Christe, du Lamm Gottes

Johannes 1, 29 – 34

29 Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! 30 Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. 31 Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser.

            „Jesus betritt die Szene. Johannes steht allein, wie auf einer leeren Bühne und die Leser sehen mit Johannes Jesus auf ihn zukommen. Man erfährt nicht, woher er kommt und was er will.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 40 )Es ist der erste Auftritt Jesu. Wortlos. Der das Wort ist, muss nicht immerzu Worte machen.

Manchmal haben Texte Hinweise, die wir leicht überlesen. Gleich zweimal sagt Johannes: „Und ich kannte ihn nicht“! Wer die Texte des Lukas im Ohr hat, wundert sich: Johannes und Jesus sind doch Verwandte! Aber darauf bezieht sich das Wort des Johannes offensichtlich nicht. Selbst wenn er wusste: Das ist Jesus von Nazareth, Sohn der Cousine meiner Mutter: Er kennt ihn nicht.

Das heißt doch: Das natürliche Wissen über die Herkunft Jesu sagt noch nichts über ihn. Johannes kennt – vorläufig gesagt – die Bestimmung Jesu nicht aus eigener Kraft und Weisheit. Was an ihm „dran“ ist, wer er in Wahrheit von Gott her ist, das weiß Johannes nicht aus seiner Bekanntschaft.

Bei den Synoptikern wird die Taufe Jesu so erzählt: In der Taufe Jesu wird sichtbar, wer er ist – für Jesus selbst. Er hört den Satz vom Himmel her: Du bist mein geliebter Sohn. Im Johannes-Evangelium wird das so nicht erzählt. Wohl aber wird gesagt: Dem Täufer gehen die Augen auf, weil sie ihm geöffnet werden. Das ist kein Zufall – das ist die Absicht, Sinn  seiner Sendung. Dazu war Johannes zum Täufer geworden, dass er in der Taufe dieses einen, Jesus, erkennt, wer der ist – und dass er dann auch zu seinem Zeugen wird.

            Unvermittelt erzählt das Evangelium, uninteressiert an der Entwicklung einer Geschichte. Es reiht Szene an Szene. Eben noch die Kommission, die ein Zeugnis (1,19) von Johannes abfordert. Und jetzt Johannes, der unaufgefordert, aber doch innerlich frei und genötigt zugleich, Zeugnis ablegt. Für Jesus. Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

            Er ist das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, er ist der, der die fremde  Krankheit, den fremden Schmerz, die fremde Sünde trägt. Es wird wohl so sein, dass Johannes seinen Propheten Jesaja wieder und wieder gelesen hat und dass ihm darüber die Augen aufgegangen sind für Jesus.

Fürwahr, er trug unsre Krankheit                                            und lud auf sich unsre Schmerzen.                                          Wir aber hielten ihn für den,                                                    der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet              und um unsrer Sünde willen zerschlagen.                          Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten,        und durch seine Wunden sind wir geheilt.                                                                         Jesaja 53, 4-5

Es ist das Kenn-Zeichen Jesu als des Sohnes Gottes: Er ist das Geschenk der Gegenwart Gottes in eine Welt hinein, die in sich selbst verkrümmt ist. In seinem Kommen wird die Gottesferne der Welt aufgehoben. „Jesus ist der Heilbringer, weil er der ist, der die Sünde der Welt hinwegnimmt.“(R. Bultmann, aaO. S. 66) Die „Sünde der Welt“ ist eine Formulierung, die über den Einzelnen hinaus weist. Es geht im Kommen Jesu um die Welt und nicht nur um das Individuum.

Nun steht das Wort im Johannes-Evangelium aber in Kapitel 1 und nicht in Kapitel 18. Damit wird dieses Wort der Programm-Satz für das ganze Johannes-Evangelium.  Es steht über dem ganzen Weg Jesu und nicht nur über der Passion. Das Tragen der Sünde der Welt, Das Wegtragen – so wörtlich αρων – beginnt nicht erst am Anfang der Karwoche. Das Lamm, das die Sünde der Welt trägt, ist mehr als ein anderes Wort für den Weg an das Kreuz. Es geht nicht nur um die Kar-Woche – es geht um den ganzen Weg Jesu von der Hochzeit von Kana an bis zu den Begegnungen am See nach der Auferstehung. Es ist das Leitmotiv, das uns verstehen lässt, was da geschieht, was uns erzählt wird. Der Schlüssel zum Sehen auf Jesus. Wir sehen ihn – der „für uns“ ist und „für uns“ lebt und „für uns“ stirbt und „für uns“ aufersteht.

Sofort sind die Fragen da, die uns nie loslassen: Geht das denn, dass einer die Sünde der ganzen Welt trägt? Geht das: Einer auf sich nimmt, was wir getan, versäumt, unterlassen haben? Was wir anderen an Leid und Schmerz zugefügt haben? Geht Stellvertretung? Stellvertretung in den Kosten der Existenz. Oder gilt nicht doch: Jeder steht und stirbt für sich allein?

Wenn andere einen Weg gehen, unbefangen, einigermaßen sorglos, der gefährlich erscheint und ich sehe die Gefahr, die sie nicht sehen, dann belastet mich das. Kinder fahren mit dem Wohnmobil in Urlaub und ich bekomme mit: Über dem Weg vor ihnen ist eine Orkan-Warnung. Sofort hakt sich der Gedanke fest: wenn eine Windböe das Fahrzeug erfasst… Die Nacht wird unruhig. Wie sehr entlastet am Morgen die Nachricht: Wir stehen auf einem Camping-Platz und warten ab. Alltägliche Lasten, die zu schaffen machen: wir sehen Gefahren, die ein anderer nicht sieht. Wir tragen unsichtbar Lasten, während der andere sich frei fühlt. Wenn es gut gegangen ist, dann ist Zeit der Entlastung, Aufatmen.

Das alles ist nicht Tragen der Sünde – nur ein Tragen von Lasten, die das Leben schwer machen können. Es ist mit dem Satz des Täufers ja nicht gesagt, dass die Welt ihre Sünde kennt, dass sie sich ihrer Sünde bewusst ist. Es ist auch nicht ausgemacht, dass wir uns als belastete Sünder empfinden. Nur das sagt der Satz: Er trägt. Er nimmt auf sich, was gegen die Welt und gegen uns spricht. Er übernimmt Stellvertretung, die wir so gar nicht für möglich halten.

32 Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. 33 Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist’s, der mit dem Heiligen Geist tauft. 34 Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.

Es ist keine Steigerung, wenn es hier heißt: Dieser ist Gottes Sohn. Es ist ein  Zusammenführen verschiedener Aspekte. Das Lamm, das die Sünde der Welt trägt, ist der Sohn Gottes. Die beiden Sätze beleuchten sich gegenseitig. Sie gewinnen darin ihre Tiefe, ihren Glanz. Der Sohn stellt sich unter die Sünde der Welt. Das Lamm ist der Sohn. Oder, mit den eigenen Worten: Gott selbst lädt sich die Last der Welt auf, sich selbst, nicht irgendeinem Lasttier.

Jetzt „erklärt“ Johannes, wie er zu seiner Sicht kommt. Sie ist ihm aufgegangen, als ihm der Himmel aufgegangen ist. Sie ist ihm zugefallen, als er Jesus getauft hat. Wobei merkwürdiger Weise keine Taufe Jesu durch den Täufer im Johannes-Evangelium erzählt wird! Sie kann nur aus diesen Worten erschlossen werden. Aber die Tatsache einer Taufe Jesu ist eng mit der Erzählung der anderen Evangelisten verknüpft. Und doch eigenständig. Johannes empfängt für die Taufe Jesu ein Versprechen Gottes, eine Verheißung. Sie wird ihm zur Offenbarung, wen er da tauft.

So wird klargestellt, gleich am Anfang des Evangeliums: Es gibt kein Wissen um Jesus als den kommenden Offenbarer, als den Sohn Gottes aus der Kenntnis der Geschichte, oder aus historischer Information oder aus der eigenen Religiosität heraus! Es braucht den Augen öffnenden Geist Gottes dazu.

So sagt es auch Luther in seiner Erklärung zum 3. Artikel „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben; in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird. Das ist gewisslich wahr.

Auch wir heute haben als Zeugen nur etwas zu sagen, wenn wir Empfangende bleiben, wenn Gottes Geist uns die Augen öffnet und die Zunge löst. Was wir aus dem eigenen Wissen heraus sagen, auch aus dem eigenen theologischen und geistlichen Wissen, greift immer zu kurz, kann nicht zum Zeugnis werden, das Gott braucht. Es muss von Gott beglaubigt werden.

Um auf Jesus als den Christus zu  zeigen, ist Johannes beauftragt. Er geht so weit, dass er sagt: Das ist der Sinn meines Täufer-Seins. Das ist nicht um seiner selbst willen da – sondern um deswillen, dass Jesus offenbar wird und ich auf ihn zeige, für ihn zeuge.

Zumindest fragen darf ich: Geht es hier nicht um den Sinn seines Lebens, um seine tiefste Bestimmung? Das Zeugnis für Jesus ist jedenfalls mehr als nur ein Abfall-Produkt seines Auftretens sonst am Jordan. Wenn ich das weiter spinne: Gilt das auch für uns – es gibt einen Zusammenhang zwischen unseren Aufgaben für das Reich Gottes und der Sinn-haftigkeit unseres Lebens? Es gibt manchmal diesen Augenblick, in dem einer erkennt: Dafür bin ich da. Dafür habe ich diese Wege auf mich genommen. Ich habe es nicht vorher gewusst, aber jetzt sehe ich das. Ich bin Teil eines Planes, den nicht ich mir ausgedacht habe. Gott hat sich etwas dabei gedacht, dass ich da bin, wo ich bin.

 

Christe, Du Lamm Gottes. So oft singe ich das zusammen mit der Gemeinde und schließe mich so an Johannes an, leihe mir seine Worte, glaube ihm sein Zeugnis.-

Ich muss den Glauben nicht neu erfinden. Ich darf einstimmen, übernehmen, nachsprechen – bewährte Worte, die sich bewahrheitet haben durch die Zeit.

Ich danke Dir, Jesus, dass ich so zu Dir rufen darf. Christe Du Lamm Gottes erbarme Dich unser. Amen