Gottes Spur: nur eine Stimme aus dem Dunkel

  1. Mose 4, 15 – 24

15 So hütet euch um eures Lebens willen – denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb –, 16 dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau, 17 einem Tier auf dem Land oder Vogel unter dem Himmel, 18 dem Gewürm auf der Erde oder einem Fisch im Wasser unter der Erde. 19 Hebe auch nicht deine Augen auf zum Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest denen, die der HERR, dein Gott, zugewiesen hat allen Völkern unter dem ganzen Himmel.

             Die Worte bleiben immer noch bei dem Geschehen am Horeb. Ausgesprochen stark wird hervorgehoben, „dass Israel am Horeb nur die Stimme Jahwes gehört, nicht den Augen aber keine Gestalt gesehen habe.“(G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 36) Es drängt sich der Eindruck auf: diese starke Betonung hat damit zu tun, dass das Bilderverbot einen zentralen Lebensnerv Israels getroffen hat. Alle Völker ringsum haben Götterbilder. Nur Israel wird geleitetet von einem völlig kompromisslosen Bilderverbot. Das ist eine der fundamentalen Verschiedenheiten zwischen Israel und den Völkern, zwischen dem Glauben Israels an den einen Gott und den Religionen der Völker.  Die nicht immer leicht zu ertragen ist. Oft sogar unerträglich schwer. „Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt.“(D. Bonhoeffer) Der Satz gilt vielleicht schon für Israel – und heute immer noch.

Sorgfältig wird aufgezählt, was von diesem Verbot alles betroffen ist, was nicht abgebildet werden darf: Mann oder Frau, Tier auf dem Land oder Vogel unter dem Himmel, Gewürm auf der Erde oder Fisch im Wasser. Der ganze Bereich der irdischen Lebewesen – und dazu dann auch noch alle „Himmelskörper“. Nichts ist geeignet, Bild Gottes zu werden. Außer – der Bibelleser erinnert sich: „Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“ (1. Mose 1,26) Nur der Mensch, Gottes Geschöpf darf in seinem Tun nach den Weisungen Gottes „Bild Gottes“ werden. In seinem Tun, nicht in seinem Erscheinungsbild.

So radikal durchgehalten ist dieses Bilderverbot nicht im Bereich der christlichen Kirchen. Mit Schrecken erinnert man sich an die Bilderstürmer auf dem linken Flügel der Reformation. Auch nicht radikal durchgehalten ist es im Bereich der jüdischen Kunst. Wohl aber im Bereich des Islam.  Da ist alles realistisch Bildhafte vermieden. Was übrigbleibt ist pure Ornamentik.

Die Polemik gegen die Götterbilder der Völker ist mit Händen zu greifen. Dem darf Israel sich nicht anpassen. Verbunden ist mit dem Verbot auch eine strikte Abwehr, sich von den Gestirnen abhängig zu machen. Keine Astrologie. Sonne, Mond und Sterne sind nicht anbetungswürdig. Sie sind von Gott „gesetzt“, allen Völkern zugewiesen – aber doch nicht zur Anbetung, sondern zur Orientierung. Oder ist hier wirklich zu lesen, dass Gott den Völkern die Vergöttlichung der Gestirne zugesteht? „Die Vorstellung, dass Jahwe selbst den Völkern die Gestirne zur Anbetung zugewiesen habe, findet sich in solcher Liberalität nirgends mehr im Alten Testament.“ (G. v. Rad, ebda.) Ich vermag mir nur schwer vorzustellen, dass Gott hier gewissermaßen großzügig die Tür öffnet für die Völker, Götter nach ihrer Vorstellung zu kreieren. Als ob es ihm gleichgültig wäre, wen oder was die Völker anbeten.

 20 Euch aber hat der HERR angenommen und aus dem Schmelzofen, nämlich aus Ägypten, geführt, dass ihr sein Erbvolk sein sollt, wie ihr es jetzt seid.

             Allerdings – das ist klar: Israel ist kein Volk wie die anderen Völker. Das betonte Euch aber stellt Israel in den Gegensatz zu den Völkern ringsum. Es ist etwas Besonderes. Das macht die Sonderstellung Israels aus, an der sich bis heute Völker reiben. Nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft. Das auserwählte Volk – das klingt nach Privileg, Bevorzugung, Sonder-Status. Dass diese Sonderstellung Verpflichtung mit sich bringt, dass sie zur Last werden kann, dass es manchmal den Anschein haben kann: auserwählt, um zu leiden, das übersehen die Neider Israels nur zu gerne.

Herausgenommen aus dem Schmelzofen Ägypten. Diese Bezeichnung tritt neben das Haus der Knechtschaft, wie Ägypten sonst bezeichnet wird. Schmelzofen auch deshalb, weil sich in Ägypten die Völker vermischt haben, ihre Identität verloren haben. Israel dagegen hat auf dem Weg aus Ägypten seine Identität gewonnen. Ist es eine Parallele: Es gibt die Bezeichnung „melting pot“ für die USA. Wobei es bis heute wohl umstritten ist: wird damit der Ist-Zustand gelingenden Miteinanders, in dem die Herkunft keine Rolle mehr spielt beschrieben oder ist es das Ziel-Bild, das alle Amerikaner verpflichtet. Auch den derzeitigen Präsidenten.

 21 Und der HERR war so erzürnt über mich um eures Tuns willen, dass er schwor, ich sollte nicht über den Jordan gehen noch in das gute Land kommen, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbteil geben wird, 22 sondern ich muss in diesem Lande sterben und werde nicht über den Jordan gehen. Ihr aber werdet hinübergehen und dies gute Land einnehmen.

        Es wirkt wie ein Einschub, eine persönliche Erklärung Mose´s an durchaus unpassender oder doch zumindest überraschender Stelle. Was hat diese Reaktion Gottes ausgelöst? Nur an einer Stelle ist in den Büchern zuvor von der Verehrung eines Götterbildes die Rede – als das Volk das Goldene Kalb umtanzt (2. Mose 32). Aber da wird Mose nicht haftbar gemacht für ihr Tun. Haften muss er für das Murren am Haderwasser, das er nicht unterbindet. Hier tritt deshalb anderes in den Vordergrund: der Schmerz des Mose über den ihm versperrten Weg. Und seine Worte gipfeln in der fast neidisch klingende Feststellung: Ihr aber werdet hinübergehen und dies gute Land einnehmen. Darf man so denken, dass Mose neidisch sein konnte auf diese Generation, die vor der Landnahme steht?

 23 So hütet euch nun, dass ihr den Bund des HERRN, eures Gottes, nicht vergesst, den er mit euch geschlossen hat, und nicht ein Bildnis macht von irgendeiner Gestalt, wie es der HERR, dein Gott, geboten hat. 24 Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott.

Aus alledem erwächst die eindringliche Warnung: Vergesst den Bund nicht. Und es wirkt wie eine Konkretion gegen das Vergessen: macht nicht ein Bildnis von irgendeiner Gestalt.  Aus diesen Worten wird überdeutlich, dass das Bilderverbot nicht irgendein Verbot ist, keine Nebensächlichkeit. Es hilft, den Kern des Glaubens zu bewahren. Dem Gott treu zu bleiben, von dem es kein Bild gibt, dessen Gestalt verborgen ist, aber dessen Weisung Israel hört – in den Weisungen des Mose.

Entspringt das Bilder-Verbot nur der Eifersucht Gottes auf die Konkurrenz? Nur seiner Unsichtbarkeit? Oder steckt hinter diesem Verbot doch letztlich die Fürsorge Gottes? Bis heute sind Gottes-Bilder eine große Gefahr für den Glauben. Natürlich nicht in der Weise, dass bei uns massenhaft Buddha-Figuren oder Totem-Pfähle aufgestellt würden. Die Bilder sind anders: die Natur wird vergöttlicht. Die Wissenschaft soll das Heil erwirken. Wir beten eher die Werke unserer Hände an als den unsichtbaren Gott.

Daneben: Gottesbilder sind angstgeprägt und sehnsuchtsgeleitet. Feuerbach hat wohl Recht mit seiner Behauptung: Wir produzieren unaufhörlich Götter, die nichts sind als unser Ebenbild. Wir erschaffen Götter, die so sein sollen, wie wir es uns wünschen. Dagegen richtet sich der Einspruch des Mose: Er will davor bewahren, dass wir unsere Bilder von Gott schon für Gott selbst halten, dass wir glauben, wir könnten ihn ins Bild fassen und vergessen, dass alle unsere Bilder an ihm scheitern müssen. Es gilt, sich vor Augen zu halten, was in einem anderen Zusammenhang gesagt ist, aber auch für Gottes-Bilder gilt: „Bei aller Rede über Gott und das endgültige Leben mit Gott ist due Unähnlichkeit aller Aussagen größer als die Ähnlichkeit.“(G. Lohfink, Am Ende das Nichts? Freiburg 2017, S. 151) Es gilt: totaliter aliter. Gott ist ganz anders. Uns zum Glück.

 

Heiliger Gott, ich habe Dich nicht gesehen, nicht einmal den Sturm und das Feuer am Horeb. Was ich sehe und gesehen habe: Spuren im Sand.

Die Spuren Deiner Barmherzigkeit an Menschen, die Du aufgerichtet hast. Die Spuren Deiner Klarheit an Menschen, die Du erfüllt hast. Die Spuren Deiner Liebe an Menschen, die sie weitergeben.

Und ich sehe das Bild des gekreuzigten Christus, Deine gestaltgewordene Liebe und Treue zu uns. Diese Spuren reichen mir. Amen