Zehn gute Worte

  1. Mose 5, 1 – 22

 1 Und Mose rief ganz Israel zusammen und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede, und lernt sie und bewahrt sie, dass ihr danach tut!

             Das ist der Auftakt: Wieder Höre, Israel. Schʼʽ Jisraʼél Mose wendet sich an ganz Israel. Nicht nur an das übrig gebliebene Südreich Juda, auch nicht nur an das in 732 untergegangene Nordreich Israel. Ganz Israel. Der Träger aller Verheißungen, der Adressaten aller Zusagen Gottes ist immer ganz Israel. Nie nur der einzelne Israelit oder ein kleiner Haufen von Israeliten. Sie alle miteinander sind gerufen zum Leben aus dem Gebot, zum hören – lernen – halten – tun.

 2 Der HERR, unser Gott, hat einen Bund mit uns geschlossen am Horeb. 3 Nicht mit unsern Vätern hat der HERR diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier sind und alle leben. 4 Er hat von Angesicht zu Angesicht mit euch aus dem Feuer auf dem Berge geredet.

             Merkwürdig: Sie stehen doch jetzt nicht am Horeb! Aber die Behauptung der Rede ist: der Bundesschluss vom Horeb ist jetzt, geschieht jetzt mit ihnen, die sie heute hier sind. Und alles, was von der ersten Begegnung am Horeb erzählt wird, wird im Erzählen Gegenwart heute. Selbst „wenn der inzwischen erfolgte Tod der Sinaigeneration außerhalb des Blickwinkels des Sprechers liegen sollte, ist seine Absicht deutlich genug: er will das in Wirklichkeit schon der Vergangenheit angehörende Ereignis des Bundesschlusses seiner Gegenwart aktuell machen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 40) Oder anders gesagt: In seinen Worten wird gegenwärtige Wirklichkeit, was früher schon war. Weil Gott sich seiner Worte annimmt und sie zu seinen Worten macht. Das ist nicht Aktualisierung der Worte vom Sinai. Das ist vielmehr: sie ergehen jetzt neu und so wird der Ort jetzt zum „neuen Sinai.“ Das Gebot ergeht neu.

Man könnte vielleicht auch sagen: Da ist kein Unterschied der Zeiten mehr, weil Gott gegenwärtig ist. Gegenwärtig in der Wiederholung seines Gebotes durch den Mund des Mose.     

 5 Ich stand zu derselben Zeit zwischen dem HERRN und euch, um euch des HERRN Wort zu verkündigen; denn ihr fürchtetet euch vor dem Feuer und gingt nicht auf den Berg.

             Auch darin wiederholt sich das Geschehen vom Sinai. Damals stand Mose zwischen dem HERRN und euch. Begründet aus der Furcht des Volkes, das ahnte, dass es Gott nicht aushalten würde. Begründet aber auch durch den Befehl Gottes, wie er überliefert ist: „Da sprach der HERR zu ihm: Steig hinab und verwarne das Volk, dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, ihn zu sehen, und viele von ihnen fallen.“(2. Mose 19,21) Immer schon hat Israel gewusst: Es ist gefährlich, Gott nahe zu kommen. So steht auch jetzt wieder der Sprechende wie ein Mittler zwischen Gott und dem Volk. „Gott redet zwar direkt zum Volk, aber nicht ohne Mittler. So empfängt es auch das schriftgewordene Wort Gottes aus der Hand des Mittlers.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 71) Wenn man annehmen darf, dass hier auch die später jährlich wiederholte Lesung des Gesetzes durch die Priesterschaft mitklingt, so ist damit der Anspruch deutlich: Die Priester lesen nicht einfach irgendeinen heiligen Text. Und sie tragen auch nicht nur die mehr oder weniger autorisierte Meinung des Mose vor. Sie verkündigen des HERRN Wort und in ihrem Lesen nimmt er selbst das Wort.

 Und er sprach: 6 Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.

             Daran erinnert Mose mit seinen Worten jetzt. Alles hängt daran, wer hier das Wort nimmt. Wer am Horeb geredet hat. Eben nicht Mose, sondern der HERR. Und er erinnert in seinem Wort, dass die Heutigen angesichts des Landes hören, daran, wer er ist: „Der Gott, der jetzt redet, hat seinen Heilswillen schon längst in einem von der ganzen Gemeinde anerkannten Heilsereignis geoffenbart.“ (G. v. Rad, aaO. S. 41)  An diesem Geschehen hängt alles. Dass er Israel aus der Knechtschaft geführt hat, birgt das Versprechen in sich: Er wird es auch im neuen Land nicht in irgendeine Art Knechtschaft führen. Und es birgt für die späteren Hörer und Leser des Buches das Versprechen: Auch das Exil wird nicht Knechtschaft für immer bleiben. „Dieser „Grundsatzerklärung“ folgen nun die Einzelbestimmungen.“ (G. v. Rad, ebda.)

 7 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

             Neben Gott, neben dem HERRN ist kein Platz für andere Götter. Der Satz macht nur Sinn in einer Situation, in der es andere Götter gibt. In der es für Israel die Verlockung gibt, anderen Göttern zu folgen. Eine Verlockung, der das Volk im Land oft genug unterliegt. „Das Gebot setzt eine polytheistische Situation bei den Angeredeten voraus.“ (G. v. Rad, ebda.) Aber es nimmt sie nicht hin, schon gar nicht als gottgegeben. Man muss es wohl so sagen: Gott ist nicht tolerant, sondern intolerant, nicht bereit zur friedlichen Ko-Existenz im Hinblick auf andere Götter, die in Israel verehrt werden könnten. Er, der sich Israel am Horeb in Treue „verlobt“, verbunden hat, er fordert die Treue Israels. Zu ihm allein. „Seine Treue gebiert seine Intoleranz.“(D. Schneider, aaO.  S. 74)Es ist die Logik der Liebe, die keinen Raum für die Untreue lässt und sucht.      

 8 Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. 9 Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 10 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

         Zum wiederholten Mal: Bilderverbot. Keine Bilder von irgendwem, die göttliche Qualität beanspruchen könnten, Verehrung als Bild Gottes. Zunächst und zuerst „verbietet das Gebot die Anfertigung von Jahwe-Bildern.“ (D. Schneider, aaO. S. 75) Es geht nicht gegen bildende Kunst, es geht gegen den Versuch, die Wirklichkeit Gottes ins Bild zu fassen. Gott ist nicht Kunst-Feind, kein Kunst-Banause, sondern er wehrt dem völlig unangemessenen Versuch, der eine Versuchung ist: den Ewigen in Bilder fassen. Alles Geschaffene kommt von Gott, aber es bildet ihn nicht ab. Das ist die Grenze, die auch dann berücksichtigt werden muss, wenn man von den „Spuren Gottes in der Schöpfung“ spricht.

 11 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

             Nahtlos knüpft dieses Gebot an das vorige an. Missbrauch des Namens Gottes – das ist der Versuch, sich Gott verfügbar zu machen. Sich seiner zu bemächtigen, indem man seinen Namen wie eine Zauberformel verwendet. „Es könnte das Aussprechen des Namens Gottes unter der Hand zu einem Griff  nach Gottes Freiheit werden!“ (D. Schneider, aaO. S. 76)Wer den Namen kennt und nennt, gewinnt Macht. Das gilt im Märchen: “Ach wie gut, dass keiner weiß, dassich Rumpelstilzchen heiß.” Es gilt bis heute: Wenn wir erst einen Namen für ein Geschehen, eine Krankheit, ein Ereignis haben, ist alles nur noch halb so schlimm. Wir werden es schon in den Griff kriegen, wissen wir es doch zu benennen. „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.“

 Das aber ist ein Missbrauch des Namens Gottes. Ein Umgang mit seinem Namen wie er dem Umgang mit den Götternamen entspricht. Das zeigt auch die wörtliche Übersetzung des Gebotes: „Nicht sollst du den Namen Jahwes, deines Gottes zu Nichtigem tragen.“ Ihn zum bloßen Geräusch verkommen lassen. Zur Leerformel. Und: Es darf nicht im Namen Gottes Gewalt ausgeübt werden. Das ist bis heute schrecklichster Missbrauch, wenn in seinem Namen  Krieg geführt wird, Gewalt begründet, Terror als Gottes Wille behauptet wird.   

12 Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. 13 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 14 Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. 15 Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.

  Es ist wohl kein Zufall, dass das Sabbat-Gebot das im Umfang alles überragende Gebot ist. Ist doch dieses Gebot die Grundformel der Sozial-Gesetzgebung Israels. Keine unbegrenzte Ausbeutung der Arbeitskraft – nicht von Mensch, nicht von Tier, nicht im familiären Kontext und nicht von Abhängigen. Der Ruhetag, der Sabbat-Tag erinnert daran, an jedem siebten Tag: Wir sind nicht für die Arbeit geschaffen. Keine Sklaven, die nichts kennen als Schuften. Wir feiern Woche für Woche das Ziel der Welt: den Sabbat des HERRN.  Leben als die Erlösten, herausgeführt aus dem Haus der Knechtschaft, auch dem Haus der Selbstausbeutung, der Knechtschaft unter die eigenen inneren Antreiber.

Einmal mehr hat Luther das geistliche Geschenk des Sabbat auf den Punkt gebracht: „Man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch nichts mehr als durch Nichtstun.“ Wie weit sind wir in unseren Kirchen von solcher Einsicht entfernt,  sichtbar allein schon durch die Benennung unserer Aktivitäten: „Kinderarbeit, Jugendarbeit, Männerarbeit, Frauenarbeit, Seniorenarbeit, Friedensarbeit“. Wir arbeiten uns schier zu Tode und stehen Gott mit unserem vielen  Arbeiten, unseren Aktivitäten oft genug im Weg.

 16 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir’s wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

             Keiner hat sich das Leben selbst gegeben. Jeder ist Kind. Jeder lebt davon, dass ihm Eltern den Weg ins Leben geöffnet haben in der Zeit ihrer Fürsorge. Liebevoll hoffentlich. Im Respekt vor dem neuen Leben, in der Freude und im Ehren der Existenz des Kindes. Das Gebot sucht die Antwort auf diese Lebensförderung. Darum geht es, nicht „die Autorität der alternden Eltern zu missachten.“ (G. v. Rad, aaO. S. 42)Vielleicht noch ein Stück weiter gedacht: ihnen nicht zu entziehen, was sie zum Leben brauchen: Zuwendung und Versorgung. Wir lesen also auch hier einen Satz aus der „Sozialordnung der antiken Großfamilie.“

 17 Du sollst nicht töten.                                                              18 Du sollst nicht ehebrechen.                                                  19 Du sollst nicht stehlen.  

Es sind Gebote, die in ihrer Zeit anders klingen als heute. Untersagt ist nicht jedes Töten – hebräisch: raa – etwa im Krieg oder durch Justiz-Urteil, sondern das Töten, das die Gemeinschaft zerstört, also etwa „morden“. Genauso wird die Ehe geschützt in den Spielräumen, die sie damals hat, eine Ehe, die „man nicht im heutigen Sinn als monogam bezeichnen kann, freilich noch viel weniger als polygam“. (G. v. Rad, aaO. S. 43) Verboten ist der Eingriff in die fremde Ehe, weil die Frau Eigentum eines anderen ist – auch die Zweit- oder Drittfrau. Und beim Stehlen geht es um das, was wir heute Menschenraub nennen würden, nicht um Diebstahl von Sachen. Aber auch das mag mitschwingen: „Vergehen gegen Eigentum sind Vergehen gegen die Person.“((D. Schneider, aaO. S. 81) Mit diesem Gebot wird so nicht nur das Eigentum, sondern vor allem die Person geschützt. Bestohlen werden verletzt die Person und Stehlen verletzt das Miteinander.

20 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.                                                                                             21 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist.

Schutzbestimmungen, die vor Gericht gelten. Die im Zusammenleben mit anderen gelten. Im Miteinander, das so empfindlich leicht zu stören ist. Diese Störungen fangen klein an -mit der Begehrlichkeit, mit dem Neid auf das Glück der Anderen. Sie enden oft genug im Abweichen von der Wahrheit und im  Übergriffigwerden. Es ist eine Eigentümlichkeit der hebräischen Sprache: „Das hebräische Verbum amad bedeutet beides, das Begehren wie das Nehmen.“ (G. v. Rad, aaO. S. 43) Es fängt – harmlos? – in Gedanken und Gefühlen an und wird zur Tat.

 22 Das sind die Worte, die der HERR redete zu eurer ganzen Gemeinde auf dem Berge, aus dem Feuer und der Wolke und dem Dunkel mit großer Stimme, und tat nichts hinzu und schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln und gab sie mir.

             Damit ist alles gesagt. Noch einmal werden die Begleitumstände der Sinai-Offenbarung ins Gedächtnis gerufen. Feuer, Wolke, Dunkel, die große Stimme. Verhüllende Zeichen der Gegenwart Gottes. Die Zehn Worte sind zu ihrem Abschluss gekommen. Hier ist nichts mehr hinzuzufügen und auch nichts wegzulassen. So werden sie „auf steinernen Tafeln unauslöschlich festgehalten.“ (D. Schneider, aaO. S. 71) Mose hat sie empfangen und weitergegeben. Und alle, die sie später weitergeben, knüpfen so an Mose an.

Es ist mehr als bloße Wiederholung des Geschehens am Sinai. Es ist Erneuerung der Zehn Worte, weil auf dem Weg so leicht verloren geht: Die Zehn Worte sind Lebensworte für Israel. Wegzeichen für den Weg des Vertrauens auf Gott: wir glauben an den einen Gott, deshalb brauchen wir nicht viele Götter. Wir vertrauen darauf, dass er uns versorgt, deshalb darf uns die Arbeit nicht versklaven. Wir dürfen uns den Tag der Ruhe gönnen. Wir vertrauen auf ihn, der gerne gibt, jedem, was er nötig hat, deshalb müssen wir keinen über die Tisch ziehen, keinen austricksen, niemand übervorteilen. Wir sehen, dass Vater und Mutter uns das Leben eröffnet haben, gut zu uns waren, deshalb können wir für sie dankbar sein. Daran erinnert Mose die Gemeinde Israel. So gelesen sind die Zehn Worte Wegzeichen der Freiheit: ich muss nicht…

 

Mein Gott, so oft habe ich Dein Gebot gehört, es selbst andere gelehrt, auswendig gelernt samt seinen Erklärungen.

Ich danke Dir, dass mich diese Zehn Worte oft bewahrt haben, vor Übergriffen, vor Gefahren, die ich gar nicht wirklich wahrgenommen habe.

Ich danke Dir, dass Du Dich nicht von mir und uns abgewendet hast, wenn wir an Deinem Gebot gescheitert sind.

Ich danke Dir auch, dass Du sie mir und uns immer wieder ins Gedächtnis rufst,  damit sie uns prägen im Denken und im Verhalten, uns leiten auf dem Weg, der den anderen neben uns das Leben nicht verbaut. Dir sei Lob und Dank für Dein gutes Gebot. Amen