Zurück in die Vergangenheit.

  1. Mose 1, 34 – 46

34 Als aber der HERR euer Geschrei hörte, wurde er zornig und schwor und sprach: 35 Es soll keiner von diesem bösen Geschlecht das gute Land sehen, das ich ihren Vätern zu geben geschworen habe, 36 außer Kaleb, dem Sohn Jefunnes; der soll es sehen. Ihm und seinen Nachkommen will ich das Land geben, das er betreten hat, weil er dem HERRN treu gefolgt ist!

Das Geschrei des Volkes bleibt nicht ungehört, auch wenn es in seiner Undankbarkeit unerhört ist. Aber es löst nicht Achselzucken bei Gott aus: so sind sie halt. Sondern diesmal ist Reaktion hart: Ihr wollt dieses gute Land nicht. Also werdet ihr es auch nicht sehen. Die sich dem Weg verweigern, den Gott ihnen aufgemacht hat, müssen erfahren, dass ihn sich damit selbst verschlossen haben.

Nur eine Ausnahme wird zunächst genannt: Kaleb. Warum er in das Land kommen darf, erschließt sich aus dem vorliegenden Text nur durch den Hinweis: weil er dem HERRN treu gefolgt ist! Kaleb hatte zu den Kundschaftern gehört. Er hatte das Land schon betreten und er hat geglaubt, dass Gott den Weg dorthin frei macht.

37 Auch über mich wurde der HERR zornig um euretwillen und sprach: Auch du sollst dort nicht hineinkommen. 38 Aber Josua, der Sohn Nuns, der dein Diener ist, der soll hineinkommen. Den stärke, denn er soll Israel den Erbbesitz austeilen. 39 Und eure Säuglinge, von denen ihr sagtet, sie würden zur Beute werden, und eure Kinder, die jetzt weder Gutes noch Böses verstehen, die sollen hineinkommen; ihnen will ich’s geben, und sie sollen es in Besitz nehmen. 40 Ihr aber, wendet euch und zieht in die Wüste den Weg zum Schilfmeer.

Selbst Mose ist mithineingezogen in das Strafurteil Gottes. Auch ihm ist der Weg versperrt. „Es bleibt dunkel, warum Mose das verheißene Land nicht betreten darf. Dass Mose in seinem schweren Amt die Geduld oftmals verlor und sich in Zorn und Erbitterung unziemlich vor Gott verhielt, erscheint uns sehr verständlich und einer solch harten Strafe nicht wert.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 42) Es ist das Schicksal, das sich immer neu wiederholt. Auch die Warner, auch die Mahner werden mitgerissen in den Untergang. Sich dem Unrecht und Unglauben  in den Weg zu stellen ist kein Weg, seinen Folgen zu entgehen.

Es kommt wie ein zweiter Nachtrag vor: Aber Josua, der Sohn Nuns, der dein Diener ist, der soll hineinkommen. Er ist der zweite, der von der Aussperrung aus dem gelobten Land ausgenommen wird. Die Strafe für die Wüsten-Generation ist das eine. Die Fürsorge für die nachfolgende Generation, für ganz Israel aber das andere. Sie werden die dritte Ausnahme von der Strafverfügung. Die „unschuldigen Kinder“, die noch nicht urteilsfähig und noch nicht entscheidungsfähig sind, die sollen das Land besitzen. Sie kennen sich nicht aus – sie verstehen weder Gutes noch Böses. Sie wissen noch nicht, „was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5)

       Ganz nahe ist dieses Wort auch bei der späteren (?) Begründung des Erbarmens Gottes über die Stadt Ninive: „Und der HERR sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“ (Jona 4, 10 – 11) Es ist eine Linie, die sich durch die Schriften der Hebräischen Bibel und auch des Neuen Testamentes zieht: Unwissenheit ist ein Grund, das Handeln von Menschen zu entschuldigen. Wer nicht weiß, was er tut, ist zwar nicht unschuldig, aber er darf dennoch auf Gottes Langmut hoffen.

Seltsam also und doch hoffnungsstärkend für uns spätere Leser*innen: Es ist Gottes Art, seine Strafen aufzufangen, ihre letzte Konsequenz zu brechen. Das fängt schon bei der Vertreibung aus dem Paradies an – da macht er Adam und Eva „Röcke von Fellen“(1. Mose 3,21), damit sich nicht völlig entblößt jenseits von Eden leben müsse. So auch jetzt. Gegenüber diesen Ungehorsamen hält Gott daran fest, ihnen Weisungen zu geben. Er gibt nicht auf, sein Wort an die zu richten, die ihm zuvor den Rücken zugekehrt haben, die ihm ihr Herz entzogen haben, ihn beschuldigt haben: Er ist uns feind. Er richtet immer noch sein Wort an sie.

Es ist eine merkwürdige Wegweisung: die vor dem Weg ins Land zurück gewichen sind, die sendet er jetzt zurück. In die Wüste auf den Weg zum Schilfmeer. Wenn man so will: Zurück in die Vergangenheit. Dorthin, wo sie hergekommen sind. Dorthin, wo sie das Wunder der Rettung erfahren haben. Weil sie in dieser Rückkehr vielleicht wirklich den Weg zu einem Neuanfang finden könnten? Manchmal muss man ja, um einen Weg korrigieren zu können, zurückgehen auf den Anfangspunkt.

“Take me back, take me back dear Lord
To the place where I first received you.
Take me back, take me back dear Lord where I
First believed.”                                                                                             A. Crouch, Album Take me back 1975

 41 Da antwortetet ihr und spracht zu mir: Wir haben an dem HERRN gesündigt; wir wollen hinaufziehen und kämpfen, wie uns der HERR, unser Gott, geboten hat. Als ihr euch nun rüstetet, ein jeder mit seinen Waffen, und es für ein Leichtes hieltet, ins Gebirge hinaufzuziehen, 42 da befahl mir der HERR: Sage ihnen: Zieht nicht hinauf und kämpft nicht, denn ich bin nicht unter euch, damit ihr nicht geschlagen werdet von euren Feinden.

             Sie reden von Umkehr, aber es ist eine seltsame Umkehr. Sie wollen keine Rückkehr zurück zum Anfang. Ihre Umkehr ist in Wahrheit nur ein „weiter so!“, die Fortsetzung des Unglaubens. Jetzt wollen sie tun, was sie zuvor verweigert haben, „als wollten sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen durch eine schnelle Tat“. (D. Schneider, ebda.) Jetzt wollen sie den Weg gehen, den Gott ihnen geöffnet hatte – und überhören geflissentlich: Dieser Weg ist jetzt zu. Verschlossen um ihrer Schuld willen. Den Weg zurück aber, so glauben sie, brauchen wir nicht.

Ihr Argument: Wir tun doch nur, wenn auch verspätet, was Gottes Wille war. Es ist eine der großen Lektionen, die wir auch heute zu lernen haben: Der Wille Gottes von gestern muss nicht das sein, was heute geboten ist. Es gilt vielmehr immer neu auf die Wegweisung „jetzt“ zu hören. Das ist eine überaus kritische Anfrage an alle, die so argumentieren. Das haben wir doch immer so gemacht. Die davon ausgehen, dass der Wille Gottes zeitlos immer das gleiche sagt und die sich deshalb in der Gegenwart durchaus eigenwillig ihren Weg zurecht denken. Hauptsache: altehrwürdig.

Einmal mehr muss Mose Einspruch erheben. Er muss warnen. Er muss das Volk daran erinnern: Ohne mich seid ihr nichts als ein Haufen schlecht ausgerüsteter Nomaden. Wenn Gott nicht bei ihnen ist, dann sind sie keinem Gegner gewachsen. Dann ist es ein Selbstmordweg, den sie da einschlagen wollen.

43 Als ich euch das sagte, gehorchtet ihr nicht und wurdet ungehorsam dem Befehl des HERRN und wart vermessen und zogt hinauf ins Gebirge. 44 Da zogen die Amoriter aus, die dort im Gebirge wohnten, euch entgegen und jagten euch, wie’s die Bienen tun, und versprengten euch von Seïr bis nach Horma. 45 Als ihr nun wiederkamt, weintet ihr vor dem HERRN. .

Sie hören nicht. Sie sind es ja gewöhnt, nicht zu hören. Sie glauben, jetzt doch den Weg Gottes zu gehen. Aber ihre neuen Schritte sind in Wahrheit nur die immer gleichen alten Schritte. Nur ein wenig verwandelt durch „das Umschlagen des Ungehorsams der Passivität in einen Ungehorsam der selbstgewählten Aktivität.“ Die Folgen sind furchtbar: Sie werden von den Amoritern vernichtend geschlagen. Was bleibt, ist Weinen. Klagen.

Aber der HERR hörte nicht auf eure Stimme und neigte seine Ohren nicht zu euch. 46 So bliebt ihr in Kadesch eine sehr lange Zeit

Aber ein Klagen, das ungehört vor Gott bleibt. Es ist der Anfang einer trostlos langen Zeit in Kadesch.  Schrecklich: Das Klagen des Volkes verhallt für sehr lange Zeit im leeren Raum. Der schlimmste Fall ist eingetreten: Gott hält sich die Ohren zu. Gott blickt weg. Gott verweigert das Hören auf die Klagen, das Sammeln der Tränen. Das macht aus dem All, aus der Welt einen Ort ohne Echo, ohne Wiederhall.

Es ist wie eine Vorwegnahme der Schreckensvision des Jean Paul:

 Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.                                                     Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«                                                      Er antwortete: »Es ist keiner.«                                                          Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.                                                                                               Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«                                     J. Paul, Siebenkäs 1796

 

An die Stelle des schweigenden Gottes tritt da die völlige Abwesenheit Gottes. Das Ergebnis aber ist gleich: Ausgeliefertsein an die einsame Trostlosigkeit. Dem Volk in Kadesch bleibt nur die Klage unter einem schweigenden Himmel. Ich ahne den Schmerz und spüre meine Angst vor solchem Schweigen.

 

 

Mein Gott, zurück auf Anfang klingt nach Strafe, nach Niederlage. Es fällt schwer, darin die Chance wahrzunehmen, Neustart.

Wir sind so sehr daran gewöhnt: Weiter, immer weiter. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Du aber mutest Deinem Volk zu lernen zu: es gibt Wege, die nicht passierbar sind, Wege, die versperrt sind, auch aus eigener Schuld.

Gib Du uns, dass wir lernen auszuhalten, dass Wege manchmal zu sind, für lange Zeit verschlossen, und darauf zu warten, dass Du uns einen neuen Weg öffnest. Amen