Aufbruch, zögerlich

  1. Mose 1, 19 – 33

19 Dann brachen wir auf vom Horeb und zogen durch die ganze Wüste, die groß und furchtbar ist, wie ihr gesehen habt, auf der Straße zum Gebirge der Amoriter, wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte, und kamen bis nach Kadesch-Barnea. 20 Da sprach ich zu euch: Ihr seid an das Gebirge der Amoriter gekommen, das uns der HERR, unser Gott, gibt. 21 Siehe, der HERR, dein Gott, hat dir das Land gegeben; zieh hinauf und nimm’s ein, wie der HERR, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat. Fürchte dich nicht und lass dir nicht grauen.

         Wer das 4. Buch Mose gelesen hat, staunt: Geradezu zielgerichtet geht der Weg vom Horeb nach Kadesch-Barnea. Vielleicht liegt es daran, dass Israel dieses eine Mal den Weg so wählt, wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte. Die vielen Zwischenstationen werden übersprungen. Die Führungen Gottes, die Ausfälle des Volkes, das Murren am Haderwasser – alles kein Thema, mit keiner Silbe erwähnt. Nur darauf kommt es an: Das Volk hat sein Ziel vor Augen, das Land, von dem Mose sagt:  der HERR, dein Gott, hat dir das Land gegeben; zieh hinauf und nimm’s ein. Es liegt wie eine reife Frucht vor ihnen. Zupacken ist angesagt. „Der Befehl:Fürchte dich nicht, erschrick nicht“ ist keine bodenlose Zumutung mehr.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982. S. 40 )

 22 Da kamt ihr alle zu mir und spracht: Lasst uns Männer vor uns her senden, die uns das Land erkunden und uns berichten, auf welchem Weg wir hinaufziehen sollen, und die Städte, zu denen wir kommen werden. 23 Das gefiel mir gut, und ich nahm von euch zwölf Männer, von jedem Stamm einen. 24 Als diese weggingen und hinaufzogen auf das Gebirge und an das Traubental kamen, da erkundeten sie das Land 25 und nahmen von den Früchten des Landes mit sich und brachten sie herab zu uns und berichteten uns und sprachen: Das Land ist gut, das der HERR, unser Gott, uns gegeben hat.

             Wieder wird anders erzählt als im 4. Buch Mose. Da ist es der HERR, der die „Idee“ mit den Kundschaftern hat. Hier ist es das Volk, das diesen Spähtrupp vorschlägt und Mose findet den Vorschlag gut. Es ist ja auch nur vernünftig zu wissen, worauf man sich einlässt. Die Überlegung dahinter könnte sein: kommen die Kundschafter mit guten Nachrichten zurück, so sind sie im Volk ein Stück „sicherer“, dass alles in Ordnung gehen wird. Die Späher durchziehen das Land und erfüllen ihren Auftrag. Ihre Botschaft ist eindeutig:  Das Land ist gut, das der HERR, unser Gott, uns gegeben hat. Wir müssen nur noch zugreifen. Und es lohnt sich.           

26 Aber ihr wolltet nicht hinaufziehen und wurdet ungehorsam dem Befehl des HERRN, eures Gottes, 27 und murrtet in euren Zelten und spracht: Der HERR ist uns feind, darum hat er uns aus Ägyptenland geführt, dass er uns in die Hände der Amoriter gebe, um uns zu vertilgen. 28 Wo sollen wir hinaufziehen? Unsere Brüder haben unser Herz verzagt gemacht, als sie sagten: Ein Volk, größer und höher gewachsen als wir, und große Städte mit Mauern bis zum Himmel und auch Anakiter haben wir dort gesehen.

 Aber ihr wolltet nicht. Angesichts dieser klaren Botschaft vom guten Land ist die Fortsetzung in der Tat unverständlich: Was löst diesen Widerstand aus, der ja noch gesteigert wird zur Beschuldigung Gottes: Er ist heimtückisch. Sein Ziel ist nicht unser Leben, sondern unsere Vertilgung. Was für eine Vorstellung: Gott führt sein Volk aus Ägypten, um es vor den Mauern kanaanäischer Städte scheitern zu lassen.

Was sie hier sagen, sind Vorwürfe, die an die Substanz gehen, die im Grunde eine Aufkündigung des Bundes sind, weil sie Gott das Vertrauen entziehen. Gott ist hinterhältig!  Heimtückisch. Gemein. Wer wollte so etwas heutzutage sagen. Wer von Gott so reden würde, würden wir den nicht wegen Unglaubens sofort ausschließen aus dem Volk Gottes?

Erst jetzt wird nachgeliefert, aber eher verhalten: Die Botschaft der Kundschafter muss noch eine andere Seite gehabt haben.  Aber es ist doch nur mehr angedeutet als ausgeführt, dass es nichts mit einem Spaziergang ins Land werden wird, dass man sich einem mächtigen, gar übermächtigen Volk gegenüber sehen wird „Jetzt erst, kurz vor der Erfüllung der alten Verheißung wird ihnen klar, worauf sie sich eingelassen haben, als sie sich diesem Gott anvertraut haben!“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 29) Darum zucken sie zurück.

Wie oft hat sich das auf dem Weg des Gottesvolkes wiederholt: Da gibt es einen Aufbruch, da gibt es Verheißungen und dann gehen einem plötzlich die Augen auf. Nur noch Schwierigkeiten, nur noch Widerstände. Am besten: Aussteigen. Zurück in die Vergangenheit, in die vermeintliche Sicherheit.

Was hier als Reaktion des Volkes erzählt wird, findet seine spiegelbildliche Darstellung im Erleben eines Einzelnen: „Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ (Matthäus 14, 26 – 31) Es gibt also auch für spätere Zeiten keinen Grund, über das Volk und sein Verzagen den Kopf zu schütteln.

29 Ich sprach aber zu euch: Entsetzt euch nicht und fürchtet euch nicht vor ihnen. 30 Der HERR, euer Gott, der vor euch herzieht, wird für euch streiten, ganz so, wie er’s an eurer Seite getan hat in Ägypten vor euren Augen 31 und in der Wüste. Da hast du gesehen, wie dich der HERR, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid, bis ihr an diesen Ort kamt. 32 Und trotzdem glaubtet ihr dem HERRN, eurem Gott, nicht, 33 der auf dem Weg vor euch herging, euch die Stätte zu weisen, wo ihr euch lagern solltet, bei Nacht im Feuer, um euch den Weg zu zeigen, den ihr gehen solltet, und bei Tage in der Wolke.

Die Antwort des Mose auf diesen Ausfall des Volkes ist nicht Kritik, sondern der Versuch, sie zu ermutigen. Er erinnert sie an ihre Erfahrungen: Gott hat euch doch geführt. Er hat sich nicht geändert. Er ist doch einer, der sich auf dem Weg bewährt hat. Fast möchte man sagen: seht doch hin – da sind, immer, wenn es gefährlich war, nur die Fußspuren Gottes im Sand zu sehen, weil er euch getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt. Vergesst das doch nicht!

In diesem Satz Da hast du gesehen, wie dich der HERR, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid, bis ihr an diesen Ort kamt. hat das so populäre Gedicht seinen Sitz im biblischen Text.

Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen  war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn: “Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?” Da antwortete er: “Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.”                                                                       Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.

Es kann vor Missverständnissen oder Engführungen bewahren: Der biblische Text findet die Spuren Gottes in der Erfahrung des Volkes, nicht nur im individuellen Geschick eines/einer Einzelnen.    

Es nützt nichts. Sie glauben nicht. Sie vertrauen dem Gott nicht, dessen Zeichen sie doch auf dem Weg ständig vor Augen hatten. Die Wolke am Tag, die Feuersäule in der Nacht. Es ist so: die Erfahrungen Gottes von früher verlassen und sie nehmen dem, der heute zu entscheiden hat über Vertrauen oder Misstrauen, diese Entscheidung nicht ab. Auch der Prediger Mose vermag es nicht, das Volk zu neuen Vertrauensschritten zu bewegen.

Was für eine ernüchternde Feststellung in späteren Zeiten: Sie hören Mose, aber sie hören ihn nicht. Sie haben die Zeichen Gottes gesehen, aber sie leuchten ihnen nicht, weisen den Weg nicht. Bringen sie nicht zum Vertrauen. Es ist die bittere Einsicht der Propheten Jesaja, Jeremia, die Jesus auf den Punkt bringen wird: „Mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet nicht erkennen.

Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet.“(Matthäus 13, 13-15) Es gibt Blockaden, gegen die sind menschliche Worte vergeblich. Ob das Mose getröstet hat? Heute tröstet?

 

Heiliger Gott, wie viel Gutes habe ich erfahren, wie viel Bewahrung  durch Dich, wie viel Zuwendung, wie viel Rückenwind von Dir.

Und doch bin ich immer wieder voller Angst, verweigere mich den Schritten nach vorne, sehe nur die Gefahren übermächtig und nicht, dass Du doch mit auf dem Weg sein willst.

Wie oft bleibe ich einfach den Schritt zum Nächsten schuldig, zu dem Du mich ermutigen willst, das Wort, das Du mir ins Ohr flüsterst, die Tat, die sich mir aufdrängt, weil ich Deine Maßstäbe vor Augen habe.

Gib Du mir ein ungeteiltes Herz, das Gehorsam lernt und Vertrauen wagt. Amen