Himmel und Erde

Johannes 3, 22 – 36

22 Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte. 23 Johannes aber taufte auch noch in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. 24 Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis geworfen. 25 Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung.

Genug geredet? Ohne klaren Grund und Abschluss ist die Rede an Nikodemus zu Ende. Danach ein Ortswechsel. So schließt der Evangelist gerne neue Situationen an. Wo der Ort der Begegnung mit Nikodemus war, bleibt unklar. Jetzt ist Jesus mit seinen Jüngern – wo kommen die so plötzlich wieder her? – in Judäa. Und dann, völlig einmalig, im Gegensatz zu den anderen Evangelien: Er taufte. „Nirgends sonst findet sich in der urchristlichen Überlieferung eine solche Nachricht.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 75) Haben wir es hier mit einem historischen Irrtum des Johannes-Evangeliums zu tun oder weiß der Evangelist etwas von einen Anfang Jesu in Konkurrenz zu dem Täufer? Die Frage muss ohne Antwort bleiben. Die anderen Evangelien wissen auch nichts von einer Tauftätigkeit seiner Jünger vor Auferstehung und Himmelfahrt. Weiß das Johannes-Evangelium also mehr, Älteres als die anderen? Später wird vom Evangelisten richtig gestellt werden: – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger -,(4,2) Es bleibt dennoch irritierend.

Aus dem Nebeneinander der beiden „Täufer“ ergibt sich eine Konkurrenz-Situation. Historisch richtig mag daran sein, dass es eine Zeit gegeben haben kann, in der Jesus wie ein Johannes-Jünger wirkte. Dann löste er sich von dem Täufer. Auch seine Jünger waren  – zum Teil – Johannes-Jünger, bevor sie ihm folgten. Auch da erzählen die anderen Evangelien anders. „Die Angabe einer parallelen Taufwirksamkeit von Johannes und Jesus widerspricht dem Zeitschema der synoptischen Tradition, nach der Jesu Wirksamkeit erst nach der Gefangennahme des Täufers begonnen hat.“ (U. Wilkens, ebda.) Mir will es scheinen, als sei das Johannes-Evangelium nicht sonderlich daran interessiert, der Erzähl-Reihenfolge der anderen Evangelien getreulich nach zu eilen. Es folgt seiner eigenen Historie.

Es ist wie eine Erinnerung an die Jerusalemer Kommission, die Johannes befragt hatte. Es kommt zu einer Debatte der Johannes-Jünger mit einem Juden über die Reinigung. Die ganze „Tauferei“ macht Unruhe. Nicht nur bei den Behörden in Jerusalem. Auch bei denen, die aktiv verwickelt sind. Was gilt denn nun?

26 Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm.

Darum kommen die Johannes-Jünger zu ihrem Meister. Sie registrieren den Zulauf Jesu. Jedermann kommt zu ihm. Meldet sich hier Eifersucht auf den Erfolg Jesu zu Wort? Müssten sie sich nicht freuen – sie haben doch das Zeugnis des Täufers noch im Ohr: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“(1,29) Vielleicht aber ist es auch schlicht menschlich, dass das Verstehen dieses Zeugnis noch nicht in ihre Herzen vorgedrungen ist. Wir erinnern uns: Von neuem, von oben geboren werden, ist die Voraussetzung um zu sehen. Diese Geburt steht wohl auch für die Johannes-Jünger noch aus. 

 27 Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. 28 Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. 29 Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. 30 Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.

            „Verständlich wäre ein Gefühl des Neides bei dem Täufer durchaus. Es ist schwer neben einem Größeren zu stehen, wenn man selbst einmal der Mann war, der den größten Zulauf hatte.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 57) Der Täufer aber sieht anders und mehr als seine Jünger. Er glaubt in dem „neuen Stern“ den Himmel selbst am Werk. Darum erinnert er seine Jünger: Ich bin doch nicht der Christus. Und ich habe nie so getan, als wäre ich es oder würde es werden wollen. Das kann man ja auch nicht werden wollen. Überaus menschlich redet der Täufer. Ihr verwechselt den Bräutigam und seinen Freund. Es gibt doch für den Freund keine größere Freude als zu sehen, wie der Bräutigam die Braut gewinnt. Und dann der Satz, der das Täufer-Kapitel endgültig für beendet erklärt: Diese meine Freude ist nun erfüllt. 

           Wieder weiß Johannes mehr als die anderen Evangelisten. Die führen in ihrer Täufer-Erzählung zu der Frage: Bist du, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Lukas 7,20) Und es folgt das Wort Jesu: „Geht und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.“ (Lukas 7,22-23)

Hier ist bei dem Täufer kein Fragen, kein Zweifeln. Hier ist nur die Gewissheit: Der Bräutigam ist da. Und damit auch das Wissen: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Meine Zeit ist vorbei. Sätze voller Freude! Diese Freude nehme ich dem Täufer ab. Erst recht, wenn ich sein Bild vor Augen habe, wie es Matthias Grünewald mit dem Isenheimer Altar gemalt hat.

Für mich gehört das zum Großartigsten, was im Neuen Testament von Menschen erzählt wird, wie Johannes seine Rolle annimmt. „Nur“ eine Stimme, „nur“ der Freund, „nur“ der Zeuge. Ich lese das alles auch als eine Anweisung an die Christen, an die Leser*innen des Johannes-Evangeliums. Die eigene Rolle anzunehmen. Es zu wissen, dass wir nichts zu tun brauchen als hinzuweisen auf das Heil, auf den Heiland, auf den Bräutigam.  Mit unseren Worten und unseren Taten.

 

 

 

31 Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen 32 und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

Wer spricht hier? Jedenfalls nicht mehr der Täufer. Ich bin nicht sicher, ob ich zustimmen soll: Es ist „kein Zweifel: Jetzt nimmt Jesus selbst wieder das Wort.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S.76) Mir liegt eher nahe: hier deutet der Evangelist selbst. Was wir in den folgenden Sätzen zu hören und zu lesen bekommen, ist Christologie des Johannes-Evangeliums. Oder ist es doch Jesus, der das Wort nimmt – in einem Selbstzeugnis merkwürdig distanzierter Art? Der ganze Abschnitt könnte gut vor der Passage über den Täufer stehen. Aber er steht hier. Und wirkt so, als würde er sagen: Habt ihr dem Täufer nicht zugehört? Der Täufer und der, der von oben kommt – beide bezeugen ja das, was den engen Kreis der Erde sprengt. Sie reden nicht von der Erde. Sie haben eine Botschaft vom Himmel.

            Es ist bemerkenswert. Im Griechischen ist hier wird von der Erde die Rede – γη̃ς – und nicht von der Welt, dem Kosmos, κόσμος. Der Mensch ist von der Erde genommen und wird wieder zur Erde werden – so sagen wir es in der Liturgie bei Beerdigungen. Himmlisches wird von diesen so irdischen Menschen nicht erwartet. So unendlich nüchtern ist biblische Anthropologie: Da ist kein Gottes-Gen. Da ist nichts Göttliches am Menschen. Alles Erde.  

Darum können wir nur sagen, was sich uns aus der irdischen Existenz erschließt. „Die Menschheit ist gefangen auf der Erde – der blaue Äther ist ihre Kerkermauer. Gefesselt an die Erde, gebunden ist die Menschheit. Ihre Gedanken sind die Gedanken der Erde, sie ist die Trägerin der Gedanken der Erde. Und sie trägt sie mit sich, als wären es Girlanden, als wären es keine lastenden Erdenketten.“ (E. Stucken, Die weißen Götter, Berlin 1918, S.5) Was der Romanschreiber sagt, liest sich wie eine klagende, resignierte  Zustimmung  zur Botschaft des Evangelisten.

Dieser Beschränkung steht der eine gegenüber, der vom Himmel kommt. Augenzeuge, Sachverständiger für das, was wir nicht verstehen. Er bezeugt, was jenseits unseres Horizonts ist. Von diesem Zeugnis gilt: Sein Zeugnis nimmt niemand an. „Gerade das von jenseits kommende Wort wird von der Welt, die nur das liebt, was zu ihr gehört (15,19), der die Sprache des Offenbarers fremde Laute sind, abgewiesen.“(R. Bultmann, aaO.;, S. 118) So vergeblich arbeitet der Gesandte Gottes. Und das leistet sich Gott: Den Sohn zu senden in eine Welt, die ihn nicht hört, weil sie ihm nicht gehören will, ihn zu senden in sein Eigentum (1,11), das sich im verweigert. Immer wieder betont das Johannes-Evangelium dieses Verschlossen-sein – von Anfang an. Aber es gibt Ausnahmen.

33 Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.

            Aber es gibt die, die sein Zeugnis annehmen. Die, die Gott Recht geben. Die, die sich dem Urteil Gottes beugen und ihn damit als den bezeugen, der wahrhaftig ist, glaubwürdig, vertrauenswürdig. Es mögen wenige sein. Das scheint Johannes nicht zu kümmern. Nur, daran ist kein Zweifel: Dieses Annehmen ist Gnadengeschenk. Nichts, mit dem man sich brüsten könnte. Nur tiefe Dankbarkeit bleibt als Reaktion.

34 Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.

Das ist das Zeugnis des Johannes von Jesus. Er redet Gottes Worte. Warum? Weil Gott den Geist gibt ohne Maß. Es ist der Geist, der das Wort Jesu zu Gottes Wort macht. Das gilt bis heute: dass aus den Worten über Jesus, auch den vorgelesenen Worten Jesu Wort Gottes wird, das ist Wirkung des Geistes. Unbegrenzt bis auf den heutigen Tag. „Gott aber gibt seinen Geist nicht „aus einem Maß(becher)“, denn Gott ist eben nicht, wie alles Menschliche, begrenzt. Was Jesus als Gottes Gesandter zu sagen hast, unterliegt … keineswegs der Begrenztheit menschlicher Rede.“ (U. Wilkens, aaO. S. 77) Diese Worte atmen und tragen den Geist der Ewigkeit.

Später wird Petrus – so erzählt das Johannes-Evangelium – sagen: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (6,68) Seine Worte kommen aus dem Hören auf den Vater, aus dem Gespräch mit dem Vater. Mehr noch: „In den Worten des gottgesandten Offenbarers redet Gott selbst.“(R. Bultmann, aaO.; S.118) Jesus  ist nicht nur einmal, bei der Taufe, vom Geist berührt. Auf ihm ruht der Geist. Ganz.

Noch einmal eine Unterscheidung, die man erst im Griechischen machen kann, die aber durchaus bemerkenswert ist. Im Anfang war das Wort – da steht  λόγος, Logos. Ein bei den Griechen durch und durch philosophisch und religiös besetztes Wort, das aber nicht den Charakter der Anrede hat, sondern das Vernünftige, Sinnhafte herausstellt. Hier dagegen wird das Wort ρη̃μα verwendet. Das bezeichnet vorrangig „das Wort als ausgesprochenen Willen“ (Theologisches Wörterbuch Bd. IV, Stuttgart 1942, S. 78). So wie es im Schöpfungsbericht heißt: „Und Gott sprach – und es geschah so.“ (1. Mose 1, 4ff) Von diesem Wort Gottes, ρη̃μα, heißt es:  „So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55,11) Die Worte des Gesandten, die Worte Jesu, sind keine folgenlosen Worte. Sie tun, was er sagt. Sie wirken.

 35 Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. 36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

                Dann folgt hier eine erste Formel, die die Zusammengehörigkeit des Vaters mit dem Sohn, des Sohnes mit dem Vater so eindringlich vor Augen stellt. Das ist eines der Herzensanliegen des Evangelisten: Jesus und der Vater sind eins. Im Sohn ist der Vater da, präsent, in der Welt. Sie sind nicht nur nahe beieinander. Eins. Geeint durch die Liebe. Der Vater hat den Sohn lieb. Und es ist eine unauflösliche Liebe. Auch durch den Tod hindurch.

Und wer an den Sohn glaubt, der gewinnt an dieser Liebe Anteil. Einer Liebe, die vor dem Zorn Gottes schützt, die das Leben eröffnet, das in Ewigkeit geborgen ist.

 

Wie ein Nachtrag: Man kann solche Sätze Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben lesen wie eine mathematische Formel. Aus A folgt B. Aber man hätte in der Tiefe der eigenen Existenz nichts verstanden. Mathematische Formeln erschüttern im Normalfall die eigene Existenz nicht. Man hätte die Tiefe der Sätze nicht an sich herangelassen, weil man nicht den Hintergrund der Sätze mitliest, nicht die tausend Fragen, durch die sie hindurch gereift sind.

Solche Sätze spiegeln nicht die inneren Auseinandersetzungen, die sie bestanden haben, auf die sie antworten. Man liest diese Sätze wohl insgesamt falsch, wenn man überliest, dass sie auf die Fragen der Täufer-Jünger antworten und auch auf die Fragen der Jünger*innen, für die das Johannes-Evangelium geschrieben ist.

Für mich selbst gilt: Die Lehrsätze des Glaubens werden mir mehr und mehr im besten Sinn frag-würdig. Ich kann sie gut lesen als Annäherungsversuche an das Geheimnis Gottes in Jesus, als den Versuch zu sagen, was im Grunde unsagbar ist, nur angebetet werden kann – in diesem Menschen Jesus zeigt sich die Wirklichkeit Gottes. Wie das ordentlich zu denken ist? Keine Ahnung? Warum? Weil Gott diese Welt nicht sich selbst überlässt. Als feststehende Abschlüsse, mit denen alles gesagt ist, nach denen nichts mehr zu sagen und zu fragen ist, kann ich sie nicht mehr so gut lesen. Aber ich komme nicht los von ihnen.

 

Herr Jesus, von oben redest Du, aber nicht von oben herab. Deine Worte wirken, schaffen neue Wirklichkeit. Du sagt uns Deine Liebe zu und wir sind geliebt. Du sagst uns Deine Gnade zu und wir können aus ihr leben. Du sagst uns Deine Treue zu und sie trägt uns.

Du öffnest uns durch Dein Wort den engen Kreis unserer Erde und die Ewigkeit Gottes ist uns offen. Der Himmel erwartet uns. Du erwartest uns. Und niemand kann uns mehr den Weg verschließen. Amen