Ihr seid nie die Guten gewesen

  1. Mose 9, 1 – 14

 

1 Höre, Israel, du wirst heute über den Jordan gehen, damit du hineinkommst, das Land der Völker einzunehmen, die größer und stärker sind als du, große Städte, ummauert bis an den Himmel, 2 ein großes, hochgewachsenes Volk, die Anakiter, die du kennst, von denen du auch hast sagen hören: Wer kann wider die Anakiter bestehen?

             Jetzt steht die Landnahme unmittelbar bevor: Heute ist der Tag des Übergangs über den Jordan. Unfassbar: Sie werden Völker besiegen, die größer und stärker sind, schier uneinnehmbar befestigte Städte wie Jericho einnehmen, die Anakiter überwältigen, die wie ein Riesenvolk aus der Urzeit unbesiegbar scheinen. Wer würde sich da wundern können, wenn Israel sich von Stund´ an für unwiderstehlich hält, seine Heere für unbesiegbar?

 3 So sollst du nun heute wissen, dass der HERR, dein Gott, vor dir hergeht, ein verzehrendes Feuer. Er wird sie vertilgen und wird sie demütigen vor dir, und du wirst sie vertreiben und bald vernichten, wie dir der HERR zugesagt hat. 4 Wenn nun der HERR, dein Gott, sie ausgestoßen hat vor dir her, so sprich nicht in deinem Herzen: Der HERR hat mich hereingeführt, dies Land einzunehmen, um meiner Gerechtigkeit willen –, da doch der HERR diese Völker vertreibt vor dir her um ihres gottlosen Treibens willen. 5 Denn du kommst nicht herein, ihr Land einzunehmen, um deiner Gerechtigkeit und deines aufrichtigen Herzens willen, sondern der HERR, dein Gott, vertreibt diese Völker um ihres gottlosen Treibens willen, damit er das Wort halte, das er geschworen hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob.

 Es ist Gott, der den  Weg ins Land frei macht. Es ist Gott, der diese Völker mutlos werden lässt vor dem armen Haufen Israel. Das aber droht nach dem erfolgreichen Weg ins Land: „das folgenschwere Missverständnis Israels, es könnte von diesem Eingreifen Jahwes auf sein eigenes Wohlverhalten zurückschließen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 52)Nach dem Motto: weil wir die Guten sind, hat Gott gar keine Wahl gehabt.

Dem stellt das Wort des Mose zwei andere Motive Gottes entgegen: einmal „die Verderbtheit der autochthonen Bevölkerung“. (G. v. Rad, ebda.) Das ist ein stetiges Urteil in Israel über die Heiden: sie sind nicht nur religiös, sie sind auch moralisch zweifelhafte Gestalten. Dass Gott ihnen das Land nimmt, ist so ein Stück „Gericht“ über ihre Unmoral. Und das andere Motiv: um meiner Gerechtigkeit willen. Darauf liegt der eigentliche Ton dieser Passage. Gott hält, was er den Vätern zugesagt hat. Das ist seine Gerechtigkeit – die Treue zu seinen Worten an die Väter. Mit anderen Worten: es liegt alles an Gott, nichts an einer vermeintlichen Qualität Israels.

6 So wisse nun, dass der HERR, dein Gott, dir nicht um deiner Gerechtigkeit willen dies gute Land zum Besitz gibt, da du doch ein halsstarriges Volk bist. 7 Denke daran und vergiss nicht, wie du den HERRN, deinen Gott, erzürntest in der Wüste. Von dem Tage an, als du aus Ägyptenland zogst, bis ihr gekommen seid an diesen Ort, seid ihr ungehorsam gewesen dem HERRN.

             Ganz im Gegenteil: Von Gerechtigkeit Israels kann ja auch nicht wirklich die Rede sein. Halsstarrig sind sie, ein Volk, das nicht aufgehört hat, von Anfang an, Gott zu erzürnen. Vom ersten Tag an war Israel ungehorsam.

Ist das so: „Wir stehen hier wieder vor der Tatsache, dass das Alte Testament vor der Bosheit des menschlichen Herzens kapituliert.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 114) Wenn, dann wäre es ja eine Kapitulation Gottes, so halte ich diesen Worten entgegen. Aber nüchterne Anerkennung der Wirklichkeit ist noch keine Kapitulation: Es ist, das wird sich im weiteren Verlauf gerade dieser Rede zeigen, ja auch ganz anders: Gott stellt der Bosheit des menschlichen Herzens seine Güte entgegen. Ganz so, wie es ja auch schon die Sintflut-Erzählung weiß als Antwort Gottes auf die Verderbtheit der Menschen: „Und der HERR sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,21-22) So sieht es im Herzen Gottes aus!

Man geht kaum zu weit: es ist eines der Anliegen diesen ganzen 5. Buch Mose zu zeigen, dass Israel ist, was es ist, allein aus der Gnadenwahl Gottes, allein aus seiner Liebe, allein aus seiner Treue. Auf die Spitze getrieben – jetzt lese ich über das Wort der Hebräischen Bibel hinaus – wird diese Haltung des Herzens Gottes in der Hingabe Jesu. Da geht er mit seiner Liebe bis zum Äußersten, bis ans Ende, bis ans Kreuz: Die Antwort Gottes auf die Bosheit der menschlichen Herzen ist nicht Kapitulation, sondern Liebe, die nicht aufgibt: „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19, 30) Τετλεσται. Das Ziel ist erreicht. Das ist die innere Einheit der beiden Testamente – die Gnade und Liebe Gottes, die bis zum Äußersten geht.

8 Denn am Horeb erzürntet ihr den HERRN so, dass er vor Zorn euch vertilgen wollte, 9 als ich auf den Berg gegangen war, die steinernen Tafeln zu empfangen, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit euch schloss, und ich vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berge blieb und kein Brot aß und kein Wasser trank 10 und mir der HERR die zwei steinernen Tafeln gab, mit dem Finger Gottes beschrieben, und darauf alle Worte, die der HERR mit euch aus dem Feuer auf dem Berge geredet hatte am Tage der Versammlung. 11 Und nach den vierzig Tagen und vierzig Nächten gab mir der HERR die zwei steinernen Tafeln, die Tafeln des Bundes, 12 und sprach zu mir: Mach dich auf, geh eilends hinab von hier; denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell abgewichen von dem Wege, den ich ihnen geboten habe; sie haben sich ein gegossenes Bild gemacht.

            Statt des Lobes der Guten, der Treuen, auf das sie vielleicht gewartet haben, kommt ein ernüchternder Rückblick auf dem Weg. Der Nachweis: ihr seid nie die Guten gewesen. Es ist hart, wie hier die Geschichte vom Goldenen Kalb erzählt wird. Da stand der Weg Israels auf der Kippe. Das ist eine dramatische Situation: Auf dem Berg – Gott übergibt Mose die Tafeln des Bundes. Und im Tal – das Kalb, das gegossenes Bild. Es ist Gott, der Mose den Abfall des Volkes vor Augen hält. Es ist der gleiche Gott, der Mose dann zu seinem Volk schickt.

13 Und der HERR sprach zu mir: Ich sehe, dass dies Volk ein halsstarriges Volk ist. 14 Lass ab von mir, damit ich sie vertilge und ihren Namen austilge unter dem Himmel; aber aus dir will ich ein stärkeres und größeres Volk machen als dieses.

            „Während Mose noch die neue Lebensordnung Gottes in Händen hält, muss er bereits anhören: Siehe, es ist ein halsstarriges Volk.“ (D. Schneider, ebda.) Das ist, so scheint es, die Antwort auf den geschenkten Bund, auf den Weg in die Freiheit: Wir können tun, was uns gefällt. Wir machen uns unsere Götter, nach unseren Bedürfnissen!  

Es sind ernüchternde Feststellungen: Nichts auf der Seite Israels hat dafür gesprochen, dass Gott es erwählt – das kleinste unter den Völkern, ein halsstarriges, halbherziges, ungehorsames Volk. Aber er hat es erwählt. Und nichts auf der Seite Israels hat dieser Wahl jemals entsprochen – kein Glauben, Keine treue, kein Gehorsam. Aber er hat es erwählt.  

 

Du heiliger und barmherziger Gott, Du fragst nicht danach, ob wir gut sind, gut genug für Dich. Du fragst nicht danach, wie unsere Gerechtigkeit Deiner Gerechtigkeit entspricht.

Du schenkst Dein Erbarmen, Deine Güte, Deine Gnade und wartest darauf, dass wir eine Antwort finden, die Deinem Schenken entspricht.

Gib Du doch, dass wir gnädig werden mit anderen, weil Du gnädig bist mit uns, dass wir Erbarmen üben an anderen, weil Du uns barmherzig begegnest, dass wir gütig mit Schuldigen umgehen lernen, weil dDu uns nicht nach unserer Schuld beurteilst. Lehre uns, Dein Spiegelbild zu werden. Amen