Gewalt aus Glauben – eine schreckliche Unmöglichkeit

  1. Mose 12, 1 – 12

1 Dies sind die Gebote und Rechte, die ihr halten sollt, dass ihr danach tut im Lande, das der HERR, der Gott deiner Väter, dir gegeben hat, es einzunehmen, solange ihr auf Erden lebt:

             Irgendwie will dieser erste Vers nicht zu dem passen, was folgt. Er signalisiert ja mit der Wendung: Dies sind die Gebote und Rechte, die ihr halten sollt, dass jetzt eine Unterweisung in den Geboten folgen müsste, eine weitere Wiederholung der Zehn Worte oder auch eine weitere Wiederholung von Bestimmungen zu Ehe, Sabbat und Umgang mit den Witwen und Waisen aus dem Bundesbuch. An Geboten und Rechten, die es einzuschärfen gilt, wäre ja kein Mangel. Aber es geht anders weiter!

2 Zerstört alle heiligen Stätten, wo die Heiden, die ihr vertreiben werdet, ihren Göttern gedient haben, es sei auf hohen Bergen, auf Hügeln oder unter jedem grünen Baum, 3 und reißt um ihre Altäre und zerbrecht ihre Steinmale und verbrennt mit Feuer ihre heiligen Pfähle, zerschlagt die Bilder ihrer Götzen und vertilgt ihren Namen von jener Stätte.

             Was dem eher allgemeinen Auftakt-Satz folgt, ist die Aufforderung zu einem religiösen Gewaltakt. Kahlschlag. Alle Heiligen Stätten der Heiden sollen sie zerstören. Wir erschrecken, wenn wir das lesen, zeigt es uns doch etwas von dem aggressiven Potential, das im Glauben steckt. Geleitet werden diese Forderungen von einem einfachen, klaren Gedanken: „Wenn Jahwe der einzige Gott ist, muss dies sichtbar werden. Die Kultstätten der anderen Götter müssen zerstört werden und zwar vollständig. Ist Gott der Herr, kann er keine Götter neben sich dulden.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, s. 128) So klar das als Argumentation ist – ein Zustimmen zur Schlussfolgerung erscheint mir schwierig.

               Die Frontstellung, die hinter diesen so  schroffen Aufforderungen steht, ist nicht gleich sichtbar: Sie erklärt sich wohl erst wirklich, wenn man unterstellt, dass Israel schon im Land der Verheißung wohnt. Nicht erst noch draußen vor „der Landnahme” steht, sondern schon lange im Land ist. Da gilt über Jahrhunderte hinweg: „Israels Kultus war ganz und gar uneinheitlich geworden. Die Heiligtümer pflegten ihre lokalen Überlieferungen; und als ehemals kanaanäische Kultstätten, die sie waren, galt in ihnen der dort veranstaltete Kultus wohl mehr der Natur- und Wettergottheit Baal als dem Gotte Israels.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 64)  Dann geht es hier um den Kampf um die Reinheit des Jahwe-Glaubens, um eine Abkehr von den noch lange nachwirkenden Praktiken der Kanaanäer. Ein Kampf, der erbittert geführt worden ist, wie man auch an dem Propheten Elia und dem Gemetzel auf dem Karmel sehen kann.

Es ist kein Konzept innerer Stärke, des tiefen Vertrauens auf die eigene Wahrheit, das hinter diesen Worten sichtbar wird. Wer sich so schroff abgrenzen muss, der spürt die eigene Anfälligkeit. Vielleicht ist es genau das: In Israel weiß man nur zu genau, wie verführbar das eigene Volk ist, wie rasch an die Stelle des bildlosen Gottes die Bilder der Götter , Götzenbilder in der  Denkweise Israels,  treten können. Das Goldene Kalb ist nur das prominenteste Beispiel für diesen Vorgang, aber bei weitem nicht das einzige.

Kein Zweifel: wir wollen heute keine zerstörten Kultstätten mehr. Nicht zerstört durch den IS, durch Taliban, nicht durch wildgewordene Christen. Wir wollen keine Brandanschläge auf Moscheen. Uns schaudert vor den entsetzlichen Übergriffen auf Synagogen in der Reichs-Pogrom-Nacht 1938. Und wir finden zu Recht die Worte des altgewordenen Luther entsetzlich, in denen er zum Verbrennen von Synagogen aufruft. Gewalt ist nie und nirgends gerechtfertigt, wenn es um die richtige Verehrung Gottes geht.

Das ist nicht Zugeständnis an eine liberale Zeitvorstellung, die allen Religionen den gleichen Wahrheitsgehalt zugesteht oder die gleiche Unbeweisbarkeit vorhält. Das ergibt sich für mich aus der Art des Glaubens, in dem ich als Christ stehe. Ich kann ihn bezeugen, ich kann versuchen, ihn zu erklären, ich kann darum bitten, sich auf ihn einzulassen. Aber es widerspricht dem Kern des Glaubens, ihn mit Gewalt auszubreiten. „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“(2. Korinther 3,17) Glauben und Gewalt – das ist eine völlige Ungleichung. Eine Mesalliance, eine Missheirat, die zum Verunglücken verurteilt ist.

4 Ihr sollt dem HERRN, eurem Gott, so nicht dienen, 5 sondern die Stätte, die der HERR, euer Gott, erwählen wird aus allen euren Stämmen, dass er seinen Namen daselbst wohnen lässt, sollt ihr aufsuchen und dahin sollst du kommen. 6 Dorthin sollt ihr bringen eure Brandopfer und eure Schlachtopfer, eure Zehnten und eure heiligen Abgaben, eure Gelübdeopfer, eure freiwilligen Opfer und die Erstgeburt eurer Rinder und Schafe.

             An die Stelle der vielen Heiligtümer soll das eine Heiligtum treten, die Stätte, die der HERR, euer Gott, erwählen wird aus allen euren Stämmen, dass er seinen Namen daselbst wohnen lässt. Das nennen wir Kult-Zentralisation und verbinden diesen Vorgang mit der großen Kultreform des König Josia (2. Könige 22 + 23) Das mag genügen um zu verstehen, dass hier in den Worten des 5. Mose nicht Geschichte vor der Landnahme verhandelt wird, sondern eben die Geschichte im Land.  Die Opfer werden zentralisiert. Einfacher für die Priesterschaft, einfacher auch für die Verwaltung.

7 Und ihr und euer Haus sollt dort vor dem HERRN, eurem Gott, essen und fröhlich sein über alles, was eure Hand erworben hat, womit dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat. 8 Ihr sollt es nicht so halten, wie wir es heute hier tun, ein jeder, was ihm recht dünkt.

Die eine Stätte, der eine Ort, soll der zentrale Gottesdienst-Ort werden. Und Gottesdienst feiern ist  vor dem HERRN, eurem Gott, essen und fröhlich sein über alles, was eure Hand erworben hat. Schon dieser kurze Satz genügt, um die Differenz zu unseren Gottesdiensten heute zu erkennen. Der Gottesdienst, wie er hier gefordert und beschrieben ist, hat mehr von einem Volksfest, unser Gottesdienst mehr von einer Lehrveranstaltung.

9 Denn ihr seid bisher noch nicht zur Ruhe und zu dem Erbteil gekommen, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. 10 Ihr werdet aber über den Jordan gehen und in dem Lande wohnen, das euch der HERR, euer Gott, zum Erbe austeilen wird, und er wird euch Ruhe geben vor allen euren Feinden um euch her, und ihr werdet sicher wohnen.

Der Text setzt seine Handlungsanweisungen fort. Immer noch handelt es sich „weder im positiven noch im negativen Teil um „Gesetze“ im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern ausgesprochenermaßen um eine Laienunterweisung.(G. v. Rad, aaO. S. 65) Das Volk Gottes – das meint das Wort Laien ja – bekommt gesagt, was es tun soll. Und was ihm bevorsteht. Sie sind noch nicht am Ziel, noch nicht zur Ruhe und zu dem Erbteil gekommen. Das ist wieder der Hinweis auf die erzählte Situation.

Solche Sätze werden als eine grundsätzliche Deutung der Situation des Volkes Gottes auch später wieder aufgegriffen. Auch im Neuen Testament. Es ist noch unterwegs, noch nicht am Ziel. Aber es hat das Ziel vor Augen: „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.“ (Hebräer 4, 10-11)

Hier ist, eine Spur bescheidener, das Ziel die Landnahme, das Aufhören des steten Unterwegs-Seins als Halb-Nomaden, das Ende der Wüstenwanderung, Sicherheit vor den Feinden, die es überall gibt.  Dass diese Ruhe zum Bild für die Vollendung des Weges durch die Zeit werden konnte, erscheint mir sehr verständlich, zumal in der Verknüpfung mit der Ruhe Gottes am siebten Tag der Schöpfung.

  11 Wenn nun der HERR, dein Gott, eine Stätte erwählt, dass sein Name daselbst wohne, sollt ihr dahin bringen alles, was ich euch gebiete: eure Brandopfer, eure Schlachtopfer, eure Zehnten, eure heiligen Abgaben und alle eure auserlesenen Gelübdeopfer, die ihr dem HERRN geloben werdet. 12 Und ihr sollt fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott, ihr und eure Söhne und eure Töchter, eure Knechte und eure Mägde und der Levit, der in euren Städten wohnt; denn er hat weder Anteil noch Erbe mit euch.

             Es wirkt wie eine Wiederholung des gerade zuvor Gesagten. Damit wie eine nachdrückliche Bekräftigung. Gott erwählt im Land die Stätte, an der sein Name wohnen wird. Im Namen ist ja Gott gegenwärtig: Das schließt nicht aus, dass er im Himmel wohnt. Und noch einmal der ausdrückliche Hinweis: ihr sollt fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott. Gottesdienst ist keine Veranstaltung für Leute, die zum Lachen in den Keller gehen. Er schöpft aus der Freude an Gott und dem Leben und dient der Freude an Gott, seinen Menschen  und dem Leben.

 

So geht es mir manchmal, mein Gott, mit Deinem Wort, das mir in der Schrift begegnet. Ich bin hin und her gerissen. Ich erschrecke über den Aufruf zur Gewalt gegen fremde Heiligtümer. Ich will das nicht, keine brennenden Synagogen mehr, keine zerstörten und entweihten Moscheen, keine verwüsteten Kirchen.

Ich freue mich an dem Gottesdienst, wie Du ihn willst, voll Leben, Lachen, Lust. Da ist fröhliches Miteinander. Da ist die Freude an Dir. Gib Du mir, dass ich in Deinem Wort nie der Spur der Gewalt Vertrauen schenke, aber immer der Spur der Freude folge. Amen