Komm heraus!

Johannes 11, 32 – 45

32 Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

Maria wiederholt, so nahe sind sich die Schwestern in ihrem Denken und vagen Hoffen,  die Worte ihrer Schwester Martha. Kein Vorwurf. Nur: Schade, dass Du nicht da warst. Jetzt ist alles vorbei. Wenn der Tod da ist, seine Herrschaft angetreten hat, ist kein Raum mehr für Wunder. Auch nicht für Jesus. Weil es so in Maria aussieht, gilt: Jesus wird auch mit ihr Schritt für Schritt über diese Hoffnungslosigkeit hinausgehen müssen. Maria wird nicht einfach die Erfahrung ihrer Schwester „erben“, übernehmen können.

 33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt 34 und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es! 35 Und Jesus gingen die Augen über. 36 Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt! 37 Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste?

„Immer ist die Bibel äußerst sparsam in der Darstellung von „Gefühlen“. Von dem inneren Empfinden Jesu erfahren wir nur selten etwas.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 32) Aber jetzt hier: Tränen. Nicht nur bei Maria. Auch bei den Juden. Und dann auch bei Jesus. Aber es sind jedes Mal andere Tränen – die des Leides bei Maria, des Mitleides bei den Juden und des Grimms bei Jesus. Es ehrt Johannes, der manches harsche Urteil über die Juden kennt, dass er hier ihre menschliche Nähe zeichnet. Und sie sehen auch und respektieren, dass es Tränen der Liebe sind, die Jesus weint.

Der weinende Christus ist in meinen Augen eine Befreiung aus einem engen Korsett. Männer weinen nicht, allenfalls heimlich (H. Grönemeyer). Und Erlöser sollten doch wohl erst recht nicht weinen. Ist Weinen doch allzu häufig ein Zeichen von Schwäche und Ohnmacht, von Hilflosigkeit und Ergebung. Wenn aber der Christus weint, dann dürfen es doch auch die Christen. Dann müssen wir den Schmerz der Trauer nicht in Siegesfeiern umsprechen. Dann muss die Botschaft von der Auferstehung nicht regelrecht gewalttätig verbieten, dass einer am Grab weint.   „Komm heraus!“ weiterlesen

Wie weiter?

Johannes 11, 17 – 31

17 Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen.18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. 19 Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

            Jetzt wird es ganz sachlich. Vier Tage liegt Lazarus schon im Grab. „So ist jede Hoffnung auf eine Wiederbelebung nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen.“(J. Schneider, aaO. S. 213) Auch darüber werden die Leser des Evangeliums informiert: Da ist, in der unmittelbaren Nähe Jerusalems, eine große Trauergemeinde zusammen. Viele Juden. Was sie wollen, ist trösten. so entspricht es dem Brauch, damals wie heute. „Das ist eine Nächstenpflicht, die zu den „Liebeswerken“ zählt, die unbedingt zu befolgen sind.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 178)  Menschliche Nähe im Leid zeigen. Helfen, sich abzufinden mit dem Unabänderlichen. Es ist schon viel, wenn man in der Trauer nicht gemieden wird, sondern Zuwendung erfährt.

20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.

Die Ankunft Jesu hat sich herumgesprochen. Es wird sorgfältig vermerkt: Marta  geht ihm entgegen. Maria bleibt zuhause. Warum die Schwestern sich so unterschiedlich verhalten, ist offen. Wenn man heranziehen darf, was Lukas über sie weiß (Lukas 10, 38-42), so ist Marta von Hause aus die Aktivere.

21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

Es kommt zum Gespräch. Es klingt in meinen Ohren eher traurig als vorwurfsvoll, was Marta zu Jesus sagt. „In dem Ausruf der Martha redet der Glaube an Jesu wunderbare Kraft.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 306) Sie „weiß“ um die Wundermacht Jesu. Aber jetzt ist es zu spät. Eine Hoffnung, die sich nicht mehr bestätigen wird. Und dennoch meldet sich da ein anderes vages Hoffen. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Das ist in der „Anfechtungssituation“ ein Festhalten an einem Glauben, „der Gott alles überlässt und auch da vertraut, wo kein Weg und Steg mehr zu sehen ist und man nicht einmal mehr weiß, was man bitten soll.“ (G. Voigt, aaO.; S. 180) Keine Bitte, mehr ein Bekenntnis, in den freien Raum gesprochen. Kühn, wie Bekenntnisse manchmal sein können: „Auch jetzt noch könnte seine Fürbitte für den Toten von Gott – auf welche wunderbare Weise auch immer – Erhörung finden.“ (U. Wilkens, ebda.) Es ist Gottvertrauen, das sich hier im Wort an Jesus ausspricht. Man wird gut daran tun, es nicht zu überfrachten als eine vage Hoffnung auf eine Totenerweckung. Martha „rechnet“ nicht auf ein Wunder. „Wie weiter?“ weiterlesen

Auf dem Weg zu Lazarus

Johannes 11, 1 – 10

1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. 2 Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank.

            Schauplatz der folgenden Geschichte wird Betanien sein, ein Ort am Ostabhang des Ölbergs, etwa 3 km von Jerusalem entfernt. Dort leben die Geschwister Maria, Marta, Lazarus. Maria wird hier identifiziert als die, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte, eine Geschichte, die Johannes freilich erst später erzählen wird. (12, 1-7) Allein das zeigt schon, wie frei der Evangelist mit seinen Stoffen umgeht. Und einmal mehr „wird sichtbar, wie selbstverständlich Johannes bei seinen Lesern die Kenntnis der synoptischen Überlieferung voraussetzt.“ (W. De Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil,  Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 23) Lazarus, „der, dem Gott hilft“ – so kann sein Name übersetzt werden – aber ist krank. Woran er krank ist, wird nicht gesagt, auch nichts über die Schwere der Krankheit.

3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

Die Schwestern aber schicken zu Jesus. Der ist jenseits des Jordans, (10,40) dort wo der Täufer getauft hatte. Sie lassen ihn informieren. In der Botschaft wird etwas über die Beziehung Jesu zu diesem Haus sichtbar. Lazarus ist der, den du lieb hast. Dieser Wanderer durch die Zeit lebt nicht beziehungslos, frei und unberührt von menschlichen Zuneigungen. „Was die Schwestern begehren und erhoffen, sprechen sie nicht aus; der zarte Hinweis auf Jesu Verbundenheit mit Lazarus suggeriert die Bitte.“ (G. Voigt, aaO.; S .178) Zumindest so viel sagen sie : das wird dir nicht gleichgültig sein.

4 Als Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde. 5 Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.

 

Jesus hört die Boten, ihre Botschaft und reagiert, mit einer Ferndiagnose. So wirkt es auf den ersten Blick. „Halb so schlimm.“ könnte man hören. Aber er sagt ja anderes. Er sieht diese Krankheit begrenzt. Oder muss man nicht sogar sagen: Er setzt dieser Krankheit mit seinem Wort eine Grenze?  „Auf dem Weg zu Lazarus“ weiterlesen

Der geöffnete Weg

  1. Mose 34, 1 – 12

1 Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land: Gilead bis nach Dan 2 und das ganze Naftali und das Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen 3 und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar.

             Der Weg neigt sich dem Ende zu. Mose steigt aus der Ebene auf den Berg – Nebo  gegenüber Jericho. Er kann die ganze Jordanaue überblicken. Das ganze Land. Ein wenig ist Übertreiben mit im Spiel: Keiner kann von jenseits des Jordan über die Berge hinweg das Meer im Westen – das Mittelmeer – sehen. Aber es geht auch nicht um ein geographisch korrektes Sehen. Es geht um sein Sehen, in dem Mose sieht, dass Gott treu ist. Gott, der ihm den Weg ins Gelobte Land verweigert hat.

 4 Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.

             Das ist das letzte Wort Gottes an Mose – indem Gott seinen Knecht Mose dieses Land sehen lässt, übereignet er es ihm und seinem Volk. „Die Bergschau mit der Aufforderung das Land zu besehen, galt ursprünglich als ein Rechtsakt, durch den die Übereignung des betreffenden Landes vollzogen wurde.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 150)  So hat es sich ja auch abgespielt, als Lot und Abraham sich das Land teilten – 1. Mose 13 – Lot konnte einnehmen, was er gesehen hatte. Mose aber ist kein zweiter Lot. Er sieht das Land, aber er wird es nicht einnehmen. Aber du sollst nicht hinübergehen. Gott bleibt bei seinem einmal ausgesprochenen Nein.  

Immerhin – die Worte an Mose werden hier zusammen gebracht mit den Verheißungen an die Erz-Väter, Abraham, Isaak und Jakob. So erfüllt sich in der späteren Landnahme nicht nur das Wort an diese, sondern auch die Bergschau, die Gott dem Mose gewährt. Fast könnte man sagen: er wird zu ihnen eingereiht als Empfänger der Verheißung.

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Segen des Mose

  1. Mose 33, 1 – 5. 26 – 29

 Dies ist der Segen, mit dem Mose, der Mann Gottes, die Israeliten vor seinem Tode segnete.

             Es gibt den aaronitischen Segen, den wir Sonntag für Sonntag in unseren Kirchen sprechen. Segen zum Ausgang. Zum Eingang in die kommende Woche. Daneben tritt hier der Segen in der Stunde des Abschiedes. Kein Segen am Ausgang, ein Segen am Ende eines Weges. Segen, der über Israel aufleuchtet. Der Segen, mit dem Mose, der Mann Gottes, die Israeliten vor seinem Tode segnete. „Der Segen eines so gewaltigen Mannes ist viel mehr als nur ein leerer Wunsch; er enthält schöpferische Worte, die die Zukunft zu gestalten vermögen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 146) Segen ist wirksames Wort, auch wenn er nicht durch einen so gewaltigen Gottesmann erteilt wird. Seine Wirksamkeit hängt an Gott, nicht an dem Menschen, der zum Mund Gottes wird.

 2 Er sprach: Der HERR ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Er ist erschienen vom Berge Paran her und ist gezogen nach Meribat-Kadesch; in seiner Rechten ist ein feuriges Gesetz für sie. 3 Ja, er liebt die Völker! Alle Heiligen sind in deiner Hand. Sie werden sich setzen zu deinen Füßen und werden lernen von deinen Worten. 4 Mose hat uns das Gesetz geboten, das Erbe der Gemeinde Jakobs. 5 Und der Herr ward König über Jeschurun, als sich versammelten die Häupter des Volks samt den Stämmen Israels.

Der Segen fängt als Erinnerung an. Der HERR ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Kein Wort von Ägypten. Die ursprüngliche und erste Erfahrung ist die Begegnung am Sinai und daran schließt sich der Weg durch die Wüste an.

Es folgt ein Satz, der wie aus einer viel späteren Zeit wirkt, aus der Zeit der Weisheit in Israel. Der Zeit, in der die Erwartung wächst, dass vom Zion Weisung ausgehen wird und die Völker sich deshalb zur Wallfahrt zum Zion aufmachen werden. „Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Micha 4,1b.2) Im Segenswort an Israel vor der Landnahme, im letzten Wort des Mose wird schon der Blick geweitet hin zu den Völkern. Das ist die Bestreitung eines exklusiven Besitzrechtes an Gott – nur für Israel. Von Anfang an hat die Liebe Gottes zu Israel die Völker mit im Sinn. Er sucht die Völker durch das Beispiel, das Exempel Israels.      

Das macht schon den ersten Übersetzern zu schaffen. Die Septuaginta, Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische, in der Zeit ab etwa 250 v. Chr. im hellenistischen Judentum, vorwiegend in Alexandria, verwandelt den Plural in einen Singular. Um so, was verständlich ist aus der Diaspora-Situation heraus, den Vorrang Israels festzuschreiben.    „Segen des Mose“ weiterlesen

Wenn Du nur bei uns bist

  1. Mose 31, 1 – 8

1 Und Mose ging hin und redete diese Worte mit ganz Israel 2 und sprach zu ihnen: Ich bin heute hundertzwanzig Jahre alt, ich kann nicht mehr aus und ein gehen. Dazu hat der HERR zu mir gesagt: Den Jordan hier sollst du nicht überschreiten!

Abschiedsworte. An ganz Israel gerichtet. Worte eines alten Mannes, „der wegen seines hohen Alters nicht mehr sehr beweglich ist.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 277) Ein Stück Schmerz und Einsicht schwingt hier mit. Aber das andere kommt dazu und wird eben nicht verschwiegen. Es ist nicht nur das Alter der hundertzwanzig Jahre, das ihn „das bevorstehende Ende seines bisherigen Führerdienstes“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 134) ansagen lässt.  Gott hat ihm diesen Weg versperrt. Er hat ihm den Jordan zur Grenze gesetzt. Weshalb es zu dieser Sperre gekommen ist, wird hier nicht mehr erzählt. Das ist ja früher hinreichend geschehen. (3, 23 – 29)

Es ist, auch für Mose, den Mann, mit dem Gott wie mit einem Freund redet, eine schmerzhafte Erfahrung: Ich bin nicht unbegrenzt. Mehr noch: Der Gott, der Mose in die Weite geführt hat, der ihn zum Führer des Volkes aus der Knechtschaft gerufen hat, er setzt seinem Knecht Mose diese Grenze. Nicht über den Jordan. Nicht ins gelobte Land. Mose darf das Projekt „Land der Verheißung“ nicht zu Ende führen.

 

Daraus gilt es zu lernen: Begrenzungen gehören zu unserem Leben, auch von Gott her gesehen. Dass unser Leben nie ganz fertig ist, dass es immer Fragment ist und im irdischen Rahmen Fragment bleibt, ist von Gott gesetzt. Es ist hilfreich, sich von der Frage nach dem Warum solcher Grenzen frei zu machen – Mose stellt sie hier ja auch nicht mehr, weil die Begründung Gottes durch frühere Texte hinlänglich bekannt ist und die Frage auch nur in die Vergangenheit. Stattdessen gilt es zu schauen, wie mit solcher Begrenzung umzugehen ist. Macht sie bitter? Verschließt sie den Mund? Lässt sie an der Güte und Treue Gottes zweifeln? Führt sie zur Kündigung des Vertrauens auf ihn?

 

Es ist ein Versprechen Gottes, das im Psalm begegnet: „Er schafft deinen Grenzen Frieden.“(Psalm 147, 14) Gott will uns dazu helfen, dass wir zum Frieden finden mit unseren Begrenzungen, unserer Begrenztheit. Dass wir uns nicht wundscheuern, sondern sie annehmen lernen und so über sie hinauswachsen. Die Art, wie Mose in den nachfolgenden Worten mit seiner Grenze umgeht, ist ein überaus eindrückliches Beispiel, wie das möglich werden kann.

  3 Der HERR, dein Gott, wird selber vor dir hergehen. Er selber wird diese Völker vor dir her vertilgen, dass du ihr Land einnehmen kannst. Josua, der soll vor dir hinübergehen, wie es der HERR zugesagt hat. 4 Und der HERR wird mit ihnen tun, wie er getan hat mit Sihon und Og, den Königen der Amoriter, und ihrem Lande, die er vertilgt hat. 5 Wenn sie nun der HERR vor euren Augen dahingeben wird, so sollt ihr mit ihnen tun ganz nach dem Gebot, das ich euch gegeben habe.

             Damit ist genug von Mose geredet. Es folgt die große Zusage an Israel.  Der HERR, dein Gott, wird selber vor dir hergehen. Mose kann als Führer abtreten, weil Gott selbst es übernimmt, das Volk zu führen. Wie möchte man fragen? So wie früher durch „Feuerschein und Wolke“? (2. Mose 14, 21-22) So wie das frühere Führen Gottes nicht außer Kraft gesetzt hat, dass Mose das Volk führte, so wird es auch jetzt wieder sein: Josua, der soll vor dir hinübergehen. „Es ist nicht gemeint, dass Gott und Mensch sich ihr Werk teilen, sondern: Gott bleibt auch in der Besitznahme des Landes ganz der, der die Initiative behält (nicht nur bei der Erlösung aus der Ägypten und der Führung in der Wüste) andererseits vertritt ihn sein Beauftragter so vollständig, dass Josua die Führung übernehmen kann, ohne dass Gott in irgendeiner Gestalt dem Heer voranziehen muss.“ (D. Schneider, aaO. S. 277) Es ist die Eigenart dieser alten biblischen Texte, dass sie dieses Ineinander von göttlichem und menschlichem Handeln nie auf einen theoretischen Begriff bringen, sondern es immer nur erzählen. „Wenn Du nur bei uns bist“ weiterlesen

Nahe ist das Wort

  1. Mose 30, 11 – 20

11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?

             Fluch und Segen hat Gott durch Mose dem Volk vorgelegt. Den eindringlichen Ruf zur Umkehr, wie er diesen Worten hier unmittelbar voraus geht. Auch „dieser Ruf zur Umkehr gilt als Gebot (mizwá). (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 111)

Es geht um Worte die nicht weit weg sondern , sondern lebensnah. „Der Begriff von Nähe oder Ferne des göttlichen Gebotes scheint sprichwörtlich oder sonst eine geprägte Formel gewesen zu sein.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 132) Worte, die die Wirklichkeit des gelebten Lebens berühren. die geeignet sind, die Lebenswirklichkeit zu verändern wie der Ruf in die Umkehr. Keine Worte für den Himmel, sondern für die Erde. Kurz: Es ist nichts Übersinnliches. Man könnte auf die Idee kommen: Die Gebote sind so klar, dass es keine komplizierte Erklärung braucht, keine weiten Gedankenwege, keine entrückten Erfahrungen.

Da bleibt ein Einwand: Wenn dieses Gebot aber nicht nur der eine konkrete Ruf ist, sondern damit das ganze Gesetz gemeint ist, die ganze Mose-Rede aus dem 5. Buch Mose?  „Die ganze Bandbreite der biblischen Gesetze – kann man ihr auch nur einigermaßen gerecht werden? Und selbst wenn der Wunsch mächtig ist, die Gottesgebote einzuhalten, wer kennt überhaupt ihre Tragweite, ihre Anwendungsbereiche? Gerät der einzelne, – vor allem der Laie, der sich nicht so sehr in den religiösen Schriften auskennt – nicht in große Schwierigkeiten?“ (R. Gradwohl, aaO, S. 113)Dann wäre das so verständliche Wort auf einmal doch fern, ungreifbar und die Frage nach einem, der es herbeiholt, erklärt, es nahe bringt, liegt auf der Hand. Die Frage nach einem Mittler, einem Erklärer oder nach einem ganzen Stamm von Erklärern. Sie wird hier nicht aufgenommen. „Nahe ist das Wort“ weiterlesen

Nichts ist gleichgültig

  1. Mose 27 – 11 – 26

11 Und Mose gebot dem Volk an diesem Tage und sprach: 12 Diese sollen stehen auf dem Berge Garizim, um das Volk zu segnen, wenn ihr über den Jordan gegangen seid: Simeon, Levi, Juda, Issachar, Josef und Benjamin. 13 Und diese sollen stehen auf dem Berge Ebal, um zu verfluchen: Ruben, Gad, Asser, Sebulon, Dan und Naftali.

             Das ist die Anordnung für einen Gottesdienst. Keine Sitzordnung wie in unseren Kirchen, hier die Männer, da die Frauen – in manchen Kirchen sitzen sie bis auf den heutigen Tag so. Sondern es ist eine Steh-Anordnung nach den Stämmen. Die einen auf dem Berge Garizim, die anderen auf dem Berge Ebal.

             Es läuft auf einen Wechsel zwischen Segen und Fluch hinaus. Der Segen geht vom Garizim aus, der Fluch vom Ebal. „Die beiden Halbchöre hatten Rücken an Rücken Segen und Fluch auf die Berge hin zu rufen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 119) Segen ist der Ruf in die Gemeinschaft, Fluch der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Es ist  – mir – nicht vorstellbar, dass sie sich im Gottesdienst so gegenseitig mit Segen und Fluch belegen! Auch nicht als ein Geschehen, in dem die einzelnen Stämme „sich selbst mit den Konsequenzen von Ungehorsam und Gehorsam konfrontieren.“ (D. Schneider, aaO. S. 250) Weil Segen und Fluch ja nicht einfach nur liturgische Formeln sind, sondern wirksame Worte: Wer den Fluch auf die anderen Stämme legte, der schließt sie wirklich und wirksam von der Stammesgemeinschaft aus.

Warum welcher Stamm auf dem einen oder auf dem anderen Berg zu stehen kommen soll, erschließt sich nicht. Eine Einteilung nach den – zukünftigen – Siedlungsgebieten ist hier nicht zu erkennen. „Nichts ist gleichgültig“ weiterlesen

Vom dauerhaften Wort

  1. Mose 27, 1 – 10

1 Und Mose samt den Ältesten Israels gebot dem Volk und sprach: Haltet alle Gebote, die ich euch heute gebiete. 2 Und zu der Zeit, wenn ihr über den Jordan geht in das Land, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, sollst du große Steine aufrichten und sie mit Kalk tünchen 3 und darauf schreiben alle Worte dieses Gesetzes, wenn du hinübergehst, auf dass du kommest in das Land, das der HERR, dein Gott, dir geben wird, ein Land, darin Milch und Honig fließt, wie der HERR, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat.

          Es wirkt wie eine Rückkehr in die erzählte Situation. Nach den vielen Gesetzestexten kann man es ja auch völlig aus den Augen verlieren: die ganze lange Unterweisung hat ihren Ort im Gegenüber zu dem Land. Es ist eine Unterweisung für zukünftiges Leben in diesem Land. Noch einmal wird ein wenig umständlich der Zweck des Übergangs über den Jordan genannt: auf dass du kommest in das Land, das der HERR, dein Gott, dir geben wird. Das erinnert daran: Das Land wird immer gegebenes Land bleiben. Und auch zum wiederholten Mal wird das Land in seiner Eigenschaft gelobt, es ist ein Land, darin Milch und Honig fließt. Das ist der Wechsel, der vor Israel liegt: aus der Wüste in ein Land des Überflusses.

Es sind Mose und die Ältesten, die so sprechen, dem Volk gebieten. Diese lange Rede des 5. Buches Mose ist nicht exklusiv Mose-Rede. „Zwar wird Mose im verheißenen Land nicht mit dabei sein, aber was dort geschieht, wird in seiner, des Mittlers Autorität vollzogen. Der Bundesmittler ist in den Ältesten und Leviten gegenwärtig.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 248) Es ist von Anfang an eine gemeinschaftliche Unterweisung, die ihre Fortsetzung finden wird im Land, In den Worten der Ältesten und den Weisungen der Priester.

Der Unterschied fällt nicht gleich und auch nicht leicht auf: Ab Kapitel 6 des 5. Buches Mose haben wir eine Mose-Rede vor Augen. Gegenwärtig erteilt. Wir stehen als Leser*innen sozusagen Seite an Seite mit dem hörenden Volk. Hier aber ist aus der gegenwärtigen Rede ein Geschehen der Vergangenheit geworden: Mose gebot und sprach. Das könnte daran liegen, dass es in den nachfolgenden Weisungen nicht mehr um Anweisung in eine tägliche Lebenspraxis geht, sondern „um eine kultische Anweisung, mit deren Ausführung die Sache dann erledigt ist.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 118)   „Vom dauerhaften Wort“ weiterlesen

Verantwortung aus Segen

  1. Mose 26, 1 – 15

1 Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, und es einnimmst und darin wohnst, 2 so sollst du nehmen die Erstlinge aller Feldfrüchte, die du von deinem Lande einbringst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und sollst sie in einen Korb legen und hingehen an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne, 3 und sollst zu dem Priester kommen, der zu der Zeit sein wird, und zu ihm sagen:

             Die vorausgesetzte Situation: Israel ist in das Land gekommen. Es macht die Erfahrung, dass die Felder Frucht tragen. Es gibt schon den einen Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne. Ein Zentralheiligtum, so wie es der Tempel in Jerusalem über lange Zeiten ist. Es gibt eine Praxis, die ersten Früchte zum Opfer dorthin zu bringen. Alle diese Voraussetzungen legen es nahe: Hier wird in den Anfang zurückdatiert, was später über Jahrhunderte hin Praxis geworden ist. Dahinter steht die Überzeugung: wir erfüllen mit unserem liturgischen Tun, was Gott von Anfang an gewollt hat.

 Ich bekenne heute dem HERRN, deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der HERR, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte.

             Das ist vorgegebener Text vor dem Priester: zu ihm sollst du sagen. Was folgt, ist ein Bekenntnis, kein Gebet. Eine Feststellung. Eine Erklärung: Das bin ich – einer, der ins Land der Väter gekommen ist. Warum: Weil Gott es so geschworen hat und seinen Schwur gehalten hat.

Lobe den Herrn meine Seele,                                                    und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Psalm 103, 2

 Es gehört in jeden Gottesdienst, dass daran erinnert wird: allem Tun auf der Seite des Menschen geht das Tun Gottes voraus. Dass einer da stehen kann mit den Früchten seines Feldes hat die Voraussetzung, dass Gott gegeben hat- das Land, das Feld, die Kraft zur Arbeit, die Früchte.

 4 Und der Priester soll den Korb aus deiner Hand nehmen und ihn vor dem Altar des HERRN, deines Gottes, niedersetzen.

             Indem der Priester den Korb nimmt und vor dem Altar niedersetzt, zeigt er: akzeptiert. Die Gabe ist angekommen und angenommen. „Verantwortung aus Segen“ weiterlesen