Heilige Einseitigkeit

  1. Mose 7, 1 – 11

1 Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, 2 und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken.

  Sieben Völker im Land – alle größer und stärker als Israel – aber sie behalten keinen Raum. Die Geschichte der Landnahme Israels wird zur Vertreibungsgeschichte. Schlimmer noch: zur radikalen Ausrottungsgeschichte. Es ist für den Leser heute erschreckend: Du sollst an ihnen den Bann vollstrecken. Es wird auch durch die Erklärung nicht einfacher: „Mit diesen Völkern darf Israel in keinerlei Gemeinschaft treten; die sind vielmehr zu „bannen“. Die Bannung (erem) ist eine Art Weiheopfer, jedenfalls ein sakraler Vorgang, nämlich der Abschluss in der rituellen Begehung des heiligen Krieges, die Übereignung der gefangenen Feinde und Beute an Jahwe.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 48) Für die Opfer macht das keinen Unterschied: sie sind tot, auch wenn sie in einem sakralen Vorgang getötet worden sind.

Es sind Texte wie dieser, die das Bild eines blutrünstigen Gottes nähren. Was fange ich als Leser*in heute mit solchen Worten an? So viel ist klar: Sie sind keine Handlungsanweisung an uns. Glücklicherweise ist diese Haltung nicht die Haltung aller Schriften des Alten Testamentes: „Diese militante Theologie, die sich gegen alles Kanaanäische wendet, durchzieht das ganze Deuteronomium und unterscheidet es aufs deutlichste von allen ähnlichen Sammelwerken.“ (G. v. Rad. Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, München 1966, S. 87) Also: Nur eine Stimme unter vielen, nicht die einzige. Damit ist das Gesagte zwar relativiert, aber nicht aus der Welt und auch nicht wirklich erklärt. Uns bleibt die Aufgabe, andere, nicht so militante und fremdvölkerverachtende Redeweisen zu entwickeln. Auch im Namen Gottes.   

 Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben 3 und sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne.

             Es ist eine scharfe Trennlinie, die hier gezogen wird. Merkwürdig genug, weist doch diese Bestimmung indirekt darauf hin: es gibt im Raum Israels auch nach dem Bann noch „Fremd-Völker“, sonst wäre dieses Eheverbot doch gar nicht nötig. Hier bildet sich also eine gesellschaftliche Situation des Nebeneinanders ab, in der die Forderung nach schroffer Abgrenzung in vielen Köpfe lebt: Keine Hin und Her in Ehen. Keine Hochzeiten mit Leuten von denen. Israel ist nicht der Hort einer großzügigen Toleranz für „verliebte Grenzüberschreitungen“ hin zu Menschen aus anderen Völkern.

Hochmut ist nicht angesagt: Noch in den sechziger Jahren gab es im toleranten Deutschland Konfessions-Grenzen, über die hinweg zu lieben schlicht unmöglich war. Gegen das katholische Nachbardorf Fußball zu spielen, was in Ordnung. eine Freundin aus dem gleichen Dorf wäre ein ziemlicher Störfall gewesen. Für den Familienfrieden und das dörfliche Ansehen.

 4 Denn sie werden eure Söhne mir abtrünnig machen, dass sie andern Göttern dienen; so wird dann des HERRN Zorn entbrennen über euch und euch bald vertilgen. 5 Sondern so sollt ihr mit ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.

             Warum? So fragen wir und erhalten Antwort: „Die Götter der Kanaanäer und der anderen vorisraelitischen Bewohner sind lange Jahrhunderte hindurch „resistent“ und bilden eine permanente Gefahr für den bildlosen und exklusiven Dienst an Gott.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S. 119) Verschärft noch durch die Fremdehen: Sie gefährden den Glauben. Mischehen führen zu Kompromissen. „Es könnte durch das Zusammenleben zu einem Abfall vom Gott Israels kommen.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 98)

 Das aber ist eine Schreckensvorstellung, wird doch der Untergang Israels im Jahr 587 genau damit begründet, dass sich das Volk nicht in heiliger Einseitigkeit an Gott gehalten hat, sondern fremden Göttern Raum gegeben hat, Glauben geschenkt hat. Die Antwort auf diese Katastrophe und den Neuanfang nach dem Exil verbinden die Bücher Esra und Nehemia darum mit einer scharfen Absage an die Ehen mit den fremden Frauen. Weil sie fürchten und unterbinden wollen, was hier angezeigt wird – die Verführung zum fremden Glauben.

Hier ist also kein Raum für religiöse Toleranz. Kein Raum für friedliche Ko-Existenz. Hier ist nur scharfe Trennung und gewalttätige Ausrottung der fremden Kulte. Das ist eine Grenze dieser alten Texte. So können und dürfen wir nicht mehr handeln. Auch dann nicht, wenn das Bekenntnis Israels unser Bekenntnis ist: Der HERR, unser Gott, ist Gott, er allein.

Es lässt mich schaudern: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen. Alles, was Luther im Alter, von Ängsten getrieben und verstandesmäßig getrübt über den Umgang mit den Juden schreiben wird, hat hier seine spiegelbildliche Vorlage: Verwüsten. Verbrennen. Zerstören. Umbringen. Verhaltensweisen, die ich für schlimmste Verbrechen halte und wenn sie im Namen Gottes praktiziert werden für einen Missbrauch des Gottesnamens, der doch Gnade und Barmherzigkeit heißt.

Ist es ein Trost, dass wir eine “Mose-Predigt“ lesen und nicht ein Gotteswort? Es heißt ja nicht: So spricht der Herr. Aber der Mose des Deuteronomiums sieht sich – daran kann kein Zweifel sein –  in seinen Worten beauftragt von Gott. Er ist doch der Mittler, Sprachrohr Gottes. so sollen wir Leser*innen ihn verstehen und Israel ihn damals hören.

Es ist Kriegspredigt, Aufruf zur Gewalt – unterstrichen: „Gott will es!“ So hat Bernhard von Clairvaux zum Kreuzzug aufgerufen. Viel zu oft haben sich Christen aus diesen Worten ihre Legitimation geholt zu ihren Aufrufen, die blutige Gewalt im Namen Gottes eingefordert haben.

6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

          Noch einmal zur Begründung: diese Einseitigkeit Israels ist die Antwort auf die Liebe, in der es erwählt ist. Heilig ist Israel. Eigentum Gottes. Erwählt. Das alles gründet allein in Gott. „Israel hat keinen Anspruch auf die Zuwendung Gottes.“(R. Gradwohl, aaO. S. 124) Nichts an Israel ist so, dass es diese Liebe „verdient“ hätte, herausgelockt durch irgendeine besondere Eigenschaft. Fast müsste man das Gegenteil sagen: weil es nichts zu bieten hat, weil es das kleinste unter allen Völkern ist, darum fällt die Liebe Gottes auf dieses Volk.

Es ist so Gottes Art, wie sie der Jude Paulus weiter denkt: „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 28-29) 

             Dieses arme Volk behütet Gott. Er hält Wacht über ihm. Er hat es in Liebe gesucht, erwählt, herausgeführt. Er hält diese Liebe durch.  Wenn es stimmt, dass dieses 5. Buch Mose in der Zeit um die große Katastrophe des Jahre 587 seine End-Gestalt erhält, gewinnen diese Worte zusätzlich an Gewicht – sind sie doch ein Widerspruch gegen alle Gedanken, die glauben, dass Gott seine Treue aufgekündigt habe.

Zugleich:  Was für eine Spannung in diesen wenigen Sätzen. Hier die Forderung nach Bann, Vernichtung, Separation im Namen Gottes. Das Bild eines Gewalt legitimierenden Gottes wird gemalt. Und gleich dahinter: Die Wahl der Liebe, einer Liebe, die bedingungslos ist, die sich nach unten beugt. Das Bild eines Gottes, der ein „Backofen voll Liebe“ (Luther) ist. Wie soll man das zusammen denken? Zusammen glauben? Ich weiß es nicht.

  9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

             Zugleich aber sind sie auch ein eindringlicher Ruf an Israel, nun seinerseits die Treue zu bewahren.  schamár ist hier das Leitwort – hüten, bewahren. „Israel ist aufgerufen, Seine Gebote zu hüten. Jenen, die Seine Gebote hüten, bewahrt er seine Loyalität ins tausendste Glied.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 125) Es ist die Konsequenz des Lebens, die hier eingefordert wird. Der Zuwendung Gottes soll die Zuwendung Israels entsprechen. So wie der Zuwendung Gottes zu uns – in der Taufe – unsere Treue zu ihm entsprechen soll. So wenig sich Israel auf seiner Erwählung „ausruhen“ kann, sondern durch sie verpflichtet ist, so wenig dürfen wir als Christen uns ausruhen auf unserer Taufe. Wer aus ihr taten- und folgenlos ein sanftes Ruhekissen macht, der vergeudet das Geschenk.

 

Gott, Du bist nur einer, einzig. Du suchst meine ungeteilte Liebe. Dir allein gehört meine Treue. Dir allein schulde ich Gehorsam. Dir allein schenke ich mein Vertrauen.

Für mich gibt es keine Alternative, keinen anderen Gott, dem ich mich anvertrauen möchte. Du allein bist mein Gott.

Weil Du mir so wert bist, laufe ich nicht hinter anderen Göttern her, sind mir andere Religionen fremd, halte ich Abstand zu anderen Heiligtümern.

Wenn ich nur Dich habe, so suche ich nicht anderswo nach Glauben und Liebe, nach Hoffnung und Leben. Du allein genügst. Amen