Friedenspflicht – Vertrauensaufruf

  1. Mose 2, 1 – 15

1 Dann wandten wir uns und zogen wieder in die Wüste auf der Straße zum Schilfmeer, wie der HERR zu mir gesagt hatte, und umzogen das Gebirge Seïr eine lange Zeit. 2 Und der HERR sprach zu mir: 3 Ihr habt dies Gebirge lange genug umzogen; wendet euch nach Norden.

             Jetzt geht der Weg Israels zurück in die Wüste.  Die Frage ist, ob sie damit nach der Niederlage nun doch der Wegweisung Gottes folgen. „Die zielgerichtete Führung durch die Wüste war zu einem ziellosen Umherirren geworden.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 44) Für lange Zeit ist keine Richtung in Sicht. Es geht immer nur um das Gebirge Seïr, bis Gott sagen wird: es ist genug.

 4 Und gebiete dem Volk und sprich: Ihr werdet durch das Land eurer Brüder, der Söhne Esau, ziehen, die auf dem Seïr wohnen, und sie werden sich vor euch fürchten. Da hütet euch nun sehr! 5 Fangt keinen Krieg mit ihnen an, denn ich werde euch von ihrem Lande nicht einen Fußbreit geben, denn das Gebirge Seïr habe ich den Söhnen Esau zum Besitz gegeben. 6 Speise sollt ihr für Geld von ihnen kaufen, damit ihr zu essen habt, auch Wasser sollt ihr für Geld von ihnen kaufen, damit ihr zu trinken habt.

             Es ist das Wort des HERRN an Mose, das dem ziellosen Wandern im Kreis wieder eine neue Richtung gibt. Durch das Gebirge, auf dem die Nachfahren Esaus leben, die Edomiter. Es fällt auf, wie streng hier Israel gewarnt wird: Fangt keinen Krieg mit ihnen an, denn ich werde euch von ihrem Lande nicht einen Fußbreit geben. Der HERR, der Israel sein Land verheißen hat, der hat auch den Söhnen Esaus ihr Land zu ihrem Besitz gegeben. Israel „hat darauf zu achten, dass Gott nicht nur Israel, sondern auch anderen Nachkommen aus der Abraham-Linie ein bestimmtes Land zugewiesen hat.“(D. Schneider, ebda.) Daraus ergibt sich „Friedenspflicht“. Daraus ergibt sich auch, dass es keine gewaltsamen Übergriffe geben soll, um das eigene Überleben zu sichern. Bezahlen für Wasser und Brot.

Es ist Respekt vor dem Lebensrecht der anderen Völker, zumal sie in den Umkreis der Nachfahren Abrahams gehören. „Israel kennt also nicht nur zu besiegende Feinde, sondern auch zu respektierende Nachbarvölker!“(D. Schneider, aaO. S. 45)Wer die Schriften Israel weiter liest, nimmt auch wahr: Das ist nicht immer so gesehen und gelebt worden. Und wer diese Region heute sieht, weiß auch: Das würde auch heute alles verändern, wenn sie anfangen könnten, sich als zu respektierende Nachbarvölker zu sehen!

Es fällt sorgfältigen Bibelleser*innen auf: Einigermaßen zeitnah entstehen bei den Propheten Jeremia und Hesekiel die so überaus harten Fremdvölker-Sprüche, auch gegen Edom, auch gegen Moab. Daraus ist zu lesen: es gibt beide Stimmen in Israel – die Stimmen, die zu Frieden und Ausgleich mahnen und die Stimmen der Erfahrungen die in bittere Feindschaft umschlagen können. Aber nie ist hier Raum, Völker so zu verunglimpfen, dass sie aus einem „shithole“ stammen. Sie sind eure Brüder!

 

 7 Denn der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände. Er hat dein Wandern durch diese große Wüste auf sein Herz genommen. Vierzig Jahre ist der HERR, dein Gott, bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt.

 Es wirkt wie eine nachgeschobene zweite Begründung: Der Umgang Israels mit den Söhnen Esaus soll auch das widerspiegeln, dass es in vierzig Jahren die Fürsorge Gottes erfahren hat, dass es an nichts Mangel gehabt hat. Es ist die gleiche Denk-Figur, die den Gehorsam gegen die Gebote begründet: Weil Israel die Wohltaten Gottes erfahren hat, soll es die Gebote halten. Weil Israel sich gesegnet weiß in seinen Werken und in seinem Wandern durch die Wüste soll es friedlich mit seinen Nachbarn umgehen. Die Zuwendung Gottes befreit zur „Mitmenschlichkeit“.

Es ist wohl so: Der ganze Abschnitt „würde an sich besser zu einem sesshaft gewordenen Israel passen.“ (D. Schneider, aaO. S. 45)  Er wirkt wie ein Rückblick auf lange schon vergangene Zeiten. Darin mag man den Hinweis lesen, dass die Endfassung dieses 5. Buch Mose erst in späterer Zeit erfolgt, nicht schon in der Übergangszeit von der Wüstenwanderung zur Landnahme. Das ist die „erzählte Zeit“. Die Zeit aber, in der das alles aufgeschrieben ist und seine Endgestalt gewonnen hat, wird weit später sein.  Es spricht viel dafür: „Angeredet von diesen Predigten ist in Wirklichkeit das Israel der späten Königszeit.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 20)

Zweierlei scheint wichtig: das ganze Buch ist eine große Predigt – aufgegliedert in viele Predigten. Ihr Ort nach dem Buch: im Angesicht des verheißenen Landes. Die schriftliche Niederlegung dagegen hat eine andere Zukunft im Blick: die Gefahr des Untergangs, wie sie sich in der späten Königszeit abzeichnet. Genau deshalb erinnert sie an den Anfang – an die Treue Gottes von Anfang an und ruft unaufhörlich zur Treue des Volkes zu diesem Anfang. Der Weg in eine gute Zukunft ist vorgezeichnet im guten Weg des Anfangs. Das soll Israel sich einprägen.

            An nichts hast du Mangel gehabt. Das hört ein Volk, das sich fürchtet, das dabei ist, sein Vertrauen auf Waffen zu setzen, auf Bündnisse, auf wirtschaftlichen Erfolg, auf fremde Götter. Das aus den Augen verliert, dass Gott es versorgt hat. Man kann diesen Satz wohl als Christ nicht lesen ohne den Dialog beim letzten Abendmahl mitzuhören. Jesus fragt seine Jünger: „Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr je Mangel gehabt? Sie sprachen: Nein, keinen.“(Lukas 22, 35) Mit dieser Erfahrung als einem Versprechen für die Zukunft gehen sie in das Dunkel der Nacht. Jenseits dieser Nacht dämmert schon ein neuer Tag.

8 Als wir nun von unsern Brüdern, den Söhnen Esau, die auf dem Gebirge Seïr wohnten, weggezogen waren, weg von dem Weg durch die Araba, weg von Elat und Ezjon-Geber, wandten wir uns und zogen den Weg zur Steppe der Moabiter. 9 Da sprach der HERR zu mir: Du sollst den Moabitern keinen Schaden tun noch sie bekriegen; ich will dir von ihrem Lande nichts zum Besitz geben, denn ich habe Ar den Söhnen Lot zum Besitz gegeben.

      Der Bericht des Mose geht weiter. Nach der Begegnung mit unseren Brüdern– so freundlich wird sonst selten von Edom gesprochen (!) – geht es durch die Jordanaue ʽaraba  -hin in das Moabiter-Land. Und auch hier wieder: Frieden. Kein Schaden. Kein Krieg. Auch die Moabiter sind vor israelitischen Übergriffen ausdrücklich geschützt. Es ist wohl eine wichtige Korrektur: Gott, wie er uns in der Hebräischen Bibel bezeugt wird, ist kein unaufhörlicher Kriegstreiber, kein Kriegs-Gott. Er sorgt nicht nur für Israel. Er sorgt auch für die Völker rund um Israel.

 – 10 Die Emiter haben vorzeiten darin gewohnt; das war ein großes, starkes und hochgewachsenes Volk wie die Anakiter. 11 Man hielt sie auch für Riesen wie die Anakiter; und die Moabiter nennen sie Emiter. 12 Auch wohnten vorzeiten auf dem Seïr die Horiter; und die Söhne Esau vertrieben und vertilgten sie vor sich her und wohnten an ihrer statt, gleichwie Israel mit dem Lande tat, das ihnen der HERR zum Besitz gab.

             Ein Einschub.  Eine historische Notiz. Ob von späterer Hand, mag dahin gestellt bleiben. Dieses Moabiter-Land war nicht immer Moabiter-Land. Sie haben es einem anderen Volk abgewonnen – einem Volk von Riesen. Man erinnert sich als Leser: Dass im verheißenen Land Riesen, Enaks-Söhne, wohnen, das hatte dazu geführt, dass die Israeliten den Weg dorthin verweigerten. Jetzt begegnen sie in den Moabitern einem Volk, das ähnlich riesenhafte Leute, die Emiter vertrieben, besiegt hatte. Meldet sich da noch einmal leise Kritik an den verzagten Herzen Israels?

 13 So macht euch nun auf und zieht durch den Bach Sered! Und wir zogen hindurch. 14 Die Zeit aber, die wir von Kadesch-Barnea zogen, bis wir durch den Bach Sered kamen, betrug achtunddreißig Jahre, bis alle Kriegsleute aus dem Lager gestorben waren, wie der HERR ihnen geschworen hatte. 15 So war die Hand des HERRN wider sie, um sie aus dem Lager zu vertilgen bis auf den letzten Mann.

           Es folgt eine Aufforderung zum Aufbruch. Aber nicht aus dem Mund des Mose. Es ist der HERR, der sie so ruft. Jetzt ist Mose nur wieder der Erzähler, der auf die gemeinsamen Erfahrungen blickt. Auf die achtunddreißig Jahre, in denen einer nach dem anderen stirbt, der den Weg ins verheißene Land verweigert hatte. Jetzt ist der Weg nach vorne wieder frei.

            Es kann schon nachdenklich machen: Manchmal braucht es das Abtreten einer ganzen Generation, damit neue Wege frei werden. Es ist nicht das Gleiche und doch ein Vergleich, der sich mir nahe legt: Erst mit den Wegsterben der Kriegsgeneration des 2. Weltkrieges wird der Weg frei – zu einem nüchternen Blick auf die Gräuel der Wehrmacht. Zu einer nüchternen und zugleich erschreckenden Sicht auf den Holocaust. Genau so auch zu einem nüchternen Blick darauf, was diese Zeit der NS-Herrschaft und des Krieges auch für Deutsche, Männer, Frau, Kinder und Jugendliche an Belastungen und bleibenden Wunden mit sich gebracht hat. Wer hier eine andere Erinnerungskultur fordert, der versperrt den Weg in die Zukunft. Es gibt Zukunft nie ohne Erinnerung.

 

Mein Gott, wie oft irren wir durch die Zeit, suchen nach Orientierung, nach Wegweisung, nach klaren Lösungen.

Du hast Dein Volk geleitet. Du hast ihm Frieden geboten mit den anderen Völkern. Du hast es geschützt vor dem Wahn, alles aus eigener Kraft meistern zu wollen, durch die eigene Stärke.

Gib Du doch auch uns, dass wir lernen, dass es nur so gute Wege zu einem guten Leben gibt, dass wir den anderen, Nachbarn, Völkern, Nationen mit Respekt begegnen, dass Du für sie sorgst wie für uns. Amen