuteil wird. … Der Arme ist der Repräsentant des Gottes, der sich erniedrigt, um mit uns auf der Erde zu wohnen.“(ebda.) Aber aus dieser Repräsentation Gottes wird nie, weder in Israel noch in der jungen Christenheit eine Möglichkeit, sich damit den Armen zu entziehen.  Im Gegenteil. Paulus schreibt: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet.“(2. Korinther 8,9) Und begründet damit die Sammlung für die verarmte Gemeinde in Jerusalem.  Es ist allemal das Handeln Gottes, aus dem sich das Engagement für die Armen begründet und speist.

Diese Passagen lesen heißt auch, sich der inneren Entfernung bewusst zu werden, die unsere Gesellschaft heute von solchen Worten trennt. Die soziale Verpflichtung des Eigentums steht zwar in irgendwelchen Grundtexten der RD, sie ist aber nicht wirklich um Bewusstsein der Bürger*innen des Landes verankert.

Wobei es schon so sein wird: Die Radikalität der Worte des Mose spiegelt nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit in Israel. Wenn er sagt: du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten. so beschreibt er damit ja gerade nicht die Wirklichkeit. Er begegnet einer anderen, wahrscheinlich doch mehr am Eigennutz orientierten Denkweise mit seiner Forderung. So zu handeln, wie Mose es fordert, war damals in Israel genauso wenig selbstverständliche Praxis wie sie es heute ist. Was Mose will, ist schon damals ein Widerspruch gegen das, was „man“ so lebt. Das „Erlass-Jahr“ ist bis auf den Tag heute eine gesellschaftliche Herausforderung an das individualistische Denken. Ob es auch eine wirtschaftliche ist, wäre noch auszuprobieren.

 

Wobei es schon so sein wird: Die Radikalität der Worte des Mose spiegelt nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit in Israel. Wenn er sagt: du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten. so beschreibt er damit ja gerade nicht die Wirklichkeit. Er begegnet einer anderen, wahrscheinlich doch mehr am Eigennutz orientierten Denkweise mit seiner Forderung. So zu handeln, wie Mose es fordert, war damals in Israel genauso wenig selbstverständliche Praxis wie sie es heute ist. Was Mose will, ist schon damals ein Widerspruch gegen das, was „man“ so lebt. Das „Erlass-Jahr“ ist bis auf den Tag heute eine gesellschaftliche Herausforderung an das individualistische Denken. Ob es auch eine wirtschaftliche ist, wäre noch auszuprobieren.

 

Wobei es schon so sein wird: Die Radikalität der Worte des Mose spiegelt nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit in Israel. Wenn er sagt: du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten. so beschreibt er damit ja gerade nicht die Wirklichkeit. Er begegnet einer anderen, wahrscheinlich doch mehr am Eigennutz orientierten Denkweise mit seiner Forderung. So zu handeln, wie Mose es fordert, war damals in Israel genauso wenig selbstverständliche Praxis wie sie es heute ist. Was Mose will, ist schon damals ein Widerspruch gegen das, was „man“ so lebt. Das „Erlass-Jahr“ ist bis auf den Tag heute eine gesellschaftliche Herausforderung an das individualistische Denken. Ob es auch eine wirtschaftliche ist, wäre noch auszuprobieren.

 

 

Heiliger Gott, Du willst uns reich beschenken, uns Deinen Segen erfahren lassen in Haus und Hof, an den Kindern und im Beruf. Du willst, dass es uns gut geht.

Weil Du das  willst, suchst Du unser Engagement für die, die auf der Strecke zu bleiben drohen, denen das Leben nicht so wohl gesinnt scheint, die sich durch manche Not hindurch kämpfen müssen.

Du willst Deine Leute an ihrer Seite,  uns neben den Armen. Du lehrst uns: Wer eintauchen will in meine Liebe, der wird neben den Armen auftauchen müssen.

Gib Du mir, uns als Deiner Gemeinde, dass wir uns dem nicht entziehen, dass wir uns der Armen annehmen, sie unser Herz finden lassen. Amen