Mittler erwünscht

  1. Mose 5, 23 – 33

23 Als ihr aber die Stimme aus der Finsternis hörtet und der Berg im Feuer brannte, tratet ihr zu mir, alle eure Stammeshäupter und eure Ältesten, 24 und spracht: Siehe, der HERR, unser Gott, hat uns sehen lassen seine Herrlichkeit und seine Majestät, und wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört.

             Die Bestätigung aus dem Mund des Volkes: Es ist Gott, der sich uns zugewendet hat. Wir haben verstanden. Dabei ist ein Widerspruch unauflöslich: wir haben gesehen – aber der Text zuvor hebt eindringlich darauf ab: „ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.“(4,15)Da war in der Offenbarung Gottes nichts zu sehen als Feuer, Wolke und Dunkel und doch ist es eindeutig: er hat gesprochen. Wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört. Dieses Hören reicht. So überwältigend groß ist der Eindruck des Geschehens. Deshalb treten sie zu Mose und man ahnt es schon, mit einer Bitte.

Heute haben wir zwar gesehen, dass Gott mit Menschen redet und sie am Leben bleiben. 25 Aber nun, warum sollen wir sterben? Dies große Feuer wird uns noch verzehren! Wenn wir des HERRN, unseres Gottes, Stimme weiter hören, so müssen wir sterben. 26 Kann denn Sterbliches die Stimme des lebendigen Gottes aus dem Feuer reden hören wie wir und doch am Leben bleiben? 27 Tritt du hinzu und höre alles, was der HERR, unser Gott, sagt, und sage es uns. Alles, was der HERR, unser Gott, mit dir reden wird, das wollen wir hören und tun.

             Das Volk ahnt oder scheint doch zu ahnen: Es ist ein Glücksfall, auf dessen Wiederholung man nicht rechnen darf. „Der Augenblick des Redens Gottes wird als eine große Verschonung erfahren; die Angst bleibt, ob diese Verschonung bei weiteren Reden Gottes anhalten wird.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 85) Dahinter wird eine Einsicht erkennbar: wir halten Gott nicht aus. Zwischen den Menschen und Gott, auch zwischen dem Volk Gottes und Gott steht die Erfahrung eines unendlichen Abstands. Darum kommt das Volk auf die Idee, dass es um Mose als Mittler bittet. Dass es ihm eine Empfänger-Rolle zuschreibt, unmittelbares Hören. Sie selbst wollen sich damit zufrieden geben, dass „die Direktheit der Jahweoffenbarung zugunsten einer von Mose vermittelten Botschaft modifiziert“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968 S. 43) wird. Dahinter wird die Erfahrung der späteren Zeit stehen: Es sind die Nachfolger des Mose, die Priester, die seine Worte – die des Gottes Israels und die des Mose – bewahren und weitergeben.

Es ist schon sehr bemerkenswert: Das Volk verzichtet darauf, unmittelbar und selbst die Stimme Gottes zu hören. Die Offenbarungen zu empfangen. Dahinter wird ein großes Zutrauen zu dem Mittler Mose sichtbar – und dann auch zu denen, die seine Worte hütend weitergeben. Wer so seine eigene, unmittelbare Erfahrung preisgibt, der muss sich sicher sein: die, auf die ich jetzt vertraue, werden dieses Vertrauen nicht missbrauchen. Wie viel Zutrauen zur Priesterschaft wird hier sichtbar und dann auch auf dem Weg des Volkes gelebt.

Es liegt nahe, nach uns heut zu fragen. Ist es möglich, diese Situation auf heute zu übertragen? Dann wäre eine Verstehensmöglichkeit: Es gibt auch heute Christenmenschen, denen es zu schwer ist, „reichsunmittelbar“ zu sein. Sie wollen gar nicht den direkten Umgang mit Gott. Es ist ihnen unheimlich, selbst ohne Mittler vor Gott zu stehen. Sie sind froh, dass es „Profis“ gibt, Pfarrer, Pfarrerinnen, Prediger, die ihnen sagen, was sie glauben dürfen. Die Befreiung der Reformation von der Herrschaft des Klerus hat eine Kehrseite: Sie lastet dem Einzelnen Verantwortung auf. Keiner kann sich mehr hinter dem Mittler-Priester verbergen. Jede und Jeder hat den Zugang zu Gott und wenn er ihn nicht selbst sucht und nützt, bleibt dieser Zugang verwaist. Es sind vermutlich nicht so wenige, die es lieber hätten, wenn da eine ordentliche Instanz zwischen geschaltet wäre. Gott von Du zu Du – das ist auch beängstigend und anstrengend.

 28 Als aber der HERR eure Worte hörte, die ihr mit mir redetet, sprach er zu mir: Ich habe gehört die Worte dieses Volks, die sie mit dir geredet haben; es ist alles gut, was sie geredet haben. 29 Ach dass sie ein solches Herz hätten, mich zu fürchten und zu halten alle meine Gebote ihr Leben lang, auf dass es ihnen und ihren Kindern wohlginge ewiglich! 30 Geh hin und sage ihnen: Geht heim in eure Zelte! 31 Du aber sollst hier vor mir stehen bleiben, damit ich dir verkündige das ganze Gesetz, die Gebote und Rechte, die du sie lehren sollst, dass sie danach tun in dem Lande, das ich ihnen geben werde, um es einzunehmen.

             Seltsam. Gott akzeptiert diesen Wunsch! Es ist gut, in Ordnung. Sie haben schon verstanden, dass es anspruchsvoll ist, mit Gott umzugehen. Nur eines darf dabei nicht passieren: Dass die Mittler-Rolle dazu führt, dass die Ernsthaftigkeit des Gehorsams in Frage gestellt wird: Ach dass sie ein solches Herz hätten, mich zu fürchten und zu halten alle meine Gebote ihr Leben lang. Das ist ja die Gefahr, die droht, dass die Worte der Mittler nur als Menschenworte gelten, die sie ja auch sind, nicht mit der gleichen Ehrfurcht gehört wie die Stimme des lebendigen Gottes aus dem Feuer.

        Insgesamt. Hier haben wir die Etablierung einer Mittler-Rolle, einer  Priesterordnung vor Augen – aus dem Wunsch des Volkes und der Zustimmung Gottes. „Hier sanktioniert Jahwe selbst die durch Mose, also durch einen Menschen vermittelte Weitergabe seines Willens.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 44) Sein Es ist gut steht damit über aller Verkündigung seiner Worte durch Menschen – bis zu uns heute.

32 So habt nun acht, dass ihr tut, wie euch der HERR, euer Gott, geboten hat, und weicht nicht, weder zur Rechten noch zur Linken, 33 sondern wandelt auf dem Weg, den euch der HERR, euer Gott, geboten hat, damit ihr leben könnt und es euch wohlgeht und ihr lange lebt in dem Lande, das ihr einnehmen werdet.

        Damit ist die Gehorsamsfrage neu gestellt: So habt nun acht. Nicht mehr die Stimme aus dem Himmel – die Unterweisung durch die Priester ist, was es zu hören gibt. Aber diese Unterweisung verlangt volle Aufmerksamkeit, gibt sie doch Weisungen für den Weg des Lebens. Es ist das Wissen in Israel: In den Weisungen der Priester, in den Worten des Mose geht es nicht um ein paar religiöse Gedankenspiele, um Überzeugungen, die man teilen kann oder auch nicht. Es geht um den einen Weg, der Verheißungen hat, darum weicht nicht, weder zur Rechten noch zur Linken,

Daraus ergeben sich auch gleichzeitig Aufgabe und Verantwortung der Priester: Wegweisung. Auch sie sind gebunden an das Wort. Sie geben nicht ihre Meinungen weiter, sondern das Wort des lebendigen Gottes, was zu hören war von der Stimme aus dem Feuer. Priester sind in ihrem Weitergeben vom Hören abhängig.

Das also ist das neue Zusammenspiel, das hier eingerichtet wird und durch das ganze folgende Buch hin auch eingeübt wird. Für die Priester Empfangen der Weisungen und Ordnungen Gottes in den Worten des Mose. Für das Volk: diese Wegweisung annehmen.

 

Heiliger Gott, ich bin froh, dass ich direkt mit Dir reden darf, dass ich keinen Priester brauche, kein Opfer, keine Fürbitte durch irgendwelche Heiligen.

Ich danke Dir, dass nur ein Mittler ist zwischen Dir und uns. Jesus – Dein Sohn. mein Herr.

Ich danke Dir, dass es nur einen braucht, der meine Worte vor Dich bringt, der mir Deine Worte   aufschließt, den Geist, der mit Dir und dem Sohn eins ist.

 Du selbst gehst so mit uns um, dass wir nicht vor Deiner Majestät vergehen müssen, dass wir uns nicht fürchten müssen vor Deiner Heiligkeit.

Dir sei Lob und Preis, Ehre und Anbetung. Amen