Mittel gegen das Vergessen

  1. Mose 6, 10 – 25

10 Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, von dem er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, 11 und Häuser voller Güter, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast –, und wenn du nun isst und satt wirst, 12 so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat,

             Die Erfüllung rückt näher. Israel wird das Land gewinnen, weil der HERR es hineinbringt. In das Land, dass er den Vätern geschworen hat, ihren Nachkommen zu geben. Es ist eine wichtige Erweiterung: Die Verheißungen an die Väter haben immer den Söhnen und Töchter gegolten. Sie sind nie nur Versprechen für den Augenblick mit Direkt-Erfüllung. Sie weisen immer auch über die Generation hinaus, die sie hören.

Was ist versprochen? Fruchtbares Land, Weinberge, ÖlbäumeHäuser voller Güter, Brunnen. Die Auflistung „der Immobilien gleicht einer katasterähnlichen Aufzählung.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 46) Es ist nicht Wüste, die erst urbar gemacht werden muss. Es ist alles vorbereitet. Das Volk wird an Voraussetzungen anknüpfen können, die es nicht selbst geschaffen hat.

Mich erinnert das an die berühmte Definition der Grundlagen der Bundesrepublik: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“(E. W. Böckenforde, Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60) Wir leben immer auf den Schultern anderer.

Das andere, was nicht gleich auffällt: Hier ist nicht von Ackerbau und Viehzucht die Rede. Vor den inneren Augen entsteht keine Dorflandschaft. „Durch die vielen Bilder der Bibel, die meistens aus dem landwirtschaftlichen Bereich stammen, ist der Eindruck entstanden, der an Gott glaubende Mensch habe einen Zug zum Land zu entwickeln.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 92) So als wäre auf dem Land die Welt noch in Ordnung, während in der Stadt das Laster lauert. Solche negative Sicht auf die Stadt ist Neu-Zeit, in der Städte allzu häufig Verelendung und Slums mit sich bringen. Hier dagegen: Israel wird in große und schöne Städte einwandern, einziehen.

„Auch von der Versuchlichkeit der Stadt zum leichten Leben sagen diese Verse nichts. Die falschen Götter, vor denen das Deuteronomium Israel ständig warnt, können Israel von überall her bedrängen, nicht nur von einem bestimmten Lebensraum her.“(D. Schneider, ebda.) Die Gefahr, die droht, ist eine andere: Vergesslichkeit. Das über der strahlenden Gegenwart vergessen wird, woher man kommt. Dass die Erinnerung an die Führungen Gottes verblasst, kraftlos wird und damit die Erinnerung an Gott selbst auch irgendwie verschwimmt. Gott ist so nur noch Vergangenheit.

 13 sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen und bei seinem Namen schwören. 14 Und ihr sollt nicht andern Göttern nachfolgen, den Göttern der Völker, die um euch her sind – 15 denn der HERR, dein Gott, ist ein eifernder Gott in deiner Mitte –, dass nicht der Zorn des HERRN, deines Gottes, über dich entbrenne und dich vertilge von der Erde.

            Dem wird die Vergegenwärtigung in den Worten jetzt entgegen gestellt. Die stete Wiederholung der immer gleichen Worte meint ja genau dies: Einprägen, so dass es nicht in Vergessenheit geraten kann: deinen Gott fürchten und ihm dienen. Einseitig leben. Sich den anderen Göttern ringsum verweigern.

In der Sprache der Religionssoziologie: diese stetigen Wiederholungen erzeugen eine tragfähige Plausibilität. „Glaubensvorstellungen sind umso plausibler, je einmütiger sie von der Gemeinschaft der Gläubigen getragen sind.“ (P. L. Berger, Auf der Suche nach Sinn, Gütersloh 1999, S. 130) Was man sich immer wieder ins Gedächtnis ruft, zusammen mit anderen, das gewinnt Tragkraft und macht widerstandsfähig gegen fremde Einflüsse.

Es ist eine heilige Einseitigkeit, die Israel in diesen Worten abverlangt wird. Vielleicht müsste man besser sagen: auferlegt oder anbefohlen. Weil es in dieser Einseitigkeit – negativ formuliert: vor dem Zorn des eifersüchtigen Gottes bewahrt wird –  das Leben gewinnt. Es ist die Hingabe an den einen Gott, die Leben erschließt und es ist das Nachlaufen hinter den vielen Göttern, in dem das Leben verloren geht.

 16 Ihr sollt den HERRN, euren Gott, nicht versuchen, wie ihr ihn versucht habt in Massa, 17 sondern sollt halten die Gebote des HERRN, eures Gottes, seine Vermahnungen und seine Rechte, die er dir geboten hat, 18 dass du tust, was recht und gut ist vor den Augen des HERRN, auf dass dir’s wohlgehe und du hineinkommest und einnehmest das gute Land, von dem der HERR deinen Vätern geschworen hat, 19 dass er verjagen wolle alle deine Feinde vor dir, wie der HERR es zugesagt hat.

           Es schließt sich die Warnung an: Nicht rückfällig werden in das Verhalten der Wüstengeneration. Nicht mit Gott umgehen, als könnte man ihn „testen“. „Wer Gott versucht, hält seine Zusagen und Verheißungen nicht für Realitäten.“ (D. Schneider, aaO. S. 94) Sondern allenfalls für Optionen, die neben anderen Optionen stehen. Dem gegenüber gilt: der ungeteilte Gehorsam öffnet das Leben, das Gehen auf den Wegen Gottes ohne Abweichen nach rechts oder links.

20 Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, 21 so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; 22 und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen 23 und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.

Nur ein kleiner Hinweis: Hier wird die „religiöse Bildung“ in der Familie verankert, nicht im Religions- oder Konfirmanden-Unterricht. Die Väter – heute: und Mütter – stehen in der Verantwortung der Glaubens-Weitergabe. Wie kommt es zu solchen Fragen des Sohnes? Erste Antwort: die Merkzeichen sind sichtbar – Gebetsriemen, Schriftzeichen an den Pfosten. Das alles kann ein Kind im Haus einer israelitischen Familie sehen. Auch schon im Zelt der Halb-Nomaden. Zweite Antwort: das gelebte Leben des Vaters  – heute würden wir erneut ergänzen: der Mutter – ist ein Hinweis darauf, dass sie sich an den Vermahnungen, Geboten und Rechten orientieren. Es ist immer das Leben, das im besten Sinne frag-würdig macht.

Die Antwort auf die Frage des Sohnes ist nicht die Rezitation der Gebote, Vermahnungen und Rechte. Sondern „die Frage nach dem Sinn der Gebote wird beantwortet mit dem, was Gott tat.“(D. Schneider, aaO. S. 92) Genauer noch: es sind „die Grunddaten des heilsgeschichtlichen Credos“ (G. v. Rad, aaO. S. 47) Israel ist, weil Gott es aus der Knechtschaft geführt hat und die Gebote sind die Lebensordnung der Freiheit. Wenn man so will: das Leben in den Geboten ist die Antwort auf die Befreiung aus Ägypten. Leben jenseits der Gebote bewirkt den Verlust dieser Befreiung und neue Knechtschaft.

 24 Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den HERRN, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe allezeit und er uns am Leben erhalte, so wie es heute ist. 25 Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem HERRN, unserm Gott, wie er uns geboten hat.

             Wenn und weil Israel so leben wird, in dem Rahmen, den die Gebote setzen, wird es Gott recht sein. entspricht es dem, was Gott will. „Die Anerkennung und Befolgung der Gebote wird als Gerechtigkeit angerechnet… Das hebräische Wort, das nur behelfsmäßig mit „Gerechtigkeit“ übersetzt werden kann, bezeichnet das richtige Verhalten eines Menschen gegenüber Ansprüchen, die andere oder ein anderer – in diesem Fall Gott – ihm gegenüber haben.“ (G. v. Rad, ebda.)

             Es ist wohl nicht von ungefähr, dass hier Sätze anklingen, wie sie schon von Abraham gesagt worden sind und wie Paulus sie viel später zitiert: „Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“(1. Mose 15,6/Römer 4, 22) Gerechtigkeit ist mehr als das, was wir zustande bringen. Sie geht nicht auf in unserem Tun. „Der Gehorsam, der auf Gottes erlösende Tat antwortet, wird von Gott als Gerechtigkeit bestimmt…. Gerechtigkeit ist das Fazit, das Gott aus der Summe seiner Taten und der menschlichen Antwort darauf zieht.“ (D. Schneider, aaO. S. 949 So ist sie beides – Geschenk und doch nicht ohne unser Tun.

 

Heiliger Gott, das möchte ich gerne: so leben, dass ich gefragt werde nach meinen Motiven, dass Menschen aufmerksam werden, weil ich anders bin als man so ist.

Das möchte ich gerne: so leben, dass jemand, der mich erlebt darauf kommen kann, das liegt am Glauben. Das liegt an dem Gott, auf den er vertraut. An Dir.

Das möchte ich gern, dass nicht nur meine Worte von Dir reden, sondern dass mein Tun Dich bezeugt, Deine Liebe, Deine Geduld, Dein Erbarmen widerspiegelt.

Hilf Du mir durch Deinen Geist so zu leben. Immer wieder. Amen