Israel hat die Wahl.

  1. Mose 11, 13 – 32

13 Werdet ihr nun auf meine Gebote hören, die ich euch heute gebiete, dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele, 14 so will ich eurem Lande Regen geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, dass du einsammelst dein Getreide, deinen Wein und dein Öl, 15 und will deinem Vieh Gras geben auf deinem Felde, dass du isst und satt wirst.

 Der Sprecher ist unermüdlich im Wiederholen seiner Worte. Es sind seine Worte, die er sagt und die doch von Gott bestätigt werden müssen. Es ist ein Wechsel, der leicht überlesen werden kann: die ich euch heute gebiete – das Ich des Sprechenden wird zum Ich Gottes. Oder anders: Gott eignet sich seine Worte an, so wie der Sprecher sich zuvor die Worte Gottes angeeignet hat.

Das Versprechen, wenn das Volk den Worten gehorcht, sich dem Gebot anvertraut: Regen satt. „Gehorsam schenkt reiches Auskommen für Mensch und Vieh, weil Gott für rechtzeitigen Regen sorgt.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, s. 124)  Den Frühregen zu Beginn des Winters und den Spätregen im April, vor der Gluthitze des Sommers.  In einem Land wie Palästina ist der Regen nicht irgendetwas, was auch einmal gut tut. Er ist schlicht existenznotwendig. Das hören wir heute auch aus anderen Regionen der Welt.

16 Hütet euch aber, dass sich euer Herz nicht betören lasse, dass ihr abfallt und dient andern Göttern und betet sie an, 17 sodass der Zorn des HERRN entbrenne über euch und schließe den Himmel zu, sodass kein Regen kommt und die Erde ihr Gewächs nicht gibt und ihr bald ausgetilgt werdet aus dem guten Lande, das euch der HERR gegeben hat.

Es ist die eindringliche Warnung, schon vor der Landnahme, die doch erst zu der Zeit im Land, in der Ko-Existenz mit den alten Völkern des Landes und ihren Fruchtbarkeitsgöttern noch einmal zusätzliche Bedeutung gewinnt. Sich nicht zur Anbetung der herkömmlichen Garanten für Fruchtbarkeit verführen zu lassen – des Baal, der Astarte. Weil, wenn diese Anbetung der fremden Götter um sich greift, wird Gott den Himmel verschließen. In Aufnahme dieser Warnung wird erzählt: „Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“ (1. Könige 17, 1)  

  18 So nehmt nun diese Worte zu Herzen und in eure Seele und bindet sie zum Zeichen auf eure Hand und macht sie zum Merkzeichen zwischen euren Augen 19 und lehrt sie eure Kinder, dass du davon redest, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. 20 Und schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore, 21 auf dass ihr und eure Kinder lange lebt in dem Lande, das der HERR, wie er deinen Vätern geschworen hat, ihnen geben will, solange die Tage des Himmels über der Erde währen.

             Es ist nicht mit einem Mal Hören getan. Das ist die lebensweise Einsicht, die zu den stetigen Wiederholungen führt. Was gehört worden ist, muss auch angeeignet werden – aufgenommen in die Herzen und in eure Seele. Diesem Aufnehmen, Verinnerlichen dient es, dass sich das Volk die Worte vor Augen hält, dort, wo es seinen Alltag lebt. In den Häusern. Im Umgang mit den Kindern.

Wer kontinuierlich die Texte des 5. Mose liest, spürt: das ist fast wörtlich Wiederholung aus dem 6. Kapitel, wo die entsprechende Mahnung an das Zentralbekenntnis anknüpft: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“(6,4-5) Vielleicht darf man sagen: Hier an dieser Stelle wird durch die erneute Anweisung der äußerlichen Praxis auch an das Grundbekenntnis Israels erinnert.

        Es wird sicherlich stimmen: „Zweifellos sind die deuteronomistischen Prediger in ihrem Begriffsschatz und in ihrer Phraseologie sehr monoton.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 61) Aber bevor man auf die Idee verfällt, solche schlichte Wiederholung wegen schriftstellerischer Einfallsarmut zu unterstellen – in heutiger Zeit der PC-Arbeit  würde man vermuten: versehentliches Einfügen durch Drücken der Copy- und Einfüge-Taste – hinter dieser hartnäckigen Wiederholung steht geistliche Einsicht: Es braucht die immer neue Erinnerung an die Fundamente des Glaubens, damit er nicht im Wirrwarr der Zeiten aus den Augen und aus dem Sinn gerät, nicht seine Kraft zur Lebensgestaltung verliert, sich nicht auflöst.

Es ist wohl so, dass die größte Gefahr für den Glauben nicht darin besteht, dass einer von jetzt auf gleich dem Glauben absagt, sondern dass er die Lebensgestalt nicht mehr trägt und deshalb auch einfach verblasst und sich in Nichts auflöst. Dem widerspricht die sichtbare Gestalt an den Türpfosten, der Haus-Segen, die Merkzeichen, die zur Hand sind.

22 Denn wenn ihr diese Gebote alle halten werdet, die ich euch gebiete, und danach tut, dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und wandelt in allen seinen Wegen und ihm anhangt, 23 so wird der HERR alle diese Völker vor euch her vertreiben, dass ihr größere und stärkere Völker beerbt, als ihr es seid. 24 Alles Land, darauf eure Fußsohle tritt, soll euer sein: von der Wüste bis an den Berg Libanon und von dem Strom Euphrat bis ans Meer im Westen soll euer Gebiet sein. 25 Niemand wird euch widerstehen können. Furcht und Schrecken vor euch wird der HERR, euer Gott, über alles Land kommen lassen, das ihr betretet, wie er euch zugesagt hat.

             Der Warnung folgt eine Segenszusage. Salopp formuliert: Es wird sich lohnen, den Wegweisungen Gottes zu folgen. Unverdrossen wird es wieder und wieder gesagt: Aus dem Gehorsam gegen das Gebot, aus der Liebe zu Gott  wird Segen. „Segen hat immer die Tendenz, das Vorhandene zu mehren.“ (D. Schneider, ebda.) Hier: er macht Israel unwiderstehlich. Es sind Grenzen, die hier genannt werden, die Israel so nie gefüllt hat, auch nicht im Großreich Salomos.   

Immer wieder: wenn – dann, Wenn – so wird. Das liest sich leicht als ein Dauer-Schema von Vorbedingung und Antwort, erfüllter Vorleistung und Lohn, unerfüllter Bedingung und Strafe. So, als käme zum Tun noch eine Reaktion Gottes hinzu. Segen und Fluch sind dann etwas, was als Antwort Gottes von außen zu unserem Tun hinzukommt. Gott sieht, registriert, was wir und tun und dann reagiert er – lohnt, straft. So kann man denken und so denken viele.

So habe ich lange Zeit selbst gedacht und geglaubt. Ich versuche es jetzt anders: Jede Tat trägt ihre Folgen in sich. Der guten Tat folgt – hoffentlich – Segen. Der bösen Tat folgt – hoffentlich nicht immer – ihre zerstörende Kraft. Das könnte so eine Art „Lebensgesetz“ sein, das Gott in die Welt gegeben hat, so wie er die Gesetzmäßigkeit von Tag und Nacht, Sommer und Winter, Frost und Wärme gegeben hat. So zu denken heißt auch: Gottes Segen macht das eigene Tun nicht überflüssig – er gibt ihm vielmehr seinen Mehrwert. Und Gottes Fluch ist das, was wir selbst auf uns ziehen. Nichts, was Gott auch noch tun müsste. So darf man denken und glauben, wenn man damit die Freiheit Gottes, auch noch einmal ganz anders zu sein, nicht in ein Gesetz einsperrt, das über Gott steht.

 26 Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: 27 den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; 28 den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes, und abweicht von dem Wege, den ich euch heute gebiete, dass ihr andern Göttern nachwandelt, die ihr nicht kennt.

             Und noch einmal, wie eine „abschließende Zusammenfassung“(G. v. Rad, ebda.): Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch. Israel hat die Wahl. Hat es wirklich eine Wahl? Ist das eine Frage, wie die Entscheidung fallen wird und fallen muss?

Man muss es sich schon als Leser*in heute vor Augen halten: dieser Text erzählt zwar eine Situation, in der Israel vor dem Land steht, das ihm verheißen ist. Aber aufgeschrieben und in seine Schlussgestalt gebracht wird er wohl in einer Zeit, in der Israel im Begriff ist, das Land durch eine irrsinnige Bündnis-Politik und ein wahnwitziges Vertrauen auf die eigene militärische Stärke zu verlieren oder es sogar schon, so fehlgeleitet, verloren hat. Da klingen diese Worte von Segen und Fluch noch einmal anders. Sie fragen: was haben wir eigentlich gewählt? Worauf haben wir denn unser Vertrauen gesetzt?    

29 Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringt, in das du kommen sollst, es einzunehmen, so sollst du den Segen sprechen lassen auf dem Berge Garizim und den Fluch auf dem Berge Ebal, 30 die jenseits des Jordans liegen an der Straße gegen Sonnenuntergang im Lande der Kanaaniter, die im Jordantal wohnen, Gilgal gegenüber bei der Eiche More. 31 Denn ihr werdet über den Jordan gehen, dass ihr hineinkommt, das Land einzunehmen, das euch der HERR, euer Gott, gegeben hat, damit ihr’s einnehmt und darin wohnt. 32 So habt nun acht, dass ihr tut nach allen Geboten und Rechten, die ich euch heute vorlege.

Jetzt kehrt der Text wieder in die erzählte Zeit zurück. Segen vom Garizim, Fluch auf dem Berg Ebal. Unwillkürlich meldet sich die Erinnerung an die Erzählung vom Seher Bileam – der Fluchen sollte und Segen aussprechen musste. Ob hier die Erinnerung an ein altertümliches Ritual, an eine kultische Begehung von Fluch und Segen auf diesen Bergen erhalten ist, wage ich nicht zu entscheiden. Das Heute der Rede des Sprechenden ist, so denke ich, immer. Es ist die Gegenwart, in der wir vor der Wahl stehen, den Weg Gottes zu folgen oder eigensinnig unsere eigenen Wege zu gehen. Dann aber eben ohne die Verheißungen Gottes.

 

Du wirst es nicht müde, Du heiliger und barmherziger Gott, uns zu mahnen,  zu rufen, uns auf Deinen Weg zu locken, uns Deine Gebote als gute Wegweisung vor Augen zu halten.

Du wirst es nicht leid, immer wieder die gleiche Einladung auszusprechen: Folgt meinem Gebot, so werdet ihr leben.

Sonntag für Sonntag erinnerst Du uns daran: Ich bin für euch da. Ich bin euch nah. Ihr dürft euch meinem Wort anvertrauen.

Gib uns doch, dass wir hören, dass wir Dein Rufen zu Herzen nehmen, uns davon bewegen lassen, dass unser Handeln Deinem Wort entspricht. Amen