Gefahr: Undankbarkeit

  1. Mose 8, 1 – 20

1 Alle Gebote, die ich dir heute gebiete, sollt ihr halten, dass ihr danach tut, damit ihr lebt und zahlreich werdet und hineinkommt und das Land einnehmt, das der HERR euren Vätern zugeschworen hat.

             Das ganze Gebot. Alles halten und bewahren. Man kann das liturgische Wort nach der Schriftlesung im Gottesdienst hier vorgeformt hören: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ So pauschal, so offen wie dieses liturgische Stück klingt es auch hier: Der Weg in der Spur der Gebote ist ein Weg zum Leben. „Nicht mehr die Einzelheiten sind jetzt im Blickpunkt, sondern der gesamte Gotteswille.“(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 105)Es ist ein großes Versprechen: aus diesem Weg der Gebote wird ein gutes Leben im Land erwachsen. Gute Zukunft.

Einmal mehr muss man vorsichtig umgehen mit dem, was wir im Deutschen sofort mitklingen hören: damit ihr lebt und zahlreich werdet und hineinkommt. Das klingt wie ein Finalsatz, wie ein Zweckbestimmung: die Gebote halten, damit dies und das herauskommt. So wird das Halten zum Hebel, zu einem Mittel, um erstrebte Ziele zu erreichen. So denkt der Text nicht! Sondern seine Aussage ist: Im Leben nach den Geboten werdet ihr das erfahren. Das wird sich auf diesem Weg des Gehorsams begeben.

  2 Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. 3 Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht. 4 Deine Kleider sind nicht zerrissen an dir, und deine Füße sind nicht geschwollen diese vierzig Jahre. 5 So erkennst du ja in deinem Herzen, dass der HERR, dein Gott, dich erzogen hat, wie ein Mann seinen Sohn erzieht. 6 So halte nun die Gebote des HERRN, deines Gottes, dass du in seinen Wegen wandelst und ihn fürchtest.

             Es ist eine seltsame Weise, zum Gehorsam zu motivieren, indem man an die vergangene Mühsal erinnert. Unter der Hand wird aus der Wüstenzeit eine Zeit der Einübung, „das Offenbarwerden einer weisen göttlichen Pädagogik, die einmal durch Mangel, ein andermal durch Segen das Volk zu einer reifen Erkenntnis erzog.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 51) Es ist lebenslanges Erfahrungslernen, das hier angemahnt wird: Ihr habt doch die Weise Gottes auf dem Weg kennengelernt – seine Weise zu bewahren, zu behüten, zu schützen bei Tag und Nacht. Seinen Willen zu versorgen. Aus diesen Erfahrungen soll Vertrauen erwachsen, das den Geboten Gottes als guter Wegweisung traut. 

   Auf dem Weg spart Gott die Mangelerfahrungen nicht aus, lässt er zu, dass es manchmal an Grenzen der Belastbarkeit geht. „Zuckerbrot und Peitsche“ – sagen wir und finden das nicht das Nonplusultra moderner Pädagogik. Überhaupt liegt es uns ein wenig fern, uns das Handeln Gottes so vorzustellen, wie ein Mann seinen Sohn erzieht. In Israel ist diese Vorstellung dagegen so fremd nicht:   „Ich aber hatte Ephraim laufen gelehrt und sie auf meine Arme genommen. Aber sie merkten nicht, dass ich sie heilte. Mit menschlichen Seilen zog ich sie, mit Stricken der Liebe. Ich half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen. Ich neigte mich zu ihm und gab ihm zu essen.“(Hosea 11,3 – 4) Gott lehrt wie ein junger Vater sein Kleinkind Ephraim das Laufen, am „Gängelband“. 

Dabei übersehen wir leicht: der Kern dieser Pädagogik ist die Zuwendung und nicht irgendeine Methode. Das unterstreichen die Worte des Predigers: Gott wendet Mühe daran, sein Volk auf den Weg des Lebens, auf den Weg der Gebote, auf das Leben im Land der Verheißung vorzubereiten. Liebevolle Mühe, ganzheitlich, so wie sich ein Vater seinem Sohn zuwendet.

Wie nebenbei werden wesentliche Einsichten gelehrt: der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht. Ist unmittelbar zuvor (7,13-16) noch die materielle Seite des Segens – Mehrung, Gelingen, Gedeihen – betont worden, so wird hier über das tägliche Brot und über das Wunderbrot des Manna hinaus darauf verwiesen, „dass der Mensch eben nicht nur von irdischer Speise lebt, sondern auch auf das an ihn ergehende Wort Gottes angewiesen ist.“ (G. v. Rad, ebda.)

Es ist nicht wirklich erstaunlich, dass dieses so nebenbei gesagte Wort für Jesus zu einem  Wort wird, das ihn leitet: „Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« (Matthäus 4, 1 – 4)

Man muss es wohl doch ausdrücklich sagen: Dieses Wort wird zynisch missbraucht, wenn es nicht Hand in Hand geht mit dem Versuch, denen das Brot zu geben, die zu verhungern drohen, weil eine geradezu irrsinnige Welt-Landwirtschaft nicht Brot, sondern sondern millionenfach Hunger  und Flucht erzeugt.

7 Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.

             Was auf Israel wartet, ist in dieser Beschreibung eine Art Schlaraffenland. „Diese Beschreibung bewegt sich in lauter Vollkommenheitsaussage, fast als ob es sich um ein Paradies handele.“ (G. v. Rad, aaO. S. 52) Alles ist da, alles wächst, blüht und gedeiht. Brot genug. Kein Mangel. Was das Herz begehrt, es ist da. Man kann schon zu Recht nachdenklich werden: „Die Frage ist, ob dieses Bild von Palästina nicht ein wenig überzeichnet ist.“ (D. Schneider, aaO. S. 108) Aber: Für ein Volk, das aus der Wüste kommt, vierzig Jahre nichts als Staub und Sand und Trockenheit muss das Land, das es vor Augen hat, so etwas wie der Himmel auf Erden sein. Und auch, wenn man eine spätere Abfassung des Buches unterstellt, dann erinnert diese Passage daran, dass Gott sein Volk in ein gutes Land gebracht hat, in dem Leben für alle und für alle genug möglich gewesen wäre – hätte man sich nur vom Gebot leiten lassen.

Schließlich: wir singen doch auch – mit offenen Augen für den Zustand der Welt:

 „Freuet euch der schönen Erde,                                                    denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten                                                      unser Gott da ausgestreut!

Und doch ist sie seiner Füße                                                        reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte,                                                  wunderreiche Kreatur.“           K.J.P. Spitta 1827, EG 433

11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, 15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen 16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte.

Es ist der Reichtum und der Überfluss, das Glück dieses guten Landes, das zur Gefahr werden kann, vor der der Prediger hier warnt. Die Gefahr: Undankbarkeit und Vergesslichkeit. Über dem Genießen der Gaben kann der Ursprung aller Gaben – der HERR, dein Gott – so leicht aus dem Blick geraten. Vergessen der Weg aus der Knechtschaft und die Bewahrung auf dem Weg. Vergessen all die Wohltaten auf dem mühsamen Weg über der Fülle jetzt. Es ist die ganz normale menschliche Neigung, die hier anschaulich wird. Das Herz, das selbstzufrieden wird mit dem, was es hat.

17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. 18 Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

          Es ist wohl so: Die größten Gefahren des Menschen lauern im eigenen Herzen. In der Versuchung, alle Erfolge des Lebens allein sich und den eigenen Fähigkeiten gut zu schreiben. Zu vergessen, dass wir mit allem Tun auf den Schultern anderer stehen – und nur deshalb „Riesen“ sein können. „Wir sind gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns zu Hilfe kommt und uns emporhebt.“ ( B. von Chartres 1124) Zu vergessen, dass all unser Können aus dem Tragen und Schenken Gottes schöpft. Er bleibt und ist treu, den Vätern und uns. Davon leben wir.

 19 Wirst du aber den HERRN, deinen Gott, vergessen und andern Göttern nachfolgen und ihnen dienen und sie anbeten, so bezeuge ich euch heute, dass ihr umkommen werdet; 20 eben wie die Heiden, die der HERR umbringt vor eurem Angesicht, so werdet ihr auch umkommen, weil ihr nicht gehorsam seid der Stimme des HERRN, eures Gottes.

       Es ist „fromme Selbsttäuschung“(G. v. Rad, aaO. S. 53), die hier als Gefahr sichtbar wird. Eine Selbsttäuschung, die nicht zuletzt auch darin sichtbar wird, dass man so tut, als könnte man sich seinen Gott erwählen und dann irgendwelchen Göttern nachläuft. An die Stelle der aus der Liebe zu dem Geringen entsprungenen Erwählung des Volkes durch Gott tritt – scheinbarer Fortschritt – dass das Volk sich seinen Gott erwählt, stark und mächtig, mächtig im Streit. Nach eigenem Gutdünken und eigenem Urteil. Was sich so als Fortschritt der Freiheit gebärdet und anpreist, ist in Wahrheit, so sieht es der Prediger Mose, der sichere Weg ins Verderben, in den Untergang. Die Götter, die wir uns machen, halten nicht, was wir uns von ihnen versprechen.

 

Heiliger Gott, jeden Tag ist unser Tisch reich gedeckt. Jeden Tag haben wir genug an Gütern, die uns gut leben lassen.

Und jeden Tag droht neu die Gefahr, dass wir über diesen Reichtum der Gaben vergessen, Dir zu danken,   der uns den Tisch deckt, der uns hütet, der uns auf unseren Wegen bewahrt.

Wir rasch rechnen wir das alles uns zu, unserer Tüchtigkeit und unserem Fleiß, unserem Können und unserer Ausdauer.

Bewahre Du uns vor der Vergesslichkeit, vor der Undankbarkeit, die gedankenlos das Danken vergisst,  Dich vergisst, die nur noch die Welt in ihrer Schönheit und ihrem Reichtum, ihrem Elend und ihrer Not sieht.

Öffne Du mir jeden Tag die Augen, dass ich Dich sehe, den Geber aller Gaben, den Unsichtbaren hinter dem, was so vor den Augen ist. Amen