Danke für Dein Gebot

  1. Mose 4, 1 – 14

1 Und nun höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich euch lehre, dass ihr sie tun sollt, auf dass ihr lebt und hineinkommt und das Land einnehmt, das euch der HERR, der Gott eurer Väter, gibt. 2 Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des HERRN, eures Gottes, die ich euch gebiete. 3 Eure Augen haben gesehen, was der HERR getan hat bei Baal-Peor; denn jeden, der dem Baal-Peor folgte, hat der HERR, dein Gott, vertilgt aus eurer Mitte. 4 Aber ihr, die ihr dem HERRN, eurem Gott, anhinget, lebt alle heute noch.

             Schʼʽ Jisraʼél.– höre Israel. Allein schon dieser Auftakt unterstreicht das Gewicht der nachfolgenden Worte. Jetzt, nach diesem langen Anlauf durch die Geschichte, kommt die Gegenwart in den Blick. „Die Erzählung der Führungsgeschichte ist an ihr Ende gekommen.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 62)Jetzt setzt der Text neu ein. Mit den nachfolgenden Passagen wird deutlich werden, warum dieses Buch zweites Gesetz, Deuteronomium heißt. Es wird um die Gebote und Rechte gehen, die das Leben in dem Land regeln, das sie einnehmen werden. Es ist, das ist wichtig sich vor Augen zu halten, eine Anrede an die Generation der Kinder, die die Zeit der Wüste überlebt hat und die jetzt im Begriff steht, das Land einzunehmen.

Was folgen wird, ist von großer Bedeutung für die Zukunft. Das wird den Hörenden eingeschärft, durch die „sogenannte Kanonsformel“: Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun. Was hier gesagt wird, ist Existenz-Grundlage für das Leben im Land. „Das Deuteronomium ist der Vorstellung von einem verbindlichen Lehrganzen tatsächlich nicht mehr sehr ferne.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 36) Man wird aber gut daran tun, hier nicht einfach nur lernbare Sätze und lehrbare Weisungen zu hören. Das Lehrganze umfasst eben auch die Erfahrungen auf dem Weg. Israel hat nie die Worte der Weisungen als abgelöst von den Erfahrungen der Führungen Gottes verstanden.

Die Eindringlichkeit wird noch erhöht durch die Erinnerung an das Fehlverhalten bei Baal-Peor. Dahatte Israel sich – verführt – mit fremden Göttern eingelassen und für dieses Fehlverhalten blutig bezahlt. „Da fing das Volk an zu huren mit den Töchtern der Moabiter; die luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter. Und das Volk aß und betete ihre Götter an. Und Israel hängte sich an den Baal-Peor. Da entbrannte des HERRN Zorn über Israel.“(4. Mose 25, 1-3) Es ist eine Warnung, die Weisungen Gottes, die Tora nicht für beliebig zu halten. Gerade weil es eine Weisung zum Leben ist, gilt es, das eigene Leben daran zu orientieren. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Tag um Tag neu.

 5 Sieh, ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der HERR, mein Gott, geboten hat, dass ihr danach tun sollt im Lande, in das ihr kommen werdet, um es einzunehmen. 6 So haltet sie nun und tut sie! Denn darin zeigt sich den Völkern eure Weisheit und euer Verstand. Wenn sie alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! 7 Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem Götter so nahe sind wie uns der HERR, unser Gott, sooft wir ihn anrufen? 8 Und wo ist so ein großes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?

Wie denn nun? Hat der Sprecher schon die Gebote und Rechte gelehrt oder ist das doch nur ein Vorgriff auf das, was er tun wird? Oder ist es so: die Lehrabsicht ist schon wie die vollzogene Lehre, so wie es manchmal bei Gott ja ist: sein Vorsatz ist schon sein Tun. Die Aufforderung an das Volk So haltet sie nun und tut sie! setzt jedenfalls die schon erfolgte Unterweisung voraus.

Wenn Israel in diesen Weisungen lebt, wird es Ausstrahlung auf die Völker ringsum gewinnen. Was Israel im Gebot, in der tora hat, ist der „Inbegriff aller Weisheit“ (G. v. Rad, ebda.) und macht es für die Völker zum Anziehungspunkt. So, wie es ja auch die Erwartung der Völkerwallfahrt signalisiert: „Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“(Jesaja 2,3-4) Die Tora übertrifft den „Wahrheitsbesitz aller Völker“ (G. v. Rad, ebda.)und sie macht Israel herrlich, weil mit der Weisung und in ihr Gott selbst nahe ist.

  9 Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.

           „Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“(Psalm 103,2) Die Erinnerungskultur Israels, die sich oftmals auch in langatmigen Listen niederschlägt, hat hier ihren Sitz im Leben. Sie wehrt der Vergesslichkeit. sie wehrt dem Gleichgültigwerden der Vergangenheit gegenüber. Sie lehrt eine Dankbarkeit, die aus deinem Herzen kommt.   

Und du sollst deinen Kindern und Kindeskindern kundtun 10 den Tag, da du vor dem HERRN, deinem Gott, standest an dem Berge Horeb, als der HERR zu mir sagte: Versammle mir das Volk, dass ich sie meine Worte hören lasse und sie mich fürchten lernen alle Tage ihres Lebens auf Erden und ihre Kinder lehren. 11 Da tratet ihr herzu und standet unten an dem Berge; der Berg aber stand in Flammen bis in den Himmel hinein, und da war Finsternis, Wolken und Dunkel. 12 Und der HERR redete mit euch mitten aus dem Feuer. Den Klang der Worte hörtet ihr, aber ihr saht keine Gestalt, nur eine Stimme war da. 13 Und er verkündigte euch seinen Bund, den er euch gebot zu halten, nämlich die Zehn Worte, und schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln.

             Der Kern der Erinnerung: Der Tag am Horeb. Diesen Tag soll Israel seinen Kindern und Kindeskindern einprägen. Ist es doch der Tag, an dem Israel seine Bundesordnung empfangen hat. Wobei schon wichtig ist: sie sollen nicht das Datum einprägen, sondern den Inhalt! Man kann Erinnerungsfeste feiern, indem man ein Datum begeht. Aber wirklich gefeiert wird die Erinnerung erst, wenn die Inhalte leitend und Orientierung gebend für das eigene Leben werden.

Was haben ihre Augen gesehen? Wenn man es genau nimmt: die Verhüllung Gottes. Der Berg stand in Flammen bis in den Himmel hinein, und da war Finsternis, Wolken und Dunkel. Hinter diesen sichtbaren Phänomenen steht der unsichtbare, unfassbare Gott. „Der sich offenbarende Gott bleibt gerade inmitten seiner Offenbarung der furchtbare und unzugängliche Gott.“ (D. Schneider, aaO. S. 66) Nicht, was sie sehen, ist entscheidend, sondern was sie hören – seine Stimme. Vielleicht muss man es darum auch anders sagen: Nicht eine Erscheinung Gottes ist der Inhalt der Offenbarung, sondern seine Wegweisung in den Zehn Worten und sein Treueversprechen in dem Bund. Anders gesagt: Wie Gott aussieht, ist eher unwichtig. Was er will und wie er sich uns zuwendet – das ist der Kern der Offenbarung.    

 14 Und der HERR gebot mir zur selben Zeit, euch Gebote und Rechte zu lehren, dass ihr danach tun sollt in dem Lande, in das ihr zieht, es einzunehmen.

             Aus diesem Gehörten wird folgen, was Mose das Volk zu lehren hat. Gebote und Rechte. Offensichtlich liegt hier eine Unterscheidung vor. Es gibt die Zehn Worte, die unmittelbar auf Gott zurückgehen.  Er schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln. Das sichert ihnen eine unvergleichliche und unverlierbare Autorität. Danach aber und von ihnen abgeleitet gibt es „die vielen Bestimmungen, die dann unter der Autorität des Mose zustandekommen, was aber nicht heißt, dass letztere weniger verbindlich sind.“ (D. Schneider, ebda.) Alle Autorität der Gesetzgebung in Israel geht von den Zehn Worten aus, aber sie ist darin eben auch von ihnen abhängig und nicht auf gleicher Stufe.

Es gehört zur Demut des Predigers am Rande der Wüste, dass er den Unterschied festhält – zwischen den eigenen Worten, die Auslegung und Weitergabe der Wegweisungen Gottes sind und der Wegweisung, die Gott selbst gibt. Eine Demut, die auch uns Heutigen gut ansteht.

Über den Text hinaus: Ohne Regeln geht es nicht. Ohne Spielregeln entgleist jedes Spiel. Ohne Gesprächsregeln endet jede Talk Show im Chaos des Stimmengewirrs. Ohne Gesetz versinkt der Staat im Chaos der Machtspiele. Von mir selbst weiß ich, dass ich mit Regeln z. B. im Straßenverkehr „kreativ“ umgehe. Sie sind mir Vorschläge, Richtungsangaben für das Fahrverhalten, aber nicht starres Gesetz, Diese Haltung  kostet uns regelmäßig Geld. Daran lerne ich auch: es ist nichts mit der Absolution, die ich mir selbst erteile. Freispruch angesichts des Gebotes gibt es nur von außen, nur durch den Gesetzgeber. Das gilt erst recht für den Umgang mit den Zehn Worten, mit dem Gebot Gottes.

 

Habe Dank, Du Heiliger und barmherziger Gott, für Dein Gebote, Deine Weisungen. Habe Dank, dass Du uns nicht einfach so laufen lässt, ohne klar Worte, ohne dass wir aus Deinem Mund hören, was uns gut ist. Du gibst Dein Gebot, weil Du uns gut ist. So ist es uns Wohltat, Hilfe zum Leben. Habe Dank für Dein Gebot. Amen