Ein ernüchternder Rückblick

  1. Mose 9, 15 – 29

15 Und als ich mich wandte und von dem Berge herabging, der im Feuer brannte, und die zwei Tafeln des Bundes in meinen beiden Händen hatte, 16 da sah ich, und siehe, da hattet ihr euch an dem HERRN, eurem Gott, versündigt und euch ein gegossenes Kalb gemacht und wart schnell von dem Wege abgewichen, den euch der HERR geboten hatte. 17 Da fasste ich beide Tafeln und warf sie aus meinen Händen und zerbrach sie vor euren Augen 18 und fiel nieder vor dem HERRN wie das erste Mal, vierzig Tage und vierzig Nächte, und aß kein Brot und trank kein Wasser um all eurer Sünde willen, die ihr getan hattet, als ihr solches Unrecht tatet vor dem HERRN, um ihn zu erzürnen.

             Mose, vom Berg herabgestiegen, muss sehen, was geschehen ist, ihr hattet euch an dem HERRN, eurem Gott versündigt, und zieht Konsequenzen. „Das Zerbrechen der Tafeln ist mehr als nur eine Affekthandlung. Mose (in seiner Funktion als Bundesmittler?) sieht den eben erst geschlossenen und als gebrochen an; damit sind die ihm ausgehändigten Tafeln bedeutungslos geworden.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 55) Es beginnt – wovon der Bericht in 2. Mose 32-33 nicht weiß, jedenfalls nicht erzählt – eine vierzigtätige Fastenzeit des Mose, vierzig Tage und vierzig Nächte. Ein Bußfasten um all eurer Sünde willen. Sollen wir als Leser verstehen, dass Mose diese Schuld des Volkes auf sich nimmt? Sollen wir uns an ihm ein Beispiel nehmen – statt mit Kritik und Urteilen auf Verfehlungen anderer zu antworten, in Beten und Fasten für sie einzustehen?

19 Denn ich fürchtete mich vor dem Zorn und Grimm, mit dem der HERR über euch erzürnt war, sodass er euch vertilgen wollte. Aber der HERR erhörte mich auch diesmal.

    Wird in 2. Mose 32 der Zorn des Mose hervorgehoben, der zu einer doch recht gewalttätigen „Säuerung“ im Volk führt, so ist es hier seine Furcht vor dem Zorn und Grimm des HERRN. Vor seinem Vernichtungswillen. Gott ist bereit, die Konsequenz aus dem gebrochenen Bund zu ziehen – er will sie vertilgen.  Dem tritt Mose in seiner nur indirekt angedeuteten Fürbitte entgegen, die doch erhört wird. Auch diesmal. Ein verhaltener Hinweis: es ist nicht das einzige und auch nicht das erste Mal, dass Mose aktiv werden muss als der Fürbitter Israels. Es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein.

 20 Auch war der HERR sehr zornig über Aaron, sodass er ihn vertilgen wollte; aber ich bat auch für Aaron zur selben Zeit. 21 Aber eure Sünde, das Kalb, das ihr gemacht hattet, nahm ich und verbrannte es mit Feuer und zerschlug es und zermalmte es, bis es Staub ward, und warf den Staub in den Bach, der vom Berge fließt. 22 So erzürntet ihr den HERRN auch in Tabera und in Massa und bei den Lustgräbern. 23 Und als er euch aus Kadesch-Barnea sandte und sprach: Geht hinauf und nehmt das Land ein, das ich euch gegeben habe!, da wart ihr ungehorsam dem Mund des HERRN, eures Gottes, und glaubtet nicht an ihn und gehorchtet seiner Stimme nicht. 24 So seid ihr dem HERRN ungehorsam gewesen, solange ich euch gekannt habe.

             Es folgt eine Aufzählung weiterer Empörungen Israels. Die Liste des Versagens Israels ist lang, genauso lang wie der Weg Israels. Es ist nicht einfach nur schwieriges und widerspenstiges Verhalten – es sind Akte des Unglaubens. Verweigerter Gehorsam, nicht auf die Stimme Gottes hören ist Unglaube. „Wie es eine Linie der Treue Gottes gibt, so gibt es auch eine Linie der Sünde, die sich durch die Geschichte dieses Volkes zieht.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 116) So, dass es verständlich erscheint, wenn Mose zusammenfasst: Ihr seid dem HERRN ungehorsam gewesen, solange ich euch gekannt habe. Wenn man so will: Ungehorsam ist die Wesensart Israels.

25 Ich aber fiel nieder und lag vor dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte; denn der HERR sprach, er wolle euch vertilgen. 26 Und ich bat den HERRN und sprach: Herr HERR, verdirb dein Volk und dein Erbe nicht, das du durch deine große Kraft erlöst und mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt hast! 27 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Jakob! Sieh nicht an die Halsstarrigkeit und das gottlose Treiben und die Sünde dieses Volks, 28 damit das Land, aus dem du uns geführt hast, nicht sage: Der HERR konnte sie nicht in das Land bringen, das er ihnen zugesagt hatte, und hat sie darum herausgeführt, weil er ihnen feind war, um sie zu töten in der Wüste. 29 Denn sie sind dein Volk und dein Erbe, das du mit deiner großen Kraft und mit deinem ausgereckten Arm herausgeführt hast.

Die ganze  Schilderung läuft auf das Fürbitt-Gebet des Mose zu. Noch einmal vierzig Tage und vierzig Nächte. Sie kommen wohl nicht zu den zuvor schon erwähnten vierzig Fastentagen hinzu, sondern sie sind diese vierzig Tage, die nur zweimal erwähnt werden – ein Hinweis auf ihre Bedeutsamkeit. Fasten und Beten gehören zusammen. Diese Fürbitte ist eigentümlich: Erinnert Mose das Volk an seinen verweigerten Gehorsam, so ist hier sozusagen die Gegenbewegung: Er erinnert Gott an seine großen Taten, an die Befreiungstat. Er erinnert ihn auch an seine Erwählung, an die Väter Israels, an deine Knechte Abraham, Isaak und Jakob! Der Blick auf die Untreue des Volkes hat gewissermaßen als die andere Blickrichtung die Treue Gottes. Es ist, als würde Mose sagen: Du weißt doch, wie sie sind, Du kennst sie doch, ihre Halsstarrigkeit und das gottlose Treiben und die Sünde dieses Volks.  Aber sie, die so sind, wie sie sind, bleiben dennoch dein Volk und dein Erbe.

Es ist ein verwegener Appell, der sich aber zuvor schon in der Wendung um meiner Gerechtigkeit willen angedeutet hat: Die Ehre Gottes steht auf dem Spiel. Wenn er Israel vernichtet, wird er dann nicht zum Gespött der Völker werden: er hat das falsche Volk erwählt. Er hat sich die falschen Leute ausgesucht. Er ist mit ihnen, an ihnen gescheitert. Damit, so das Argument Mose´s, wäre zu rechnen „dass die anderen Völker eine von Jahwe geplante Vernichtung Israels als ein Erweis der Ohnmacht Gottes erklären.“ (G. v. Rad, aaO. S. 56) Das aber kann und darf nicht sein, hat doch Gott in seiner Herausführung des Volkes aus Ägypten erst begonnen, seinen Macht zu zeigen.

 

Mein Gott, es ist Deine Liebe, die sich Dein Volk erwählt. Es ist Deine Liebe, die sich über Deine Leute erbarmt, die sich nicht beirren lässt von den Halbherzigkeiten, von dem Ausbleiben des Gehorsams, von den Fehltritten, die sich immer wieder unübersehbar ereignen.

Es gibt keine Ausrede, keine Entschuldigung. Die Antwort auf Deine Liebe fällt aus, sie reicht nie. Ihr Fehlen muss Dich kränken.

Und doch hältst Du an Deiner Liebe fest, hältst Du an Deinem Volk fest, hältst Du an uns fest, die Du durch Jesus gerufen hast, eingepflanzt in Dein Volk.

Es ist Deine Liebe, die uns liebenswert macht, Deiner Liebe wert, einfach, weil Du sie uns schenkst. Deine Liebe ist unsere Würde. Amen