Gott des Gemetzels?

  1. Mose 2, 16 – 25 (26 – 37)

16 Und als alle Kriegsleute aus dem Volk gestorben waren, 17 redete der HERR mit mir und sprach: 18 Du wirst heute durch das Gebiet der Moabiter ziehen bei Ar 19 und wirst in die Nähe der Ammoniter kommen. Denen sollst du keinen Schaden tun noch sie bekriegen; ich will dir vom Lande der Ammoniter nichts zum Besitz geben, denn ich hab’s den Söhnen Lot zum Besitz gegeben. – 20 Auch dies gilt als Land der Riesen, und es haben auch vorzeiten Riesen darin gewohnt, und die Ammoniter nennen sie Samsummiter. 21 Das war ein großes, starkes und hochgewachsenes Volk wie die Anakiter. Und der HERR vertilgte sie vor ihnen und ließ sie ihr Land besitzen, sodass sie an ihrer statt dort wohnten, 22 gleichwie er’s getan hat mit den Söhnen Esau, die auf dem Gebirge Seïr wohnen, als er die Horiter vor ihnen vertilgte und sie deren Land besitzen ließ, sodass sie dort an ihrer statt wohnten bis auf diesen Tag. 23 Ebenso erging es den Awitern, die in Gehöften wohnten bis nach Gaza: Die Kaftoriter, die aus Kaftor gezogen waren, vertilgten sie und wohnten dort an ihrer statt.

             Wieder ist es der HERR, der Israel in Gang setzt. Der ihm die Regel gibt, wie es den Völkern begegnen soll. Und wieder die Klarstellung: Das  Land der Ammoniter ist nicht das Land, das Israel bestimmt ist. Nur ein Durchzugsgebiet. Nur Land, das ihr streift. Und noch einmal der Hinweis, den heutige Leser allzuleicht überlesen: Der Herr gibt auch den anderen Völkern ihr Land.  Ammonitern, den Söhnen Esaus, den Kaftoritern. Das ist mehr als nur historische Notiz. Dahinter steht die Sicht des Glaubens: „Es ist nicht so, dass nur Israel im Gesichtskreis Gottes wäre. Gott handelt für sein auserwähltes Volk und ordnet zugleich rings um dieses eine Volk das Geschick der Völker.“(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 50) Das Geschehen ist also nicht einfach Völker-Wanderung, in der ein Volk das andere verdrängt. Hier zeigt sich die israelitische Überzeugung vom Geschichtshandeln Gottes im Geschick der Völker.

24 Macht euch auf und zieht aus und geht über den Arnon! Siehe, ich habe Sihon, den König der Amoriter zu Heschbon, in deine Hand gegeben mit seinem Lande. Fang an, es einzunehmen, und kämpfe mit ihm. 25 Von heute an will ich Furcht und Schrecken vor dir auf alle Völker unter dem ganzen Himmel legen, damit, wenn sie von dir hören, ihnen bange und weh werden soll vor deinem Kommen.

             „Die Rede markiert in V. 24 eine tiefe Zäsur. Das Verhalten Israels den anderen Völkern gegenüber ändert sich von jetzt an, weil Israel in die Eroberung des verheißenen Landes eintritt.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 32) Mit dem Arnon wird die Grenze überschritten. Furcht und Schrecken laufen dem Volk voraus. Das sind Merkmale des Gotteskrieges, selbst wenn sie nicht nur im Zusammenhang des Krieges gelesen sein wollen. Dass Gott sich dieses Volkes so annimmt, dass er so unbedingt auf seiner Seite steht, auch das bereitet  Furcht und Schrecken. Auch das Heilige birgt Schrecken.   

 26 Da sandte ich Boten aus der Wüste Kedemot an Sihon, den König von Heschbon, mit friedlicher Botschaft und ließ ihm sagen: 27 Ich will durch dein Land ziehen. Nur wo die Straße geht, will ich gehen; ich will weder zur Rechten noch zur Linken vom Weg abweichen. 28 Speise sollst du mir für Geld verkaufen, damit ich zu essen habe, und Wasser sollst du mir für Geld geben, damit ich zu trinken habe. Ich will nur zu Fuß hindurchziehen – 29 wie mir die Söhne Esau gestattet haben, die auf dem Gebirge Seïr wohnen, und die Moabiter, die zu Ar wohnen –, bis ich über den Jordan komme in das Land, das uns der HERR, unser Gott, geben wird. 30 Aber Sihon, der König von Heschbon, wollte uns nicht hindurchziehen lassen; denn der HERR, dein Gott, verhärtete seinen Sinn und verstockte ihm sein Herz, um ihn in deine Hand zu geben, so wie es heute ist.

             Die Worte Gottes sind Mose keine Aufforderung zum Losschlagen. Er sucht vielmehr den Weg der friedlichen Verständigung mit Sihon. Durchzug durch das Land, wobei dieser Durchzug auch noch wirtschaftlichen Gewinn für Sihons Leute verspricht: Speise sollst du mir für Geld verkaufen, damit ich zu essen habe, und Wasser sollst du mir für Geld geben, damit ich zu trinken habe. So haben es auch die Söhne Esaus gehalten. Verbunden ist dieser Hinweis mit der klaren Erklärung: Ihr seid für uns kein Zielgebiet, ihr seid nur ein Wegabschnitt. Wir wollen nichts von euch.

Sihon aber hört nicht. Er verweigert sich, weil sein Herz verfettet ist. Schwer. Unzugänglich verstockt. Sein Sinn  ist verhärtet. Es ist eine geheimnisvolle Verquickung: das menschliche Herz, das seinen Plänen folgt und Gottes Tun, der dies so werden lässt. Nur so viel ist klar: Die Verantwortung des Sihon für sein Handeln wird damit nicht auf Gott übertragen – unter der Devise: er musste ja so handeln. An keiner Stelle hebt die Rede von der Verstockung oder der Verhärtung der Herzen die Verantwortung auf.       

 31 Und der HERR sprach zu mir: Siehe, ich habe angefangen, Sihon mit seinem Lande vor deinen Augen dahinzugeben; fang an, sein Land in Besitz zu nehmen. 32 Und Sihon zog aus uns entgegen mit seinem ganzen Kriegsvolk zum Kampf nach Jahaz. 33 Aber der HERR, unser Gott, gab ihn vor unsern Augen dahin, dass wir ihn schlugen mit seinen Söhnen und seinem ganzen Kriegsvolk. 34 Da nahmen wir zu der Zeit alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrig bleiben. 35 Nur das Vieh raubten wir für uns und die Beute aus den Städten, die wir eingenommen hatten.

             Kein Kriegsbericht. Kein Heldengesang. Nur die nüchterne, fast distanzierte Feststellung unser Gott, gab ihn vor unsern Augen dahin. Sihon hat keine Chance. Der Bann wird vollstreckt. Niemand bleibt übrig. „Völkermord“. Genozid. So nennen wir das heute. „Die totale Vernichtung des Feindes – für uns Heutige eine auf den ersten Blick barbarische Angelegenheit“. (D. Schneider, aaO. S. 52) Sie wird nicht besser dadurch, dass es Gottes Volk ist, das den Bann vollstreckt. Auch auf den zweiten Blick bleibt nur Erschrecken. Die Erfahrung von Fremdheit. Das ist nicht der Weg Gottes, wie ich ihn gerne glauben will. So erinnert diese Passage daran: nicht nachmachen. Nicht zum Maßstab eigenen Handelns machen. Und aushalten, dass Gott so abgrundtief befremden kann. Mich.

 36 Von Aroër an, das am Ufer des Arnon liegt, und von der Stadt im Bachtal bis nach Gilead war keine Stadt, die für uns zu stark befestigt war; der HERR, unser Gott, gab alles vor unsern Augen dahin. 37 Nur zu dem Lande der Ammoniter kamst du nicht, weder zum Ufer des Jabbok noch zu den Städten auf dem Gebirge, ganz wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte.

Jetzt wird es summarisch. Kein Feldzugsplan. Nur noch der Sturmlauf in Richtung Gelobtes Land. Niemand kann das Volk – uns – aufhalten. Niemand ist zu stark. Nur noch eine Grenze bleibt – die Gott setzt. Er gibt das Land und er verweigert anderes Land. Das Land der Ammoniter  gehört nicht zu den Ländern, die jetzt zu besetzen sind.

 

Manchmal erschrecke ich vor dem, was geschieht, vor dem, was ich lese, vor Worten, die Dich, mein Gott, wie einen Kriegsherrn malen, mörderisch, gnadenlos.

Was bist Du für ein Gott, der so den Bann an einem Volk zu rechtfertigen scheint, ein Blutbad und Gewalt ohne Ende? Was bist Du für ein Gott,der nicht dem Blutvergießen Einhalt gebietet?

In solchen Erzählungen bist Du mir fremd. Vielleicht werden sie deshalb erzählt, damit sie mich davor bewahren zu denken, ich wüsste schon immer, wie Du bist und sein wirst.

Und doch glaube ich, solchen Erzählungen zum Trotz, dass am Ende immer Deine Gnade bleiben wird, Dein Wille, das Leben zu schützen. Amen