Ich habe einen Traum

  1. Mose 3, 12 – 29

12 Dies Land nahmen wir damals ein. Von Aroër an, das am Fluss Arnon liegt, gab ich’s den Rubenitern und Gaditern samt dem halben Gebirge Gilead mit seinen Städten. 13 Aber das übrige Gilead und das ganze Baschan, das Königreich Ogs, gab ich dem halben Stamm Manasse, die ganze Gegend von Argob. Dies ganze Baschan heißt »Land der Riesen«. 14 Jaïr, der Sohn Manasses, nahm die ganze Gegend von Argob ein bis an die Grenze der Geschuriter und Maachatiter und nannte Baschan nach seinem Namen »Dörfer Jaïrs« bis auf den heutigen Tag. 15 Machir aber gab ich Gilead. 16 Und den Rubenitern und Gaditern gab ich ein Gebiet von Gilead bis zum Arnon, bis zur Mitte des Flusses mit seinem Uferland, und bis zum Jabbok, dem Grenzfluss der Ammoniter; 17 dazu das Jordantal mit dem Jordan und seinem Uferland, von Kinneret bis an das Meer der Araba, das ist das Salzmeer, am Fuße der Abhänge des Pisga nach Osten hin.

             Das ist ein kurzer Überblick – über die Landverteilung vor der Landnahme. Es geht um das Ost-Jordan-Land. Dieses Land wird zum Siedlungsgebiet für die Stämme Ruben, Gad und den halben Stamm Manasse. Eine Auflistung „mit einer beinahe protokollarischen Sachlichkeit.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 32) Wer sich aber die Sorgfalt vor Augen hält, mit denen Geschlechtsregister in Israel überliefert werden, wundert sich nicht. An dieser Genauigkeit hängen ja Gebietsansprüche der Stämme untereinander. Es geht nicht nur um historische Erinnerung, sondern auch um Einfluss-Bereiche jetzt, zur Zeit der Abfassung des Buches.

18 Und ich gebot ihnen zu der Zeit: Der HERR, euer Gott, hat euch dies Land gegeben, um es einzunehmen. So zieht nun gerüstet vor euren Brüdern, den Israeliten, her, all ihr Kriegsleute. 19 Nur eure Frauen und Kinder und euer Vieh – denn ich weiß, dass ihr viel Vieh habt – lasst in euren Städten bleiben, die ich euch gegeben habe, 20 bis der HERR eure Brüder auch zur Ruhe bringt wie euch, dass sie auch das Land einnehmen, das ihnen der HERR, euer Gott, geben wird jenseits des Jordans. Danach sollt ihr dann zurückkehren zu eurem Besitz, den ich euch gegeben habe.

             Betont in die Mitte gerückt wird hier die Beistandsverpflichtung für die Stämme, die ihr Siedlungsgebiet schon erreicht haben – Ruben und Gad. Sie sollen Frauen, Kinder und Vieh in diesem Traum lassen. Nur die waffenfähigen Männer sollen mitziehen. Damit sie die Brüder unterstützen, bis auch diese ihr Land einnehmen und so zur Ruhe kommen. Jenseits des Jordans. Es ist ihre Verpflichtung, auf diesem Weg ins Land Beistand zu leisten. „Es ist Sache des ganzen Volkes, sich an der Eroberung zu beteiligen.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 53) Das ist eine deutliche Absage allen Stammes-Egoismus, den es auch gegeben haben mag. Dahinter steht das Wissen: Zukunft hat Israel nur als ganz Israel, nie, wenn es sich in Nord und Süd auseinander dividiert oder gar den Partikular-Interessen der einzelnen Stämme unterliegt.      

 21 Und Josua gebot ich zur selben Zeit und sprach: Deine Augen haben alles gesehen, was der HERR, euer Gott, mit diesen beiden Königen getan hat. So wird der HERR auch mit allen Königreichen tun, in die du ziehst. 22 Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn der HERR, euer Gott, streitet für euch.

             Es folgt ein Wort an Josua. Eine Ermutigung. Er hat gesehen, wie Gott den Weg für Israel frei gemacht hat, wie er die Macht der Könige Og und Sihon nicht zur Falle für Israel hat werden lassen. Was Josua gesehen hat, soll ihn mit Zuversicht erfüllen für den Weg, der vor ihm liegt. Weil der Herr mit auf dem Weg ist, weil er für das Volk streitet, wird es kein Hindernis geben, an dem der Vormarsch Israels scheitern könnte. In den Worten Mose´s an Josua klingt schon an, was Josua als Wort des HERRN empfangen wird, wenn er vor dem Weg ins Gelobte Land steht: „Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt.“(Josua 1,5-6)

23 Und ich bat den HERRN zur selben Zeit und sprach: 24 Herr HERR, du hast angefangen, deinem Knecht zu offenbaren deine Herrlichkeit und deine starke Hand. Denn wo ist ein Gott im Himmel und auf Erden, der es deinen Werken und deiner Macht gleichtun könnte? 25 Lass mich hinübergehen und sehen das gute Land jenseits des Jordans, dies gute Bergland und den Libanon.

Jetzt wird von einer Bitte des Mose berichtet, die sonst an keiner Stelle überliefert wird. Einer Bitte für sich selbst. Ehrfürchtig vorgebracht, weil Mose doch weiß, wem er da gegenüber ist,  dem unvergleichlichen Gott, dem einen, dem es keiner in Werken und Macht gleichtun könnte. Das 4. Buch Mose 27,12 – 23 weiß davon zu erzählen, dass Gott dem Mose seinen Tod ankündigt, dass er ihm auch ankündigt, dass er das Land der Verheißung nur sehen, aber nicht betreten darf. Mose nimmt das hin. Wortlos. Widerspruchslos – und erbittet nur eine Nachfolgeregelung, die zur Berufung Josuas führt.

Hier nun klingt es anders. Hier wird der Schmerz des Mose sichtbar gemacht in seiner Bitte: Lass mich hinübergehen und sehen das gute Land jenseits des Jordans, dies gute Bergland und den Libanon.  Weil er gesehen hat, wie Gott angefangen hat, seine Herrlichkeit zu offenbaren, möchte er auch sehen, wie sie an ihr Ziel kommt. In den Worten Mose`s meldet sich die Angst, dass sein Leben unerfüllt bleibt, weil er den Weg nicht bis ans Ende gehen darf, bis zur Ruhe, die Gott dem Volk bereitet hat. „Ist sein Mittleramt nicht Bruchstück, wenn er die Vollendung der Werke Gottes nicht selbst erlebt?“ (D. Schneider, aaO. S. 57) Es ist so menschlich und verständlich,  was Mose hier bittet. Wenigsten einmal auf diesem Boden stehen dürfen, nach dem langen Weg durch all die Jahre.

 26 Aber der HERR zürnte mir um euretwillen und erhörte mich nicht, sondern sprach zu mir: Lass es genug sein! Rede mir davon nicht mehr! 27 Steige auf den Gipfel des Gebirges Pisga und hebe deine Augen auf nach Westen und nach Norden und nach Süden und nach Osten und sieh es mit deinen Augen; denn du wirst nicht über den Jordan gehen. 28 Und gebiete dem Josua, dass er getrost und unverzagt sei; denn er soll über den Jordan ziehen vor dem Volk her und soll ihnen das Land austeilen, das du sehen wirst.

             Es bleibt bei dem harten Nein. Schroff. Lass es genug sein! Rede mir davon nicht mehr! Kein Wort mehr davon. Es ist nichts mehr zu sagen. Ende der Debatte – bevor sie überhaupt angefangen hat. Hier ist ein „anderer“ Gott am Werk als der, der sich auf einen langen Handel mit Abraham eingelassen hat. Gott, der sich so oft hat umstimmen lassen von Mose, der so auf seine Fürbitten für das Volk eingegangen ist, hier verweigert er sich. Du wirst nicht über den Jordan gehen. Das einzige Zugeständnis: er darf das Land sehen. Vom Gipfel des Pisga aus darf er das ganze, weite, gute Land sehen. Mehr aber auch nicht.

Jahrtausende später – ein Text, der an diese Worte erinnert:

 „Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia sich am Tisch der Bruderschaft gemeinsam niedersetzen können. Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der mit der Hitze der Ungerechtigkeit und mit der Hitze der Unterdrückung schmort, zu einer Oase der Freiheit und Gerechtigkeit transformiert wird. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages unten in Alabama mit den brutalen Rassisten, mit einem Gouverneur, von dessen Lippen Worte der Einsprüche und Annullierungen tropfen dass eines Tages wirklich in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen mit kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen als Schwestern und Brüder Hände halten können.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen. Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückgehen werde. Mit diesem Glauben werden wir den Berg der Verzweiflung behauen, einen Stein der Hoffnung. Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten können, gemeinsam beten können, gemeinsam kämpfen können, gemeinsam in das Gefängnis gehen können, um gemeinsam einen Stand für Freiheit mit dem Wissen zu machen, dass wir eines Tages frei sein werden. Und dies wird der Tag sein. Dies wird der Tag sein, wenn alle Kinder Gottes mit neuer Bedeutung singen können: Mein Land, es ist über dir, süßes Land der Freiheit, über das ich singe, Land, wo mein Vater starb, Land des Pilgers Stolz, von jedem Berghang, lass die Glocken der Freiheit läuten. Wenn Amerika eine großartige Nation sein soll, dann muss dies wahr werden.                    M. L. King  28. August 1963

             Gesehen hat er seinen Traum. Die Erfüllung erlebt hat er nicht.

             Man kann es leicht überlesen: der HERR zürnte mir um euretwillen. So deutet Mose sein Schicksal: Ich trage eure Schuld. Es geht, so legt der Satz nahe, nicht um Schuld des Mose, die ihm den Weg versperrt. Er trägt die Schuld des Volkes. „Die Begründung, dass Mose stellvertretend für das Volk (V. 26: Um euretwillen) außerhalb des verheißenen Landes stirbt, ist eine wichtige Eigenart der deuteronomistischen Auffassung des Mose.“ (G. v. Rad, aaO. S. 33) Im Gegensatz auch zum 4. Buch Mose: da wird Mose bei seinem eigenen Zweifel behaftet: „Wenn du es gesehen hast, sollst du auch zu deinen Vätern versammelt werden, wie dein Bruder Aaron zu ihnen versammelt ist, weil ihr meinem Wort ungehorsam gewesen seid in der Wüste Zin, als die Gemeinde haderte und ihr mich vor ihnen heiligen solltet durch das Wasser.“ (4. Mose 27, 13-14) Die Parallele liegt nahe: So wie Mose außerhalb des Landes stirbt wird der zweite Mose, Jesus, außerhalb des Lagers sterben. Um unseretwillen.

Warum verweigert Gott das Gespräch? Warum fehlt hier jede Begründung für die Entscheidung, dass Mose nicht in das Land kommen wird? Festzuhalten ist: Es gibt hier keine Begründung aus dem Mund Gottes. Nur das Faktum wird festgehalten, aber keine Antwort auf ein Warum. Das unterscheidet den Passus hier vom früheren Text: „Weil ihr nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den Israeliten, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde.“(4. Mose 20,12) Da haben es Mose und Aaron sich selbst zuzuschreiben. Hier nichts davon.

Womöglich sollen wir Leser*innen lernen: Es gibt keine Begründung aus dem Mund Gottes und es braucht auch keine Begründung. An dem großen Mann Mose sollen wir lernen: Die Wege des Lebens enden, wo sie enden. Es ist müßig, angesichts des Endes zu fragen: Warum? Es gibt keine Antwort auf solches Fragen. Es ist auch müßig, der ausgefallenen Vollendung des Lebens nachzutrauern. Alles, was bleibt, ist die zu ermutigen, die weiter auf dem Weg sein werden. Und gebiete dem Josua, dass er getrost und unverzagt sei. Das allein bleibt Mose zu tun. Die Wege Gottes sind nicht am Ende, wenn unser Weg an sein Ende gekommen ist. Sie gehen weiter, immer weiter.

29 So blieben wir im Tal gegenüber Bet-Peor.

             Es ist ein geradezu karger Schluss-Satz unter diese bewegende Szene. Der Rückblick auf die Geschichte bricht ab. Es ist genug erzählt von der Vergangenheit.

 

Mein Gott, manchmal möchte ich durch den Horizont hindurch schauen können, das kommende Reich sehen  können. Manchmal sehne ich mich danach. Manchmal packt mich die Angst: was wenn ich nicht hinüber darf, nicht mit hinein darf in den Festsaal, in das Reich, wo Fried und Freude lacht.

Dann hänge ich mich an Dein Wort, das mir verspricht, dass ich dabei sein darf, wenn Dein Lob gesungen wird, dass ich dabei sein darf, wenn die Heiligen Dich sehen von Angesicht zu Angesicht, dass ich mit einstimmen darf in das große Lob, in die Anbetung Deines Namens. Amen