Gott – Erbarmen ohne Ende

  1. Mose 4, 25 – 40

 25 Wenn du nun Kinder zeugst und Kindeskinder und ihr im Lande wohnt und versündigt euch und macht euch Bildnisse von irgendeiner Gestalt, sodass ihr übel tut vor dem HERRN, deinem Gott, und ihn erzürnt, 26 so rufe ich heute Himmel und Erde zu Zeugen über euch, dass ihr bald weggerafft werdet aus dem Lande, in das ihr geht über den Jordan, um es einzunehmen. Ihr werdet nicht lange darin bleiben, sondern werdet vertilgt werden.

             Der Blick geht nach vorne, in die Zeit, wenn das Land eingenommen sein wird. Wenn das Volk sich vermehren wird. In solch einer Situation des Wachstums, der Sicherheit droht die Gefahr zu vergessen. auch die Gefahr, sich verleiten zu lassen, zu Abfall, zu einem Gottesdienst, der sich Gott in seinen Bildern verfügbar machen will. Dem begegnet dieser Prediger mit seinen Warnungen – wieder konzentriert auf das Bilder-Verbot.

Es sind Warnungen von höchster Dringlichkeit, ruft er doch Himmel und Erde zu Zeugen über euch. Und droht ihnen an, was in den Jahren um 587 geschichtliche Wirklichkeit geworden ist: Verlust des Landes. Es liegt nahe, sich der Sicht des großen Alttestamentlers anzuschließen: „Der Standort des Redenden mit seine Aufforderung, in den früheren Zeiten zu forschen, liegt deutlich am Ende eines lange Geschichtsablaufs.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 37) Es ist wohl so, dass alte Überlieferung ihre letzte Schrift-Form in einer Gegenwart findet, die hier als Zukunft angesagt wird. Damit ist nichts gegen einen überaus langen und weit in die Erinnerungen zurückgreifenden mündlichen Überlieferungsprozess gesagt.

  27 Und der HERR wird euch zerstreuen unter die Völker, und es wird von euch nur eine geringe Zahl übrig bleiben unter den Heiden, zu denen euch der HERR wegführen wird. 28 Dort werdet ihr Göttern dienen, die das Werk von Menschenhänden sind, Holz und Stein, die weder sehen noch hören noch essen noch riechen können.

          Noch einmal: Das ist Androhung des Exils, wie es seit 587 Wirklichkeit ist. Hier wird der Rahmen der erzählten Zeit gesprengt. Sichtbar wird im angesagten Geschehen eine Weise des Zornes Gottes, die sich öfters findet: „Der Zorn des heiligen Gottes führt zur Vertreibung des Volkes aus dem Land der Verheißung, wo es seinen Bilderdienst nun als Strafe fortsetzen muss, indem es die Bilder der Völker verehrt. So besteht Gottes Gericht darin, das tun zu müssen, – fern von Gott – was man vordem freiwillig tat.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, s. 67) Sie werden jetzt an die stummen Götter gewiesen und müssen erfahren: da ist keine Antwort, kein Erbarmen. 

Man geht wohl kaum zu weit mit der Überlegung, ob sich hier etwas Grundsätzliches an der Art der Gerichte Gottes zeigt. Sie sind nicht irgendwelche zusätzlichen Strafaktionen. Sondern sie muten zu, das zu tun, immer wieder, ausweglos, was man sich zuvor selbst erwählt hat. Wer sich von sich aus von dem lebendigen Gott trennt, geht das Risiko ein, dass er aus dieser Trennung keinen Rückweg mehr findet. Dass er sich selbst den Rückweg verschlossen hat.

 29 Ihr werdet dort den HERRN, deinen Gott, suchen, und du wirst ihn finden, so du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst. 30 Wenn du geängstet sein wirst und dich das alles treffen wird in künftigen Zeiten, so wirst du dich bekehren zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen.

     Mit der Ferne, mit der Zerstreuung unter die Völker aber ist kein endgültiger Schluss-Strich gezogen. Das Exil – so die Botschaft dieser „Predigt“ – ist nicht das Ende Israels. sondern es soll Ort und Zeit der Umkehr werden, eine Zeit der Besinnung. „Das Wort von dem für Israel in jeder Gerichtssituation offenstehenden Weg zur Umkehr zu Jahwe erscheint wie das Thema einer Fuge an allen Höhepunkten des deuteronomistischen Geschichtswerks.“ (G. v. Rad, ebda.) Einen Schritt weiter: Es ist die Stärke des Glaubens, gerade angesichts des Unterganges festzuhalten: Gott hält den Rückweg offen. Gott ist auch in seinem Strafen nicht der unbarmherzige Gott, sondern der, der an seiner Erwählung festhält. Das so zu durchdenken und zu formulieren ist die große theologische Leistung, die das Deuteronomium mit Propheten wie Jesaja, Jeremia und auch Hesekiel teilt.

Es sind sehr typische Worte: du wirst ihn finden, so du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst. Das ist ein neuer Klang: Herzensfrömmigkeit, die die ganze Existenz durchdringt. Ganz nahe sind die Worte am Brief des Jeremia an die Exilierten in Babylon: „ Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“ (Jeremia 29, 13-14) Nahe auch an Worten des Jesaja: „Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.“ (Jesaja 55,6) Nah auch an diesen Worten:Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?“(Hesekiel 18, 30-31)    

Nahe auch an der „Herzens-Frömmigkeit“, wie sie in den Psalmen zu finden ist: „ Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not. Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben. Der Gerechte muss viel leiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR. (Psalm 34, 18 – 20)  Und direkt daneben: „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“(Psalm 51,19) Wobei es schon wichtig ist, sich zu erinnern: Das „Herz“ ist in der Denkweise der Bibel nicht primär der Sitz der Gefühle und Emotionen, sondern es ist der Ort, an dem die Willensentscheidungen fallen und aus dem das Tun hervorgeht. Das Suchen des Herzens ist dementsprechend vor allem Suchen nach den Wegen, die Gott gefallen, die ihm angemessen antworten. So verstanden ist Herzensfrömmigkeit nichts nur Innerliches, sondern ein neues Handeln, das aus erneuerten Herzen erwächst.    

31 Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben, wird auch den Bund nicht vergessen, den er deinen Vätern geschworen hat.

         Das ist der tiefste Grund: Umkehr, weil Gott ein barmherziger Gott ist. Es ist ein Lernprozess in Israel, der in der Wüste anfängt, der über die Zeit im Land weitergeht und der sich auch in den schmerzhaften Zeiten fortsetzt, in denen die Katastrophe des Untergangs Jerusalems, der Verlustes des Landes und die Wegführung in die Fremde verarbeitet werden müssen. Die Antwort, die in dieser Zeit gelernt wird, heißt: Gott ist treu. Uns gegenüber, die wir so oft die Treue versäumen, den Gehorsam und den Glauben schuldig bleiben.

Es sind Texte wie dieser Abschnitt, die Paulus zu seiner Einsicht führen, die er im großen Kapitel über die bleibende Erwählung Israel zusammenfasst: „Aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11, 28-29) Es ist nicht die Glaubens-Qualität Israels, die ihn zu solchen Worten bringt, sondern das Wesen Gottes, so wie er es auch in den Schriften des 5. Buches Mose erkennen kann.

 32 Denn frage nach den früheren Zeiten, die vor dir gewesen sind, von dem Tage an, da Gott den Menschen auf Erden geschaffen hat, und von einem Ende des Himmels zum andern, ob je so Großes geschehen oder desgleichen je gehört sei, 33 dass ein Volk die Stimme Gottes aus dem Feuer hat reden hören, wie du sie gehört hast, und dennoch am Leben blieb? 34 Oder ob je ein Gott versucht hat, hinzugehen und sich ein Volk mitten aus einem Volk herauszuholen durch Machtproben, durch Zeichen, durch Wunder, durch Krieg und mit starker Hand und ausgerecktem Arm und durch große Schrecken, wie das alles der HERR, euer Gott, für euch getan hat in Ägypten vor deinen Augen?

             Unvergleichlich ist Gott. Einzigartig in seiner Zuwendung zu Israel. Was bleibt ist staunendes Fragen. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!“(Micha 7,18) Das ist einmalig: Gott, der sich sein Volk erwählt hat, errettet hat, erschaffen hat. Gott, der sein Volk nicht durch seine Gegenwart vernichtet hat. „Man kann auf eine von göttlichen Taten ausgefüllte Geschichtsstrecke zurückschauen.“ (G. v. Rad, ebda.) Muss da nicht die Antwort des Glaubens fast wie von selbst kommen?

 35 Du hast es sehen können, auf dass du wissest, dass der HERR allein Gott ist und sonst keiner. 36 Vom Himmel hat er dich seine Stimme hören lassen, um dich zurechtzubringen; und auf Erden hat er dir gezeigt sein großes Feuer, und seine Worte hast du aus dem Feuer gehört.

             Und wieder der Rückgriff auf den Horeb und die Erfahrungen dort. Dort hat Israel seinen Gott erfahren. Dort ist es zum Bundesvolk geworden. Es ist die Schlüsselerfahrung Israels, an die auch dann immer wieder erinnert wird, wenn es um einen Weg in die Zukunft gehen soll, der zukunftsträchtig ist.

Es zieht sich durch die Kapitel wie ein roter Faden: Es geht um Offenbarung Gottes, die zugleich verhüllt. Gott hat sich Israel auf dem Weg aus Ägypten, am Horeb offenbart. Vom Himmel hat er seine Stimme hören lassen, seine Worte aus dem Feuer hören lassen. Aber ihn selbst, seine Gestalt hat Israel nicht gesehen. Zeichen, Hinweise, Spuren in der Geschichte, auf dem Weg. Wer Augen hat zu sehen, der sieht.   

             Ich frage mich manchmal, was gegenüber dem Alten Testament das Neue ist, das mit Jesus kommt. Es ändert sich ja nichts am Gesetz, nichts am Erbarmen, nichts am Vergeben, nichts an der Treue Gottes. Es ändert sich nichts an Gott. Was sich ändert ist allein dies: In Jesus nimmt Gott vor uns Gestalt an, Das meint das Wort Inkarnation – „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“(Johannes 1, 14) Der Ewige enthüllt und verhüllt sich in ihm, Jesus von Nazareth. Nur er allein ist das Neue gegenüber dem Alten Testament.

 37 Weil er deine Väter geliebt und ihre Nachkommen erwählt hat, hat er dich aus Ägypten herausgeführt mit seinem Angesicht durch seine große Kraft, 38 damit er vor dir her Völker vertriebe, die größer und stärker sind als du, und dich hineinbrächte, um dir ihr Land zum Erbteil zu geben, wie es jetzt ist.

             Gottes Motiv, sich das Volk zu erwählen: Liebe! So ähnlich hört es sich auch in der prophetischen Botschaft an. „Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe, gebe ich Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.“(Jesaja 43, 4-5a) Das unterscheidet den Gott Israels von dem Gott, von dem die Philosophen reden: er lässt sich von seiner Liebe leiten. Und seine Liebe leitet ihn zu den Geringen, zum  Würmlein Israel, zu den Sündern.

Eine Zwischenbemerkung: Je länger ich intensiv mit den Texten der Hebräischen Bibel umgehe, umso weniger vermag ich zu verstehen, wie es zu dieser seltsamen Zweiteilung im Verständnis Gottes kommen konnte: Das Alte Testament rede von dem zornigen strafenden Gott. Das Neue Testament rede von dem liebenden und vergebenden Gott. Nein, es ist von Anfang der Welt an ein liebender Gott, ein Gott, der voll Erbarmen ist: Da ist kein Wandel in Gott. Auch an Passagen wie diese konnte Luther 1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These seine so tiefe Einsicht gewinnen: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand. Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (M. Luther Deutsch, Bd. 1, Göttingen 1983, S. 393)

 39 So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der HERR Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner, 40 und sollst halten seine Rechte und Gebote, die ich dir heute gebiete; so wird’s dir und deinen Kindern nach dir wohlgehen und dein Leben lange währen in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, gibt für immer.

Neben Gott, der der HERR ist, ist kein Raum für andere Götter. Das andere ist auch eine Lektion, die Israel – und wir – zu lernen haben wird: Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden. Er ist nah und fern zugleich. „Die Ferne des Himmels schließt seine Nähe auf Erden ein.“ (D. Schneider, aaO. S. 68) In alledem aber bleibt Gott frei.  Diesem sich enthüllenden und verhüllenden Gott gegenüber ist Demut angesagt: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen, und eben damit Gott die Ehre geben.“ (Karl Barth: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922)

Zugleich: In seinem Verhüllen und Enthüllen bleibt Gott auch der fordernde, der das Vertrauen als Gehorsam suchende HERR, leibt er auch der Schenkende, der Leben für Generationen eröffnet. Und noch einmal: sich seinen Weisungen anzuvertrauen im Tun hat Verheißung. Es ist an Israel, im Vertrauen den Weg dieser Verheißungen zu gehen.

 

Du bist heilig. Du bist barmherzig. Du bist Gott voller Liebe zu Deinem Volk. Deine Liebe lässt nicht los, nicht fallen, nicht verloren gehen. Deine Liebe fällt dem gerechten Zorn in den Arm. Dein Erbarmen kennt kein Ende.

Ich sehe Dich, Dein Erbarmen, Deine Gerechtigkeit und kann nicht anders als staunen.Dich loben. Du bist heilig. Amen