Eine Hochzeit

Johannes 2, 1 – 12

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

Es fängt Neues an. Am dritten Tag. Eine Hochzeit. In Galiläa. Vielleicht übertreibe ich ein bisschen. Aber für mich klingt das alles hintergründiger, tiefgründiger als dass nur eine äußere Szene angedeutet würde. Mag ja sein, dass der Evangelist diese Geschichte schon vorgefunden hat. Aber er stellt sie dann bewusst an den Anfang seiner Erzählungen und er gibt ihr bewusst diese Zeitangabe und diese Ortsangabe mit. Ich jedenfalls höre hier schon mit: Der dritte Tag ist der Tag der Auferstehung und der Weg des Auferstandenen führt nach Galiläa und dort trifft er seine Jünger. Es ist dies alles eine Hohe Zeit.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

           Die Mutter Jesu ist die erste, die handelt. Sie bemerkt, dass sich eine Blamage anbahnt. Eine Hochzeit, bei der der Wein ausgeht. Das wird Ortsgespräch in Kana sein, so wie es Ortsgespräch bei uns ist, wenn bei einem Fest alles zu knapp ist und alle hungrig und durstig gehen müssen.  Ist sie besorgt? Liegt ihr an den Gastgebern, dem Hochzeitspaar? Es lassen sich viele Gründe für ihre Intervention bei dem Sohn vorstellen. Genannt wird nur der sachliche Grund: Sie haben keinen Wein mehr. Manchmal ist die Feststellung einer Tatsache die stärkste nur denkbare Aufforderung zum Handeln: Es brennt! Und jeder weiß, was zu tun ist.

Jesus hat verstanden, auch wenn er sich schroff verweigert. Γύναι, Frau, Weib (Luther-Übersetzung 1964!) statt Mutter. Das signalisiert Abstand, Widerstand. Ich lasse mich nicht von dir treiben. Dahinter mag auch das stehen: Die Verwandtschaft zu Jesus sichert keine Vorzugsstellung. Sie ist kein Argument, mit dem man sich seiner bemächtigen könnte. „Der Gottmensch wird in seinem Handeln nicht durch verwandtschaftliche Bande bestimmt.“(S. Schulz, aaO. S. 46) Handeln wird Jesus nur, wenn seine Stunde gekommen ist, wenn er von oben freie Bahn hat. Das wiederholt sich im Laufe des Evangeliums.

Die Mutter aber, Maria, lässt sich nicht beeindrucken durch die Abfuhr, die sie erhält. Sie erwartet sein Handeln trotzdem. Das kann ich auch als Hinweis lesen. Lass dich nicht beeindrucken und irritieren, wenn Gott mit seinem Handeln verzieht, deine Erwartungen nicht gleich erfüllt.

Er wird zwar eine Weile mit seinem Trost verziehn
und tun an seinem Teile, als hätt in seinem Sinn
er deiner sich begeben, und sollt’st du für und für

in Angst und Nöten schweben, als frag er nichts nach dir.

Wird’s aber sich befinden, daß du ihm treu verbleibst,
so wird er dich entbinden, da du’s am mindsten glaubst;
er wird dein Herze lösen von der so schweren Last,                   
die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.                                              P. Gerhardt 1653    EG 361

6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

            Sechs steinerne Wasserkrüge stehen da – große Krüge, Fassungsvermögen ca 600-700 Liter. Alles für die Reinigung. Das lässt auf strenge Beobachtung der Reinheitsvorschriften schließen. Eine jüdisches Haus, dem an den Geboten gelegen ist.

7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.

An diesem Auftrag ist nichts spektakulär. Man kann höchsten fragen: Was nimmt  Jesus sich heraus, bei einer Hochzeit, bei der er doch nur Gast ist. Aber die Diener tun, was er sagt. Keine Frage nach seinem Recht. Sie gehorchen. Ob sie innerlich den Kopf geschüttelt haben? Wofür soll der Speisemeister Wasser aus dem Vorrat für die Reinigung verkosten? Aber nichts dergleichen wird erzählt.

9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.

            Unter der Hand ist aus Wasser Wein geworden. Die es wissen, erzählen nichts vom Urheber des Wunders. Die es nicht wissen, fragen nicht, wer dahinter steckt. Nur eine Irritation beim Festordner bleibt. Normal ist es doch anders herum. Man vermindert mit abnehmenden Geschmacksfähigkeiten auch die Qualität. Es ist ein wenig amüsant, wie selbstverständlich die Erwartung erscheint: Am Ende sind alle betrunken.

Keine Geschichte für Abstinenzler, Blaukreuzler. Keine auch für die, die es hautnah und schmerzhaft erfahren, wie der unmäßige Alkoholgenuss Menschen zerstören kann. Wohl aber eine, die zum Image Jesu passt: „Ein Fresser und Weinsäufer.“(Matthäus 11,19) Einer, der keine Einladung ausschlägt. Einer, der seine Zeit als Hochzeit ansieht, in der kein Platz für Fasten ist, sondern Feiern angesagt ist: „Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.“ (Matthäus 9,15)

11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Ein Wunder ist geschehen und keiner hat es gemerkt. Keiner hat darüber die Fassung verloren. Die Hochzeitsgesellschaft hat dankbar weiter gefeiert, weil ihr egal ist, woher der Wein stammt. Das Brautpaar hat nichts mit bekommen. Die Diener haben nicht getuschelt: Was ist das für einer!? Ein Wunder ohne alle Zutaten einer normalen Wundergeschichte. Selbst von Maria hören wir nicht: Ich habe es ja gleich gewusst.

Ein Zeichen. Σημείων. Auftakt einer neuen Zeit. An die Stelle der alten Zeit, der Gebote mit ihren Reinigungsritualen tritt die Freudenzeit, weil  der Bräutigam da ist (3,29-30). Die Herrlichkeit leuchtet auf und sucht die Freude und den Glauben. Dass seine Jünger an ihn glauben, hängt nicht an diesem Weinwunder. Sie werden ja auch gar nicht als Augenzeugen, die staunen oder erschrecken, benannt, im Gegensatz zu den Wundergeschichten, die die Synoptiker erzählen. Ihr Glauben hängt an ihm.

Es gibt den strengen Hinweis in manchen Kommentaren, dass diese Geschichte nichts mit dem Sakrament zu tun hat und es beim Wein nicht um das Blut Jesu geht. Mag sein, dass die Kommentare Recht haben. Die Kirchenväter haben sich mit ihren Einsichten nicht immer an unsere Kommentare gehalten. Der heilige Hieronymus wurde einmal gefragt: „Haben denn die Hochzeitsgäste die sechshundert Liter allein getrunken?“ „Nein“, erwiderte Hieronymus, „wir trinken noch heute davon.“ Es wäre doch schade, wenn wir diese schöne Anekdote nicht hätten. Und, bei allen Fragen, ob denn so ein Wunder „notwendig sei“, gilt: Jesus zeigt „sich als der, der auch in kleinen Verlegenheiten, die zu großen Verlegenheiten werden könnten, seine Hilfe nicht versagt.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 39)Es gibt keine Not, die für ihn zu klein, zu nebensächlich ist, so dass man sich nicht an ihn wenden darf.

Natürlich gibt es Menschen, die fragen: Ist so etwas denn vorstellbar? Ist das wirklich geschehen? Aber Johannes erzählt nicht, damit wir diese Frage stellen. Er erzählt, um uns zu fragen: „Kannst du glauben, dass Jesus Christus auch dir in deiner Gemeinde deine Gaben zuteil werden lassen will im Abendmahl? Kannst du glauben, dass er deine Angst in Freude, deine Schuld in Vergebung, deine Not in Hilfe wandeln kann, dadurch, dass er selber sich dir schenkt?“ (T. Jänicke, aaO. S. 43) Die Gaben weisen immer über sich hinaus auf den Geber, der Wein auf den, der ihn verwandelt hat.  Nur so, im Glauben werden aus den Gaben, wird aus dem Wein Zeichen. Das erste, dem noch viele folgen werden.

 12 Danach ging Jesus hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und sie blieben nicht lange da.

            Bleibt nur noch die überaus nüchterne Notiz: Die Hochzeit ist irgendwann zu Ende. Jetzt geht es in einen Alltag in Kapernaum, von dem nichts weiter zu erzählen ist. Jesus, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger. Andernorts hört es sich fast ähnlich an: Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan.“ (Lukas 2,51)

Es ist wie eine Verschnaufpause. Ein Atem holen. Innehalten. Sich sammeln.

 

Jesus, Freudenmeister, Heilsbringer. Du willst Fülle schenken und nicht nur karges Überleben sichern. Du zeigst in Deinem Schenken schon den Reichtum des Vaterhauses. Du nimmst das Fest vorweg, zu dem wir unterwegs sind.

Du handelst, wenn Deine Zeit da ist. Aber wir dürfen Dich bitten, Herr, um Dein Handeln in unsere Zeit hinein. Amen