Zugänglich – anschaulich: Gott in Jesus

Johannes 1, 14 – 18

14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Jahr für Jahr steht dieses Wort über Weihnachten. Ich taste an ihm herum, seit vielen Jahren. „Er ist Mensch geworden. Er ist Fleisch geworden; ich sage  ein Drittes: Er ist Sünde geworden.“ (H. Bezzel, 1903, zit. nach M. Seitz, Hermann Bezzel, München 960, S. 140) So unfassbar weit geht Bezzel. „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“(2. Korinther 5,21)  Trägt Bezzel mit seinem Wort hier Paulus in das Evangelium des Johannes hinein? Oder sind sich Paulus und Johannes an dieser Stelle ganz nah? Höre ich das, in dieser Tiefe? „Einer wie wir“, sage ich gerne. Das stimmt. Er wird Fleisch, wird einer wie wir. Und bleibt doch ganz anders.

Es fängt ja schon da an: Das Wort wohnte unter uns. So übersetzt Luther. „Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns.“(Neue Genfer Übersetzung) Da steht im Griechischen εσκήνωσεν. Wörtlich übersetzt: Er schlug sein Zelt auf, zeltete bei uns. Das zeigt Leichtigkeit an, signalisiert Zugänglichkeit. Das gleiche Wort kommt in der Offenbarung vor: „Siehe da, die Hütte Gottes (σκήνη) bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen (σκηνώσει), und sie werden seine Völkewr sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenbarung 21,3) Gott, der bei seinen Leuten zeltet in seinem Zelt. So nahe, so zugänglich.

Ob das nicht auch die Herrlichkeit ist, die sie sahen – die, in deren Namen Johannes das Wort nimmt? Die Zeugen. Das macht seine Herrlichkeit aus, dass er der eingeborene Sohn ist, dass er die gestaltgewordene Gnade ist, die Wahrheit, die dem Leben dient und das Leben hält, die Zugänglichkeit Gottes. Eine Herrlichkeit, die ihn nicht entrückt, sondern die Nähe stiftet. Eine Herrlichkeit, die man nicht mit den Erfolgsgeschichten verwechseln darf, wie sie eine weltliche Existenz schreibt. Diese Herrlichkeit wird den Weg zum Kreuz mit einschließen. Mehr noch: sie wird gerade da aufleuchten.

„Normal“ ist es anders. Menschen halten die Herrlichkeit Gottes (Hebräisch: kabōd) nicht aus. Sie müssen vergehen. Hier aber, in und an dem menschgewordenen Gott, können wir sie sehen und aushalten und sie lässt uns leben. Diese Herrlichkeit, diese δόξα sehen, führt zum Lob, zur Anbetung, in die Doxologie. Das ist die Wahrheit in diesem so starken Anfang des Evangeliums. Die gleiche Wahrheit lässt Lukas in seinem Anfang des Evangeliums Lied an Lied reihen.

15 Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.

Jetzt folgt auf den Hymnus das Zeugnis. Wieder hat der Täufer Johannes das Wort. Er weist auf ihn, auf Jesus hin. Dieser Satz des Johannes ist nahe bei dem, was auch die andere Evangelisten sagen. Es ist die Rolle des Johannes, auf den hinzuweisen, der nach ihm kommt.  Er war eher als ich. Das ist mehr als zeitlicher Vorsprung. Es ist sachlicher Vorsprung, überzeitlicher Vorsprung. Es ist, so lese ich, ein Rückverweis auf die ersten Worte des Hymnus, Zeugnis der Präexistenz, die so recht eigentlich doch keiner bezeugen kann. Denn das haben wir ja nicht gesehen. Sie damals nicht und wir heute nicht. Es ist der Versuch, sich heran zu tasten an das Geheimnis Jesu.

16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.

           Und noch einmal ein Wort, über dem das Staunen liegt. Kein Wort des Täufers jetzt. Sondern eines des Evangelisten und seiner Gefährten. Eines, in das die glaubende Gemeinde einstimmt. Der so leicht bei uns zeltet, hat uns Anteil gegeben an seinem Leben. An seiner Fülle. πληρματος steht da.  Davon wird das Evangelium erzählen – von dieser Anteilgabe. Im Wein von Kana. Im Brot auf dem Feld. In den geöffneten Augen. In der Bewahrung vor den Steinen. In dem Ruf aus dem Grab. Lebensfülle aus der Hand dessen, der das Leben ist. Wir bekommen es in Jesus mit einem großzügigen und freigiebigen Gott zu tun, der gerne gibt.

17 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Es folgt eine Gegenüberstellung.  Der Satz „klingt wie ein Lehrsatz paulinischen Inhalts und wird darum aus stilistischen Gründen oft als späterer Zusatz beurteilt.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 35)  Oft genug hat man daraus eine Abwertung des Gesetzes gemacht. Aber es geht nicht um Abwertung. Es geht um verschiedene Gaben, jede für sich aber ein Geschenk. Die Gabe, die Mose empfängt – „Und als der HERR mit Mose zu Ende geredet hatte auf dem Berge Sinai, gab er ihm die beiden Tafeln des Gesetzes; die waren aus Stein und beschrieben von dem Finger Gottes.“(2. Mose 31,18) – und dem Volk gibt, ist das Gesetz, Gebot, Gottes Weisung. Das müssen wir als Christen wohl neu lernen: Das Gebot ist Gabe Gottes für sein Volk. Es hat seine eigene Schönheit und Würde.

Der Satz markiert, so lese ich, eine neue Zeit: die Zeit der Gnade und Wahrheit, die in Jesus aufleuchtet. Die er in Person ist. Neben das Gebot, nicht an die Stelle des Gebotes treten die Gnade und die Wahrheit. Als eine normative Auslegung des Gebotes. Denn nur dann ist es wirklich verstanden, ergriffen, verinnerlicht, wenn wir in ihm beides sehen: Forderung und Zuspruch. Geschenk und Aufgabe. Gnade und Wahrheit. Vielleicht könnte man sogar so weit gehen zu sagen: Jesus in seiner Person ist die Auslegung des Gebotes als Gnade und Wahrheit.

18 Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.

Und dann dieser Satz, von dem mancher sagen würde: So reden doch nur Ungläubige. Niemand hat Gott je gesehen. Es ist biblische Grundüberzeugung, dass wir es nicht aushalten könnten, Gott unverhüllt zu sehen. So antwortet der HERR auf die Bitte Mose’s, ihn seine Herrlichkeit sehen zu lassen: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2. Mose 33,20) Das Alte Testament erzählt davon, dass Gott den Abraham besucht in Gestalt der drei Männer, mit Mose redet wie mit einem Freund, Jesaja im Tempel den Schemel seiner Füße erschaut. Aber ihn selbst? Niemand – sagt Johannes und „bestreitet, dass Gott für den Menschendirekt zugänglich ist.“. (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 54) 

Aber dann kommt Jesus. Gott – verhüllt in das Fleisch. Mensch. Anschaulich geworden.  Geschenk Gottes an die Welt. Gestalt gewordene Gnade und Wahrheit. Du, dem gegenüber wir zum Ich werden dürfen. Zeichen der Liebe, die sich schenkt bis zum Äußersten. Gott in der Welt. Die Gottesferne der Welt wird durch ihn überwunden. Gott ist nah. Gott ist da. Weil er in die Welt gekommen ist, ein Mensch wie wir und doch Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, darum können wir nie genug staunen und singen.

 Er kommt aus seines Vaters Schoß                                           und wird ein Kindlein klein,
er liegt dort elend, nackt                                                               und bloß in einem Krippelein.                                                                N. Hermann 1560   EG 27

 

Herr Jesus, immer wieder staune ich über das Wort, das von Dir zeugt, über das Evangelium, über den Glauben, der mir da entgegen tritt, über die Liebe, die uns sucht, über Dich.

Und je länger ich lebe, Dir nachspüre, umso mehr staune ich, begreife, dass ich über alles Begreifen hinaus gehalten bin, hinein gerufen in das Licht, in die Fülle, in die Gnade, die Du bist und schenkst. Amen