Lernt staunen über euren Gott

  1. Mose 10, 10 – 22

10 Ich aber stand auf dem Berge wie das erste Mal, vierzig Tage und vierzig Nächte, und der HERR erhörte mich auch diesmal und wollte dich nicht verderben. 11 Er sprach zu mir: Mach dich auf, geh hin und zieh vor dem Volk her, damit sie hineinkommen und das Land einnehmen, das ich ihnen geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.

             Noch einmal zur Einordnung: Es ist die Anrede Gottes an Mose beim zweiten „Aufenthalt“ auf dem Berg, dem Horeb. Bei diesem Aufenthalt, der von Fasten und Beten bestimmt ist. Von der Erfahrung, dass der HERR erhört. Hier empfängt Mose den Auftrag zum Aufbruch in das gelobte Land. Mach dich auf, geh hin und zieh vor dem Volk her. Er soll das Volk führen.

Haben wir es hier mit einem Zeitsprung zu tun? Wenn man dem Erzählstrang des 2. Buches Mose folgt, dann liegt dieser zweite Aufenthalt vor dem Weg durch die Wüste, vor der Entsendung der Kundschafter, vor den vierzig Jahren Zwangspause in der Wüste. Darauf nimmt diese Passage hier keine Rücksicht.

12 Nun, Israel, was fordert der HERR, dein Gott, noch von dir, als dass du den HERRN, deinen Gott, fürchtest, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und dem HERRN, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, 13 dass du die Gebote des HERRN hältst und seine Rechte, die ich dir heute gebiete, auf dass dir’s wohlgehe?

             Mose wendet sich direkt an Israel. Er hält ihm in der Form einer Frage noch einmal vor, was Grundlage seiner Existenz ist. Fast, als wollte er sagen: Ist das eine Überforderung? Was steht in Frage: Gottesfurcht und Gottesliebe. „Gottesfurcht meint schlicht den Gehorsam, die Anerkennung seiner Gebote.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 59) Gott, der Israel erwählt hat, „erwartet Gegenliebe und verinnerlichte Hingabe.“(ebda.) Ungeteilt soll Israel sich seinem Gott hingeben.  Auffällig ist die Wendung die ich dir heute gebiete. Das ist nicht Gott, der so spricht. Hier hat Mose das Wort! Er sagt: ich gebiete. Mose hat sich die Worte Gottes zu eigen gemacht, darin erfüllt er seine Mittler-Rolle – genau das will er auch vom Volk: es soll sich die Worte zu eigen machen und darin Gehorsam einüben.

Auf dass dir’s wohlgehe. Das ist das Ziel aller Worte Gottes an das Volk. Das ist das Ziel der Zehn Worte, aller Rechtsetzungen und aller Gebote: Wohlergehen. Nie geht es darum, dass Gott sich als groß und stark erweist. Nie geht es darum, dass er seinen Willen durchsetzen will und darum das Volk kleinmachen muss. Das Ziel aller Weisungen an Israel ist ein gutes Leben für Israel. Wenn ich  jetzt noch gedanklich hinzufügen: Israel ist Gottes Beispiel dafür, wie er sich das mit der ganzen Welt denkt, dann ist es nur ein kleiner Schritt zu dem Satz:  Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Timotheus 2, 4) 

 14 Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des HERRN, deines Gottes. 15 Und doch hat er nur deine Väter angenommen, dass er sie liebte, und hat ihre Nachkommen, nämlich euch, erwählt aus allen Völkern, so wie es heute ist. 16 So beschneidet nun die Vorhaut eurer Herzen und seid hinfort nicht halsstarrig.

             Es ist eine umfassende Erinnerung: Hier ist die Rede von dem Gott, dessen Eigentum der Himmel und die Erde sind. Er ist der Schöpfer und – was wir leicht vergessen, weil wir den Schöpfer auf den Anfang reduzieren – er ist der, dem Himmel und Erde gehören, auch heute. Es ist atemberaubend: der so das All in Händen hat, der hat nur deine Väter angenommen, dass er sie liebte, und hat ihre Nachkommen, nämlich euch, erwählt aus allen Völkern. Wenn das nicht zum Staunen ist, ist nichts zum Staunen. „Vor einem solchen Hintergrund – Jahwe gehört die ganze Welt – wird das Paradox der Erwählung der Väter viel stärker empfunden.“ (G. v. Rad, aaO. S. 60) Aber so ist Gott: er erwählt, was in den Augen der Welt gering ist, nichts zählt.

       Darauf läuft die Argumentation hinaus: Aus der Zugehörigkeit Israels zu Gott soll Wesenswandel erfolgen. Über diese Erwählung staunen heißt alles  zu tun, um ihr zu entsprechen. Deshalb greift der Sprecher auf das uralte Bundeszeichen der Beschneidung zurück. Es ist der „Versuch, alten kultischen Bräuchen durch eine vergeistigende Umdeutung eine neue Bedeutung zu geben.“ (G. v. Rad, ebda.) Kein Wunder, dass Paulus darauf zurückgreift als einer, der die Schriften Israels kennt und achtet: „Der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.“(Römer 2,29) Anders gesagt: Es geht darum, dass in den „Aufrufen und Befehlen an Einzelne das Gebot von neuem entsteht und dem Buchstabenknecht oder dem idealistischen Phantasten entgegentritt. Das aber geschieht, wenn Herz und Sinn sich von dem Gesetz zum Gesetzgeber erheben.“(K. H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1966, S. 239)  Darum ist der folgende Ausbruch in Jubelrufe sachlich völlig angemessen – so erhebt sich das Herz. 

 17 Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren, der große Gott, der Mächtige und der Schreckliche, der die Person nicht ansieht und kein Geschenk nimmt 18 und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. 19 Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

  Es folgt eine Anhäufung von Gottesprädikationen. Hymnische Sprache, weil sie allein angemessen ist, um dem Staunen Ausdruck zu verleihen. Dem Staunen über diese Wahl Gottes. Dieses Staunen wird auch davon geleitet: weil Gott die Person nicht ansieht – Gott macht keinen Unterschied der Personen. Daraus erwächst eine Verpflichtung, auch für Israel. Keine Diskriminierung der Fremdlinge. Stattdessen: Fürsorge für die, die es nötig haben. Vielleicht darf man sagen: Die Qualität des Glaubens zeigt sich in der Bereitschaft, sich für die Unterprivilegierten und sozial Zurückgesetzen – Waisen und Witwen und Fremdlinge – zu engagieren.

Es wird wohl so sein: Wer sich auf das christliche Menschenbild beruft, der wird nicht umhin können, auch den Gehorsam gegen die Wegweisungen Gottes einzuüben. Des Gottes, der Israel an die Waisen und Witwen, an die Fremdlinge verweist, der von seinem Volk fordert, diesen Personengruppen Recht zu schaffen. Handlanger des Gottesrechts zu sein, das den die Waisen, Witwen und Fremdlingen in besonderer Weise gilt. Wobei es schon auffällt: hier wird keine Gefahr einer Zuwendungs- und Versorgungs-Rivalität gesehen, etwa in der Form, dass die Fürsorge für Fremdlinge, die Schutzbürger den „volkseigenen“ Witwen und Wissen die Zuwendung schmälern könnte.

Diese Weisung Gottes wird aufgeschrieben in Zeiten, in denen es in Israel auch die andere Tendenz gab – sich schroff abzugrenzen von allem Fremden, weil mit den Fremden auch ihre Götter ins Land kommen könnten. So wie Menschen heute fürchten, dass der Islam ansteckend sein könnte, dass der Buddhismus ansteckend sein könnte. Mose hält dem entgegen: Lernt staunen über euren Gott, so müsst ihr keine Götter fürchten. Wer den Gott des Himmels und der Erde fürchtet, der muss nicht Fremden ihren Glauben verwehren und sie deshalb sich vom Leib halten.   

             Daneben stellt Gott die Erinnerung: ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ihr konntet in der Fremde den Glauben an den Gott aller Götter festhalten. Nichts anderes ist für euch auch jetzt nötig: Haltet diesen Glauben fest. Ihr müsst nicht anderen Glauben bekämpfen oder schlecht machen, diskriminieren und ihm Rechte vorenthalten. Es reicht, dass  ihr in eurem eigenen Glauben fest werdet, beständig in der Treue, im Gehorsam und ungeteilt in der Hingabe.

 20 Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten, ihm sollst du dienen, ihm sollst du anhangen und bei seinem Namen schwören. 21 Er ist dein Ruhm, und er ist dein Gott, der bei dir solche großen und schrecklichen Dinge getan hat, die deine Augen gesehen haben. 22 Deine Väter zogen hinab nach Ägypten mit siebzig Seelen; aber nun hat dich der HERR, dein Gott, zahlreich gemacht wie die Sterne am Himmel.

             Noch einmal folgt in fast hymnische Sprache  die Erinnerung an den kleinen Anfang – siebzig Seelen – und jetzt zahlreich wie die Sterne am Himmel. Das ist Rückgriff auf die Verheißung an Abraham. „Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“(1. Mose 15,5) Auf Gott, so sagt das, ist Verlass. Er erfüllt sein Wort.

„Alles muss klein beginnen                                                           lass etwas Zeit verrinnen.
Es muss nur Kraft gewinnen,
und endlich ist es groß.“                                                                          G. Schöne, CD Du hast es nur noch nicht probiert   1988

 Es gehört zur Eigenart Gottes: etwas Zeit – das kann schon einmal dauern. Das können wie im besonderen Fall Israel auch ein paar hundert Jahre sein!  

 

Heiliger Gott, der Du thronst über den Himmeln, der Du das All in Händen hältst, der Du den Sternen ihre Bahn lenkst, Tag und Nacht, Sommer und Winter werden lässt. Dir will ich danken für Dein Gebot, Deine Wegweisungen, für die Wahl Deines Volkes, in die Du auch uns hineingezogen hast.

Dir will ich danken, dass Du uns Deine Liebe zeigst, die sich tief nach unten beugt, die sich den Geringen zuwendet, die den Schwachen aufrichtet, dem Mutlosen neue Kraft gibt, den Armen reich werden lässt an Deiner Güte.

Dir danke ich, dass Du uns ansiehst mit Augen voller Liebe, mit einen Herzen voller Güte und nur auf das Eine wartest, dass wir uns Deine Liebe gefallen lassen. Dazu hilf uns. Amen