Die Lade – nur ein Kasten

  1. Mose 10, 1 – 9

1 Zu derselben Zeit sprach der HERR zu mir: Haue dir zwei steinerne Tafeln zu wie die ersten und komm zu mir auf den Berg und mache dir eine hölzerne Lade, 2 so will ich auf die Tafeln die Worte schreiben, die auf den ersten waren, die du zerbrochen hast; und du sollst sie in die Lade legen.

Gott macht einen neuen Anfang! Gott findet sich nicht mit den zerbrochenen Tafeln, mit dem gebrochenen Bund ab. Es liegt auf der Linie des bis hierher Erzählten: Von Umkehr des Volkes, von Reue gar ist keine Rede. Nirgendwo steht, dass das Volk sich das Gebet des Mose, seine Fürbitte zu eigen gemacht hätte als seine eigene Bitte an Gott um Vergebung. „Das Gebet Moses hatte nicht die Bußgesinnung des Volkes zur Voraussetzung, auch ist von keiner Änderung, ja Fähigkeit zur Änderung der Gesinnung die Rede.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 119) Dieser neue Anfang in der  erneuten Niederschrift der Gebote hat allein in Gott seinen Grund.

Mose wird mit Vorarbeiten beauftragt: zwei steinerne Tafeln, ein Holzkasten – die Lade, die bis in unserer Zeit so viel Phantasie auf sich gezogen hat. Das Entscheidende aber wird Gott selbst tun: Er wird auf die Tafeln die Worte schreiben, die schon auf den ersten Tafeln standen. sozusagen „Zehn Worte – Duplikat“. Mose soll sie „nur“ aufbewahren.

   3 So machte ich eine Lade aus Akazienholz und hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und ging auf den Berg und hatte die beiden Tafeln in meinen Händen. 4 Da schrieb er auf die Tafeln, wie die erste Schrift war, die Zehn Worte, die der HERR zu euch geredet hatte mitten aus dem Feuer auf dem Berge zur Zeit der Versammlung; und der HERR gab sie mir.

             So also zeigt der Text Geschehen auf dem Berg – zwischen Gott und Mose. Mose baut die Lade. Gott schreibt die Zehn Worte. Auf die Tafeln, die Mose zu ihm gebracht hat.  Sind also die Zehn Worte vom Himmel gefallen, Originalschrift Gottes? Wie muss man sich das vorstellen, dieses Schreiben Gottes? Am besten gar nicht. Die Kommentare schweigen sich auch entsprechend dazu aus. Nur darauf kommt es an, was mit diesem „Schreiben“ gesagt sein soll: hinter den Zehn Worten steht die Autorität Gottes. Sie sind nicht menschlichen Vereinbarung entsprungen und als solche Vereinbarungen auch Revisionen unterworfen, die sie gerne einmal zeitgemäßer würden fassen wollen. Sie sind Gottes Setzung –  geredet mitten aus dem Feuer, empfangen im Hören des Volkes zur Zeit der Versammlung  und jetzt eben vom HERRN dem Mose gegeben.  

Man sagt ja gerne – diese Zehn Worte seinen nichts anderes als ein Reflex des Menschheits-Ethos. Das mag gelten ab dem Gebot der Eltern-Ehrung. Aber die ersten Worte  über Sabbat und Heiligung des Gottes-Namens, die Exklusivität Gottes, das Bilder-Verbot und erst recht die „Präambel“ Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“(5,6) sind exklusiv für Israel, nur diesem einen Volk und dann auch uns Christen eigentümlich. Das ist nicht gemeinsames Menschheits-Erbe. Das ist geboren aus der Erfahrung am Sinai. Offenbarungs-Wort des Ewigen. Des Schöpfers der Himmel und der Erde. Das ist für immer festgeschrieben in dem so schlichten Satz: der HERR gab sie mir.

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Ein ernüchternder Rückblick

  1. Mose 9, 15 – 29

15 Und als ich mich wandte und von dem Berge herabging, der im Feuer brannte, und die zwei Tafeln des Bundes in meinen beiden Händen hatte, 16 da sah ich, und siehe, da hattet ihr euch an dem HERRN, eurem Gott, versündigt und euch ein gegossenes Kalb gemacht und wart schnell von dem Wege abgewichen, den euch der HERR geboten hatte. 17 Da fasste ich beide Tafeln und warf sie aus meinen Händen und zerbrach sie vor euren Augen 18 und fiel nieder vor dem HERRN wie das erste Mal, vierzig Tage und vierzig Nächte, und aß kein Brot und trank kein Wasser um all eurer Sünde willen, die ihr getan hattet, als ihr solches Unrecht tatet vor dem HERRN, um ihn zu erzürnen.

             Mose, vom Berg herabgestiegen, muss sehen, was geschehen ist, ihr hattet euch an dem HERRN, eurem Gott versündigt, und zieht Konsequenzen. „Das Zerbrechen der Tafeln ist mehr als nur eine Affekthandlung. Mose (in seiner Funktion als Bundesmittler?) sieht den eben erst geschlossenen und als gebrochen an; damit sind die ihm ausgehändigten Tafeln bedeutungslos geworden.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 55) Es beginnt – wovon der Bericht in 2. Mose 32-33 nicht weiß, jedenfalls nicht erzählt – eine vierzigtätige Fastenzeit des Mose, vierzig Tage und vierzig Nächte. Ein Bußfasten um all eurer Sünde willen. Sollen wir als Leser verstehen, dass Mose diese Schuld des Volkes auf sich nimmt? Sollen wir uns an ihm ein Beispiel nehmen – statt mit Kritik und Urteilen auf Verfehlungen anderer zu antworten, in Beten und Fasten für sie einzustehen?

19 Denn ich fürchtete mich vor dem Zorn und Grimm, mit dem der HERR über euch erzürnt war, sodass er euch vertilgen wollte. Aber der HERR erhörte mich auch diesmal.

    Wird in 2. Mose 32 der Zorn des Mose hervorgehoben, der zu einer doch recht gewalttätigen „Säuerung“ im Volk führt, so ist es hier seine Furcht vor dem Zorn und Grimm des HERRN. Vor seinem Vernichtungswillen. Gott ist bereit, die Konsequenz aus dem gebrochenen Bund zu ziehen – er will sie vertilgen.  Dem tritt Mose in seiner nur indirekt angedeuteten Fürbitte entgegen, die doch erhört wird. Auch diesmal. Ein verhaltener Hinweis: es ist nicht das einzige und auch nicht das erste Mal, dass Mose aktiv werden muss als der Fürbitter Israels. Es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. „Ein ernüchternder Rückblick“ weiterlesen

Ihr seid nie die Guten gewesen

  1. Mose 9, 1 – 14

 

1 Höre, Israel, du wirst heute über den Jordan gehen, damit du hineinkommst, das Land der Völker einzunehmen, die größer und stärker sind als du, große Städte, ummauert bis an den Himmel, 2 ein großes, hochgewachsenes Volk, die Anakiter, die du kennst, von denen du auch hast sagen hören: Wer kann wider die Anakiter bestehen?

             Jetzt steht die Landnahme unmittelbar bevor: Heute ist der Tag des Übergangs über den Jordan. Unfassbar: Sie werden Völker besiegen, die größer und stärker sind, schier uneinnehmbar befestigte Städte wie Jericho einnehmen, die Anakiter überwältigen, die wie ein Riesenvolk aus der Urzeit unbesiegbar scheinen. Wer würde sich da wundern können, wenn Israel sich von Stund´ an für unwiderstehlich hält, seine Heere für unbesiegbar?

 3 So sollst du nun heute wissen, dass der HERR, dein Gott, vor dir hergeht, ein verzehrendes Feuer. Er wird sie vertilgen und wird sie demütigen vor dir, und du wirst sie vertreiben und bald vernichten, wie dir der HERR zugesagt hat. 4 Wenn nun der HERR, dein Gott, sie ausgestoßen hat vor dir her, so sprich nicht in deinem Herzen: Der HERR hat mich hereingeführt, dies Land einzunehmen, um meiner Gerechtigkeit willen –, da doch der HERR diese Völker vertreibt vor dir her um ihres gottlosen Treibens willen. 5 Denn du kommst nicht herein, ihr Land einzunehmen, um deiner Gerechtigkeit und deines aufrichtigen Herzens willen, sondern der HERR, dein Gott, vertreibt diese Völker um ihres gottlosen Treibens willen, damit er das Wort halte, das er geschworen hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob.

 Es ist Gott, der den  Weg ins Land frei macht. Es ist Gott, der diese Völker mutlos werden lässt vor dem armen Haufen Israel. Das aber droht nach dem erfolgreichen Weg ins Land: „das folgenschwere Missverständnis Israels, es könnte von diesem Eingreifen Jahwes auf sein eigenes Wohlverhalten zurückschließen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 52)Nach dem Motto: weil wir die Guten sind, hat Gott gar keine Wahl gehabt.

Dem stellt das Wort des Mose zwei andere Motive Gottes entgegen: einmal „die Verderbtheit der autochthonen Bevölkerung“. (G. v. Rad, ebda.) Das ist ein stetiges Urteil in Israel über die Heiden: sie sind nicht nur religiös, sie sind auch moralisch zweifelhafte Gestalten. Dass Gott ihnen das Land nimmt, ist so ein Stück „Gericht“ über ihre Unmoral. Und das andere Motiv: um meiner Gerechtigkeit willen. Darauf liegt der eigentliche Ton dieser Passage. Gott hält, was er den Vätern zugesagt hat. Das ist seine Gerechtigkeit – die Treue zu seinen Worten an die Väter. Mit anderen Worten: es liegt alles an Gott, nichts an einer vermeintlichen Qualität Israels. „Ihr seid nie die Guten gewesen“ weiterlesen

Gefahr: Undankbarkeit

  1. Mose 8, 1 – 20

1 Alle Gebote, die ich dir heute gebiete, sollt ihr halten, dass ihr danach tut, damit ihr lebt und zahlreich werdet und hineinkommt und das Land einnehmt, das der HERR euren Vätern zugeschworen hat.

             Das ganze Gebot. Alles halten und bewahren. Man kann das liturgische Wort nach der Schriftlesung im Gottesdienst hier vorgeformt hören: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ So pauschal, so offen wie dieses liturgische Stück klingt es auch hier: Der Weg in der Spur der Gebote ist ein Weg zum Leben. „Nicht mehr die Einzelheiten sind jetzt im Blickpunkt, sondern der gesamte Gotteswille.“(D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 105)Es ist ein großes Versprechen: aus diesem Weg der Gebote wird ein gutes Leben im Land erwachsen. Gute Zukunft.

Einmal mehr muss man vorsichtig umgehen mit dem, was wir im Deutschen sofort mitklingen hören: damit ihr lebt und zahlreich werdet und hineinkommt. Das klingt wie ein Finalsatz, wie ein Zweckbestimmung: die Gebote halten, damit dies und das herauskommt. So wird das Halten zum Hebel, zu einem Mittel, um erstrebte Ziele zu erreichen. So denkt der Text nicht! Sondern seine Aussage ist: Im Leben nach den Geboten werdet ihr das erfahren. Das wird sich auf diesem Weg des Gehorsams begeben.

  2 Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. 3 Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht. 4 Deine Kleider sind nicht zerrissen an dir, und deine Füße sind nicht geschwollen diese vierzig Jahre. 5 So erkennst du ja in deinem Herzen, dass der HERR, dein Gott, dich erzogen hat, wie ein Mann seinen Sohn erzieht. 6 So halte nun die Gebote des HERRN, deines Gottes, dass du in seinen Wegen wandelst und ihn fürchtest.

             Es ist eine seltsame Weise, zum Gehorsam zu motivieren, indem man an die vergangene Mühsal erinnert. Unter der Hand wird aus der Wüstenzeit eine Zeit der Einübung, „das Offenbarwerden einer weisen göttlichen Pädagogik, die einmal durch Mangel, ein andermal durch Segen das Volk zu einer reifen Erkenntnis erzog.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 51) Es ist lebenslanges Erfahrungslernen, das hier angemahnt wird: Ihr habt doch die Weise Gottes auf dem Weg kennengelernt – seine Weise zu bewahren, zu behüten, zu schützen bei Tag und Nacht. Seinen Willen zu versorgen. Aus diesen Erfahrungen soll Vertrauen erwachsen, das den Geboten Gottes als guter Wegweisung traut.  „Gefahr: Undankbarkeit“ weiterlesen

Überschüttet mit Segen

  1. Mose 7, 12 – 26

12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat, 13 und wird dich lieben und segnen und mehren, und er wird segnen die Frucht deines Leibes und den Ertrag deines Ackers, dein Getreide, Wein und Öl, und das Jungvieh deiner Kühe und deiner Schafe in dem Lande, das er dir geben wird, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Segen. Wie es einmal angefangen hat, so geht es weiter. Wenn Israel nur in der Spur dieses Weges bleibt. Einem Irrtum muss man entgegen treten, der sich mit dem wenn im Anfang des Segens verbindet. Das klingt so nach Bedingung: wenn – dann. „Es ist unmöglich, die Gebote des Deuteronomiums „als „Gesetz“ im theologischen Sinn des Wortes zu verstehen, als leite es Israel an, sich das Heil durch eine umfassende Gehorsamsleistung zu verdienen.“ (G. v. Rad. Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, München 1966, S. 243) Es geht hier nicht um Leistung und Verdienst oder Erdienen, es geht um die Antwort auf das Geschenk der Liebe. Die Rechte, der Bund, die Barmherzigkeit, der Segen – alles ist Ausfluss der Liebe. Und Israel antwortet auf diese Liebe und empfängt sie darin erst recht.

14 Gesegnet wirst du sein vor allen Völkern. Es wird niemand unter dir unfruchtbar sein, auch nicht eins deiner Tiere. 15 Der HERR wird von dir nehmen alle Krankheit und wird dir keine von all den bösen Seuchen der Ägypter auflegen, die du kennst, sondern wird sie allen deinen Hassern auflegen.

             Regelrecht überhäuft mit Segen wird das Volk, das auf den Wegen Gottes bleibt. Mensch, Tier, Acker, Arbeit – alles steht unter diesem Geschenk: Segen. „Er ist hier nicht etwas Geistliches, sondern etwas höchst Materielles.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 101)Sogar die Krankheit muss das Feld räumen. Und Seuchengefahr droht nur den Feinden, nicht aber Israel. Fast ist man versucht zu sagen: Israel wird zu einer Insel der Seligen inmitten einer Welt, in der Unglück und Gefahr normal sind. „Überschüttet mit Segen“ weiterlesen

Heilige Einseitigkeit

  1. Mose 7, 1 – 11

1 Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, 2 und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken.

  Sieben Völker im Land – alle größer und stärker als Israel – aber sie behalten keinen Raum. Die Geschichte der Landnahme Israels wird zur Vertreibungsgeschichte. Schlimmer noch: zur radikalen Ausrottungsgeschichte. Es ist für den Leser heute erschreckend: Du sollst an ihnen den Bann vollstrecken. Es wird auch durch die Erklärung nicht einfacher: „Mit diesen Völkern darf Israel in keinerlei Gemeinschaft treten; die sind vielmehr zu „bannen“. Die Bannung (erem) ist eine Art Weiheopfer, jedenfalls ein sakraler Vorgang, nämlich der Abschluss in der rituellen Begehung des heiligen Krieges, die Übereignung der gefangenen Feinde und Beute an Jahwe.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, s. 48) Für die Opfer macht das keinen Unterschied: sie sind tot, auch wenn sie in einem sakralen Vorgang getötet worden sind.

Es sind Texte wie dieser, die das Bild eines blutrünstigen Gottes nähren. Was fange ich als Leser*in heute mit solchen Worten an? So viel ist klar: Sie sind keine Handlungsanweisung an uns. Glücklicherweise ist diese Haltung nicht die Haltung aller Schriften des Alten Testamentes: „Diese militante Theologie, die sich gegen alles Kanaanäische wendet, durchzieht das ganze Deuteronomium und unterscheidet es aufs deutlichste von allen ähnlichen Sammelwerken.“ (G. v. Rad. Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, München 1966, S. 87) Also: Nur eine Stimme unter vielen, nicht die einzige. Damit ist das Gesagte zwar relativiert, aber nicht aus der Welt und auch nicht wirklich erklärt. Uns bleibt die Aufgabe, andere, nicht so militante und fremdvölkerverachtende Redeweisen zu entwickeln. Auch im Namen Gottes.    „Heilige Einseitigkeit“ weiterlesen

Mittel gegen das Vergessen

  1. Mose 6, 10 – 25

10 Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, von dem er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, 11 und Häuser voller Güter, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast –, und wenn du nun isst und satt wirst, 12 so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat,

             Die Erfüllung rückt näher. Israel wird das Land gewinnen, weil der HERR es hineinbringt. In das Land, dass er den Vätern geschworen hat, ihren Nachkommen zu geben. Es ist eine wichtige Erweiterung: Die Verheißungen an die Väter haben immer den Söhnen und Töchter gegolten. Sie sind nie nur Versprechen für den Augenblick mit Direkt-Erfüllung. Sie weisen immer auch über die Generation hinaus, die sie hören.

Was ist versprochen? Fruchtbares Land, Weinberge, ÖlbäumeHäuser voller Güter, Brunnen. Die Auflistung „der Immobilien gleicht einer katasterähnlichen Aufzählung.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 46) Es ist nicht Wüste, die erst urbar gemacht werden muss. Es ist alles vorbereitet. Das Volk wird an Voraussetzungen anknüpfen können, die es nicht selbst geschaffen hat.

Mich erinnert das an die berühmte Definition der Grundlagen der Bundesrepublik: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“(E. W. Böckenforde, Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60) Wir leben immer auf den Schultern anderer. „Mittel gegen das Vergessen“ weiterlesen

Höre, Israel!

  1. Mose 6, 1 – 9

1 Dies sind die Gesetze und Gebote und Rechte, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, dass ihr sie tun sollt in dem Lande, in das ihr zieht, es einzunehmen, 2 damit du dein Leben lang den HERRN, deinen Gott, fürchtest und alle seine Rechte und Gebote hältst, die ich dir gebiete, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, auf dass du lange lebest. 3 Israel, du sollst es hören und festhalten, dass du es tust, auf dass dir’s wohlgehe und du groß an Zahl werdest, wie der HERR, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat, in dem Lande, darin Milch und Honig fließt.

             Es bleibt bei den alten Worten, den Gesetzen und Geboten und Rechten, die der HERR, euer Gott, geboten hat. Alles, was Mose jetzt dem Volk sagen wird, ist „nur“ eine Wiederholung. Auch diese Wiederholung ist verknüpft mit der Verheißung: Wenn sie als Volk danach leben, wird es gut werden mit Israel, in dem Land, das sie vor Augen haben, dem Lande, darin Milch und Honig fließt. Es ist nicht der Reichtum des Landes, der es gut werden lassen wird. Es ist die Treue zu den Wegen Gottes. Israels Wohlergehen hängt an seiner Treue zu den Weisungen Gottes.

Die Gute-Nachricht-Bibel übersetzt: Ihr sollt sie euch einprägen, damit ihr danach handelt. Das ist ein Weg von außen nach innen und dann wieder von innen nach außen. Das Gebot lernen,  ist schlicht: hören, hören, wieder hören. Es sich einprägen. So einprägen, dass es zur inneren Stimme des Gewissens wird, dort verankert, wo die Lebensentscheidungen fallen. Im Herz, im Verstand,, auch im Gemüt. Auch die Emotionen erhalten ja Leitplanken durch das Gebot, das sich mir eingeprägt hat.

Wenn das Gebot sich tief eingeprägt hat, kann es auch beginnen, Tun zu lenken, Verhalten zu steuern. Die Gebote wollen und sollen mehr sein als Anleitung zur Gewissenserforschung, täglich zu üben. Sie wollen und sollen Tun leiten. Vor manchen Schritten bewahren, zu anderen ermutigen. Sie rufen zur Liebe zu Gott und den Menschen. Geradezu unerbittlich drängt alles Lehren und Lernen der Gebote auf Lebenspraxis. Darauf, dass sie Hand und Fuß gewinnen.

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

          Schʼʽ Jisraʼél. Noch einmal, zum wiederholten Mal und diesmal besonders eindringlich: Höre, Israel. „Das „Höre Israel“ ist offensichtlich eine stereotype Formel. Da sich um dieses Umstandes willen die Annahme, der Ruf sei nur eine literarische Prägung, kaum empfiehlt, so muss man nach seinem Sitz im Leben fragen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 45) Es liegt nahe, hier einen Ruf aus der gottesdienstlichen Feier zu vermuten. Ein Aufmerksamkeitsruf, weil es darum geht, sich der Grundlagen, der Fundamente der eigenen Existenz zu vergewissern.

Es gibt eine Auslegung, erst mündlich, dann schriftlich überliefert (midrásch hagadόl V, 126) die diese Worte des Bekenntnisses – der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer – den Söhnen Jakobs im Gespräch mit ihrem Vater Israel in den Mund legt. Die Folgerung daraus: „So wichtig ist dieses Bekenntnis, das es  – meint der Midrasch –  älter sein muss als Mose. Es fällt in die Zeit der „zwölf“ Jakobssöhne, der Begründer der zwölf Stämme, also in die Anfänge der israelitischen Stammesgeschichte.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4, Stuttgart 1989, s. 121)

Man kann, so lerne ich, unterschiedlich übersetzen: „Jahwe ist unser Gott, allein.“ Oder auch: „Jahwe, unser Gott ist ein Jahwe.“ Oder auch: „Jahwe, unser Gott, ist ein einziger Jahwe.“ Oder: „Der Herr unser Gott, der Herr ist einzig.“  Das ist kein müßiger Streit um Übersetzungs-Varianten. Die eine Übersetzung betont die  Einheit Gottes – er ist einer und nicht viele. Wenn man sich überlegt, dass ganz unterschiedliche Stämme mit unterschiedlichen Vorstellungen, auch von Gott, auch von Jahwe,  zusammengefunden haben, dann hat das tiefen Sinn: bei aller Vielfalt der Vorstellungen – wir haben es mit dem Einem zu tun, der in sich Einer ist. „In Gott gibt es keinen Dualismus.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 124) Wir können uns darauf verlassen, dass er in sich eins ist, einig mit sich selbst. „Höre, Israel!“ weiterlesen

Mittler erwünscht

  1. Mose 5, 23 – 33

23 Als ihr aber die Stimme aus der Finsternis hörtet und der Berg im Feuer brannte, tratet ihr zu mir, alle eure Stammeshäupter und eure Ältesten, 24 und spracht: Siehe, der HERR, unser Gott, hat uns sehen lassen seine Herrlichkeit und seine Majestät, und wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört.

             Die Bestätigung aus dem Mund des Volkes: Es ist Gott, der sich uns zugewendet hat. Wir haben verstanden. Dabei ist ein Widerspruch unauflöslich: wir haben gesehen – aber der Text zuvor hebt eindringlich darauf ab: „ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.“(4,15)Da war in der Offenbarung Gottes nichts zu sehen als Feuer, Wolke und Dunkel und doch ist es eindeutig: er hat gesprochen. Wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört. Dieses Hören reicht. So überwältigend groß ist der Eindruck des Geschehens. Deshalb treten sie zu Mose und man ahnt es schon, mit einer Bitte.

Heute haben wir zwar gesehen, dass Gott mit Menschen redet und sie am Leben bleiben. 25 Aber nun, warum sollen wir sterben? Dies große Feuer wird uns noch verzehren! Wenn wir des HERRN, unseres Gottes, Stimme weiter hören, so müssen wir sterben. 26 Kann denn Sterbliches die Stimme des lebendigen Gottes aus dem Feuer reden hören wie wir und doch am Leben bleiben? 27 Tritt du hinzu und höre alles, was der HERR, unser Gott, sagt, und sage es uns. Alles, was der HERR, unser Gott, mit dir reden wird, das wollen wir hören und tun.

             Das Volk ahnt oder scheint doch zu ahnen: Es ist ein Glücksfall, auf dessen Wiederholung man nicht rechnen darf. „Der Augenblick des Redens Gottes wird als eine große Verschonung erfahren; die Angst bleibt, ob diese Verschonung bei weiteren Reden Gottes anhalten wird.“ (D. Schneider, Das fünfte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1982, S. 85) Dahinter wird eine Einsicht erkennbar: wir halten Gott nicht aus. Zwischen den Menschen und Gott, auch zwischen dem Volk Gottes und Gott steht die Erfahrung eines unendlichen Abstands. Darum kommt das Volk auf die Idee, dass es um Mose als Mittler bittet. Dass es ihm eine Empfänger-Rolle zuschreibt, unmittelbares Hören. Sie selbst wollen sich damit zufrieden geben, dass „die Direktheit der Jahweoffenbarung zugunsten einer von Mose vermittelten Botschaft modifiziert“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968 S. 43) wird. Dahinter wird die Erfahrung der späteren Zeit stehen: Es sind die Nachfolger des Mose, die Priester, die seine Worte – die des Gottes Israels und die des Mose – bewahren und weitergeben. „Mittler erwünscht“ weiterlesen

Zehn gute Worte

  1. Mose 5, 1 – 22

 1 Und Mose rief ganz Israel zusammen und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede, und lernt sie und bewahrt sie, dass ihr danach tut!

             Das ist der Auftakt: Wieder Höre, Israel. Schʼʽ Jisraʼél Mose wendet sich an ganz Israel. Nicht nur an das übrig gebliebene Südreich Juda, auch nicht nur an das in 732 untergegangene Nordreich Israel. Ganz Israel. Der Träger aller Verheißungen, der Adressaten aller Zusagen Gottes ist immer ganz Israel. Nie nur der einzelne Israelit oder ein kleiner Haufen von Israeliten. Sie alle miteinander sind gerufen zum Leben aus dem Gebot, zum hören – lernen – halten – tun.

 2 Der HERR, unser Gott, hat einen Bund mit uns geschlossen am Horeb. 3 Nicht mit unsern Vätern hat der HERR diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier sind und alle leben. 4 Er hat von Angesicht zu Angesicht mit euch aus dem Feuer auf dem Berge geredet.

             Merkwürdig: Sie stehen doch jetzt nicht am Horeb! Aber die Behauptung der Rede ist: der Bundesschluss vom Horeb ist jetzt, geschieht jetzt mit ihnen, die sie heute hier sind. Und alles, was von der ersten Begegnung am Horeb erzählt wird, wird im Erzählen Gegenwart heute. Selbst „wenn der inzwischen erfolgte Tod der Sinaigeneration außerhalb des Blickwinkels des Sprechers liegen sollte, ist seine Absicht deutlich genug: er will das in Wirklichkeit schon der Vergangenheit angehörende Ereignis des Bundesschlusses seiner Gegenwart aktuell machen.“ (G. v. Rad, Das fünfte Buch Mose, ATD 8, Göttingen 1968, S. 40) Oder anders gesagt: In seinen Worten wird gegenwärtige Wirklichkeit, was früher schon war. Weil Gott sich seiner Worte annimmt und sie zu seinen Worten macht. Das ist nicht Aktualisierung der Worte vom Sinai. Das ist vielmehr: sie ergehen jetzt neu und so wird der Ort jetzt zum „neuen Sinai.“ Das Gebot ergeht neu.

Man könnte vielleicht auch sagen: Da ist kein Unterschied der Zeiten mehr, weil Gott gegenwärtig ist. Gegenwärtig in der Wiederholung seines Gebotes durch den Mund des Mose.      „Zehn gute Worte“ weiterlesen