Nachtgespräch

Johannes 3, 1 – 21

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

Aus den vielen tritt jetzt einer ins Licht. In der Dunkelheit der Nacht. Nikodemus, ein Pharisäer, Angehöriger des Synhedrium. „Der ursprüngliche griechische Name kommt auch im Aramäischen vor und taucht in jüdischen Quellen mehrfach auf.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 64) Nikodemus ist auf Jesus aufmerksam geworden – durch die Zeichen (2,23)? Jedenfalls will er mehr wissen und sucht Jesus auf. Die Nacht ist Zeit für das Studium der Schrift. „Von jeher hat die Nacht ihre Bedeutung für das Gespräch um letzte Dinge.“  (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 47) Tag und Nacht sitzt der Fromme über den Weisungen Gottes – so weiß es der Psalm: Er „hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“ (Psalm 1,3)Wer sich in der Nacht mit der Tora beschäftigt, über den zieht Gott den Faden der Huld bei Tage.“ (Strack-Billerbeck II; S. 420) Nicht die Furcht, der Wunsch nach Klarheit lässt Nikodemus bei Nacht zu Jesus kommen.

            Ein Lehrer ist Jesus für Nikodemus. Und es liegt Anerkennung, ja Ehrfurcht in seinen Worten. „Die Zeichen Jesu beglaubigen ihn ohne Frage als einen von Gott begnadeten Lehrer.“ (T. Jänicke, aaO. S. 48)  Er ist weit entfernt von denen, die sagen „Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.“ (Markus 3,22) Für ihn steht Jesus auf der Seite Gottes, Gott an der Seite Jesu.

3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Jesu Antwort geht nicht auf diese Worte ein. Er sucht nicht die Anerkennung des Nikodemus. Er will ihm den Weg weisen. Es ist, als würde er auf die Frage antworten, die ein anderer Oberster nach einem anderen Evangelium Jesus gestellt hat: „Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (Lukas 18,18) Aber wir wissen nicht, ob Nikodemus so gefragt hat.

In den synoptischen Evangelien klingt es ähnlich, wenn es um den Zugang zum Reich Gottes geht: „Wenn ihr nicht werden wie die Kinder….“(Matthäus 18,3) Es braucht nicht weniger als eine neue Geburt, eine Neuschöpfung, um das Reich Gottes zu erlangen. Nicht Besserung, Steigerung, Vervollkommnung. Alles, was wir ethisch einsetzen könnten, reicht nicht. Eine neue Geburt. Άνωθεν, von oben, von neuem. Aus einem Handeln Gottes heraus.

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.  Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hesekiel 36,26-27) Ein neues Herz hatte Gott verheißen. Eine neue Geburt nennt Jesus als den Weg in das Reich Gottes. Nur hier im ganzen Evangelium ist vom Reich Gottes die Rede. Der Weg dorthin ist ganz Gabe Gottes an den Menschen, nicht menschliche Möglichkeit.

Das ist auch schroffe Grenzziehung gegen alle Versuche, das Reich Gottes als den Zielpunkt der Entwicklung der Menschheit zu begreifen. Als Reich, das wir Menschen aufrichten könnten. Wann immer Menschen das versucht haben, ist es in Strömen von Blut geendet. Ob als Gottesstaat, als Priesterherrschaft, als tausend-jähriges Reich, als Arbeiter- und Bauernparadies oder als God’s own country. Wir übernehmen uns, wenn wir es nicht empfangen wie ein Kind. (Lukas 18,18)    

Es ist kein Wunder, dass Nikodemus nicht versteht. Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Wie soll das zugehen? Ist der Zug nicht abgefahren für einen wie Nikodemus? Keiner kann doch zurück in den Mutterschoß. Mitten im Missverständnis hat Nikodemus auch richtig verstanden. Was hier gefordert ist, ist nicht meine Möglichkeit. „In der menschlichen Sphäre kann es so etwas wie Wiedergeburt nicht geben. Denn Wiedergeburt bedeutet nicht einfach so etwas wie eine Besserung des Menschen, sondern bedeutet dieses, dass ein Mensch einen neuen Ursprung erhält.“ (R. Bultmann, aaO. S. 97) Das ist harte Grenze für das Wollen und zugleich Befreiung vom Sollen.

Wie kann es zu einem neuen Anfang kommen? Nach dem Scheitern an der ehelichen Treue, nach langem Alkoholmissbrauch, nach der Verstrickung in Lügengeschichten ohne Ende. Nach der Abwendung von Glauben und Kirche. Nach Missbrauch und Schändung, nach Bloßstellung und tiefster Kränkung. Eine Frage, die mich oft quält und bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Frage steckt ja in der Frage des Nikodemus: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Ich weiß es nicht.

Nur: wo Nikodemus unerfüllbare, unmögliche, unsinnige Forderung hört, ist in Wahrheit Zusage, Versprechen. Gott wird schenken, was wir nicht bewirken können. Ich weiß nur, dass ich das Wunder neuer Anfänge miterlebt habe. Ich habe sie nie verstanden, nie erklären können. Meine einzige „Erklärung”: Gott hat Rückenwind geschickt. Gott hat in menschliches Kämpfen hinein seinen Rückenwind gegeben. Der führt nicht unbedingt in das kirchliche Biotop. Aber er führt zu Lebensschritten, ins Leben, in das Reich seiner Gegenwart. Diese Erfahrung lässt mich hoffen, auch da, wo nichts zu hoffen ist.

5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

Jesus wiederholt – und erklärt in seiner Wiederholung doch auch weiter. Es geht nicht um eine Wiederholung der natürlichen Geburt. Keine Rückkehr in den Mutterschoß. Geboren werden aus Wasser und Geist, das ist der Weg in das Reich Gottes. „Das wunderbare Widerfahrnis des Neuwerdens vollzieht  sich sakramental in der Taufe.“ (U. Wilkens, aaO. S.66) Wobei wir gut daran tun, nicht unsere volkskirchlich undifferenziert vollzogen Taufen hier mitzuhören. Es geht um den Anfang, den zur Zeit des Johannes-Evangeliums die suchen, die neu zur Gemeinde stoßen und dann auch in ihrer Taufe aufgenommen werden. Jesus hält fest: Unsere Natur ist nicht reichs-fähig.  πνευ̃μα, die Geistkraft Gottes muss am Werk sein. Pfingsten muss geschehen. Die neue Geburt ist ganz und gar Geschenk, ohne alles Zutun des Menschen.

 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Jetzt greift Jesus zum Bild, um Nikodemus eine Brücke zu bauen. Aber es ist ein Bild, das mehr verhüllt als erklärt. Wie die Herkunft des Windes verborgen ist, wie sein Ziel verborgen ist, so ist es auch mit dem Geist. Er weht, wo er will. „Das wunderbare Wirken des Geistes ist an keine berechenbare Regel gebunden, aber es erweist sich in seiner Wirkung.“ (R. Bultmann, aaO. S. 101) Die Wirkung des Geistes Gottes liegt in seiner Freiheit, ist sein Geheimnis.

Die Folgerung liegt auf der Hand: „Christen tragen das Geheimnis ihrer neuen Geburt mit sich herum. Sind sie auch immer noch die „fleischlichen“, also die Erdmenschen, so sind sie doch zugleich schon so, wie Gott sie sieht – und wie er uns sieht, so sind wir.“ (G. Voigt, aaO. S. 61) Hier wird etwas deutlich von dem, dass wir als Christen nie so richtig „selbstbewusst“ sein können. Wir leben aus einer Wurzel, einem Geschehen, einem Sein, das uns doch auch noch verborgen ist. Ein wenig Demut im Auftreten ist deshalb immer angesagt.

9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? 10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht?

            Nikodemus hängt immer noch an der Frage nach dem Wie fest. „Er bleibt bei dem Aspekt irdisch-menschlicher, auf die eigenen Möglichkeiten setzender Gesinnung.“ (U. Wilkens, aaO. S. 69  Er kommt über dem Festhängen am “Wie”nicht dazu, weiter zu fragen. Nach ihm, der vor ihm steht, mit dem er redet. Und Jesus lässt ihn hängen. „Wenn schon Du das nicht weißt.“ So lese ich diesen Satz. Aber es ist ja nur logisch, nach allem, was Jesus schon zuvor gesagt hat und was er nachfolgend noch sagen wird. Nikodemus kann nur innerhalb der Grenzen der Vernunft denken und reden. Das aber, wovon das Reich Gottes handelt, übersteigt unser Verstehen und Begreifen (Philipper 4,7).

11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? 13 Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.

Das ist der Unterschied: Jesus redet von den Angelegenheiten des Himmels, von der himmlischen Wirklichkeit, von der welt-übersteigenden Wirklichkeit Gottes. Wohl ist wahr: „Die Wiedergeburt als der heilsnotwendige Existenzwandel, als die Vorbedingung für das Sehen der Gottesherrschaft, gehört doch nur zu den irdischen Dingen.“ (S. Schulz, aaO. S. 58) Sie geschieht an Menschen dieser Erde. Aber schon sie versteht Nikodemus nicht. Wie soll dann einer wie er, der in der Welt gefangen ist, das verstehen können, was Jesus über den Himmel sagt?

Ich mag den Spruch:

Im Kreis gehen die Menschen                                                             im Käfig ihres Planeten                                                                      weil sie vergessen haben                                                                    dass man zum Himmel aufblicken kann                                                          E.  Ionesco

Aber das Problematische daran ist, dass er so klingt, als wäre der  Aufblick in den Himmel, der Durchblick in die himmlische Wirklichkeit doch irgendwie unsere eigene Möglichkeit. Nein, sagt Jesus, ihr wisst nicht, wovon ihr redet, wenn ihr vom Himmel redet. „Von- oben-Gezeugtwerden ist ein Widerfahrnis.“ (U. Wilkens, aaO. S.70) Nicht eure Möglichkeit. Es ist Geschenk des Himmels. Genauer: des Vaters im Himmel.

Was mir auffällt, ist der Wechsel zwischen wir und ich. Dieser Satz: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. hört sich an wie ein Satz der Gemeinde des Johannes, der Christen oder der Jünger Jesu gegenüber denen, mit denen sie im Gespräch sind. Er beschreibt genau die Situation, die Christen nur zu gut kennen, bis heute. Sie sagen, was sie glauben und der andere versteht nichts. Er hört die Worte, aber er schenkt ihnen keinen Glauben. Das Zeugnis geht ins Leere. Christliches Zeugnis ist keine niemals endende Erfolgsgeschichte. Es ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Das hören wir in den „Volkskirchen“ nicht so gerne. Aber es ist die Wirklichkeit.

            Aus anderen Schriften des Neuen Testamentes wissen wir, dass es mancherlei Erzählungen von Entrückungen und Himmelsreisen gegeben hat. Auch im Umfeld der christlichen Gemeinden. (vgl. 2. Korinther 12, 2 – 4) Diesem Reden wird hier ein Riegel vorgeschoben. Damit auch einem Denken, das jeden, der den Rahmen des Normalen sprengte, zu einem Himmelswesen zu machen neigt, ihn zu vergotten in Gefahr steht: „Als aber das Volk sah, was Paulus getan hatte, erhoben sie ihre Stimme und riefen auf Lykaonisch: Die Götter sind den Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen. Und sie nannten Barnabas Zeus und Paulus Hermes, weil er das Wort führte.“ (Apostelgeschichte 14, 11-12)

                   Uns mag das fremd sein. Wir haben nur noch Fußballgötter und den Wettergott. Dem Denken zur Zeit des Johannes waren Vergottungsgedanken nicht fremd. In der Gnosis ahnte man in jedem Menschen einen göttlichen Seelenfunken, vom Himmel gekommen und von der Sehnsucht nach dem Himmel beseelt.

Dem gegenüber stellt Jesus in der Sprache des Johannes-Evangeliums fest: Es ist nur einer, der in den Himmel aufgefahren ist. Der auch aus dem Himmel gekommen ist. Der Satz  bindet Prä-Existenz und Himmelfahrt Jesu zusammen. Und weiß: Damit gegenüber dem Unglauben zu argumentieren ist müßig. Er wird es nicht begreifen. Der Glaube aber wird erkennen, wie groß der Herr ist, dem er sich vertraut.

            Aus dem Gespräch ist eine Rede Jesu geworden. Ein Monolog. Nikodemus ist längst im Dunkel der Nacht verschwunden. „Von V. 12 an redet nur noch der göttliche Lehrer. Von einem Dialog findet sich auch nicht mehr die geringste Spur!“ (S. Schulz, aaO. S. 53) Das ist aber auch sachgemäß. Ein Dialog beruht darauf, dass die beiden Partner in Augenhöhe miteinander reden. Hier aber spricht der Eine von himmlischen Dingen, die dem Anderen von seiner und ihrer Natur her völlig verschlossen sind. Diese himmlische Wirklichkeit erschließt sich nicht in Frage und Antwort. Sie wird nur im Wort dessen erschlossen, der aus dem Himmel ist.

14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Das Bild von der erhöhten Schlange gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Es hing in unserer einklassigen Volksschule an der Wand. Und es erschloss sich durch das gegenüber hängende Bild von Golgatha. Hier wie dort ging es um den Blick auf das Unheil, auf das Böse, auf die Sünde. „Der Aufblick zur Schlange rettete aus dem Gottesgericht, das man sich durch die Versündigung selbst zugezogen hatte.“(G. Voigt, aaO.  S. 62)Im Aufsehen und sich diesem Urteil stellen, geschieht Freispruch. Ich vermag kaum zu ermessen, wie tief sich dieses Bild meiner Seele und meinem theologischen Denken eingeprägt hat.

 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

            Es kommt der Satz,  der das Evangelium in einen einzigen Satz zusammenfasst. Mehr zu wissen sei nicht nötig, sagen manche. So sehr hat Gott die Welt geliebt…. So weit geht Gott in seiner Liebe. Was mir wichtig ist: Diese Liebe ist Tat, Geschehen, Ereignis. Anders als durch diese Liebe ist die Welt ja auch nicht zu retten.

„Gott liebt diese Welt“ – in der Lampedusa und Syrien Wirklichkeiten sind, der immer währende Konflikt um Jerusalem, in der es Menschen wie Nelson Mandela gibt, aber auch solche wie Adolf Hitler und Josef Stalin und Idi Amin. Menschen, die ihre Hände in Unschuld waschen, weil sie nie etwas gehört und gesehen haben, sich immer raus gehalten haben. Aber auch solche, an deren Händen Blut klebt, die durch den tiefsten Dreck gegangen sind. Und solche, die Erbarmen geübt haben, sich eingemischt haben, Mitmenschlichkeit praktiziert. Diese Welt, der κόσμος, in dem das Unrecht zum Himmel schreit, die Güter so ungleich verteilt sind, die Einen im schamlosen Überfluss innerlich veröden und die Anderen im unfassbaren Mangel ausdorren.

Diese Liebe gilt allen. Aber sie findet ihr Echo nur in denen, die an ihn glauben. Und in diesem Echo wird sie zur Lebenswirklichkeit, zum neuen Fundament. In diesem Echo wird sie zur Eröffnung der Zukunft über die Welt hinaus. Der enge Kreis des Kosmos wird gesprengt in die Ewigkeit Gottes – durch die Liebe, die in Jesus erschienen ist.

Es ist das „Missgeschick“ unserer Sprache und Welterfahrung, dass wir nur in den Kategorien von Raum und Zeit zu denken und zu reden vermögen. Deshalb reden wir von der Ewigkeit Gottes auch in diesen Bildern – als dem Ort im Himmel und als dem Weg durch die Zeit dorthin. Aber vielleicht ist das ja auch die einzig angemessene Weise von dem zu reden, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat (1 Korinther 2,9), was uns aber die Sehnsucht des Herzens abgewinnt.

Wer glaubt, muss sich nicht mehr fürchten, jedenfalls nicht mehr vor dem Letzten, dem Jüngsten Gericht. Er darf auch dem Offenbarwerden vor dem Richterstuhl Gottes (wieder so ein Bild, für das wir keinen Ersatz haben!) getrost entgegen sehen. Denn er begegnet dort ja dem, der ihm die Liebe Gottes hier leibhaftig, wahrhaftig zugesichert hat, zugelebt in der eigenen Hingabe, bis ans Kreuz. Das Kreuz steckt in diesem winzigen Wort gab, έδοκεν, eng verwandt mit dem Wort dahingegeben, παρέδοκεν (Römer 1,24 + Römer 4,25!) das Paulus doppelt gebraucht: Um unser Unterworfensein unter die Sünde und ihre Folgen zu beschreiben und um die Hingabe des Sohnes Gottes zu unserer Erlösung zu beschreiben. Wer an diesen Sohn glaubt, ihm seine Erlösung, seine Liebe glaubt, der muss das Gericht nicht mehr fürchten.

19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

Für einen Augenblick bleibt Johannes bei der Frage, die so quälen kann. Was ist mit denen, die nicht glauben? Sie sind verblendet, blind für das Licht, verliebt in die Wirklichkeit, wie sie sie sehen. Wir tun gut daran, hier alle moralischen Kategorien auszuschalten. Es geht nicht um Moral. Es geht um eine verfehlte Existenz in der Weise, dass der Grund des Lebens, die Liebe Gottes in Jesus Christus, nicht erfasst wird. Mit unserem Denken in solchen Formeln wie der vom „gelingendem Leben“ hat das aber auch nicht das Geringste zu tun.

Existenzverfehlung, weil wir uns Gott schuldig bleiben, uns Gott vorenthalten. Dabei sind wir doch sein Eigentum, wir und die Welt (1,11). Diese Existenzverfehlung ist nicht anders zu überwinden als durch das Wunder von oben, άνωθεν, durch die Wiedergeburt. Unsere menschliche Möglichkeit ist es nicht – weder bei den Ungläubigen noch bei den Gläubigen.

 21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

            Wo aber dieses Wunder geschieht, da hinterlässt es Spuren. Alltagsspuren. Im Tun der Wahrheit, im Tun dessen, was tragfähig ist, lebensdienlich, aus der Liebe geboren. Hier muss man wohl mehr hören wie ein Hebräer, dem die Wahrheit keine theoretische Richtigkeit ist, sondern eine Lebensgrundlage, der man sich vertrauen kann.

 

Herr Jesus, so weit geht Deine Liebe, die Liebe des Vater zu uns, zu dieser Welt, dass Du den Himmel räumst und einer wirst unter uns, dass Du Dein Leben gibst, damit wir glauben und leben.

Unser Vertrauen suchst Du, nicht unsere Unterwerfung. Unsere Liebe suchst Du, nicht unser Nachgeben oder Aufgeben. Uns selbst suchst Du, damit wir Dir nicht verloren gehen auf unseren eigensinnigen Wegen.

Danke, dass Du uns so suchst und liebst. Amen