Überschüttet mit Segen

  1. Mose 7, 12 – 26

12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat, 13 und wird dich lieben und segnen und mehren, und er wird segnen die Frucht deines Leibes und den Ertrag deines Ackers, dein Getreide, Wein und Öl, und das Jungvieh deiner Kühe und deiner Schafe in dem Lande, das er dir geben wird, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Segen. Wie es einmal angefangen hat, so geht es weiter. Wenn Israel nur in der Spur dieses Weges bleibt. Einem Irrtum muss man entgegen treten, der sich mit dem wenn im Anfang des Segens verbindet. Das klingt so nach Bedingung: wenn – dann. „Es ist unmöglich, die Gebote des Deuteronomiums „als „Gesetz“ im theologischen Sinn des Wortes zu verstehen, als leite es Israel an, sich das Heil durch eine umfassende Gehorsamsleistung zu verdienen.“ (G. v. Rad. Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, München 1966, S. 243) Es geht hier nicht um Leistung und Verdienst oder Erdienen, es geht um die Antwort auf das Geschenk der Liebe. Die Rechte, der Bund, die Barmherzigkeit, der Segen – alles ist Ausfluss der Liebe. Und Israel antwortet auf diese Liebe und empfängt sie darin erst recht.

14 Gesegnet wirst du sein vor allen Völkern. Es wird niemand unter dir unfruchtbar sein, auch nicht eins deiner Tiere. 15 Der HERR wird von dir nehmen alle Krankheit und wird dir keine von all den bösen Seuchen der Ägypter auflegen, die du kennst, sondern wird sie allen deinen Hassern auflegen.

             Regelrecht überhäuft mit Segen wird das Volk, das auf den Wegen Gottes bleibt. Mensch, Tier, Acker, Arbeit – alles steht unter diesem Geschenk: Segen. „Er ist hier nicht etwas Geistliches, sondern etwas höchst Materielles.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 101)Sogar die Krankheit muss das Feld räumen. Und Seuchengefahr droht nur den Feinden, nicht aber Israel. Fast ist man versucht zu sagen: Israel wird zu einer Insel der Seligen inmitten einer Welt, in der Unglück und Gefahr normal sind.

Es ist wohl eine reale Gefahr, dass man aus dieser so materiellen Sicht auf den Segen versucht, Schlüsse zu ziehen. Dann ist der Reiche der Gesegnete und der Arme eben nicht? Dann ist der Reiche der, an dem Gott seine Freude hat und der Arme steht unter kritischer Beobachtung. Solche Gedanken haben eine Langzeitwirkung bis zu uns heute. Materieller Segen als Zeichen geistlichen Segens. Man wird zumindest gut tun, hier vorsichtig Fragezeichen zu machen. So gewiss der Segen auch materiell wirksam sein kann, geht er nicht darin auf und kann er nicht daran gemessen werden.

 16 Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird. Du sollst sie nicht schonen und ihren Göttern nicht dienen; denn das würde dir zum Fallstrick werden. 17 Wirst du aber in deinem Herzen sagen: Diese Völker sind größer als ich; wie kann ich sie vertreiben?, 18 so fürchte dich nicht vor ihnen. Denke daran, was der HERR, dein Gott, dem Pharao und allen Ägyptern getan hat 19 durch große Machtproben, die du mit eigenen Augen gesehen hast, und durch Zeichen und Wunder, durch mächtige Hand und ausgereckten Arm, womit dich der HERR, dein Gott, herausführte. So wird der HERR, dein Gott, allen Völkern tun, vor denen du dich fürchtest.

             Der Blick weitet sich – auf die Völker, die um Israel herum sind. Sie sind da – und ihre bloße Existenz stellt Israel in Frage. Das ist ein Problem Israels – „die Anwandlung von Mutlosigkeit angesichts  der feindlichen Übermacht.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 49)Wie soll das gehen, das Würmlein Israel im gegenüber zu den starken, großen Völkern, zu ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke? In der erzählten Lage – Israel hat das Land Kanaan mit seinen befestigten Städten vor Augen ein nahliegender Gedanke.

Die Antwort des Predigers ist der Verweis auf die Erfahrungen früherer Zeiten. Auf den Aufbruch aus Ägypten. Darauf, wie Gott dem Pharao entgegen getreten ist. Es war ja auch da die Rettung Israels nicht die eigene Kampfkraft, sondern die mächtige Hand und der ausgereckten Arm Gottes. Israels Stärke ist sein Gott. Eine andere hat es nicht.

Was mich erschrecken lässt: Eben noch ist von der Fülle des Segens die Rede, mit der Gott Israel regelrecht überschütten wird. Und nun wird der gleiche Gott zum Schreckensbild für die Völker ringsum. Hier Gott, der Israel in Liebe erwählt, in Treue geleitet, in Fürsorge segnet. Da Gott, der erschreckt, in Angst versetzt, vertilgt. Ist Gott janusköpfig, so wie sich die Römer das vorgestellt hatten – ein Gott mit zwei Gesichtern. Den einen Zuflucht, Trost, Halt, den anderen eine Todesmaske, Schreckensquell, Ursache zu Angst und Flucht?

 20 Dazu wird der HERR, dein Gott, Hornissen unter sie senden, bis umgebracht sein wird, was übrig ist und sich verbirgt vor dir. 21 Lass dir nicht grauen vor ihnen; denn der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, der große und schreckliche Gott. 22 Er, der HERR, dein Gott, wird diese Völker ausrotten vor dir, einzeln nacheinander. Du kannst sie nicht auf einmal vertilgen, damit sich nicht die wilden Tiere wider dich vermehren. 23 Der HERR, dein Gott, wird sie vor dir dahingeben und wird eine große Verwirrung über sie bringen, bis sie vertilgt sind, 24 und wird ihre Könige in deine Hand geben, und du sollst ihren Namen auslöschen unter dem Himmel. Es wird dir niemand widerstehen, bis du sie vertilgt hast.

             Allein darauf kommt es an: dein Gott, ist in deiner Mitte. Auch das ist festzuhalten: Es ist kein Kuschel-Gott. Gott eignet sich nicht als Kuscheltier – auch in der Mitte Israels ist er der große und schreckliche Gott. Aber an ihm hängt alles. Allein das ist die „Taktik“, die Israel nötig hat, dass es sich auf Gott verlässt. Wenn es darauf ankommt, wird es so sein: „Jahwe führt den Krieg unter wunderhaften Begleiterscheinungen: eine geheimnisvolle Entmutigung, ein Gottesschrecken, eine Art lähmender Verwirrung wird über die Feinde kommen.“ (G. v. Rad, ebda.) Die so nüchterne Feststellung ändert nichts an den Schwierigkeiten, die heutige Leser*innen mit solchen Sätzen haben. Gott als Kriegführender – das fällt uns schwer zu akzeptieren. Wir haben Gott eher zum Patron der Abrüstung gemacht.

Zugleich wird man aber auch feststellen müssen: In unserer Zeit, die so einen friedenliebenden und friedlichen Gott beschwört, werden Waffen ohne Ende produziert und exportiert, werden mehr Kriege geführt als jemals zuvor. Alle interessengeleitet. Alle mit Zahlen von Todesopfern, die schrecklich sind. Alle mit einer Folge an Flüchtlingen, die eine einzige humanitäre Katastrophe sind. 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Irgendwohin. Haben wir Gott abgerüstet um umso ungehemmter aufzurüsten? Aus dem Gottesschrecken ist ein unfassbarer Menschenschrecken geworden.

Gott hat noch darauf geachtet: dass sich nicht die wilden Tiere wider dich vermehren. Ich übertrage frei: dass das ökologische Gleichgewicht nicht völlig zerstört wird. Darauf nehmen unsere modernen Krieger schon lange keine Rücksicht mehr. Sie verseuchen ganze Landstriche und führen oft genug Kriege nach der Parole „Verbranntes Land.“ Nicht nur durch Naplam und Senfgas. Dagegen wirkt der Gottesschrecken geradezu sanft.

 25 Die Bilder ihrer Götter sollst du mit Feuer verbrennen und sollst nicht begehren das Silber oder Gold, das daran ist, oder es zu dir nehmen, damit du dich nicht darin verfängst; denn das ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel. 26 Darum sollst du solchen Gräuel nicht in dein Haus bringen, dass du nicht dem Bann verfällst wie jener, sondern du sollst Ekel und Abscheu davor haben; denn er steht unter dem Bann.

             Doch erschreckend genug: Für religiöse Toleranz ist auch hier kein Raum. Vernichten. Verbrennen. Auch keine Weiterverwertung der Edelmetalle. An ihnen haftet doch der fremde Glaube. Es ist eine große Nüchternheit: Man kann sich auch an der Kriegsbeute verfangen. Die Geschichte des Saul und seines halbherzig vollzogenen Bannes (1. Samuel 15) wird an dieser Stelle zur großen Warnung. Der Weg mit Gott verlangt das ungeteilte Herz.

Über lange Zeit hinhabe ich denken gelernt, dass das erwählte Israel „nur“ das Beispiel ist, wie Gott mit allen Völkern, der Menschheit umgehen will. Erwählung ist keine Sonderstellung, keine zugesichertes Privileg und ihr folgt keine Sonderbehandlung. Es gibt bei Gott keine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Erwählung ist Erwählung als Beispiel des Glaubens – exemplum fidei: so antwortet Ein Volk auf die Liebe und Treue Gottes. Auch darin ist Israel Beispiel, dass wir an ihm sehen, wie es an dieser Erwählung scheitert, die Antwort des Glaubens schuldig bleibt und Gott doch zäh an dieser Wahl festhält.

 

Mein Gott, ist das die Rückseite des Segens, die Macht über die anderen?

Ich freue mich an den guten Worten für Israel, an den Zusagen, am Versprechen, dass es gut wird. Und ich erschrecke, dass andere Völker dafür bezahlen müssen, weichen müssen, dass für sie kein Raum mehr ist?

Geht es nicht anders, als dass Leben auf Kosten anderen Lebens gelebt wird?

Gib Du uns doch, dass wir anderen den Raum nicht eng machen, das Leben nicht schwer machen, dass sie Teil haben können an dem Segen, den Du uns schenkst. Amen