Innehalten

  1. Mose 1, 1 – 18

1 Dies sind die Worte, die Mose zu ganz Israel redete jenseits des Jordans in der Wüste, im Jordantal gegenüber Suf, zwischen Paran und Tofel, Laban, Hazerot und Di-Sahab. – 2 Elf Tagereisen sind es vom Horeb bis Kadesch-Barnea auf dem Wege zum Gebirge Seïr. – 3 Und es geschah im vierzigsten Jahr, am ersten Tage des elften Monats, da redete Mose mit den Israeliten alles, wie es ihm der HERR für sie geboten hatte, 4 nachdem er Sihon geschlagen hatte, den König der Amoriter, der in Heschbon herrschte, dazu bei Edreï den Og, den König von Baschan, der in Aschtarot herrschte. 5 Jenseits des Jordans im Lande Moab fing Mose an, dies Gesetz auszulegen, und sprach:

             Es ist ein bisschen umständlich. Eine Einleitung, die überfrachtet ist erscheint mit Mitteilung über den Ort und die Zeit der nachfolgenden Rede. Das aber ist schon hier festzuhalten: diese Einleitung charakterisiert den ganzen folgenden Buch-Text als eine Rede des Mose – gehalten im Übergang. Schon das Land vor Augenschrift, jenseits des Jordans in der Wüste, aber eben noch nicht am Ziel.

Der Ort dieser Rede ist in Blickweite des Gelobten Landes, am Jordangraben – so die Bezeichnung ʽaraba – auf dem „moabitischen Hochplateau“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 26) Die Aufzählung so vieler Orte und der Hinweis auf die Entfernung zum Horeb legt es nahe, dass hier nicht der eine Ort präzise benannt werden soll, sondern eher ein Raum. Ein Raum in der Nähe zum Horeb – und es wird in dem ganzen Buch ja darum gehen, dass das Volk die Nähe zum Horeb bzw. zur Weisung Gottes, die es am Horeb empfangen hat, bewahrt.  

Neben die Ortsangaben tritt die Zeitangabe. Im vierzigsten Jahr, am ersten Tage des elften Monats. Die Wüstengeneration ist gestorben. Die Wüstenzeit geht zu Ende. Sie war ja für die Dauer von vierzig Jahren verhängt worden, um des Unglaubens und Ungehorsams des Volkes willen. Breit erzählt im Bericht über die Rückkehr der Kundschafter. Jetzt, am ersten Tage des elften Monats naht der Frühling. „Im elften Monat (Januar/Februar) beginnt nach der Kältezeit allmählich das Frühjahr mit der Blüte des Mandelbaums. Die Rede des Mose hat also einen Neuanfang Gottes mit seinem Volk im Blick.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 30) Dazu passt die Erwähnung der letzten Schlacht, die zu schlagen war, damit der Weg an dem Jordan frei wurde – der Sieg über den Amoriter-König Siho und den Og, König von Baschan. Die Zwischenzeit in der Wüste – nach Ägypten. aber noch nicht in Kanaan, im versprochenen Land – neigt sich ihrem Ende zu.

Es wirkt wie ein Innehalten vor den nächsten Schritten. Wie ein sich sammeln, wie eine Klärung: Wer sind wir? Wo kommen wir her? Was trägt uns? Darum legt Mose das Gesetz, die Weisung  – tora – aus. Wir hören zu eng, wenn wir hier nur die Verkündigung einer Rechtsordnung angesprochen hören. Es geht um mehr als um Gesetzes-Texte. Es geht um Lebensordnung, die sich aus den Weisungen Gottes ergibt. Kein Bürgerliches Gesetzbuch, sondern die Grundordnung des Lebens.

Wenn man so will: Es wird eine „Predigt“ folgen, die den einzelnen Israeliten einweist in das Grundgesetz Israels – den Gehorsam gegen Gott, das Vertrauen auf seinen Gott. „Predigen heißt verkündigen, proklamieren, dass das Leben, das ganze Leben, wie wir es kennen, von Gott besucht, gerechtfertigt, für eine neue Zukunft bestimmt, und dass es dadurch gänzlich verändert ist, objektiv, in andere göttlichen Zusammenhänge aufgenommen ist, einen anderen Wert erhalten hat.“ (K. H. Miskotte, Wenn die Götter schweigen, München 1966, S. 110) Das mag man dann auch „Testament des Mose (D. Schneider, aaO. S. 13)nennen, sein Vermächtnis, das immer neu hervorgeholt, weiter gegeben und gelernt werden soll. Obwohl diese Bezeichnung der Autorität der Predigt kaum gerecht wird.

Weder der Ort noch die Zeitangabe sind zufällig. „Wer wissen will, wohin er unterwegs ist, muss wissen, wo er herkommt.“ Der Blick auf den Anfang des Weges am Horeb wird helfen, Orientierung für die nächsten Schritte auf dem Weg zu gewinnen. Das gilt auch, wenn die erzählte Zeit und der erzählte Ort nicht Zeit und Ort sind, an dem dieses Buch seine letzte Gestalt gewinnt. Wenn es in Wahrheit ein Teil „des großen Geschichtswerk etwa um die Mitte des 6. Jahrhunderts“ und der „Abschluss eines sehr langen traditionsgeschichtlichen Wachstumsprozesses“ (G. v. Rad, aaO. s. 7)wäre. Immer geht es darum, den Weg Gottes in den Blick zu bekommen, um Vertrauen für die nächsten Schritte zu gewinnen.

Es ist eine hilfreiche Unterscheidung: die „erzählte Zeit“ eines Textes ist die Zeit, in der seine Geschichte spielt, eine Rede gehalten wird, sich dies und jenes ereignet, das berichtet wird. Davon zu unterscheiden ist die „Erzähl-Zeit“ – die Zeit, in der der Text aufgeschrieben wird, weiter geschrieben wird. Die erzählte Zeit der Grimms Märchen ist: „es war einmal“ …. im Irgendwann. Die Erzählzeit dieser Märchen ist dagegen mit der Sammler-Tätigkeit der Brüder Grimm und ihrer Lebenszeit gegeben und historisch gut fassbar – Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859).

 6 Der HERR, unser Gott, redete zu uns am Berge Horeb und sprach: Ihr seid lange genug an diesem Berge geblieben; 7 wendet euch und zieht hin, dass ihr zu dem Gebirge der Amoriter kommt und zu allen ihren Nachbarn im Jordantal, auf dem Gebirge und in dem Hügelland, im Südland und am Ufer des Meeres, ins Land der Kanaaniter und zum Berge Libanon, bis an den großen Strom, den Euphrat. 8 Siehe, ich habe euch das Land, das vor euch liegt, gegeben. Zieht hinein und nehmt das Land ein, von dem der HERR euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, dass er’s ihnen und ihren Nachkommen geben wolle.

             Ein „Verbindungsstück“ stellen diese Worte dar. Sie schlagen die Brücke von dem Ort der Rede zurück an den Horeb. Da hat der Weg angefangen, dessen vorläufiges Ziel jetzt erreicht ist. Es sollte dem willen Gittes nach der Weg in das Land werden, von dem der HERR euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, dass er’s ihnen und ihren Nachkommen geben wolle. Dass es dazu noch nicht gekommen ist, liegt nicht an Gott. Er lässt den Schwur, den er den Vätern gegeben hat, nicht hinfallen. Er hat es ihnen schon gegeben.  Es ist „Erbbesitz“ – hier steht „der Begriff nachalah, der ursprünglich wohl das feste Eigentum einer Sippe oder eines Stammes bezeichnete.“(D. Schneider, aaO. S. 33) Unverlierbar. Was sie als Land vor sich sehen, ist ihnen schon gewiss. Die Landnahme, die im Josua-Buch erzählt werden wird, ist hier deutlich Landgabe. Gott hat gegeben.  

      Vielleicht haben wir in den geographischen Angaben eine durchaus „politische Botschaft“ vor uns: das ist der Raum, den Gott seinem Volk zugesagt hat. Es erinnert an die Ausdehnung des salomonischen Reiches, auch wenn sie nicht von langer Dauer war. Und es ist wohl so: solche Raumangaben sind bis heute in den Herzen mancher israelitischer Siedlergruppen noch virulent. Wirksam, auch wenn sie den Weg zum Frieden stören.

 9 Da sprach ich zur selben Zeit zu euch: Ich kann euch nicht allein tragen. 10 Der HERR, euer Gott, hat euch so zahlreich werden lassen, dass ihr heute seid wie die Menge der Sterne am Himmel. 11 Der HERR, der Gott eurer Väter, mache euch noch tausendmal mehr und segne euch, wie er euch zugesagt hat! 12 Wie kann ich allein eure Mühe und Last und euren Streit ertragen? 13 Schafft herbei weise, verständige und bewährte Leute für eure Stämme, die will ich über euch zu Häuptern setzen. 14 Da antwortetet ihr mir und spracht: Was du geraten hast, ist gut. 15 Da nahm ich die Häupter eurer Stämme, weise und bewährte Männer, und setzte sie über euch ein als Anführer über Tausend, über Hundert, über Fünfzig und über Zehn und als Amtleute für eure Stämme.

             Der Blick des Redenden geht zurück. In eine Zeit, in der Israel gewachsen ist. Die Verheißung an Abraham – 1. Mose 15,5 –  hat sich erfüllt –   Israel ist zahlreich geworden  wie die Menge der Sterne am Himmel. Das hat Mose erkennen lassen: Dieses Volk zu führen ist eine zu große Aufgabe für mich allein. Darum verlangt er nach Leuten aus den Stämmen, die mit ihm die Führung übernehmen. Gegenüber dem Bericht aus 2. Mose 18  gibt es hier eine deutliche Verschiebung. Dort wählt Mose auf den Rat seines Schwiegervaters hin Richter aus, hier ist es das Volk, das seine Zustimmung gibt. Noch einmal anders ist es in 4. Mose 11 erzählt: Da werden die siebzig Ältesten zwar von Mose ausgewählt, von Gott jedoch mit seinem Geist erfüllt und so „ordiniert“. Das Volk und seine Zustimmung zum Verfahren spielt dabei keine Rolle.

Es kann ein langer Weg sein, bis die Einsicht gereift ist: Meine Kraft ist zu klein. Ich kann nicht alles, auch nicht alles allein. In einer Zeit, die behauptet, dass jeder nur ist, was er aus sich selbst macht, ist der Weg zu solchem Einverständnis mit den eigenen Grenzen noch einmal schwieriger geworden. Es ist ein Reifeprozess, von dem man aber nicht sagen kann, dass er im Alter leichter wird. Da ist die Erfahrung der eigenen Grenzen ja oft mit Verlusterfahrungen verbunden: das konnte ich früher, das kann ich nicht mehr. Mir gefällt die Mischform, die sich durch die unterschiedlichen Erzähl-Varianten nahelegt. Der Weg zu solchem Selbstverständnis ist häufiger eine Mischung aus fremdem Rat – dem Schwiegervater des Mose – eigenem Erleben – für mich ist es zu viel – und der Zustimmung anderer: du darfst dich entlasten.

Gemeinsam ist allen Berichten eine Grundüberzeugung: „Das  Gottesvolk, das im Begriff ist, seinen Weg zur Erfüllung der Verheißungen zu gehen, braucht nicht das einsame Amt, sondern eine Schar von Mithelfern und Mitarbeitern.“  (D. Schneider, aaO. S. 35)So gesehen liegt hier der Anfang einer Einübung vor, die bis zu uns heute reicht. Es braucht die Vielen, um den einen, gemeinsamen Weg zu finden und zu gehen, nicht nur den einen einsamen Gottesmann. So gelesen verstehen wir auch, warum diese „Predigt des Mose“ wieder und wieder weitergesprochen wird, aufgenommen, erweitert, in die neue Situation des Volkes neu zugespitzt wird. Es wird nicht reichen, dass sie einmal gehalten worden ist.

 16 Und ich gebot euren Richtern zu jener Zeit und sprach: Hört eure Brüder an und richtet recht zwischen jedermann und seinem Bruder und dem Fremdling bei ihm. 17 Ihr sollt beim Richten nicht die Person ansehen, sondern sollt den Kleinen hören wie den Großen und vor niemand euch scheuen; denn das Gericht ist Gottes. Wird aber euch eine Sache zu schwer sein, die lasst an mich gelangen, damit ich sie höre. 18 So gebot ich euch zu der Zeit alles, was ihr tun sollt.

             Auch das gehört ganz an den Anfang, noch bevor das Land eingenommen werden kann. Es wird Rechtssicherheit brauchen. Und Rechtssicherheit lebt in erster Linie davon, dass es keine Unterschiede gibt, keine Bevorzugung der Großen, keine Benachteiligung der Kleinen. Keine Prominenten-Bonus, aber auch keinen Prominenten-Malus und genauso keine Vorteil für die „Kleinen“. Ohne Ansehen der Person. Wie modern: auch für die Fremden gilt das gleiche Recht. Das ist in einer Welt, in der der Fremde der Rechtlose ist, außerordentlich. Man mag es kaum sagen: Das ist bis heute eine bleibende Herausforderung: Keine Sonderrechte, aber auch keine Verweigerung der Grundrechte für die Fremden, für  Migranten,  für Flüchtlinge und Asylsuchende.

Der letzte Grund für diese Forderung nach Rechtssicherheit: das Gericht ist Gottes. Wenn man so will: Die Rechtsprechung erfährt an dieser Stelle so etwas wie eine Verankerung jenseits der Setzungen der Menschen. Hier liegt einer der Unterschiede zu unserem heutigen Denken: Für uns geht alle Macht und damit auch alles Recht vom Volk aus. Das Recht ist von Menschen gemacht – und deshalb veränderlich. Paragraphen des Strafrechts und des Bürgerlichen Rechts können verändert werden. Für Israel hat das Recht seinen Ausgangspunkt in der Gerechtigkeit Gottes, in seinem Richten. Und alle Änderung des Rechts muss deshalb vor ihm verantwortet werden. Es ist nicht unveränderlich, aber es kann nur verändert werden in der Weise, dass es immer der „Gerechtigkeit Gottes“ entspricht. Einer Gerechtigkeit, die in ihrem innersten Kern Erbarmen ist.

 

Gott, wir brechen oft so eilig auf, angezogen von dem, was vor uns liegt. Wir vergessen es, innezuhalten bevor wir weitergehen, uns auf den Weg in die Zukunft machen.

Du aber willst keine blinde Hast. Darum lass Du uns immer wieder einmal stehenbleiben, verweilen, Deinen Weg mit uns betrachten, Deine Treue in den Blick nehmen, damit wir Deinen Weg nicht verfehlen. Amen