Höre, Israel!

  1. Mose 6, 1 – 9

1 Dies sind die Gesetze und Gebote und Rechte, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, dass ihr sie tun sollt in dem Lande, in das ihr zieht, es einzunehmen, 2 damit du dein Leben lang den HERRN, deinen Gott, fürchtest und alle seine Rechte und Gebote hältst, die ich dir gebiete, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, auf dass du lange lebest. 3 Israel, du sollst es hören und festhalten, dass du es tust, auf dass dir’s wohlgehe und du groß an Zahl werdest, wie der HERR, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat, in dem Lande, darin Milch und Honig fließt.

             Es bleibt bei den alten Worten, den Gesetzen und Geboten und Rechten, die der HERR, euer Gott, geboten hat. Alles, was Mose jetzt dem Volk sagen wird, ist „nur“ eine Wiederholung. Auch diese Wiederholung ist verknüpft mit der Verheißung: Wenn sie als Volk danach leben, wird es gut werden mit Israel, in dem Land, das sie vor Augen haben, dem Lande, darin Milch und Honig fließt. Es ist nicht der Reichtum des Landes, der es gut werden lassen wird. Es ist die Treue zu den Wegen Gottes. Israels Wohlergehen hängt an seiner Treue zu den Weisungen Gottes.

Die Gute-Nachricht-Bibel übersetzt: Ihr sollt sie euch einprägen, damit ihr danach handelt. Das ist ein Weg von außen nach innen und dann wieder von innen nach außen. Das Gebot lernen,  ist schlicht: hören, hören, wieder hören. Es sich einprägen. So einprägen, dass es zur inneren Stimme des Gewissens wird, dort verankert, wo die Lebensentscheidungen fallen. Im Herz, im Verstand,, auch im Gemüt. Auch die Emotionen erhalten ja Leitplanken durch das Gebot, das sich mir eingeprägt hat.

Wenn das Gebot sich tief eingeprägt hat, kann es auch beginnen, Tun zu lenken, Verhalten zu steuern. Die Gebote wollen und sollen mehr sein als Anleitung zur Gewissenserforschung, täglich zu üben. Sie wollen und sollen Tun leiten. Vor manchen Schritten bewahren, zu anderen ermutigen. Sie rufen zur Liebe zu Gott und den Menschen. Geradezu unerbittlich drängt alles Lehren und Lernen der Gebote auf Lebenspraxis. Darauf, dass sie Hand und Fuß gewinnen.

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

          Schʼʽ Jisraʼél. Noch einmal, zum wiederholten Mal und diesmal besonders eindringlich: Höre, Israel. „Das „Höre Israel“ ist offensichtlich eine stereotype Formel. Da sich um dieses Umstandes willen die Annahme, der Ruf sei nur eine literarische Prägung, kaum empfiehlt, so muss man nach seinem Sitz im Leben fragen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 45) Es liegt nahe, hier einen Ruf aus der gottesdienstlichen Feier zu vermuten. Ein Aufmerksamkeitsruf, weil es darum geht, sich der Grundlagen, der Fundamente der eigenen Existenz zu vergewissern.

Es gibt eine Auslegung, erst mündlich, dann schriftlich überliefert (midrásch hagadόl V, 126) die diese Worte des Bekenntnisses – der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer – den Söhnen Jakobs im Gespräch mit ihrem Vater Israel in den Mund legt. Die Folgerung daraus: „So wichtig ist dieses Bekenntnis, das es  – meint der Midrasch –  älter sein muss als Mose. Es fällt in die Zeit der „zwölf“ Jakobssöhne, der Begründer der zwölf Stämme, also in die Anfänge der israelitischen Stammesgeschichte.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4, Stuttgart 1989, s. 121)

Man kann, so lerne ich, unterschiedlich übersetzen: „Jahwe ist unser Gott, allein.“ Oder auch: „Jahwe, unser Gott ist ein Jahwe.“ Oder auch: „Jahwe, unser Gott, ist ein einziger Jahwe.“ Oder: „Der Herr unser Gott, der Herr ist einzig.“  Das ist kein müßiger Streit um Übersetzungs-Varianten. Die eine Übersetzung betont die  Einheit Gottes – er ist einer und nicht viele. Wenn man sich überlegt, dass ganz unterschiedliche Stämme mit unterschiedlichen Vorstellungen, auch von Gott, auch von Jahwe,  zusammengefunden haben, dann hat das tiefen Sinn: bei aller Vielfalt der Vorstellungen – wir haben es mit dem Einem zu tun, der in sich Einer ist. „In Gott gibt es keinen Dualismus.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 124) Wir können uns darauf verlassen, dass er in sich eins ist, einig mit sich selbst.

Die andere Übersetzungs-Variante hat eine andere Stoß-Richtung: Neben dem einen Gott Israels ist kein Raum für andere Götter. Er ist der Eine, der Einzige. Das spiegelt den Lernprozess, wie er auch im Buch des Propheten Jesaja zu finden ist. „ So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott. Und wer ist mir gleich? Er rufe und verkünde es und tue es mir dar! Wer hat vorzeiten kundgetan das Künftige? Sie sollen uns verkündigen, was kommen wird! Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht! Habe ich’s dich nicht schon lange hören lassen und es dir verkündigt? Ihr seid doch meine Zeugen! Ist auch ein Gott außer mir? Es ist kein Fels, ich weiß ja keinen.“ (Jesaja 44, 6 – 8) Was auch immer die Welt zu lehren scheint, auch die Götterwelt: Neben Gott ist kein Raum für andere Götter. „Nicht Baal der Kanaaniter, nicht El der Ugariter oder Marduk der Babylonier ist Gott. der Herr ist es,  und er allein.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 125) So gelesen wird der Himmel entgöttert und die Erde gleich mit. Da ist kein Gott außer dem Einen.

Neben dieses Bekenntnis tritt die Aufforderung: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.  Geht das? Kann Liebe gefordert werden, die doch ein Gefühl ist? Oder geht es gar nicht um ein Gefühl? „Es geht um eine kräftige Bewegung des menschlichen Willens, denn das Herz ist nach biblischer Anschauung der Sitz des Willens und Ausgangspunkt des Handelns.“ (D. Schneider, aaO. S. 90) Darum geht es dann also: sich in allem an Gott orientieren, in seinem Wollen und Tun ihm zu entsprechen zu suchen.  In einem immer neu zu wiederholenden Gebet hat Ignatius von Loyola genau diese Sicht aufgegriffen:

 „Gott, ich bitte Dich um die Gnade,                                    dass alle meine Absichten, Handlungen, Beschäftigungen zu Dir gewendet sind, Dir entsprechen, Dich verherrlichen.                                                                                    I. von Loyola, Geistliche Übungen, Würzburg 1998, S. 48

Die Liebe zu Gott zeigt sich nicht primär oder gar ausschließlich in Gefühlen. Sie zeigt sich in der Zielrichtung meines Denkens, Redens Handelns – auf ihn hin. Diese Zielrichtung findet dann auch – möglicherweise – ein Echo in den Gefühlen.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

             Der Primat des Willens, des Tuns wird auch in den Anweisungen zur Weitergabe der Lehre deutlich. Sie sich selbst zu Herzen nehmen, verinnerlichen, so dass sie das Tun leiten. Sie den Kindern nahebringen. Sie memorieren, wiederholen, regelrecht einprägen durch immer neues sich Vorsagen. Was hier geboten wird, findet im Psalm 1 nachdrücklichen Ausdruck:

„Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen         noch tritt auf den Weg der Sünder                                           noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                                           sondern hat Lust am Gesetz des HERRN                                und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“                                        Psalm 1, 1 – 2 

Leben mit dem Gebot. Leben aus dem Gebot. Es ist die Lebensklugheit Israels, die weiß: eine äußerliche Übung hilft zum Verinnerlichen. Darum: Zeichen auf deiner Hand, Merkzeichen zwischen deinen Augen, auf Pfosten deines Hauses und an die Tore. Wer so das Gebot immer vor Augen hat, der kann sich daran regelrecht festhalten, mit den Augen, mit den Sinnen und im Tun. Mir scheint, diese Art der Äußerungen des Gebotes hat seine Langzeitwirkung auch im christlichen Bereich – im Haussegen, der in manchen Häusern auch einmal schief hängt, in Spruchkarten, die einzelne Worte einprägen, im Umgang mit den Losungen. Immer geht es darum, sich äußerlich vor Augen zu halten, was innerlich prägen und Kraft gewinnen soll. Wir werden von außen nach innen geprägt und dann von innen nach außen im Handeln geleitet.

So wird die Gottesliebe praktisch. „Indem du Seine Lehre ernst nimmst und die anderen anständig behandelst. Immer in der Praxis des Alltags, nie im Philosophieren allein äußert sich die Gottesliebe.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 135)

 

Gott, Du bist mir gegenüber, heilig, barmherzig, fremd und nah zugleich, Grund meines Lebens, Zuflucht, Hoffnung und Halt.

Gott, Du bist mir gegenüber, schweigend, wartend, im Wort verborgen, Wahrheit der Welt, Ziel aller Wege. Heute und morgen.

Gott, Ich will nicht vergessen, dass mein Leben Dir gehört, dass mein Weg vor Dir offen liegt, dass Dein Wort mir Weg und Richtung zeigt.

Gott. Ich will mir Dein Wort einprägen, zu Herzen nehmen, mit ihm aufstehen, widerstehen, aufbrechen aus den scheinbaren Selbstverständlichkeiten der Zeit und ihren Zwängen.

Gott, ich will verweilen vor Deinem Wort, vor Dir, gegenwärtig werden in Deiner Gegenwart. Amen