Ein anderer Weg?

Johannes 2, 13 – 25

13 Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

War es das schon mit dem Wirken Jesu in Galiläa? Nur eine Verschnaufpause? Den vorhergehenden Zeitangaben – am nächsten Tag, am dritten Tag – folgt hier eine andere: das Passafest der Juden war nahe. „In der Formulierung „Das „Päsach der Juden“ drückt sich eine Distanz aus. Die Feste des Jahreskreises sind Sache „der Juden“. (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 60f.) Es wird nicht falsch sein, hinter dieser Wendung schon den Abstand zu spüren, der die Lesergemeinde des Johannes von der jüdischen Gemeinde trennt.  Der Abstand zur „jüdischen Mutterreligion“ ist in den Jahren des 1. Jahrhunderts mehr und mehr gewachsen.

Das Johannesevangelium sieht Jesus – im Gegensatz zu den anderen Evangelisten – mehrfach in Jerusalem. Es ist Zeit für das Passa und er zieht hinauf. Das wird er später noch einmal tun. Aber jetzt ist diese Zeit, seine Stunde noch nicht da (2,3).

14 Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. 15 Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um 16 und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! 17 Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69,10): »Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.«

                Wieder, zum wiederholten Mal, findet er. Diesmal Händler, Wechsler, samt ihrem Viehzeug, Handelsausstattungen und Handwerkszeug. Ob er sie bewusst gesucht hat oder zufällig auf sie gestoßen ist – diese Frage wage ich nicht zu entscheiden. Er hat sie gefunden. Und wird aktiv.

Keinem ist mehr etwas bei dem Treiben im Tempel eingefallen. Alle hatten sich an das Bild gewöhnt, an die Händler, Wechsler, Opfertiere, den Lärmpegel und die Gerüche. Es braucht das alles ja, um die Opfer zu organisieren. Denn Opfer müssen sein, seit altersher. Ja, es ist auch Geschäft, aber doch frommes Geschäft. So wie es heute Kalender, Gebetswürfel, Fischaufkleber, Kreuzanhänger braucht. Die Leute wollen etwas Handfestes in die Hände nehmen können. Ist das so unverständlich? Es ist doch nötig für die ordentliche Ausübung der Religion. Nebenbei: „Es hatte alles seine guten Gründe, was sich da im Tempelvorhof abspielte… Was wäre Jerusalem gewesen ohne die Einnahmen des Tempels?“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 45)

Es kommt zum Tumult. Geschrei, Verwirrung, Empörung, Zorn. Chaotische Zustände. Weil er, Jesus, da steht und die eingeübte Ordnung des Tempels zerbricht. Nicht nur ein paar Verbesserungsvorschläge macht, nicht nur um ein wenig mehr Achtsamkeit vor dem heiligen Ort erbittet. Er greift ein, geht dazwischen, treibt sie alle aus, weil mit ihm die Zeit der Opfer zu Ende ist, ist er doch das eine Lamm, das die Sünde der Welt trägt (1,29). Alle anderen Lämmer, Rinder, Opfertiere sind seitdem frei.

Jesus  hat ein anderes Bild vom Tempel in seiner Seele, seinem Sinn als das, was er da vor Augen hat. Er sieht das Kaufhaus und weiß: Das ist nicht meines Vaters Haus. Es ist „eine prophetische Zeichenhandlung von begrenzter Reichweite“(G. Voigt, aaO.; S. 54), ein Protest. Aber es ist zugleich viel mehr. Jesus will den Tempel anders, mehr noch, einen anderen Tempel.

Wie von selbst stellt sich der Gedanke ein: eine Tempel-Reinigung – was wäre das heute? Es gibt ja so etwas wie ein Chaos an Events, für die Kirchenräume zur Verfügung gestellt werden: Rave-Party, Modenschau, Kunst in der Kirche. Kirchen sind angesagte Veranstaltungsorte, solange sie nicht ihr eigenes Thema zu sehr in den Vordergrund rücken und sich als Bühne nützen lassen, für den Transport von Inhalten, die häufig so gut wie nichts mehr mit der Botschaft des Evangeliums zu tun haben. So manches Konzert in der Kirche wäre auch gut in der heimischen Turn-Halle aufgehoben.

Tempelreinigung heute – ob die Umwelt dafür Verständnis hätte? Die Frage ist wohl falsch gestellt. Die richtige Frage heißt: Schützen wir als Gottes Leute noch diesen Ort „Kirche“? Machen wir Kirche durch unser Tun, unser Verhalten, unsere Worte zu einem Ort des Gebetes, des Innehaltens vor Gott. Darauf kommt es ja letztlich an: wie gehen die, die mit Ernst Christsein wollen, mit der Kirche um? Wenn uns die Kirche dieser Ort der Begegnung mit Gott, des Innehaltens vor ihm, der Anbetung ist, dann erledigen sich viele Frage für den richtigen Umgang mit Kirchen wie von selbst.

 

18 Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst? 19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. 20 Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? 21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.

            Ein Zeichen hat Jesus getan – aber es reicht den Juden nicht. Sie fragen nach einem anderen Zeichen als Legitimation, als Hinweis auf seine Vollmacht. Die Juden haben schon richtig verstanden. Diese Aktion im Tempel ist nicht nur ein wütender Protest eines etwas weltfremden Menschen aus Galiläa.

Die Reaktion Jesu auf ihre Aufforderung ist höchst merkwürdig, genau genommen, eine Verweigerung. Sie geht an der Vollmachtfrage völlig vorbei. Das hat guten Grund. „Ein Legitimationszeichen, auf das hin man ohne Wagnis, ohne Einsatz der Person, Jesus anerkennen könnte, wird abgewiesen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 88)

            Als Antwort gibt er nur dieses rätselhafte Wort über den Tempelabriss. Ein Ding der Unmöglichkeit. Was bis zur Stunde 46 Jahre Bauzeit erfordert hat, ersetzt kein Mensch in drei Tagen. Aber dieses Wort wird, so zeigen die späteren Berichte über die Passion – im Prozess Jesu eine Rolle spielen. Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Auf den ersten Blick geht es nur um das Gebäude. Aber das ist zu kurz geblickt. In Wahrheit geht es um den anderen Tempel, um den anderen Zugangsort zu Gott, dem Vater.

Es war wohl zu erwarten: „Die Juden missverstehen dieses Wort gröblich als anmaßend-unsinnige Selbstüberschätzung.“ (U. Wilkens, aaO.  S. 62) Wer, wie die Juden am äußeren Wort hängen bleibt, kann nur den Kopf schütteln. Absurd. Es wird ein anderes Hören und ein anderes Sehen brauchen, um zu verstehen.

 22 Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.

Darauf hebt der Schluss-Satz ab. Der Evangelist unterbricht seine Erzählung und schiebt eine Erklärung ein: Mit der Auferstehung wird alles anders. Jetzt wird es auf einmal sichtbar: Es geht nicht um Abrissarbeiten am Tempel von Jerusalem. Es geht um den Zugang zum Vater, den der Auferstandene eröffnet. Es geht um die Begegnung mit Gott, die sich ereignet, jenseits des Tempels, auf dem Weg des Lebens mit ihm. „Er ist die Kontakt- und Kommunikationsstelle zwischen Himmel und Erde.“ (G. Voigt, aaO. S. 56) Und darum wird es irgendwann den Tempel nicht mehr brauchen. Das wird – und darum erzählt Johannes diese Geschichte hier – von Anfang an deutlich. Jesus eröffnet in seinem Lebensweg den neuen Weg zu Gott (14,6). Und ist mit seinem Leben Gottes neuer Weg zu den Menschen.

Das alles aber verstehen die Jünger erst später. Erst von der Auferstehung her. Jetzt bekommen sie einen anderen Blick und ein anderes Ohr für die Schriften und für die Worte Jesu. Einmal mehr: erst in der Rückschau wird das Leben verstanden. Gelebt werden muss es in eine Zukunft hinein, auch wenn wir sie noch nicht verstehen.

 23 Als er aber am Passafest in Jerusalem war, glaubten viele an seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die er tat. 24 Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht an; denn er kannte sie alle 25 und bedurfte nicht, dass ihm jemand Zeugnis gab vom Menschen; denn er wusste, was im Menschen war.

Auch die Tempelreinigung ist nicht der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Eher schon – so erzählen die anderen Evangelisten –  ihr Ende. Auslöser für tödliche Anklagen. Hier ist es anders. Es entsteht Glauben an seinen Namen. Glauben, weil er Zeichen tut und sie gesehen werden. Welche das sind, ist dem Evangelisten keine Rede wert. Wohl auch, weil er diesen Glauben, der nur durch Wunder und Zeichen entsteht, überaus skeptisch sieht. Das ist nicht der Glaube, den Jesus sucht, den er schenken will.

Schon ganz zu Anfang des Evangeliums zeigt sich so: Es gibt Glauben, der nicht in die Tiefe geht, der an der Oberfläche bleibt, der nicht Jesus meint, sondern die Sensation. Jesus durchschaut das. Er braucht dazu kein gerichts-festes Zeugnis. Er ist ja der, der die Herzen kennt, der die Menschen kennt. Alle.

 

Herr Jesus, so vieles im Leben verstehen wir erst im Rückblick. So vieles geschieht und wir wissen nicht wirklich, was es bedeutet.

Als Du den Tempel gereinigt hast, Händler und Wechsler vertrieben, da haben viele nur den Tumult gesehen, Aufruhr und Störung der Ordnung.

Dass Du eine neue Ordnung angekündigt hast, einen neuen Weg zu Gott, einen neuen Weg Gottes zu uns, das haben wir wohl bis heute noch nicht wirklich verstanden.

Öffne Du uns immer wieder die Augen und das Herz – für Dich. Amen