Finden – gefunden werden

Johannes 1, 35 – 51

35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.

Ein neuer Tag, aber die gleiche Botschaft. Johannes hat an dem nächsten Tag nichts anderes zu sagen als am Tag zuvor. Siehe, das ist Gottes Lamm! Wir erfahren ja nicht, wer am ersten Tag die Worte des Johannes gehört hat und welches Gehör sie gefunden haben. Jetzt aber hören zwei Jünger des Johannes (!) und folgen Jesus. Bemerkenswert: „Johannes hindert sie nicht daran, sich dem Größeren“ zuzuwenden. Vielleicht haben sie sogar aus dem persönlich an sie gerichteten Zeugnis des Täufers die indirekte Aufforderung herausgehört, in die Nachfolge Jesu einzutreten.“ (J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 74)

Dahinter mag historische Erinnerung stehen, dass es Johannes-Jünger gab, die zu Jesus-Jüngern geworden sind. Aber dem Evangelisten liegt nicht an dieser historischen Richtigkeit. Ihm liegt daran zu zeigen, dass das Zeugnis: Siehe, das ist Gottes Lamm! erste Schritte hinter Jesus her und so Glauben, Nachfolge auslöst. Seine Leser*innen sollen es hören: Zum Glauben kommt es durch dieses Sagen von Jesus und Zeigen auf Jesus. Anders geht es nicht. Du kannst und musst keinen zum Glauben überreden.

38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

Lese ich zu viel: Wo so auf Jesus gezeigt wird, da wendet er sich zu? Wo einer, eine anfängt, den Weg hinter Jesus her zu gehen, da wendet er sich zu. Da sieht er hin. Was sucht ihr? fragt Jesus. „Jesu Frage setzt voraus, dass sie etwas suchen, dass es eine Frage in ihnen gibt, deren Antwort sie bei ihm erwarten.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 47) Es gehört zur Eigenart Jesu, die auch bei den anderen Evangelisten sichtbar wird, dass er Menschen fragt: Was willst Du? Was erwartest Du? Und hier eben: Was sucht ihr?

τί ζητει̃τε; ist das erste Wort, das Jesus im Evangelium spricht; es ist offenbar die erste Frage, die an den gerichtet werden muss, der zu Jesus kommt, über die er sich klar werden muss.“ (R. Bultmann, aaO. S.70) Was sucht ihr? Solche Fragen sind Hilfen, sich selbst klar zu werden. Und wie wichtig ist das, vor dem Weg in die Nachfolge, für den Weg in die Nachfolge, sich selbst klar zu werden: Was erwarte ich – für mich, von ihm? So reicht die Frage Jesu über die beiden Johannes-Jünger hinaus bis zu uns, die wir heute das Evangelium lesen: Was sucht ihr?  Wir sind mit ihnen gefragt.

Ich übersetze die Antwort der beiden Jünger in meine Sprache: Wo bist du Zuhause? Wo ist der Ort deiner Geborgenheit? Es klingt, als würden sie nach einer Adresse fragen, Hausnummer inbegriffen. Aber die Frage geht doch wohl tiefer. Und erst recht die Antwort. Kommt und seht! Die Antwort auf ihre Frage findet sich nicht in einer Auskunft, sondern auf dem Weg. Wenn sie mit Jesus gehen werden, werden sie sehen, wo er Zuhause ist, bei wem er geborgen ist. „Man kann jedem, der hinter das Geheimnis Jesu kommen will, nur raten: Bleib dran, hör ihm zu!….Indem man sich Jesus und seinem Wort „aussetzt“, wird man früher oder später entdecken, wer er ist.“(G. Voigt, aaO. S.45)

            Später, in den Abschiedsreden, wird Jesus den Jüngern sagen: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“  (14,2-3) Das wird dann der Ort des ewigen Bleibens sein.

Nichts in diesem Evangelium ist nebensächlich. Auch die Zeitangabe nicht. Es war aber um die zehnte Stunde. Ob sich historische Erinnerung meldet, ist nicht nachprüfbar, wohl auch tatsächlich dann doch eher nebensächlich. Aber die zehnte Stunde ist nach Philo der τέλειος αριθμός (R. Bultmann, aaO. S.70, Anm. 5), der vollkommene Augenblick, die Zeit der Erfüllung. In meinen Worten: Es ist die Gottesstunde im Leben eines Menschen, wenn er zu Jesus kommt, sieht und bleibt.

40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Jetzt wird einer der beiden identifiziert. Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der, selbst gerade erst gefunden, wird zum Zeugen, findet seinen Bruder. Und was er ihm sagt, greift hoch. Wir haben den Messias gefunden. Mit diesem Wort finden, ευρίσκειν, spielt“ der Evangelist ein wenig. Er deutet damit an, dass es um mehr geht als um Entdeckungen nach Menschenart. Niemand findet von sich aus Gott. Wir werden von ihm gesucht und gefunden. Aber selbst gefunden können wir anderen sagen, wer uns gefunden hat.

Es ist eine eindrucksvolle Kette von  Würde-Namen, Hoheitstiteln, Bezeichnungen für Jesus in diesen ersten Szenen. Der eingeborene Sohn, Lamm Gottes, Sohn Gottes, Meister, Messias, Christus. Als könnte sich Johannes gar nicht genug tun mit Titeln. Oder will er uns sagen: Alle Titel zusammen genommen sind nur ein Staunen über das Geheimnis Jesu: Glaube doch nicht, dass Du ihn auf den Begriff bringen kannst, auf den Titel.

Worauf es ankommt: Andreas führt seinen Bruder zu Jesus. Er wird seine ganz eigenen Erfahrungen mit ihm machen. Jeder hat das Recht auf seine eigenen Erfahrungen mit Jesus. Und diese Erfahrungen des Simon Petrus fangen damit an, dass Jesus ihn sieht , ansieht. Von nun an ist er ein angesehener Mensch. Das wird so bleiben bis in die bittere Stunde im Hof des Hohenpriesters. „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.“ (Lukas 22,61)

Petrus bekommt, so angesehen, einen neuen Namen: Petrus. Fels – auf Hebräisch und Griechisch. Für Juden und Heiden? „Ein Hoheitsakt Jesu. … Jesus ist es, der seine Leute zu dem macht, was sie sind. Nicht die natürliche Begabung macht’s, nicht die Entwicklung und Bildung (obwohl dies alles, je an seinem Ort, dienlich sein kann).“(G. Voigt, aaO. S. 46) Dass er so benannt wird, wird ihn dazu werden lassen, zum Felsenmann. Alle späteren Erfahrungen inbegriffen.

Karg ist die Erzählung. Reduziert auf das Wesentliche. Und darin wegweisend. „So wird man zu Jesu Jünger; jemand weist mich auf ihn hin, ich folge ihm, er wendet sich mir zu, blickt mich an und fragt mich, was ich suche, ich antworte ihm: dort, wo er bleibt, möchte ich bei ihm bleiben, er lädt mich ein zu kommen und verheißt, ich werde es zu sehen bekommen, ich komme und sehe und bleibe.“ (U. Wilkens, ebda.) Das ist kein Modell von damals – es ist das Modell des Christwerdens bis heute.

43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.

            Es gibt keinen Stillstand in der Erzählung. Es ist wie ein Kontrastprogramm zu dem zeitlos wirkenden Anfang des Evangeliums: Am nächsten Tag. Wieder wird einer, Philippus, gefunden, unterwegs, auf dem Weg nach Galiläa, wie zufällig. Es ist für das Johannes-Evangelium festzuhalten: „Es ist das einzige Mal, dass Jesus selbst einen Jünger beruft.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 48) Dieses Finden Jesu ist kein Zufall. Das zeigt sich an dem Ruf: Folge mir nach! Bei Markus heißt es: Und er rief zu sich, welche er wollte.“(Markus 3,13) Das steckt hinter dem Finden Jesu: Er hat Philippus gewollt.

 45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!

Gefunden werden löst neues Finden aus. Jetzt ist es Philippus, der Nathanael findet. Und wie zuvor Andreas wird auch Philippus alsbald zum Zeugen Jesu. Nicht so knapp wie Andreas, nicht mit einem Hoheits-Titel, nicht: Christus. Es ist ein wenig umständlich, wie Philippus redet. Und doch trifft sein Zeugnis eine Grundüberzeugung der ersten Gemeinde. Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben. Das glaubt ja die Christenheit, so liest sie die hebräische Bibel: Mose und die Propheten weisen hin auf ihn, auf Jesus. Er ist es, von dem sie immerzu reden.

Er kommt aus Nazareth, einem Kaff in Galiläa. „Dass Nazareth in einem schlechten Ruf gestanden habe, ist unnötig zu vermuten; es genügt, dass es ein unbedeutendes Dorf war.“ (R. Bultmann, aaO. S. 73) Nathanael ist darüber irritiert. Der Verheißene Gottes kommt doch nicht aus so einem Nest. Nichts spricht für Nazareth als Herkunftsort. Aus der Irritation des Nathanael entwickelt sich ein Dialog. Wohl auch, weil er nötig ist: „Nathanael wird nicht durch das einfache Wort des eben gewonnenen Philippus überzeugt.“(T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 36),    

47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. 49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

            Kein Wort des Vorwurfs aus dem Mund Jesu. Keine Korrektur, kein „Sei nicht so arrogant.“ Statt dessen Wertschätzung. Du trägst Deinen Namen Israelit zu Recht. Bei Lukas hört sich das vergleichbar so an: „Auch er ist Abrahams Sohn.“(Lukas 19,9) Geht es hier um das Wesen des Nathanael? Darauf mag die Erläuterung hinweisen: in dem kein Falsch ist. Aber das ist zweitrangig. Mir scheint, es geht um mehr als um einen Einblick in seine Wesensart. Es ist eher auf Nathanaels Stand vor Gott, auf seine Berufung abgehoben. Das ist Jesu Kennen. Er sieht den Nathanael in seiner Berufung, seinem Stand – Israelit, Glied des Gottesvolkes.

„Jesus redet ihn als Israeliten an und gebraucht damit den Ehrentitel, den einst der Gottesstreiter Jakob erhielt.“(T. Jänicke, ebda.)Es geht hier demnach nicht um ein geheimnisvolles Wissen Jesu, auch nicht um ein zweites Gesicht, auch nicht um den Herzenskenner Jesus, wie er ja vielfältig in allen Evangelien dargestellt wird. Sondern hier geht es darum, dass Jesus Menschen auf das hin ansieht, was sie von Gott her sind, der ihre Zukunft vor Gott schon im Blick hat und ihnen ihre Zukunft mit seiner Anrede öffnet. So, sollen wir Leser*innen hören, so sieht er auch dich an, auf deinen Stand, den du von Gott her schon jetzt hast.

So angesehen – und nur so: durchschaut, auf die Tiefe seiner Existenz hin angeschaut – antwortet Nathanael. Er, der unter dem Feigenbaum, Baum des Studiums, der Lehre, der Erkenntnis gesessen hat, er erkennt jetzt durch dieses Wort, mit wem er es zu tun hat. Er hört die Wertschätzung, die Anerkennung, die Würde, die ihm, dem Skeptiker, beigelegt und zugesprochen wird. Und so kommt es dazu, dass er bekennt. Aus dem Augenblick heraus, über den Augenblick hinaus Gottes Sohn. König von Israel. Gotteslästerung werden die einen später rufen.  Politischer Aufruhr die anderen. Und beides wird reichen, um ihn ans Kreuz zu bringen.

Nathanael Antwort geht über das Erwartungsbild jüdischen Denkens über den Messias hinaus. Ausgelöst dadurch, dass er sich erkannt sieht, kann er selbst erkennen. „Das Erwartungsbild der Tradition verstellt ihm nicht die Erfahrung der so ganz anderen messianischen Wirklichkeit Jesu.“ (U. Wilkens, aaO. S. 51) Mehr noch: er hat ja nichts gesehen als einen Menschen, kein Wunder, kein Zeichen. Er ist nur einem Menschen, diesem Menschen begegnet. Das lässt ihn zum Glauben kommen, „dass Jesus in der personalen Begegnung mit ihm die ganze Wunderbarkeit des Wesens Gottes konkret erfahrbar werden lässt.“ (U. Wilkens, aaO. S. 52)  Glauben ist Begegnen und Glauben entsteht aus Begegnen.

50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen.

Es ist ein Anfang. Nathanael hat Großes gesagt, weil er diesen Augenblick als groß empfunden hat. Ein erster Schritt im Glauben. Πιστεύεις. Du glaubst. Zum ersten Mal taucht hier dieses Hauptwort des Evangeliums auf. Aber es ist nur ein Anfang. Es wird mehr, Größeres zu sehen geben, im Leben des Nathanael und im Leben der Leser.

51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

            Zu denen hin weitet sich ja die Szene. Aus dem Du wird ein Ihr. Der Himmel ist offen. Und wie einst im Traum des Jakob auf der Flucht ist der Abstand zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch überbrückt. Die Engel Gottes fahren hinauf und herab über dem Menschensohn. Keine Leiter mehr wie bei Jakob. Jesus ist der, in dem sich Himmel und Erde berühren. Wer es mit ihm zu tun bekommt, über dem öffnet sich der Himmel.  

Wieder trifft es wohl das alte Weihnachtslied, wenn es singt:

Heut schließt er wieder auf die Tür                                          zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür.                                          Gott sei Lob, Ehr und Preis!      N. Hermann 1560, EG 27

Der offene Himmel über dem Menschensohn ist ein Versprechen an uns. Er ist für uns geöffnet, damit wir den Heimweg finden in das Vaterhaus. Dafür steht Jesus einμν μν. Wahrlich, wahrlich.  Noch zwanzigmal wird dies im Evangelium so klingen. Es ist Wort aus dem Mund Jesu, das bleibt. Ewig.

 

Herr Jesus, das kann ich mir kaum vorstellen: größere Wunder als Dein Sehen, Erkennen und Rufen. Es geht mir wie Nathanael. So angeschaut zu werden ist doch das Größte.

Und doch gibt es noch Größeres zu sehen: Deine Taten, Deine Liebe, Deine Hingabe, Deinen Weg bis ganz nach unten, in dem Du uns den Weg nach Hause frei machst.

Du selbst bist das Wunder über allen Wundern. Dafür danke ich Dir. Auf Dich will ich sehen mein Leben lang. Amen