Gottes Land ist schön

  1. Mose 11, 1 – 12

 1 So sollst du nun den HERRN, deinen Gott, lieben und sein Gesetz, seine Ordnungen, seine Rechte und seine Gebote halten allezeit.

             Zum wiederholten Mal: „Die Liebe zu Gott als der Summe aller Gehorsamsübungen wird erneut unterstrichen, damit Israel nicht meint, es hätte nur mit einem stummen und innerlich nicht beteiligten Gott zu tun.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 123) Gott, den HERRN lieben und die Gebote halten ist eins. Es hat etwas von monotoner Wiederholung. Der Sprechende wird seine Wiederholung nicht leid, weil es nur so dazu kommen wird, dass sich seine Kernbotschaft – Gott lieben, die Gebote halten, sich an die großen Taten Gottes erinnern – tief einprägen wird.

Es kann ja durchaus sein, dass es die Krankheit unserer Zeit ist: Wir sind immer auf Neuigkeiten aus, auf Abwechslung auf neue Bilder, neue Visionen. Wenn etwas nur neu ist, dann geht das Leben doch weiter. Wiederholung ist so etwas wie Stillstand. Es ist ein mühsamer Lernprozess zu entdecken, dass es die Wiederholung ist, die den Fortschritt eines Weges bestimmt. Ein Schritt folgt dem nächsten, der Weg aber zieht sich und eröffnet nicht mit jedem Schritt neue Einsichten. Vielleicht haben uns unsere so schnellen Fortbewegungsmitteln dafür blind werden lassen, dass Erfahrung langsam geht, Prägung Zeit braucht, dass das geduldige und wiederholte Hinschauen mehr Zukunft in sich birgt als der eine  rasche Augenblick.

Viel später wird Jesus nach der Überlieferung des Johannes-Evangeliums Sätze sagen, über die bis heute Christen auch immer wieder stolpern: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten…. Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt.“ (Johannes 14, 15 + 21) Offensichtlich ist es für den Juden Jesus so wenig ein Gegensatz wie für den Sprecher im Mose-Buch: Die Liebe zu Gott führt zum Halten der Gebote. Sie werden nicht widerwillig als fremde Last akzeptiert. Das ist für mich der Hinweis: wir müssen in der christlichen Verkündigung neu darüber nachdenken, wie wir von den Geboten Gottes und wie wir vom Gehorsam reden.

Meine Vermutung: unser Verhältnis zu Gehorsam und Gebot ist mehr durch die 68-er Revolte und die vermeintliche Befreiung von falschen Autoritäten geprägt als durch sorgfältige Reflexion dessen, was biblisch begründet und theologisch ordentlich verantwortet gesagt werden kann.               

 2 Und erkennt heute, was eure Kinder nicht wissen noch gesehen haben, nämlich die Erziehung durch den HERRN, euren Gott, dazu seine Herrlichkeit, seine mächtige Hand und seinen ausgereckten Arm 3 und seine Zeichen und Werke, die er getan hat unter den Ägyptern, an dem Pharao, dem König von Ägypten, und an seinem ganzen Lande; 4 und was er an der Heeresmacht der Ägypter getan hat, an ihren Rossen und Wagen, wie er das Wasser des Schilfmeers über sie brachte, als sie euch nachjagten und sie der HERR vernichtete, bis auf diesen Tag; 5 und was er euch getan hat in der Wüste, bis ihr an diesen Ort gekommen seid, 6 was er Datan und Abiram getan hat, den Söhnen Eliabs, des Sohnes Rubens, wie die Erde ihren Mund auftat und sie verschlang mit all ihren Leuten und ihren Zelten und allem ihrem Gut, das sie erworben hatten, mitten unter ganz Israel.

    Wieder wird der Blick der Hörer*innen und Leser*innen in die Vergangenheit gewendet, zu den Taten Gottes auf dem Weg. Sie selbst, zu denen der Sprechende jetzt spricht, sind Zeugen der großen Gottestaten. In wenige Sätze werden diese Taten zusammengezogen – der Aufbruch aus Ägypten, das Geschehen am Schilfmeer, die Wege durch die Wüste, der Untergang der Ruben-Enkel zusammen mit der Rotte Korach – das alles sind Signale seiner mächtigen Hand  und Herrlichkeit Gottes. Es wirkt wie eine nachträgliche Deutung: In dem allem übt Gott Erziehung aus. Das „göttliche Geschichtswalten“ hat etwas von „in die Zucht nehmen“. (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 60) Uns ist das fremd und auch befremdlich.

Diese Art Pädagogik hat heute keinen guten Klang. Wieder durchaus beeinflusst durch die Gedankenwelt aus den Jahren um 1968. Wir haben, im Gegensatz zu früheren Generationen keinen einfachen Zugang mehr zu der Strenge Gottes. Es ist für uns Kinder der antiautoritären Zeit mühsam, hinter solcher Strenge die tief darin verborgene Liebe zu erspüren.

 7 Denn eure Augen haben die großen Werke des HERRN gesehen, die er getan hat. 8 Darum sollt ihr alle die Gebote halten, die ich dir heute gebiete, auf dass ihr stark werdet, hineinzukommen und das Land einzunehmen, dahin ihr zieht, es einzunehmen, 9 und dass du lange lebest in dem Lande, das der HERR, wie er euren Vätern geschworen hat, ihnen und ihren Nachkommen geben will, ein Land, darin Milch und Honig fließt.

            Mose aber sagt und kann sagen: Das habt ihr gesehen. Erlebt. Dabei behaftet er sie, ohne der Frage nachzugehen, ob sie das, was sie auf dem Weg erfahren haben, dann auch als Gotteserfahrung und Ausdruck der Gottesliebe zu deuten fähig gewesen sind. „Dem Volk wird hier ein Sehen und Erkennen der Taten seines Gottes „zugemutet“, obwohl es in Wirklichkeit nicht in der Lage war, aus der Wahrnehmung des Handelns seines Gottes die richtigen Konsequenzen zu ziehen.“(D. Schneider, ebda.) Statt zugemutet könnte man auch sagen: unterstellt.

Vorsichtiger: Mose weiß um die Blindheit für das Handeln Gottes und doch ruft er darüber hinaus – in ein neues Sehen, in ein Deuten der Wegerfahrungen als Gottes gutem Weg. Mit diesen Erfahrungen und der darauf folgenden Augenzeugenschaft begründet er seine Forderung nach dem Halten der Gebote. Sie haben doch erlebt, dass Gott ihnen gut will. Dass er sie stark macht. Dass er auf dem Wege ist, ihnen das Land zu geben, das er den Vätern versprochen hat.  

 10 Denn das Land, in das du kommst, es einzunehmen, ist nicht wie Ägyptenland, von dem ihr ausgezogen seid, wo du deinen Samen säen und selbst tränken musstest wie einen Garten, 11 sondern es hat Berge und Auen, die der Regen vom Himmel tränkt, – 12 ein Land, auf das der HERR, dein Gott, achthat und die Augen des HERRN, deines Gottes, immerdar sehen vom Anfang des Jahres bis an sein Ende.

             Was folgt ist eine geradezu atemberauende Übertreibung. Gegen das Land vor ihnen ist die Kornkammer Ägypten geradezu ein mühselig zu bestellender Acker. Auch die Leser*innen der ersten Generation wussten: „Es ist in Wirklichkeit eher umgekehrt: die regelmäßigen Nilüberschwemmungen sind verlässlicher als der Regen, der in Palästina oft genug ausbleibt.“ (D. Schneider, aaO. S. 124) Aber weil es das Land ist, auf das der Herr acht hat, darum zählen nicht mehr die natürlichen Vorzüge. „Der Geber macht dieses Land schön“ (D. Schneider, ebda.), geradezu zu einem Paradies. 

 

Es ist Deine Art, mein Gott, das Leben zu beschenken, Dich denen zuzuwenden, die nichts vorzuweisen haben. Es ist Deine Art, mit Deiner Macht in die Freiheit zu führen, aus den Bindungen zu lösen.

Es ist Deine Art, die leeren Hände zu füllen, auf kargem Boden reiche Frucht zu schenken. Es ist Deine Art, wegzuführen von dem blendenden Reichtum, dorthin, wo Du aus Deiner Fülle neu geben willst, genug zum Leben, so viel, dass allem Mangel gewehrt ist.

Ich danke Dir für solche Führungen, auch wenn ich sie oftmals erst im Nachhinein verstehen und dann auch annehmen kann. Amen